...und auch sonst haben Popstars jede Menge merkwürdiger Sonderwünsche. Markus Kavka spricht im Tagesspiegel-Interview über sein Treffen mit Madonna und die betrunkene Amy Winehouse.
Herr Kavka, werden Sie sich die European Music Awards ansehen?
Klar. Ich bin da sogar beschäftigt, ich werde auf der Außenbühne den Auftritt von U2 ansagen.
Sie haben doch vor einem Jahr Ihren Job bei MTV verloren.
Die Festanstellung als Produzent habe ich verloren, ich bin jetzt freier Mitarbeiter und gehe einmal pro Woche in das Studio, um die Sendung „Brandneu“ zu moderieren.
Als bekannt wurde, dass die Show in Berlin stattfindet, rissen sich im Sender sicher alle darum, die Gästebetreuung zu übernehmen – das sogenannte Talent Escort?
Es fand ein regelrechter Run auf die Plätze statt. Es hängen Listen aus, auf denen kann man sich eintragen, auch Praktikanten. Es reicht ja, ein umgänglicher Charakter zu sein und gut Englisch zu sprechen. Die Frauen reißen sich um Typen wie Justin Timberlake oder Robbie Williams… Ich schätze, der Talent Escort von Amy Winehouse wird seinen Job nie wieder machen wollen.
Auf den EMAs in München 2007 war Amy Winehouse zwar körperlich anwesend…
…sonst war sie wirklich in keiner guten Verfassung. Ich stand mit Pete Dohertys Band Babyshambles am Roten Teppich, Amy Winehouse ging vorbei, einer der Musiker rief zu ihr hinüber „Hey, wie geht’s?“ – und sie fragte nur: „Wer bist Du?“ Und die beiden kannten sich seit langem. Da kann ein Talent Escort natürlich überfordert sein.
Wer ist noch so ein schwieriger Fall?
Wenn man Missy Elliott betreut, hat man eine Entourage von mindestens 20 Leuten im Schlepptau. Eine Handvoll Tänzer, ein paar Rapper, ein DJ, ein Masseur, ein Koch, vielleicht ein Personal Trainer, die Manager und die Freunde des Managements. Im Laufe des Abends platzt die Garderobe aus allen Nähten, man sieht die Hand vor Augen nicht, weil gekifft wird, dass die Schwarte kracht.
Es kursieren wilde Gerüchte über Sonderwünsche der Stars. Wie lang sind solche Listen?
Bei kleineren Künstlern eine Seite. Da steht nichts Weltbewegendes drauf – 20 Dosen Red Bull, eine Flasche Champagner, Süßigkeiten und so weiter. Manchmal gönnen sich Künstler den Spaß und wollen schauen, wie weit sie gehen können. Einer verlangte mal Gummibärchen, aber nur die weißen und grünen. Das machen wir nicht. Der Rapper Busta Rhymes wollte 100 Kondome in der Garderobe, der alte Angeber schien also noch einiges vorzuhaben. Justin Timberlake forderte eine Playstation mit bestimmten Spielen, das gab ihm das Gefühl, zu Hause zu sein. Und die Hip-Hopper wollen gerne mal den allerteuersten Champagner.
Und das ist?
Roederer Cristal, eine besondere Auslese, die kostet 400 Euro. Den muss man dann schon besorgen.
Wo wird mehr getrunken – auf der amerikanischen oder auf der europäischen Preisverleihung?
Auf der europäischen. In New York läuft das backstage sehr gesittet ab. Pink war einmal betrunken, das war’s. Wenn ich mir dagegen ansehe, was in Europa vor den Auftritten geschluckt wird…, doch, da geht schon einiges weg.
Und der Talent Escort soll aufpassen, dass sich die Stars nicht betrinken.
Die Aufgabe besteht darin zu gewährleisten, dass die Stars zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Und das heißt: Dass die Stars über den Teppich laufen, zum Auftritt pünktlich erscheinen und nach dem Auftritt Interviews im Presse-Zelt geben. Wie sie das schaffen, ist völlig egal! Ich habe nie gehört, dass ein Betreuer sich nach Art von Flugbegleiterinnen getraut hätte zu sagen: Sie haben genug. Es wäre auch fatal, den Herrschaften Alkohol vorzuenthalten. Die würden sonst nicht auftreten.
Oder sie können nicht, weil sie besoffen sind.
Amy Winehouse wurde tatsächlich von Manager, Redakteur und Talent Escort mit vereinten Kräften auf die Bühne gezerrt. Sie war dann mehr schlecht als recht, sang die ganze Zeit nur „Mmmmmmmmm“. Aber sie stand auf der Bühne!
MTV hat sich von vielen redaktionellen Musikformaten getrennt. Im vergangenen Herbst wurde Ihre Show abgesetzt, die „MTV News“. Sie konnten sich nicht einmal von den Zuschauern verabschieden. Was passierte damals?
Das war eine Entscheidung Knall auf Fall. Ich erhielt an einem Freitag die Mitteilung, dass die Sendung eingestellt wird. Am Montag durfte ich wegen der Nachrichtensperre nichts sagen, am Dienstag moderierte meine Kollegin Nina Eichinger, am Mittwoch gab’s schon keine Sendung mehr.
Sie fühlten sich nicht erniedrigt?
Ich neige nicht zu Sentimentalitäten. Die Situation war einfach schräg, weil ich auch den Kollegen nichts sagen durfte. Ich habe wie in Trance gearbeitet. Und ich konnte niemanden persönlich für das Aus verantwortlich machen. Gerade bei MTV verliert sich so eine Entscheidung in den Unweiten des amerikanischen Mutterkonzerns. Und „finanzielle Gründe“ sind dann ja meistens auch ein Totschlagargument.
Sehen Sie sich als Opfer der Wirtschaftskrise?>
Nein, wir waren Opfer der andauernden Krise der Musikindustrie. Sie hatte natürlich enorme Auswirkungen auf den Haushalt von MTV.
Die Absetzung hat Ihre Lebenssituation verändert. Hat die Bank gleich Ihren Dispo gekürzt?
Nein, der war immer schon lausig. Trotzdem, ich hatte Angst vor wirtschaftlichen Problemen. Zum Glück konnte ich nahtlos im ZDF moderieren sowie eine neue Sendung für Kabel Eins produzieren. Sonst hätten die Optionen düster ausgesehen: im März eine Anfrage für das „Promi Dinner“, im September für das „Dschungel Camp“ – und ich hätte mir überlegen müssen, das aus finanziellen Gründen anzunehmen.
Ex-Kolleginnen wie Sarah Kuttner und Charlotte Roche haben mit Romanen Furore gemacht.
Ich schreibe tatsächlich gerade an einem Buch, es soll nächsten Herbst erscheinen. Dabei greife ich auf meinen biografischen Fundus zurück. Es wird aber keine Generalabrechnung mit dem Musikfernsehen. Ich schreibe über einen Menschen, der nach einer einschneidenden Erfahrung wieder dorthin zurückkehrt, wo er aufgewachsen ist.
Nehmen Sie sich eine Auszeit für das Schreiben und gehen in Klausur?
Ich brauche Remmidemmi um mich herum. Tatsächlich kann ich am besten in meinem Büro schreiben, in dem auch noch zwei andere Kollegen arbeiten. Bei totaler Stille fällt mir nur Quatsch ein.
Sie machen dann alles, nur nicht arbeiten?
Neulich bin ich in den Keller gegangen und habe fünf blaue Ikea-Tüten voller Klamotten durchgesehen, um zu schauen, ob sich doch noch etwas findet, was ich anziehen kann.<
Und?
Einen schwarzen Pullover. Der Rest waren hauptsächlich T-Shirts mit Logos drauf. Oder ich räume meine iTunes-Bibliothek auf, weil ich nicht mehr alle Lieder auf dem iPod haben möchte.
Welche Lieder sind rausgefallen?
Fast alles von Coldplay. Die Band hat an Nerv-Potenzial deutlich zugelegt. Ich hatte sämtliche Alben von The Cure auf dem iPod. Es reicht, einige Songs zu haben. Die einzige Band, die mich musikalisch kaum enttäuscht, ist Depeche Mode.
Haben Sie die Band mal interviewt?
Mehrere Male. Ich glaube, ich hatte das Glück, fast alle Musiker treffen zu dürfen, die auf meiner Wunschliste standen.
Mit welchem toten Künstler hätten Sie gerne gesprochen?
Johnny Cash in der Spätphase – und Michael Jackson. Mich hätte interessiert, ob man ihn auf einer menschlichen Ebene knacken kann. Bei all seinen Interviews dachte man doch, der ist gar nicht richtig anwesend.
Sie haben drei Mal Madonna interviewt. Die dürfte schwierig sein.
Sie bringt ihr eigenes Personal mit, das das Licht einstellt. Es darf weder zu kalt noch zu heiß sein, es dürfen sich nicht viele Personen im Raum aufhalten. Man baut eine Stunde das Set auf, Madonna kommt herein, scannt die Situation und setzt sich dann auf den Stuhl gegenüber. Bei ihr habe ich das Gefühl, vor mir sitzt eine reflektierte Person. Sie hat viel Ahnung von Musik. Ich war beeindruckt von ihrem Auftreten. Auch weil im Vorfeld die Managerin Liz Rosenberg so ein wahnsinniges Heckmeck veranstaltet hat. Sie kontrolliert, welche Blumen in der Vase stehen, wo die Vase steht, wieselt in der Stunde des Aufbaus herum und weist jeden an, was er wie besser zu machen hat.
Wie schätzen Sie generell das Verhältnis von Künstler und Manager ein?
Manager sind dafür da, ihren Künstlern Ungemach zu ersparen. Auch mit Peter Mensch, dem Manager von Metallica, ist nicht gut Kirschen essen. Man darf nie vergessen: Die betreuen nicht nur Künstler, sondern einen mittelgroßen Konzern. Und die Aufgabe besteht natürlich auch darin, die Bilanz zu verbessern.
Mussten Sie bei Madonna die Fragen vorher einreichen?
Nein, das passierte tatsächlich überhaupt nur einmal. Das war in diesem Jahr, ich interviewte Jon Bon Jovi. Das Management wollte den Fragenkatalog sehen – und hat alle Fragen herausgestrichen, die Vergangenheit, Privates oder Aussehen – also Klamotten und Haare – betrafen. Im Gespräch selbst hat Bon Jovi problemlos darüber geplaudert.
Nach 20 Jahren Musikgeschäft: Mit welchen Aspekten der Jugendkultur können Sie nichts anfangen?
Musikalisch kann ich alle Sachen verstehen. Aber ich habe mir keinen Klingelton heruntergeladen. Ich besitze auch keine Playstation oder nutze Instant-Messenger auf meinem Computer.
Sie haben ein Konto bei Facebook.
Ich habe die Chat-Funktion aber abgestellt. Meine Seiten auf Facebook, Twitter und Myspace betreue ich selbst. Alle drei Plattformen nutze ich beruflich. Das ist ein Marketinginstrument, um meine DJ-Daten, Lesungen oder die neuen Folgen meiner Internet-Show „Kavka vs. The Web“ anzukündigen. Die sehen sich dann mindestens 35 000 Menschen an, einzelne Folgen hatten 70 000 Zuschauer. Es ist ein neues Medium, für das ich aber erst einmal die Umgangsformen lernen musste.
Können Sie uns ein Beispiel geben?
Die Reaktionen sind viel unmittelbarer. Ich habe auch schnell bemerkt, dass im Netz eine Verschiebung stattgefunden hat – weg von konstruktiven Beiträgen, hin zur Polemik. Wenn man es positiv formulieren möchte: Die Netzgemeinde ist über alle Maßen kritisch. Ich habe längst aufgehört, mich zu googeln. In meinem Wikipedia-Eintrag stand mal „Markus Kavka lebt mit seinem Lebensgefährten Stefan in Berlin“. Über Umwege kam das zu meiner Freundin, so hörte ich davon.
Sie haben den Eintrag geändert?
Ich war so frei, die Passage zu streichen. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Deshalb habe ich mir angewöhnt, nichts über mich im Netz zu lesen. Sonst drehe ich irgendwann durch.
Sie wuchsen in Ingolstadt auf. Wie sah Jugendkultur Mitte der 80er Jahre dort aus?
Ich war Gothic, damals das kleinste Grüppchen. Wenn man beide Augen zudrückte, waren wir sieben. Zwei waren nicht ganz konsequent, die haben sich die Haare an der Seite nicht abrasiert, sondern nur hochgeföhnt. Dann gab es Glatzen, die mit den Psychobillys abhingen. Das waren die schlagkräftigen Jungs. Die Skins und Psychobillys klatschten die Grufties, die niemandem etwas getan haben. Die Rocker verdroschen die Popper, Punks, Ökos und Grufties. Und die Punks griffen die Popper an.
Haben Sie Schläge einstecken müssen?
Oft. Als wir zu unseren Szene-Diskotheken nach Schwabach und Nürnberg fuhren, warteten die Glatzen vor dem Laden, bis der Abend vorüber war und veranstalteten fröhliche Treibjagden auf uns. Da musste man sich etwas einfallen lassen. Eine Zeit lang konnten wir die Tiefgarage unter der Diskothek „Wave“ nutzen. Eigentlich war sie geschlossen, aber wir haben zwei Mieter aus dem Haus überzeugt, ein ganz normales Ehepaar in den Fünfzigern, dass sie uns hineinlassen und wieder hinaus.
Journalisten sollten nicht mit denen befreundet sein, über die sie berichten. Einverstanden?
Finde ich nicht. Ich habe aber nur die Nummern von Brian Molko oder Thees Uhlmann im Handy. Man muss nur den Mut haben, auch mal kritisch zu sagen: Du, deine Platte ist nicht so gut geworden.
Und das haben Sie getan?
Im Fall von Molkos Band Placebo vor der Kamera.
Die EMA-Show findet in der O2 World statt. Sie leben in Kreuzberg, dort ist dieser Veranstaltungsort sehr umstritten.
Ich war in den letzten Jahren Stammgast der Bar 25, viele meiner Freunde sind Anhänger der Hedonistischen Internationale. Diese Bewegung hat zum Beispiel die Boot-Blockade organisiert, als Investoren das Ufergelände für Mediaspree ansehen wollten. Ich denke wirklich, im Zuge von Mediaspree wird ein wichtiger Teil der Berliner Stadtkultur zerstört. Ich lebe da in einem großen Zwiespalt. MTV und Universal Music haben als Erste ihre Zentralen dorthin verlegt und damit die Grundlage für Mediaspree gebildet.
Ihr Vorschlag wäre: Mediaspree versenken – außer MTV?
Da ist was dran. Ich arbeite am Osthafen und verbringe meine Freizeit in all den kulturellen Einrichtungen, die von Schließung bedroht sind. Ich weiß, man kann nicht Zehn-Jahres-Garantien für jeden Bretterverschlag-Club geben, aber man muss sich fragen, ob die Verdrängungsmechanismen dem Mythos Berlin nicht schaden. Die geplanten Bürogebäude sind doch nicht ansatzweise vermietet.
Können Sie sich denn ein Leben ohne MTV oder Musikfernsehen vorstellen?
Ja, im Prinzip ist das bereits im Gange.
Sie werden zu alt für das Zielpublikum.
Ich war schon immer zu alt für MTV. Als ich hier anfing, war ich 33. Mich hat man bestimmt nicht engagiert, weil ich so ein süßer Boy bin.
Madonna meinte, Sie sehen aus wie Brad Pitt.
Das haben ihr ihre schwulen Stylisten gesteckt. Sie meinte dann „Ja, da ist was dran...“. Natürlich ist das schöner als zu hören, ich würde wie Horst Tappert aussehen.
Markus Kavka startet bei kabel eins das Musikformat "NUMBER ONE!" (ab 28.10., immer mittwochs, gegen 22.15 Uhr)
"kabel eins rockt!" - Sagt kabel eins. Um dieser coolen Ansage Nachdruck zu verleihen, wird es ab 28. Oktober immer mittwochs laut im Programm des Münchner Privatsenders. Herzstück des neuen Programms ist, eingebettet zwischen einem Primetimespielfilm und einer nächtlichen Musik-Doku, die Sendung "NUMBER ONE!", in der MTV-Urgestein Markus Kavka (42) auf die Größen aus Rock und Pop trifft. Zum Start der Show, die sich als Mix aus Interview, Reportage und Livemitschnitt versteht, traf er auf keinen Geringeren als U2-Frontmann Bono. Weiter gehts mit Bon Jovi und Top-Stars wie Phil Collins, Metallica oder Depeche Mode. Großes Kino also für echte Musikfans, zu denen sich der jung gebliebene Musikexperte definitiv auch selbst zählt.
teleschau: Schon mal auf einer Ü-30-Party gewesen, Herr Kavka?
Markus Kavka: Ey. Vorsicht! (lacht)
teleschau: So schlimm?
Kavka: Da möchte ich nicht tot überm Zaun hängen. Es gibt echt nichts Furchtbareres als diese permanent Rückwärtsgewandten, die immer nur den alten Scheiß hören.
teleschau: Wir reden über die Musik der 80er-Jahre ...
Kavka: Ja, ja. Ich höre meine Platten aus den 80-ern noch unheimlich gerne, großartige Musik. Aber wenn man hängenbleibt und sich freut, dass man den gleichen alten Song auf so einer Party zum 8.000. Mal hört, ist das todtraurig. Es gibt so viele geile neue Sachen zu entdecken!
teleschau: Sie fühlen sich mit Ihren 42 Jahren noch nicht langsam als Altrocker?
Kavka: Naja, ich dachte vor meinem Vierzigsten schon, dass das jetzt irgendwie problematisch werden könnte, und verließ Deutschland sicherheitshalber: Mit meiner Freundin flog ich übers Geburtstagswochenende nach Mallorca, das Handy blieb daheim, um sämtlichen Kondolierungen zu entgehen. Danach merkte ich aber, dass sich gar nichts geändert hat.
teleschau: Also kein Problem mit dem Älterwerden?
Kavka: Wie mans nimmt. Ich erinnere mich schon häufiger daran, was ich damals als Teenager von Menschen in dem Alter hielt. Damals war es vollkommen ausgeschlossen, dass man mit Leuten über 30 überhaupt nur redet. Und Über-40-Jährige ... Hey, die waren wirklich das totale No-go. Voll die Opas.
teleschau: Sehen Sie das Ganze nun anders?
Kavka: Heutzutage wird, glaube ich, wirklich nicht mehr so strikt unterschieden zwischen den Altersklassen. Da kann man sich ganz locker über Interessen und Leidenschaften auch über die Generationen hinweg verständigen. Heute gehe ich auf ein x-beliebiges Indie-Konzert, und da stehen Leute zwischen 14 und 54 Jahren rum - und keiner meckert über den anderen. Das haut schon hin. Ich bin noch ganz vital und rüstig und arbeite in einer Branche, die einen per se ziemlich jung hält. Hey, ich lege nach wie vor in Techno-Clubs auf!
teleschau: Also gut: Wie bleibt man cool?
Kavka: (lacht) Danke! Ich merke halt immer wieder, dass ich mit jungen Leuten schon noch auf Augenhöhe bin. Dass ich für die nicht so altväterlich distanziert rüberkomme, dass ich nicht der Onkel bin, der ihnen was von guter Musik erzählt.
teleschau: Künftig bekommen Sie es ja mit einer etwas älteren Zielgruppe zu tun. Markus Kavka bei kabel eins - das hätte man auch nicht gedacht ...
Kavka: Nein, tatsächlich nicht. - Obwohl ich die "Formel Eins"-Neuauflagen bei kabel eins toll fand. Aber damals war ich noch nicht mal bei MTV, sondern noch bei VIVA 2, da dachte ich sowieso, dass ich höchstens nur noch zwei, drei Jahre Musikfernsehen machen würde.
teleschau: Was wäre der Plan B gewesen?
Kavka: Meine Interessen gehen ja schon immer auch in andere Richtungen: Sport, Politik, Internet ... Aber bei MTV ging es halt immer lustig weiter. Mein Programmdirektor sagte mal: "Du bist der erste Moderator, den wir hier mit 67 Jahren im Rollstuhl rausschieben." So weit kam es dann doch nicht ...
teleschau: Weil MTV die meisten moderierten Musiksendungen eingedampft hat ...
Kavka: Ja. Jetzt, nach fast zehn Jahren Festanstellung bei MTV, ist es an der Zeit, ein paar Sachen neu zu sortieren. Ich fahre mehrgleisig: Neben "NUMBER ONE!" bei kabel eins mache ich verschiedene Projekte mit dem ZDF, einmal pro Woche steht noch "brand:neu" bei MTV auf dem Programm, und ich habe meine selbst produzierte Show "Kavka vs. The Web" bei Myspace. Und: Nach den Kolumnenbüchern ("Hamma wieder was gelernt: über das Erwachsenwerden", die Red.) schreibe ich jetzt meinen ersten Roman.
teleschau: Mit autobiografischen Zügen?
Kavka: Ja, aber nur am Anfang der Geschichte. Mein Beruf im Fernsehen spielt eine Rolle, meine Leidenschaft für die Musik. Aber die größte Rolle spielt meine Herkunft und mein Aufwachsen in einem kleinen bayerischen Dorf.
teleschau: Wie regelmäßig sind Sie noch in Ihrer alten Heimat Manching?
Kavka: So oft es geht. Alle zwei Monate versuche ich es auf jeden Fall einzurichten. Das ist mir wichtig. Schon meinen Eltern zuliebe, für die es ja nicht mehr so einfach ist, mal eben schnell zu mir nach Berlin zu kommen.
teleschau: Werden aus Rockmusikfans bessere Menschen?
Kavka: Es hilft bei der Entwicklung, würde ich sagen. Die Musik gibt einem so viel sozial wertvollen Input. Sie erklärt einem viele Dinge und inspiriert. Wenn man vor dem, was Pop- und Rockmusik schenken können, die Augen verschließt, fehlt einem was. Allgemein: Wer Kunst und Kultur ignoriert, hat nur die Hälfte vom Leben verstanden. Ich war von frühester Kindheit an am Haken der Rockmusik.
teleschau: Was war der Köder?
Kavka: Als Kind in Manching (bei Pfaffenhofen in Bayern, die Red.) war mein Radio die einzige Verbindung in die große, weite Welt. Da kamen Ende der 70-er, Anfang der 80-er die ganzen geilen Bands um die Ecke. Die allererste Platte, meine Erleuchtung, war die Single "Fade To Grey" von Visage ... Die brachte mir meine Oma damals aus Ingolstadt mit. Damit ging es los - meine New Wave- und New Romantic-Phase. Als ich Sachen wie Joy Division oder Bauhaus in ihren Videos sah, dachte ich, dass ich auch so aussehen muss. Mir war auch sehr früh klar, dass ich mal irgendwas machen werde, das mit Musik zu tun hat. Der Song flasht mich definitiv heute noch.
teleschau: Es hätte schlimmer kommen können. Warum wurde aus dem Teenager Markus Kavka kein Popper, der Wham! hört?
Kavka: Kein Witz: Beim Abschlussball meines Tanzkurses, da war ich 14, trug ich eine weinrote Lederkrawatte. Aber ich stand halt sehr früh eher auf Sachen, die nicht in den Charts waren - es gab schon 81 genügend Alternativen. Obwohl ich auch ein Faible für guten Pop habe - klar, Wham! waren schon ein bisschen Panne, man hätte nie zugeben dürfen, dass man die cool findet ...
teleschau: Was wird aus einer Jugend, die ohne Musikfernsehen aufwächst?
Kavka: Die wächst halt mit dem Netz auf. Die Informations- und Entertainmentbeschaffung ist eine andere geworden. Man muss sich nicht mehr den ganzen Tag vor die Glotze setzen und warten, bis ein bestimmtes Video kommt. Man schmeißt youtube an - und fertig.
teleschau: Wo ist die Schwermut des altgedienten MTV-Mannes?
Kavka: Die habe nicht. Warum auch? Ich finde an der Entwicklung nichts Trauriges, es muss doch weiter gehen ... Ich dachte auch lange, dass die Vermittlung von Musikwissen, ein redaktionelles An-die-Hand-nehmen, viel länger eine essenzielle Rolle spielen würde. Bis vor Kurzem hatte ich selber noch verschiedene Musikzeitungen abonniert, sah mir Musiksendungen an ... Aber das verlagert sich auch bei mir immer mehr in Richtung online. Schon in Ordnung so.
teleschau: Eine nachhaltige musikalische Sozialisierung, wie Sie Ihre Generation in den 80er-Jahren erfuhr, ist in der schnelllebigen Medienwelt wohl kaum möglich ...
Kavka: Ach, ich glaube, dass sich da bei vielen Leuten die Wahrnehmung etwas verzerrt, wenn sie dem Ganzen ein bisschen entwachsen sind. Es mag sein, dass die Halbwertszeit von Künstlern und Bands heute nicht mehr so gegeben ist, und ich traue auch nicht vielen Bands der letzten zehn Jahre zu, dass sie noch über Generationen bestehen können ... Coldplay vielleicht, Linkin Park ... - höchstens eine Handvoll. Es geht alles schneller, aber es hat deswegen nicht weniger Substanz als in der 80er-Jahren, als eben alles viel überschaubarer war. Die Großen konnten sich damals noch eine richtig solide Basis errichten, von der sie auch heute noch zehren. Ich unterstelle mal: Wenn U2 in der heutigen Zeit angefangen hätten, hätte es gut sein können, dass sie nach zwei, drei Alben wieder von der Bildfläche verschwunden wären.
teleschau: Das Interview mit Bono bildet am 28. Oktober den Auftakt Ihrer kabel eins-Reihe ... Schlottern Ihnen bei solchen Größen noch die Knie?
Kavka: Nein, das ist cool. Die üblichen Vorurteile, die man Bono gegenüber so hat, bestätigten sich auch in keinster Weise. Er ist ein toller Geschichtenerzähler, er war verbindlich und sehr wach im Interview, obwohl es unmittelbar vor dem Konzert in Berlin unter reichlich hektischen Umständen stattfand. Am Ende fingen sie meinetwegen zehn Minuten zu spät an zu spielen. Bono ist auf jeden Fall auf dem Podest meines ewigen Interview-Rankings.
teleschau: Wer belegt die beiden anderen Top-Plätze?
Kavka: Die Bee Gees und Phil Collins.
teleschau: Ernsthaft?
Kavka: Ja. Kein Geheimnis, dass das nicht meine musikalische Ecke ist. Aber die Bee Gees sind so großartige Typen, du merkst ihren Geschichten einfach an, dass sie so lange im Showgeschäft sind. Britische Gentlemen mit einem fantastischen Humor, zur Selbstironie fähig. Ich musste einige Male Tränen lachen - auch bei Phil Collins, mit dem ich zwei Stunden sprach. Das war ein Feuerwerk an Anekdoten. Als er merkte, dass ich ihm nichts Böses will, ist er total aufgetaut und hat ungefragt über seine diversen Frauengeschichten und gesundheitlichen Probleme geredet. Krass ist zum Beispiel, dass er nicht nur auf einem Ohr nichts mehr hört, sondern auch noch im linken Arm kein Gefühl mehr hat. Der kann im Grunde nicht mehr trommeln. Fast hatte ich den Eindruck, er sah mich als eine Art Aushilfstherapeut.
teleschau: Wie schaffen Sie es, solche Weltstars derart zu öffnen?
Kavka: Ich will auf keinen Fall "nur nett" sein. Aber ich glaube, eine gewisse Aufrichtigkeit und Respekt vor solchen Künstlern ist angebracht. Das ist auch Teil des Konzepts der Sendung. "NUMBER ONE!" hat eine ganz klare Ausrichtung: Wir kommen als Fans - und wir werden die Künstler nicht pseudoinvestigativ auflaufen lassen. Für mich ist es wichtig, eine gute Geschichte rüberzubringen - und den jeweiligen Menschen vorzustellen. Dafür bringe ich unstillbare Neugier mit. Und Herzblut. - Ich frage nicht nur einen Katalog ab.
teleschau: Das typische Altrocker-Mantra: "Früher gabs noch richtig gute Musik" wird man von Ihnen nie hören, oder?
Kavka: Nein, ich bin stolz darauf, dass mir so ein Satz noch nie über die Lippen gerutscht ist.
teleschau: Aber an irgendwas muss sich auch bei Ihnen das Älterwerden festmachen lassen!
Kavka: Okay. Ich würde bei "Rock am Ring" nicht mehr campen ...
Er galt als der letzte Mohikaner bei MTV. Dann schickte der ehemalige Musiksender seinen dienstältesten Moderator aufs Altenteil. Jetzt soll Markus Kavka ausgerechnet dem ZDF helfen, das Publikum zu verjüngen. Im Interview mit WELT ONLINE spricht er über die Kunst, mit dem Zweiten besser zu sehen.
WELT ONLINE: Herr Kavka, bei MTV galten Sie mit 41 Jahren schon als der Betriebsopa. Müssen Sie jetzt beim ZDF als Berufsjugendlicher herhalten?
Markus Kavka: Nein, die Leute, mit denen ich jetzt zusammenarbeite, sind so Anfang 30. Es ist ein bisschen wie bei MTV: Ich bin schon wieder der Älteste.
WELT ONLINE: Das klingt, als seien Sie es langsam Leid, diese Rolle zu spielen.
Kavka: Nee, gar nicht. Ich war ja auch schon alt, als ich 2000 bei MTV angefangen habe – mit 33 Jahren. Mich hat das nicht gestört. Ich war ja kein Teenie-Club-Show-Moderator, der mit bunten Klamotten durch bunte Kulissen gesprungen ist. Ich hatte ein musikjournalistisches Fundament. Die MTV-News waren der Versuch, seriösen Musikjournalismus zu machen – mit den entsprechenden Zwischentönen in der Moderation.
Insofern hätte ich mir für mich vorstellen können, da auch noch ein Weilchen weiterzumachen. Musikjournalist, das ist ein Job, den kann man bis ins hohe Alter machen.
WELT ONLINE: Außer bei MTV. Oder hat Sie die Kündigung tatsächlich überrascht?
Kavka: Am Anfang war ich schon geschockt. Die Hauptsendungen verschwanden innerhalb von einer Woche. Ich hatte gedacht, dass man das alles ein bisschen entspannt ausklingen lassen kann bis Ende des Jahres.
WELT ONLINE: Haben Sie Panik bekommen?
Kavka: Panik würde ich es nicht nennen. Es gab schon vorher Angebote von Sendern, die ich aber immer abgelehnt habe, weil ich ja bei MTV vollzeit beschäftigt war.
WELT ONLINE: Zum Beispiel?
Kavka: In der Popstars-Jury bei Pro Sieben aufzutauchen. Aber das wäre kein Job für mich gewesen. Ich hatte schon eine ungefähre Vorstellung, in welche Richtung es gehen könnte: Eher öffentlich-rechtlich als bei irgendeinem Privatsender.
WELT ONLINE: Warum?
Kavka: Es wäre nicht mein Ding gewesen, in irgendwelchen Chartshows herumzuturnen, zusammen mit Leuten, die nur noch von ihrem C-Prominententum leben. Ich habe mich nie als Entertainer gesehen, sondern immer als moderierender Redakteur.
WELT ONLINE: Weshalb Sie Anfang 2008 einen Auftritt in der Talkshow „Maybrit Illner“ genutzt haben, um den Sender an seinen Bildungsauftrag für Jugendliche zu erinnern – und sich selber als Moderator zu empfehlen.
Kavka: Das hätte ich mir nicht angemaßt. Wenn ich wüsste, wie man junge Zuschauer bindet, könnte ich gleich ZDF-Intendant werden. Ich wollte dem Sender eher kleine Impulse geben. Sagen, was man im Wahljahr machen könnte, um junge Menschen für Politik zu erwärmen.
WELT ONLINE: Was stört Sie denn an der politischen Berichterstattung im ZDF?
Kavka: Dass Politik auf eine Art und Weise passiert, die große Teile der Bevölkerung ausgrenzt – sei es aus Alters- oder aus Bildungsgründen. Da ist für mich dann dieser Grundversorgungsauftrag gefährdet, bzw. nicht erfüllt.
Es ist nicht damit getan, Politiker von einer Talkshow in die andere zu karren, damit die da ihre Parolen wiederkäuen. Es fehlen die Typen, um Politik gerade jungen Menschen nahezubringen. Es ist ja nicht so, dass die alle politikverdrossen sind.
WELT ONLINE: Diese Erfahrung haben Sie ausgerechnet bei MTV gemacht?
Kavka: Auch. Es gab bei MTV immer so genannte Social-Awareness-Programme. Da ging es zum Beispiel um die Europa-Wahl. Dann gab es die Staying-Alive-Konzerte, die das Bewusstsein für AIDS wecken. An dem Zuspruch darauf habe ich gemerkt, dass sich junge Menschen sehr wohl für gesellschaftliche und politische Probleme interessieren. Deshalb habe ich auch dieses Gegen-Rechts-Blog gegründet: den Störungsmelder.
WELT ONLINE: Ende April hat der ZDF Infokanal die Premiere von „Kavka“ gezeigt – live aus einem Kreuzberger Club, in dem Sie sonst Platten auflegen. Es ging um das Thema Arbeit. Für wen war der Kulturschock größer: für das ZDF – oder für Sie?
Kavka: Weder noch. Ich hatte auch den Fehler gemacht, dass man das ZDF als einen Kanal sieht, der journalistisch zwar hochkompetent ist, der aber ein bisschen gesetzterer Natur ist. Dass die Menschen, die da arbeiten, vielleicht gar nicht wissen, wer ich bin. Geschweige denn, irgendwann mal MTV geguckt haben. Das ist aber falsch.
Die Leute, mit denen ich die Sendung zusammen gemacht habe, die könnte man 1:1 zu MTV verfrachten. Die sind größtenteils sogar jünger als ich und haben auch eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie man den Laden wieder verjüngen könnte.
WELT ONLINE: Stimmt, sogar das Publikum erinnerte an MTV. Lauter kreative Freiberufler, die so aussahen, wie sich der ZDF-Zuschauer den hippen Berlin-Mitte-Bürger vorstellt.
Kavka: Na klar haben wir alle unsere Freunde eingeladen, mich selber eingeschlossen. Aber gut die Hälfte der Gäste hatten sich beworben. Zufälligerweise war das genau die Klientel, die wir ansprechen wollten.
WELT ONLINE: Wen?
Kavka: Leute zwischen Anfang zwanzig bis Mitte vierzig. Politisch interessiert. Die Bildung möchte ich gar nicht so sehr in den Vordergrund stellen. Aber wenn so ein gewisses politisch-gesellschaftliches Interesse da ist, kann man schon aus so einer Sendung was mitnehmen.
WELT ONLINE: Vorausgesetzt, man kann den ZDF-Infokanal empfangen.
Kavka: Für das ZDF ging es darum, herauszufinden, ob man sich das irgendwann mal im Hauptprogramm vorstellen kann. Es war ja schon eine bewusste Entscheidung, den Piloten live zu senden. Wir wollen irgendwann eine Zuschauerbeteiligung über Skype haben. Man muss der Tatsache Rechnung tragen, dass die Informationsbeschaffung bei Leuten unter 30 Jahren in erster Linie über das Internet funktioniert.
WELT ONLINE: Sie selber besitzen angeblich erst seit zwei Jahren einen Laptop. Was sieht das ZDF in Ihnen, dass man Ihnen zutraut, die Brücke zur Jugend zu schlagen?
Kavka: Ich glaube, da geht es gar nicht so sehr darum, dass ich einen Computer auseinander- und wieder zusammenbauen kann. Es geht eher darum, eine Ansprache zu finden. Ich bin auf dem Stand eines normalen Typen, der zwar schon mit dem Internet arbeitet, der aber relativ spät darauf gekommen ist, da selber mal was reinzustellen.
WELT ONLINE: In dem Spot aus der Reihe „Mit dem Zweiten sieht man besser ...“ in dem Sie für das ZDF werben, kratzen Sie sich so verschämt an der Augenbraue, als wollten Sie sagen: Dass ich da mal landen würde, hätte ich selber nie gedacht.
Kavka: Ich fand die Dreharbeiten tatsächlich ein bisschen absurd: Plötzlich habe ich eine Geste gemacht, die sonst nur die Großen machen.
Das Verschämte kam ein bisschen dadurch, dass der Sender Versatzstücke aus dem Dreh zusammengeschnitten hat. Man muss dazu wissen, dass bei dieser Geste nichts dem Zufall überlassen wird. Man wird auf einer DINA4-Seite genau instruiert: Wann kommt die Hand hoch? Wie wird die genau positioniert? Und wenn man es dann noch nicht gecheckt hat, dann gibt es auch noch eine VHS-Kassette, auf der Peter Hahne diese Geste Stück für Stück vormacht.
WELT ONLINE: Spätestens da hatten Sie die noch Gelegenheit gehabt, zu überlegen: Bin ich hier richtig.
Kavka: Nee, gerade das fand ich lustig. So eine gewisse Ernsthaftigkeit, mit der Dinge beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gepflegt werden. Nächste Woche moderiere ich mit Steffen Seibert zusammen die Verleihung des Bayrischen Fernsehpreises. Da habe ich es mit Leuten zu tun, die sehr genau wissen, was sie tun. Das ist für mich eine sehr komfortable Situation. Bei MTV habe ich alles selber gemacht und selber entschieden.
WELT ONLINE: Ist das nicht viel reizvoller?
Kavka: Einerseits schon. Andererseits kann stößt man schnell an eine Grenze: Man kann nicht alles selber machen.
WELT ONLINE: Was hat denn bei MTV nicht funktioniert?
Kavka: Die Produktionen sind deutlich geringer budgetiert. Wenn man bei großen Produktionen wie „Rock am Ring“ tagelang von neun Uhr morgens bis zwei Uhr nachts vor der Kamera steht und sich um noch selber darum kümmern muss, dass die Bands rechtzeitig zum Interview da sind, geht man auf dem Zahnfleisch. Dann weiß man, warum das ZDF für eine dreiviertelstündige Sendung drei Trucks mit 50 Leuten losschickt. Und warum die zehn, fünfzehn Leute bei MTV nie ausreichen.
WELT ONLINE: Und jetzt können Sie es sich auf der ZDF-Versorgungscouch bequem machen. .
Kavka: Nee, gar nicht. Es ist ja nicht so, dass ich bis zu meinem 67. Lebensjahr versorgt bin, weil ich für die einen Piloten machen durfte. Mir geht es einfach darum, Sachen auszuprobieren, die ich bisher nicht machen konnte.
WELT ONLINE: Wie sieht denn Ihr Vertrag mit dem ZDF aus?
Kavka: Der ist nur projektbezogen. Nach der Verleihung des Bayrischen Fernsehpreises kommt im Juni die Europawahl, dazu mache ich eine weitere Ausgabe von „Wahl im Web“. Dann im August die nächste Ausgabe zu den Landtagswahlen und im September zur Bundestagswahl.
WELT ONLINE: Hat Ihre Oma die ZDF-Sendungen angesehen?
Kavka: Nein, die ist schon lange tot. Aber die ganze Familie hat vor dem Fernseher gesessen. Die waren ganz aus dem Häuschen, weil ich neben dem ZDF-Logo saß.
WELT ONLINE: Wahrscheinlich haben sie gedacht: Endlich macht der Junge was Seriöses.
Kavka: Ähm, meine Eltern haben schon gedacht, dass das ein nächster Schritt sein kann ...
WELT ONLINE: ...in welche Richtung?
Kavka: Weg von der teenager-bezogenen Musik-Unterhaltung. Die Reise geht eher in eine gesellschaftlich-politische Richtung.
WELT ONLINE: Auf die Zigarette, die Sie sich am Ende der ersten Folge „Kavka“ angezündet haben, müssen Sie dann aber wohl verzichten. .
Kavka: Da wäre ich gar nicht so sicher. Ganz und gar nicht. Die sind da sehr entspannt.
Am Dienstag läuft auf ZDF.de und im ZDF Infokanal zum ersten Mal "Kavka", ein junger und interaktiver Polittalk. DWDL.de sprach mit Markus Kavka über die Sendung, das Streben der Öffentlich-Rechtlichen nach jungen Zuschauern und die Frage, warum er selbst erst mit 40 Jahren ein eigenes Notebook gekauft hat.
Herr Kavka, Sie haben sich vor kurzem in Ihrer Sendung „Kavka vs. the Web“ als Peter Kloeppel 2.0. bezeichnet. Was hat es damit auf sich?
Ich bin da in jeder Folge jemand anderer. Peter Kloeppel 2.0. hat sich angeboten, weil ich früher wegen meiner „Newsmag“-Moderation immer mal wieder als Peter Kloeppel von MTV bezeichnet wurde. Das hab ich aufgegriffen.
Bilden Sie und Maybrit Illner jetzt das neue ZDF-Internet-Traumpaar? Frau Illner versucht ja grade über Youtube an jüngere Zuschauer für ihre Sendung heranzukommen.
Wenn dem so wäre, wäre ich natürlich hocherfreut und sehr geehrt. Aber ich glaube, da bin ich noch ein paar Meter von entfernt. Wir wollen jetzt auch nicht nur in die klassische Talkrichtung gehen. Was wir vorhaben, würde ich eher ein ‚Hybrid-Magazin’ nennen. Wir haben auch Gäste und ein Studiopublikum, aber bei uns spielen die Beiträge und Reportagen eine größere Rolle als in einer klassischen Talkshow.
Stimmt es eigentlich, dass Sie sich erst mit 40 Jahren ihren ersten eigenen Laptop gekauft haben? Und wenn ja, wie passt das zusammen mit einem Image als neues, hippes, digitales ZDF-Gesicht?
Ja, das ist richtig. Ich habe den Laptop auch nur gekauft, weil ich sonst meinen iPod nicht benutzen könnte. Bei MTV hatte ich natürlich einen Rechner im Büro. Aber ich habe es immer genossen, dass dann wirklich um 19 Uhr Feierabend war – ohne Computer. Mein Web2.0-Konsum kam also nur im privaten Bereich ziemlich spät. Ansonsten nutze ich das Netz intensiv und kenne mich damit aus. Ich habe unter anderem schon seit Jahren einen Myspace- und einen Facebook-Account. Aber man muss natürlich auch sehen, dass ich noch aus einer Generation stamme, die nicht mit Computern aufgewachsen ist. Das musste ich mir alles draufschaffen, da ist keine natürliche Begabung da gewesen. Wenn beim Rechner irgendwas nicht funktioniert, stehe ich wie der Ochs vorm Berg.
Muss man dem ZDF jetzt eigentlich Beifall spenden, weil es eine Sendung wie „Kavka“ ausprobiert oder muss man es feige nennen, weil es die Sendung in einem Spartenkanal versteckt?
Es war der Wunsch aller Beteiligten, also auch meiner, die Sendung erst mal kleiner zu starten. Wir wollten mit dem Piloten nicht so einen großen Aufschlag machen und haben uns sogar ein bisschen über das große Interesse daran gewundert. Die neue Sendung „Kavka“ ist von beiden Seiten eher als eine ganz zarte Annäherung gedacht. So ein Format gibt es ja noch überhaupt nicht im TV. Wir wollten das bewusst klein halten und uns ein halbes Jahr Zeit geben, um das Format weiterzuentwickeln. Das ist beim ZDF auch das Schöne und viel entspannter als bei den privaten Sendern: man macht in aller Ruhe einen Piloten und nicht gleich eine Sendung, die dann nach zwei Wochen wieder verschwindet, wenn die Quoten nicht stimmen.
Also wird mit dem vermeintlich schlechten Sendeplatz auch etwas Druck rausgenommen?
Ja. Wir sind sehr froh, dass wir erst mal ein bisschen rumprobieren können und den Infokanal quasi als Spielwiese benutzen dürfen. Da gibt es auch ein paar technische Unwägbarkeiten, die wir erst mal ausprobieren wollen - zum Beispiel die Verbindung mit Internet-Telefonie. Es ist zudem auch nicht üblich, dass Piloten immer direkt gesendet werden. Insofern würde ich schon darauf plädieren, dass das Ganze eher mutig ist.
Sie haben vor zwei Jahren in einem Interview gesagt, dass Sie sich einen politischen Jugendtalk gut vorstellen können, aber Sie derzeit keinen Sender sehen, der sich das traut.Was hat sich da verändert? Hat das Internet Ihnen zu Ihrem Glück verholfen?
Wie ich heute weiß: Es gab auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern schon damals Ideen, wie man das Programm verjüngen könnte. Darum geht’s ja im Großen und Ganzen. Man konnte lange gut damit leben, Fernsehen für die Generation 40 plus zu machen. Aber auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern stellt man eben eine ganz einfache Rechnung auf: Wer bezahlt in 20 Jahren die Gebühren, wer schaut uns noch? Aber es würde auch nichts bringen, aktionistisch eine Sendung im ZDF um 23 Uhr für junge Leute zu platzieren, die dann wieder nicht geguckt wird. Die Sehgewohnheiten von jungen Leuten haben sich eben verändert. Wer schaut denn zum Beispiel heutzutage noch in eine Fernsehzeitung? Das Internet ist eine gute Möglichkeit, um junge Zuschauer abzuholen Wir haben das bei der Beteiligung bei der„Wahl im Web“-Sendung bereits gemerkt, da waren die Zuschauer schon deutlich jünger als der ZDF-Normalzuschauer.
Wie soll Ihre neue Sendung funktionieren? Wen spricht sie an?
Unser Anspruch ist, dass die Sendung eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat. Im Idealfall haben wir einen aktuellen Aufhänger, das muss aber nicht unbedingt sein. Wir wollen auf der einen Seite kompetent sein, auf der anderen aber auch unterhalten und den Blickwinkel von Menschen zwischen 25 und 45 Jahren vertiefen. Wir wollen außerdem nicht einbahnstraßenmäßig ein Thema beackern: Es soll beispielsweise auch eine satirische und eine popkulturelle Komponente geben. Ähnlich wie bei der „Wahl im Web“ wollen wir eine starke Web-Fokussierung, beispielsweise über Skype, Twitter und Chat. Es soll im Idealfall eine Debatte geben, die die ganze Woche weiterkocht, dazu wollen wir parallel eine richtige Community aufbauen. Unsere Promigäste sollen zu dem jeweiligen Thema auch wirklich etwas besteuern können. Die müssen aber nicht zwangsläufig jung sein. Das kann meinetwegen auch ein Marcel Reich-Ranicki sein.
Gibt es bei Erfolg eine Fortsetzung auch im Hinblick auf das Wahljahr 2009?
Persönlich wünsche mir, dass es weitergeht. Wir wollen uns an politikinteressierte junge Menschen wenden – die es durchaus gibt - deren Sprache im TV aber noch nicht gesprochen wird. Ich glaube, da gibt es ein großes Potential. Wir müssen die Leute nur rechtzeitig abholen. Ich habe mich auch schon bei MTV bemüht, eine adäquate Ansprache zu finden, was aber aufgrund des Umfelds und der Kernzielgruppe schwierig war. Erstmal ist die Sendung nur ein Versuch. Wir halten uns alles offen. Vielleicht müssen wir auch feststellen, dass es in der Praxis so nicht funktioniert. Man wird sehen, wie es weiter geht. Es hat bisher anscheinend aber auch schon ganz gut geklappt, über Twitter, MySpace und Facebook ein bisschen Werbung für die Sendung zu machen. .
Herr Kavka, vielen Dank für das Gespräch.
Markus Kavka ist MTV-Moderator und gut doppelt so alt wie seine Zielgruppe. Als Opa des Musikfernsehens sieht er sich trotzdem nicht und wäre auch nicht gern noch einmal 20 Jahre jünger - ein Interview übers Erwachsenwerden.
SPIEGEL: Herr Kavka, Sie sind jetzt 41 Jahre alt und moderieren noch immer beim Musiksender MTV, dessen Zielgruppe im Schnitt halb so alt ist wie Sie. Was ist da schiefgelaufen?
Kavka: (lacht) Schiefgelaufen ist nichts, ich bin halt einfach so jung geblieben! Ich hatte nie den Impuls, an meinem Job etwas zu ändern. Es ist ja nicht so, dass ich das Programm selbst überhaupt nicht mehr gucke oder den Zuschauern und ihren Bedürfnissen total entwachsen bin. Noch fühle ich mich nicht als Opa des Musikfernsehens.
SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch bezeichnen Sie sich selbst als "kidult", also eine Mischung aus "kid" und "adult". In deutschen Großstädten sind Berufsjugendliche wie Sie längst ein Massenphänomen. Warum weigern sich immer mehr Leute über 40, ihren Lebensstil von damals aufzugeben?
Kavka: Erst mal liefern Metropolen den perfekten Nährboden dafür: Das Unterhaltungsangebot ist groß, man kann viel ausgehen, alle möglichen Jobs machen und muss keine festen Bindungen eingehen. Das ist ja anders als auf dem Land, wo man viel früher sesshaft wird. Grundsätzlich hat sich in meiner Generation alles nach hinten verschoben, wegen der Ausbildungszeiten, Praktika, Reisen - man eiert lange vor sich hin, irgendwann wird das zur Gewohnheit, und man scheut sich immer mehr davor, Verantwortung zu übernehmen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich überhaupt erwachsen?
Kavka: Ein bisschen was fehlt da noch, wobei ich gar nicht genau sagen kann, was das ist. Ich verbinde mit Erwachsensein eine innere Ruhe, aber mich treibt noch immer irgendetwas um. An guten Tagen würde ich das einfach Neugierde nennen. Aber an schlechten Tagen kann ich darüber verzweifeln, nicht zu wissen, wo ich noch hin will.
SPIEGEL: Ihr Bruder, drei Jahre jünger als Sie, ist verheiratet, hat ein Baby und wohnt in einem Haus bei Ingolstadt, nahe dem Ort, in dem Sie aufgewachsen sind. Gibt es etwas, worum Sie ihn beneiden?
Kavka:Grundsätzlich beneide ich ihn um die festen Größen in seinem Leben. So aufregend und unterhaltsam mein Leben ist, mich umgibt natürlich auch eine permanente Unsicherheit. Ich arbeite in einer Branche, in der es kaum feste Jobs gibt, und auch mein privates Umfeld ist ziemlich unstet. Bei mir ist alles eine Riesenwundertüte. Manchmal würde ich mir mehr Verlässlichkeit in meinem Leben wünschen. Diese Erdung kommt wohl erst mit einem Kind. Bei der Taufe meiner Nichte dachte ich: Donnerwetter, hätt' ich auch gern.
SPIEGEL: Wären Sie gern noch mal zwanzig Jahre jünger?
Kavka: Nö. Ich kann mich noch gut an die Zeit Anfang zwanzig erinnern. Das war lustig und spannend, aber auch ganz schön verwirrend, so als Landei in der Großstadt Nürnberg. Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe. Jetzt bin ich in der Spur, jetzt weiß ich, wie das Leben funktioniert.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schwärmen Sie von Ihrer Jugend, von Mixtapes und Jungsstreichen beim Bauern nebenan. Klingt nach "Früher war alles besser".
Kavka: So ewiggestrig bin ich nicht. Ich gehöre auch nicht zu den Leuten, die der Jugend von heute gern Passivität, politisches Desinteresse und mangelnde Kreativität bei der Freizeitgestaltung vorwerfen. Das ist alles Quatsch. Klar, in den Siebzigern gab es Punk, und in den Achtzigern hat man gegen AKW demonstriert. Diese Jugendbewegungen waren öffentlich eben sehr präsent. Aber dabei übersieht man gerne, dass in den Neunzigern die Revolution schlechthin passiert ist, nämlich die Erfindung des Internet. Die Kids sind alle online gegangen und haben damit praktisch die ganze Weltordnung auf den Kopf gestellt. Darum beneide ich diese Generation.

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