Markus Kavka Online


Kolumnen

Schönheit - Aus alt mach neu

Brauchen wir plastische Chirurgie? Ich habe Brigitte Nielsen getroffen und staunte, wie gut ihre Mimik immer noch erkennbar ist.

Zugegeben, das heitere Plastikhupenraten am Strand war eine willkommene Auflockerung des Sonnenbadens, meine Freundin und ich dachten teilweise, wir würden RTL gucken. Andererseits: Schön oder gar sexy war das in den meisten Fällen nicht, was sich uns da bot. Der Schwerkraft trotzende Granithügel, Donnatella-Versace-mäßige Maskengesichter oder Chiara-Ohoven-artige Wurstlippen sind keine direkten Nachkommen des Lehmklumpens, aus dem der Liebe Gott den Menschen formte.

Unweigerlich musste ich bei diesen sich mir bietenden Anblicken an eine Begegnung denken, die ich kurz vor meinem Urlaub hatte - und zwar mit Brigitte Nielsen.

Nicht erst seit ihrer bei RTL öffentlich durchgeführten Renovierung mit dem Titel ´Aus alt mach neu´ gilt sie als der Prototyp einer Frau, die, zumindest optisch, nicht altern will. Was in ihrem Fall einigermaßen nachvollziehbar ist, denn seit Anbeginn ihrer Karriere ist ihr Körper ihr Kapital, erst als Model, später dann als, nun ja, Schauspielerin und auch jetzt als Reality-Doku-Großbaustelle. Und da sie es bis dato nicht geschafft hat, sich als Charakterdarstellerin, Popstar (auch da gab es ja zaghafte Versuche) oder sonst was einen Namen zu machen, bleibt ihr nicht viel mehr übrig, als ihre Hülle so lange wie möglich erwerbsfähig zu erhalten. Das mag jetzt so manch einem tragisch erscheinen, Brigitte selbst sieht das natürlich anders, sie pflegt da eine sehr pragmatische Herangehensweise. "Ich habe mich im Spiegel betrachtet und fand mich nicht mehr schön, also habe ich mir gedacht, dass ich das ändern muss", sagt sie. Eine kleine zusätzliche Herausforderung stellte dabei noch ihr Ansinnen dar, es mit 45 ein zweites Mal aufs Cover des ´Playboy´ zu schaffen - das erste Mal war vor 20 Jahren.

Brigitte Nielsen hat (immer noch) das Auftreten eines Stars. Das liegt zum einen an ihrer durchaus imposanten Erscheinung - sie ist 1,85 Meter groß, trägt in der Regel High Heels, dazu ist sie von kräftig-muskulöser Statur, bei unserer Begegnung offerierte sie wenig überraschend auch einen tiefen Einblick in ihr beeindruckendes Dekolletee. Zum anderen ist sie aber auch sehr freundlich, charmant und verbindlich - oder anders: hochprofessionell.

Im Schlepptau hatte sie ihren Manager sowie ihren Ehemann, den 15 Jahre jüngeren, 15 Zentimeter kleineren und ungleich weniger schillernden Italiener Mattia Dessi. Dem Vernehmen nach kümmert der sich um die Haushaltseinkünfte, was unterm Strich bedeutet: Brigitte Nielsen macht nichts umsonst - kein Interview, kein Foto, niente. Um den Beweis zu erbringen, dass er ein bisschen die Hosen anhat und durchaus imstande ist, im Schatten seiner berühmten Gattin etwas Zählbares anzuleiern, erweist er sich als äußerst zäher und knorriger Verhandlungspartner. Scheinbar sind die beiden sehr glücklich miteinander, denn Brigitte sprach davon, dass sie gerne ein Kind von ihm hätte. Was man medial inklusive Live-Geburt auch ganz gut verwerten könnte, aber das ist jetzt nur eine böse Mutmaßung meinerseits.

Auf den ersten und auch den zweiten Blick sind ihre OPs ganz gut gelungen. Im Gesicht ist immer noch deutlich eine Mimik erkennbar, und auch sonst wirkt das Resultat einigermaßen natürlich. Was ihrer Meinung nach auch den deutschen Ärzten zu verdanken ist, die anders als die Kollegen in den USA, bei denen alle Frauen nach OPs gleich aussehen, Wert darauf legen, nicht zu offensichtlich herum zu metzgern. Wobei die Tatsache, dass Brigitte die Operationen gewiss nicht selbst zahlen musste und darüber hinaus noch mediale Aufmerksamkeit bekam, sicherlich ein gewichtigeres Argument dafür waren, sich in Deutschland unters Messer zu begeben.

In der Sendung, ´TRL XXL´, sprach Brigitte sehr offen über alles - außer Dieter Bohlen, der sich in seinem Buch eine sexuelle Begegnung mit der Nielsen zusammenphantasiert hatte und dafür von ihr mit einem "dummer Idiot und Lügner" sowie einem Schreiben ihres Anwalts geadelt wurde. Da lässt es sich über Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, mit denen sie tatsächlich was hatte, oder den lässigen Falco, mit dem sie ein Musikvideo gemacht hat, doch weitaus leichter parlieren.

Auch ihre schauspielerischen Fähigkeiten sieht sie ganz realistisch. Sie nimmt es mit Humor, als Auszeichnung dafür bis jetzt nur mit der ´Goldenen Himbeere´ bedacht worden zu sein und sieht ihre Darstellung als ´Schwarze Hexe´ in der Fantasy-Märchen-Serie ´Prinzessin Fantaghiro´ durchaus als eine ihrer stärksten Rollen an. Kein Wunder, denn da war das affektierte Overacting auch ein wichtiger Bestandteil ihrer Figur.

Derzeit ist Brigitte Nielsen in der MTV-Reality-Doku ´Celebrity Rehab´ zu sehen, eine Serie, die vor der RTL-Geschichte gedreht wurde. Auch bei ihrem Alkohol-Entzug hat sie sich also filmen lassen. Als wir einen Ausschnitt daraus zeigen, brechen bei ihr kurz die Dämme, sie fängt an zu weinen, als sie die mutmaßlichen Auslöser ihrer Alkoholsucht - einen Gehirntumor bei einem ihrer Söhne und den gleichzeitigen Niedergang ihrer Ehe - thematisiert.

Auf die Frage, warum sie zwei so private Dinge wie eine Schönheits-OP und einen Entzug nicht im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit abwickelte, sagt sie, dass sie mit ´Aus alt mach neu´ und ´Celebrity Rehab´ Tabus brechen wollte, weil es das noch nie vorher gab, dass Stars sich von Kameras bei derlei Dingen begleiten ließen. "Alle machen es heimlich, ich stehe dazu", meinte sie.

Dennoch: Brigitte Nielsen mag zwar jetzt einen runderneuerten Körper haben und auch trocken sein, und doch gibt auch sie zwischen den Zeilen zu, dass das Mitwirken in derlei Fernsehshows einem anderen Defizit der Protagonisten ganz und gar nicht zuträglich ist, nämlich der nahezu krankhaften Sucht nach Aufmerksamkeit. Insofern haben solche Sendungen natürlich negativ betrachtet etwas Heuchlerisches. Aus professioneller Sicht sind sie allerdings Ausdruck der Suche nach dem perfekten, ultrarealistischen Reality-Format. Tatsächlich dürfte es kaum möglich gewesen sein, für ´Celebrity Rehab´ so etwas wie ein Drehbuch oder gar geskriptete Dialoge zu entwickeln.

Brigitte war mir sympathisch, letzten Endes ist sie auch nur ein Mädchen, das recht früh aus ihrem kleinen dänischen Dorf in die Welt hinaus zog, um Anerkennung, Fame und die große Liebe zu finden.

Zwischendurch fiel mir eine Begegnung ein, die ich beim Roskilde Festival 1998 mit einem ebenfalls dänischen Mädchen hatte. Ums kurz zu machen: Wir landeten zusammen in einem Hotelzimmer, und als sie ihren BH öffnete, waren darunter zwei enorme Plastikhupen. Ich tippte eine von ihnen verstohlen mit dem Finger an und beschloss dann, Angst vor ihnen zu haben und die sexuellen Handlungen zu beenden. Bis heute habe ich diese Problematik durch genaueres Hinsehen erfolgreich umschifft.

Doch am Ende der Sendung kam ich ihr wieder überraschend nah. Bei der Verabschiedung erhoben sich Brigitte und ich. Ich bin exakt so klein wie Mattia. Sie umarmte mich herzlich. Ihr ahnt, wo sich mein Kopf befand.

Kleidungsfrage - Alles geht

Lässt sich am Umstand, dass man Krawatten trägt, ablesen, dass man eine gewisse Reife erlangt hat? Eigentlich nicht, findet Markus Kavka.

Neulich war ich mal wieder bei meinen Eltern. Im Gepäck: fünf ungebundene Krawatten. Ich habe Krawatten gerade für mich entdeckt – weniger als Komplettierung eines Anzugoutfits als einfach so, zu einem kurzärmligen Hemd oder Poloshirt. Mein Problem: Ich kann keine Krawatten binden. Einen schlichten Knoten bekomme ich noch mit Mühe und Not hin, aber beim chefmäßigen doppelten Windsorknoten versage ich. Ich habe mir bebilderte Anleitungen einverleibt, vorm Spiegel geübt, aber er mag mir einfach nicht gelingen. Zu kurz, zu lang, zu schief, zu scheiße – ich habe es aufgegeben. Deshalb lasse ich das meinen Papa machen, der kann das. Die fünf neugebundenen Exemplare in den Farben schwarz, schwarz, schwarz, grau und grau sollten erst mal genügen, beim nächsten Elternbesuch bringe ich dann wieder neue mit.

Bis vor einem Jahr besaß ich genau eine einzige Krawatte. Mein Vater hatte sie mir vor etwa zehn Jahren vermacht, er trug sie selbst in den Sechzigern, sie ist also schön schmal. Natürlich überreichte er sie mir bereits gebunden, und jedes Mal, wenn ich sie trug, achtete ich darauf, den Knoten möglichst behutsam auf- und zuzuschieben, damit er auch ja nicht aufging. Ein Mädchen, das unsere Begegnung offenbar um eine heiße, James-Bond-artige Komponente bereichern wollte, riss mir das Ding mal einfach so vom Hals. Na, die bekam aber was zu hören!

Lässt sich an dem Umstand, dass man Krawatten trägt, eigentlich ablesen, dass man eine gewisse Reife erlangt hat? Eigentlich nicht, oder? Bill von Tokio Hotel trägt auch eine, der sieht ansonsten aber ganz anders aus als ich. Ich blicke mal an mir herunter. Ich habe ein hellblaues Kurzarmhemd an, eine Jeans und weiße Basketball-Schuhe, also Sachen, die so unspektakulär sind, dass ich sie in fünf Jahren auch noch tragen könnte. Ohnehin geht die Tendenz in punkto Klamotten bei mir zunehmend in Richtung schlicht. Drei Viertel meines Kleiderschranks sind in den Farben schwarz, grau und blau gehalten, nur vereinzelt schleicht sich ein weißes, grünes, rotes oder braunes Teil dazwischen. Auch Streifen oder Muster muss man lange suchen, ich habe mir vor ein paar Wochen mein erstes kariertes Hemd seit 1993 gekauft. Ich besitze genau zwei T-Shirts mit Aufdrucken, alle anderen sind uni, auch Logos entdeckt man, von ein paar Krokodilen abgesehen, keine.

Wenn ich in Fragen der Kleiderordnung nicht so sprunghaft wäre, würde ich sagen, dass ich meinen Stil gefunden habe. Dezente Farben, klassische Schnitte, nichts Auffälliges und vor allem: Sitzen muss das Zeug.

In der Vergangenheit war es eher mein Ansinnen, durch meine Klamotten aufzufallen oder zumindest eine gewisse Attitüde zu vermitteln. Das ging schon relativ früh los, so etwa mit 13 Jahren. Da schrieb man das Jahr 1980, im Fernsehen und in Magazinen bekam man vereinzelt Leute zu Gesicht, die anders aussahen als die Schulkameraden. Das inspirierte mich sehr. Leider war der nächste Laden, in dem man solche Sachen bekommen konnte, von meinem damaligen Wohnort auf dem Land in Bayern gefühlte 1000 Kilometer entfernt. Also musste man versuchen, sich aus dem Mainstream-Jeans-Boutiquen Zeug zusammen zu kaufen, das, wenn es entsprechend abgeändert und kombiniert wurde, halbwegs taugte, um damit aufzufallen. Wenn man dann die Frisur noch entsprechend anglich, ging man optisch mit viel Wohlwollen als Großstädter durch. Auch ausrangierte Kleidungsstücke von Papa und Opa konnten den Drang nach mehr Individualität unterfüttern. Enge Hemden, Anzüge und Rollkragenpullover, dazu spitze Schuhe aus den 50ern und 60ern oder Bundeswehrstiefel, das Ganze in gedeckten Farben – damit kam man dem Look der Herrschaften von Bands wie Ultravox , Heaven 17 oder OMD schon sehr nahe.

Ab etwa 1983 sollten die Zustände dann schlagartig nahezu paradiesisch werden. In München gab es endlich einen Laden, der den coolen Fummel verkaufte, den man sonst nur in London bekam. Zusätzlich gab es einige Mailorder-Anbieter, die alles hatten, was das Gruftie-Herz begehrte. Mindestens einmal pro Monat brachte der Postbote ein Paket, dessen Inhalt mich in schiere Verzückung geraten ließ: Schnallenschuhe, Bondage-Hosen, lange schwarze Mäntel, Totenkopf-Ohrringe, Nietengürtel, T-Shirts von The Cure, Joy Division oder Bauhaus, weiße Theaterschminke, Kajalstifte und 1000 andere schwarze Sachen, die mich zu einem Gothic von Welt machten.

Gut fünf Jahre lang frönte ich diesem Stil, durch Bands wie Fields Of Nephilim oder Wall Of Voodoo erfuhr das Ganze dann Ende der 80er eine kleine Veränderung in Richtung Spaghetti-Western-Look. Die Schnallenschuhe wurden ersetzt durch Cowboystiefel, die Haare standen jetzt nicht mehr nach oben, sondern hingen ins Gesicht, die Schminke wurde weggelassen, schwarz als einzig mögliche Farbe blieb hingegen. Darauf sah man auch Staub am besten. Das hatte ich mir nämlich bei Fields Of The Nephilim abgeguckt, weswegen ich stets, bevor ich in die Disco ging, einmal ausgiebig durch eine Straßenbaustelle hirschte.

Der Cowboylook ging dann in die Neo-Psychedelic-Phase über: eine erstaunliche Wende von komplett schwarz zu komplett bunt. Grell gemusterte 70er-Jahre-Hemden, dazu Schlaghosen und Chelsea-Boots sowie zusehends längere (jedoch immer noch blauschwarz gefärbte) Haare rückten mich fast in die Nähe von Hippies. Besonders stolz war ich auf eine Jacke, die so aussah wie jene, die die Beatles zu „Sergeant Pepper“-Zeiten trugen. Meine Brust zierte eine schwere, großgliedrige, silberne Kette, im Freundeskreis wurde diese Kombi zärtlich als „Kasperljack'n mit Bürgermeisterkett'n“ tituliert.

Danach kam Grunge, also karierte Flanellhemden, mottenzerfressene Wollpullis, Armyboots und Levis 501. Ich kaufte fast alles second hand, und weil die Jeans bisweilen schon recht mitgenommen waren, erwarb sich meine Oma, eine gelernte Schneiderin, eine gewisse Expertise darin, die zerfetzten Teile wieder einigermaßen ganz und damit tragbar zu machen. Sie ersetzte die maroden, löchrigen Teile durch heile Flecken und kreierte damit unfreiwillig eine eigentümliche Patchwork-Jeans, die in Szenekreisen so gut ankam, dass sogar Leute aus der großen Stadt bei meiner Oma ihre 501 tunen ließen. Ihre Küche, in der auch die Nähmaschine stand, glich zeitweise einer Jeansfabrik.

Irgendwann hatte ich genug von diesem Slacker-Look. Ich fing plötzlich an, mir wie bekloppt Anzüge zuzulegen, alles, was in meiner Größe in Second Hand Läden herumhing, wurde aufgekauft. Ab Mitte der 90er verdiente ich als Redakteur auch endlich Geld, und so waren Second-Hand-Shops schließlich irgendwann passé. In diesen Zeiten war der Rummel um Designerfummel sehr groß, und auch ich ging dem Hype voll auf den Leim. Helmut Lang, Prada, Patrick Cox, Paul Smith oder Hugo mussten schon sein, und es sollte zwei Jahre dauern, bis ich erkannt habe, dass der Kram in jeder Hinsicht vollkommen überteuert ist. Da waren meine EC- und Kreditkarten allerdings schon vom Geldautomaten einbehalten worden. Also zurück in die Gebrauchtläden, um dort vorzugsweise Vintage-Sport-Klamotten zu kaufen. Man sah mich fortan vermehrt in Trainingsjacken  und Polo-Shirts rumlaufen – die letzte erkennbare Phase.

Seit zwei Jahren regiert nun die Schlichtheit. Nur ganz vereinzelt finden sich in meiner Garderobe noch Sachen von Designern, dann allerdings eher skandinavische wie Tiger Of Sweden oder Filippa K., die eher unaufgeregte, erschwingliche Mode machen. Das Schuhwerk kommt ausnahmslos von Adidas, Nike oder Converse, für den Notfall stehen auch noch zwei Paar schwarze Lederstiefeletten herum.

Alles in allem merkt man meinem Kleidungsstil schon an, dass ich nicht mehr 14 bin. Wäre ich HipHopper, wäre das wahrscheinlich anders, da rennen 40-Jährige noch genau so rum wie 14-Jährige. Und auch Mama und Tochter kaufen ja längst zusammen bei H&M ein. Generell ist es wohl nicht mehr möglich, an den Klamotten den Grad des Erwachsenseins abzulesen. Sich mit Anzug und Krawatte wir ein 40-Jähriger zu kleiden oder mit Jeans und Baseballkappe wie ein 15-Jähriger, das ist mittlerweile eher eine Frage des Stils – und steht unabhängig vom Alter allen offen.

Alles geht, und das ist auch gut so. Krawatten binden werde ich trotzdem nie lernen.

Das war's EM-Rückschau

Soll man keine 24 Stunden nach einem verlorenen Finale einen EM-Rückblick schreiben? Nein, lieber noch einmal schlafen und ausweinen. Dann ist der Blick klarer.

48 Stunden später. Noch immer fühle ich diese Leere, die nach dem Ende solcher Ereignisse stets da ist, und sie ist natürlich noch viel schlimmer, wenn ein Endspiel verloren wurde. Aber auch ohne diesen Umstand ist da immer dieses große Nichts. Drei Wochen lang hatte ich eine riesengroße Entschuldigung dafür, an Fußball nicht interessierte Freunde zu ignorieren, nicht zum Sport zu gehen, einfach nichts zu machen, was meine volle Konzentration auf die EM stören könnte. Mein Motto war wie immer „Alle Spiele, alle Tore“. Da haben Zahnarzt, Steuerberater, Automechaniker, Friseur und wie sie alle heißen einfach keine Chance – auch wenn sie ihre Dienstleistungen ausnahmslos zu Tageszeiten anbieten, in denen keine Spiele stattfinden. Egal, denn in diesen drei Wochen herrscht bei mir ein vollkommen anderer Bewusstseinszustand vor, und der duldet keinerlei Beeinträchtigung durch Alltagsquatsch. Ich war eh schon verwirrt genug, als nach der Vorrunde die 18-Uhr-Spiele wegfielen, ganz zu schweigen von den vier komplett spielfreien Tagen. Mehr Störungen meines EM-Biorhythmus´ wären keinesfalls zumutbar gewesen.

So verhält es sich, seit ich denken kann. Was meine Wahrnehmung von Fußball und solch großen Turnieren betrifft, zogen die Jahre spurlos an dieser vorbei. Ich habe immer noch ein Panini-Album (dafür ist man nie zu alt), ich mache immer noch bei möglichst vielen Tippspielen mit und wenn Deutschland spielt, erhöht sich meine Körpertemperatur immer noch um gefühlte 20 Grad. Wenn irgendwie möglich, will ich auch mindestens ein Spiel im Stadion sehen.

Die Entwicklungen, die der Fußball in den letzten 30 Jahren erfahren hat, nehme ich aber trotz meines Traditionsbewusstseins zur Kenntnis. Insofern spielt bei diesem EM-Rückblick auch der Einst-Jetzt-Gedanke eine Rolle.

1. Die EM in sportlicher Hinsicht
Ich handle diesen Teil in der gebotenen Kürze ab. Zum einen bin ich keine Sportzeitung, zum anderen habe ich selbst nicht mitgespielt. Zunächst: Keine Frage, Spanien ist verdient Europameister geworden. Teilweise war es eine echte Offenbarung, dem Team beim Kicken zuzusehen. Keine andere Mannschaft spielte so konstant schönen, erfolgreichen und modernen Fußball. Überhaupt war die EM auf sehr hohem Niveau, wenn man sich noch einmal vergegenwärtigt, was außer den Spaniern die Niederländer, Russen, Portugiesen und ja, in einem Spiel auch die Deutschen in ihren guten Momenten auf den Rasen zauberten. Die vollkommen irren Türken gab es ungefragt noch als wahnwitzige Zugabe. Sehr gefreut habe ich mich auch darüber, dass die Maurermeister endlich abdanken mussten. Die Zeiten, in denen destruktive Gurkentruppen wie Griechenland Europameister oder zynische Ergebnisfußballer wie Italien Weltmeister wurden, sind damit hoffentlich ein für alle Mal vorbei.

2. Die Berichterstattung
Dieses Auge beim ZDF hat mir bis zuletzt Angst gemacht. Erst hab ich gar nicht kapiert, was das soll. Ich dachte, es hätte irgendwas mit diesem ´Mit dem Zweiten sieht man besser´-Slogan zu tun, aber es war ja nur dieses eine Auge, und es war sehr groß und dominant und nicht schön. Wenn Johannes B. Kerner im weiteren Verlauf nicht in jeder Sendung gefühlte einhundert Mal ausgeführt hätte, dass das ZDF live aus der Bregenzer Seebühne sendet und dass in dieser Kulisse im Juli und August ´Tosca´ gespielt wird, würde ich mich heute noch fragen, wer auf so einen Scheiß kommt.

JBK, Kloppo und der Schweizer Schiri verabschiedeten sich mit dieser EM ja auch als Expertentrio. Um Jürgen Klopp tut es mir leid, ich habe ihm stets sehr gerne bei seinen transparenten Erklärungen zugehört. Guter Mann, mit Ahnung, Charme und Humor. Urs Meier werde ich nicht vermissen. Seine Statements machten nur Sinn, wenn es galt, eine strittige Schiedsrichterentscheidung zu bewerten. Aber da zu diesem Zeitpunkt eh schon längst nicht mehr daran zu rütteln war, brauchte man das auch nicht so wirklich. Über Kerner muss man nicht mehr viel sagen. Nicht umsonst gibt es mittlerweile Ausdrücke wie voll-, an- oder rumkernern. Erfreulich fand ich beim ZDF, dass man nach der Vorrunde Poschmann und Wark vom Kommentatorenplatz entfernte und die Sache fortan Béla Réthy überließ, der seit Jahren in meiner Geringste-Übel-Top 5 einen festen Platz hat. Phasenweise verliert er ein bisschen die Übersicht, aber durch seine Erfahrung wetzt er die meisten Scharten aus. Seine Sternstunde hatte er unfreiwillig beim Sendeausfall während des Deutschland-Türkei-Spiels. Da geriet er ins Schwimmen und produzierte dabei unterhaltsame Krachersätze wie diesen: „Wenn sie jetzt einen Mann mit Vollbart sehen, wissen sie, dass sie wieder ein Bild haben“. Derweil trabte Metzelder von links nach rechts, herrlich.

Insgesamt fühlte ich mich bei der ARD besser aufgehoben. Tom Bartels war schon zu Premiere-Champions-League-Zeiten mein unangefochtener Lieblingsreporter, vollkommen zu Recht hat er und nicht Steffen Simon das Finale kommentiert. Prima auch, dass Beckmann sich deutlich zurück gezogen hat. Er durfte nur noch einmal in der Vorrunde unangenehm auffallen, als er zum einen seinen Experten Mehmet Scholl ständig unterbrach, zum anderen nicht davon ablassen konnte, schmierige Bemerkungen hinsichtlich Monica Lierhaus´ Äußerem zu machen. Finster.

Delling und Netzer schaukelten die Sache gewohnt souverän. Natürlich kennt man das inzwischen, dennoch war ihr reduziertes Miteinander in einem schlichten Studio ein erfrischend sachlicher Gegenentwurf zu dem Alarm-Heckmeck, den das ZDF aus der beknackten Seebühnen-Arena abfeuerte.

3. Die Fankultur
An die Deutschland-Fähnchen an den Autos habe ich mich während der WM 2006 gewöhnt. Stören mich nicht großartig, es sei denn, mir kommt auf der Autobahn bei 150 Sachen ein herrenloses Exemplar entgegen geflogen. Ich persönlich besitze keine schwarz-rot-goldenen Irokesenperücken, Hula-Kettchen oder Cowboyhüte, ich hab noch nicht mal ein Deutschland-Trikot, aber wenn man jeglichen nationalistischen Unsinn außen vor lässt und das Ganze als unbeladenen Zugehörigkeitsnippes begreift, geht das schon in Ordnung, zumal im Stadion, denn die Spieler wollen ja schließlich erkennen können, in welche Kurve sich nach Spielende laufen sollen.

Ich habe mich mittlerweile auch damit arrangiert, dass sich während einer WM oder EM augenscheinlich plötzlich weitaus mehr Menschen für Fußball zu interessieren scheinen, als dies sonst der Fall ist. Das ist prinzipiell okay, denn Fußball hat immer noch mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man sich als denkender Mensch permanent dafür rechtfertigen musste, einer derart stumpfen Proletenveranstaltung auf den Leim gegangen zu sein. Insofern bin ich für jeden neuen Verehrer der besten Sportart der Welt dankbar, denn sie hat ihn verdient. Und wenn im Zuge eines Hypes ganz viele Jungs in Fußballvereine eintreten, anstatt weiter irgendwelchen Trendsportarten zu frönen, kommt das dem großen Ganzen bestimmt zugute.

Wenn es nun aber darum geht, wen ich beim Gucken eines Spiels in meiner unmittelbaren Nähe haben will, bin ich da schon nicht mehr ganz so tolerant. Oder anders: Ich verabscheue Public Viewing. Ich habe es bei dieser EM zweimal versucht, einmal freiwillig, einmal zwangsweise, und beide Male habe ich mir das gedacht, was ich mir immer denke, wenn ich beim Public Viewing lande: „Warum muss ausgerechnet ich immer neben so planlosen, lauten und nervigen Arschlöchern stehen?!“ Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Dass Fußball nicht mehr nur der reine Sport, sondern längst schon Gegenstand einer ausufernden Eventkultur ist, nehme ich zwar kritisch zur Kenntnis. Dennoch kann ich nachvollziehen, wie es dazu gekommen ist und verkneife mir an dieser Stelle deswegen auch wehmütige Kommentare. Die Entwicklung ist eh nicht mehr aufzuhalten, damit muss man also klar kommen. Nur: Brauchen tu ich persönlich das alles nicht. Deshalb bleibe ich mit Leib und Seele der Private-Viewing-Typ, weil ich es auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ich Fußball mit Menschen gucken muss, die davon nichts verstehen. Da ziehe ich die handverlesene Kleinstgruppe, mit der ich zuhause die Spiele verfolge, vor. Außerdem schmeckt meine selbstgegrillte Bratwurst besser, das Bier ist kälter und anstehen muss ich auch nirgends.

Im Stadion war ich auch. Ich hatte tatsächlich ein Ticket für Deutschland gegen Österreich ergattert. Auch dort herrschte für meinen Geschmack etwas zu viel Remmidemmi, zumindest vorm Spiel. Singen in der Kurve muss sein, aber ständig wurde der wahre Fan dabei gestört. Entweder es lief "Hey Baby" von DJ Ötzi in brachialer Lautstärke (oder, noch kranker, "Viva Colonia", als die deutschen Spieler zum Warmmachen rauskamen), oder man wurde bereits VOR dem Spiel zur La-Ola genötigt oder das EM-Logo musste auf den Zuschauerrängen einmal durchs komplette Stadion weitergereicht werden. Ich kam mir vor wie bei einem obstlergeschwängerten Après-Ski-Hüttenzauber, und zwischendurch musste ich mich echt kneifen, um sicher zu sein, dass hier gleich ein entscheidendes, hochbrisantes Match einer Fußball-Europameisterschaft steigt.

Während des Spiels war dann alles soweit wieder in Ordnung. Es wurde ordentlich gesungen. Meine Top 3:
1. Deutsche Fans: „Fußball ist kein Wintersport, shalalalala…“
2. Deutsche Fans: „Ihr könnt zuhause bleib´n, ihr könnt zuhause bleib´n…“
3. „In Europa kennt euch keine Sau!“ Antwort der Österreicher: „In Europa mag euch keine Sau!“
Aufgrund der Seilschaften und Irrwege, die das Ticket zu mir gelangen ließen, konnte ich allerdings selbst nicht mitsingen, denn ich saß im österreichischen Block. Was spätestens sonnenklar war, als ich bei Ballacks Tor als Einziger in Umkreis von 50 Metern stand und jubelte. Gestanden wurde im Stadion eh nicht, aber das ist eine Entwicklung, an der der konsequente Abbau von reinen Stehplätzen in Fußballstadien gewiss nicht unschuldig ist. Ich stehe gerne beim Fußball. Das mache ich auch die meiste Zeit, wenn ich zuhause gucke. Da hat man eine ganz andere Körperspannung und muss beim Jubeln und Ärgern nicht extra aufspringen. Nach dem Spiel wurde dann bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, Österreicher mit Deutschen, fürwahr ein schöner Abend.

Es war also wieder mal alles drin und alles dran bei dieser EM. Sie hat mir genau so viel Freud, Leid, Spaß und Ärger wie alle anderen vorher bereitet. Alles kommt, alles geht, nur der Fußball bleibt.

Liebeserklärung - Das traurigste Mixtape der Welt

Kassetten sind unpraktisch. Aber kein Liebesbrief sagt mehr aus, als eine mühsam komponierte Kassette mit handgemaltem Cover

Ich bin neulich im Internet auf eine lustige Seite gestoßen: muxtape.com . Das Prinzip ist einfach. User stellen ein MP3-"Mixtape" aus bis zu 12 Tracks zusammen, die anderen Mitglieder können es anhören. Und wie es sich für ein Mixtape gehört, handelt es sich nicht um Dance-Mixes, sondern Songkollektionen mit verschiedensten Themen und Mottos. Nette Spielerei, und doch fragte ich mich sofort: Weiß eigentlich noch jemand, was eine Kassette ist – beziehungsweise war ?

Keine Angst, das wird jetzt kein Nostalgie-Gelaber, aber wenn von einem Mixtape die Rede ist, neige ich nach wie vor dazu, das Ganze wörtlich zu nehmen. Hier ist ein Tape, also eine Kassette, und hier sind die Lieder, die da drauf kommen.

Natürlich ist das alles saumäßig unpraktisch. Es klingt zudem mies, weil das Rauschen auch mit Dolby nicht wegzubekommen ist, und wenn man das Ding zu oft gehört hat, sind die Höhen weg, es gibt Dropouts und Schlierengeräusche, irgendwann reißt dann schließlich das Band vollends, und wenn man es mit Klebeband oder Uhu flickt, ist es erst recht kein Hörvergnügen mehr.

Dennoch habe ich bis heute nicht mit dieser Tradition gebrochen. Zu meiner Stereoanlage gehört noch immer ein Kassettendeck, und wenn ich jemand mit Musik beschenke, passiert das unverändert in Form eines Tapes, auch wenn ich zunehmend direkt einen auf dem Flohmarkt gekauften Walkman dazuschenken muss, weil die Person sonst nie erfahren würde, was sich auf dem Tape befindet. Selbst Autoradios mit Kassettenteil sind weitestgehend ausgestorben.

Schon CD-Mixes ernteten nur meinen Argwohn, bei MP3s steige ich nun allerdings vollends aus, denn da fehlt mir ein äußerst wichtiger Bestandteil, nämlich das Cover. Meine waren stets selbstgeklebt oder selbstgemalt, wobei letzteres selten ästhetischen Minimalanforderungen genügte, denn ich bin ein miserabler Maler. Wenn auf Empfängerseite viel Wohlwollen im Spiel war, konnte es höchstens als naive Kunst durchgehen, meistens gab es aber als einzigen Kommentar ein leidlich vernichtendes "Süß!". Na ja.

Einmal übersandte ich der Dame meines Herzens ein Mixtape mit dem Titel "Nah am Wasser". Unsere Liaison war von allerlei Schwierigkeiten geprägt, sagen wir ruhig, es war alles ganz schön zum Heulen, weswegen sich auf der Kassette ausschließlich unfassbar traurige Songs befanden, in deren Texten am laufenden Band die Worte "cry", "tear" oder "weep" auftauchten. Die Coverillustration zeigte uns beide auf einem Felsen stehend und ins Meer heulend. Mich erkannte man nur an den drei Streifen auf den Schuhen, sie nur an ihrem Stern-Tattoo. Der Rest war Gekrakel, hoffentlich hat das Tape nie jemand außer ihr gesehen. Mit dem Artwork konnte ich jedenfalls nie punkten, insofern hing der Erfolg also fast ausschließlich von der Songauswahl ab.

Ihr merkt schon, ich rede inzwischen nur noch von den Mixtapes, die ein Junge für ein Mädchen macht. Natürlich habe ich unzählige Mixtapes für mich selbst gemacht, es gab nahezu ein Mixtape für jede meiner Lebenslagen, auch für meine Kumpel habe ich viele zusammen gestellt, wobei das Ganze unter Jungs eher so ein Nerd-Ding unter der Vorgabe ist, wer dem anderen mehr Songs unterjubeln kann, die er noch nicht kennt.

Doch die Königin unter den Mixkassetten ist jene, die für eine Dame gemacht wird. Die erste tackerte ich mit etwa 13 Jahren zusammen. Ich hatte zu dieser Zeit erst drei oder vier Platten, also musste ich die Songs von den Tapes, die ich vom Radio aufgenommen hatte, auf das andere Tape übertragen. Ich verband dazu meinen und den Kassettenrekorder meines Bruders mit einem sogenannten Überspielkabel. Das war mühsam und klang am Ende beschissen. Aber der gute Wille zählte, und das beschenkte Mädchen fand die Aktion auch richtig heiß.

Derart ermutigt mutierte ich in den folgenden Jahren zum Mixtape-Maniac. Ich fing schon bald an, mir ein Song-Archiv aufzubauen, in dem die Stücke nach Stimmung, Anlass, Textinhalt und vielen weiteren Kategorien katalogisiert waren, so dass ich stets das Optimale rausholen konnte.

Grundsätzlich gilt: Mixtapes sollen viel über ihren Macher aussagen, dabei aber gleichzeitig Interesse an und Respekt vor der beschenkten Person signalisieren. Insofern galt es zum Beispiel festzulegen, welche Songs sich für einen perfekten Einstieg eigneten und welche eher für einen bedeutungsschwangeren Schluss. Auch wichtig: Verstand man, was der Typ da sang? Ist der Songtitel auch ja nicht irreführend?

Wobei das mit den Titeln und Texten, so gesehen also der kompletten Beschriftung des Innencovers, sich in den meisten Fällen als komplett überflüssig herausstellte, denn wenn es von Mädchenseite mal eine weiterreichende Rückmeldung als "Danke" gab, dann lautete diese stets so ähnlich wie "Das dritte Lied fand ich am schönsten".

Wahrscheinlich hätte ich mir auch den ganzen anderen Frickelquatsch sparen können. Zum Beispiel das Aus-Timen. Mittels kompliziertem Rumgerechne versuchte ich stets, am Ende jeder Seite möglichst wenig unbespieltes Band übrig zu lassen. Im Idealfall begann direkt nach dem letzten Ton das Leerband, sechs Sekunden später machte es dann "klack" und das Tape war zu Ende. Den letzten Song auszufaden ging nicht, weil man damit dem Stück weh tat, außerdem hatte ich eh kein Mischpult, das mir dies technisch ermöglichte. Erschwerend kam hierbei hinzu, dass eine Seite einer C90-Kassette je nach Hersteller unterschiedlich lang war. Exakt 45 Minuten waren es nie, weswegen es unerlässlich war, das Band erst mal leer durchlaufen zu lassen und dabei die Zeit mitzustoppen. Ich war zweifelsohne sehr glücklich, als irgendwann Tapedecks mit Echtzeitzählwerk auf den Markt kamen.

Ebenfalls nicht undelikat: die Bedienung der Pausentaste. Ich hatte mir im Laufe der Zeit diesbezüglich eine große Fingerfertigkeit erworben. Der Zweck der Übung war, das Klickgeräusch, das die Aktivierung dieser Taste zu Beginn des Aufnahmevorgangs verursachte, weitestgehend unhörbar zu machen. Ich kann auch nicht genau erklären, wie ich das immer geschafft habe, man muss das wirklich auch jahrelang trainieren. Mittlerweile herrscht zwischen der Pausentaste meines Kassettenteils und mir fast eine zärtliche Liebesbeziehung.

Weitere selbstauferlegte Regeln beim Mixtapen waren und sind: Nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Das erklärte Liebeslied des Mädchens als ersten Track zu wählen, würde wohl in den meisten Fällen bedeuten, dass sie die Kassette nie über diesen Track hinaus hören wird. Also ab damit ans Ende, aber auch nur, wenn er zum vorletzten Stück passt.

Außerdem: Niemals zwei Songs von einem Künstler, das könnte ja einfallslos wirken. Und: Nicht zu viele total unbekannte Stücke, das könnte die Hörerin überfordern, aber auch nicht zu viele bekannte, weil das sonst am Auskenner- und Heldenstatus kratzen könnte.

Weitaus schlimmer als das Ignorieren dieser technischen und theoretischen Mühen fand ich jedoch, wenn die Empfängerin in keinster Weise die narrative Struktur und die ausgefeilte Dramaturgie meiner Arbeit erkannte. Kassettenspieler haben gegenüber CD- und MP3-Playern zumindest hinsichtlich eines Mixtapes einen großen Vorteil: Man kann nicht skippen. Vorspulen ja, aber das ist mühsam, insofern werden Mixkassetten in der Regel an einem Stück gehört, und genau dieser Umstand ist der Schlüssel für einen nicht zufälligen Aufbau. Ein Mixtape zu machen ist, wie Nick Hornby in seinem Roman "High Fidelity" ganz richtig feststellte, wie einen Brief zu schreiben. Man löscht Dinge, man denkt noch mal darüber nach, man fängt von vorne an, alles, um am Ende genau das Richtige gesagt zu haben.

Und weil das so ist, war ich einmal auch sehr beleidigt. Ich fuhr bei einem Mädchen, dem ich eine Kassette geschenkt hatte, im Auto mit. Sie machte das Radio an und fingerte in der Ablage nach einem Tape. Zu meiner großen Freude zog sie meins raus, ich erkannte es sofort wieder, weil ich nicht nur das Cover, sondern auch die Kassette selbst künstlerisch gestaltete. Doch was musste ich hören? Es war nicht mehr meine Musik drauf, die blöde Kuh hatte sie doch tatsächlich mit irgendeinem anderen Quatsch überspielt. Und es kümmerte sie noch nicht mal, dass ich das jetzt mitbekam. Dabei hätte ich doch wie immer die Laschen zur Löschsperre herausgebrochen! Das raffinierte Luder muss die so entstandenen Einkerbungen mit Tesa überklebt haben!

Das alles ist wirklich so, als würde man die Rückseite eines Liebesbriefes erst mit einer Einkaufsliste beschreiben, um ihn dann noch im Supermarkt wegzuschmeißen. Klar, dass diese Dame niemals mehr ein Mixtape von mir bekam, überhaupt wollte ich sie nach diesem Vorfall nicht mehr wiedersehen.

Ich weiß nicht, was aus all den Mixtapes geworden ist, die ich in den letzten fast 30 Jahren verschenkt habe. Besonders das Schicksal einer ganz bestimmten Kassette würde mich brennend interessieren. Es ist das einzige Exemplar, von dem ich für mich selbst eine Kopie gemacht habe, weil das Erstellen dieses Mixtapes so intensiv war, dass ich das irgendwie konservieren wollte. Es stammt aus dem Jahr 1997 und heißt: "Das traurigste Tape der Welt". Das Cover ist recht schlicht gehalten. Auf schwarzen Hintergrund ist ein weißes Smiley gemalt, allerdings sind die Augen ein "X", die Nase fehlt und die Mundwinkel zeigen nach unten - was das Ganze dann wohl eher zu einem "Sady" macht, falls es so etwas gibt.

Das Tracklisting lautete wie folgt:

A
1) Spiritualized - Broken Heart
2) Mazzy Star - Into Dust
3) The Smiths - Asleep
4) Swans - Failure
5) Christian Death - Gloomy Sunday
6) Jeff Buckley - Hallelujah
7) Joy Division - Atmosphere
8) This Mortal Coil - Song To The Siren
9) Leonard Cohen - Avalanche
10) The Verve - History


B
1) Nine Inch Nails - Hurt
2) Portishead - Roads
3) Coil - Tainted Love
4) Blur - This Is A Low
5) The Cure - Cold
6) Mojave 3 - Mercy
7) New Order - In A Lonely Place
8) Smog - Wild Love
9) Japan - Night Porter
10) Dead Can Dance - Anywhere Out Of The World
11) Radiohead - Exit Music (For A Film)


Ich habe es schon lang nicht mehr geschafft, das komplette Tape am Stück zu hören. Das werte ich an dieser Stelle mal als gutes Zeichen.

Jugendliebe - Teenage Kicks

Mein erstes Mal? Das war kein Sex, sondern ein Massaker. Die ganze Geschichte von Elke, Claudia, Petra, Ingrid, Heike, Dagmar, Sabine und Sophie Marceau

In den vergangenen Tagen wurde ich durch zwei Dinge an meine zwischenmenschlichen Erfahrungen als Jugendlicher erinnert: Zum einen gibt es da diese tolle neue Album von M83 mit dem verheißungsvollen Titel Saturdays = Youth .

Zum anderen erreichte mich die Anfrage eines Autors, der ein Buch zum Thema Filmfrauen, die man einst liebte, zusammenstellt. Ich musste nicht lange überlegen, wer das in meinem Fall war: Sophie Marceau. Ihretwegen rannte ich 1981 innerhalb von zwei Wochen vier Mal ins Kino, um mir La Boum - Die Fete anzusehen. Sie war es, die ein vollkommen neues Bild von Mädchen bei mir schuf.

Denn schön war das nicht, was sich diesbezüglich in einem bayerischen Dorf zu Beginn der achtziger Jahre bot. Aber man kannte es ja nicht anders, und so ließ man sich klaglos mit Mädchen ein, deren Frisur, Klamottenstil und Musikgeschmack sehr diskussionswürdig waren.

Meine erste Freundin hieß Elke. Sie hatte herausgewachsene Dauerwellen, rötlich blond gefärbt. Ihre Lieblingshosen waren violett-schwarz-längsgestreifte Stretchjeans, sie hörte Foreigner , Journey und Saga , dazu alles aus den Charts. Eigentlich waren wir gar nicht richtig zusammen. Eine ihrer Freundinnen hatte mich gefragt, ob ich mit Elke "gehen will". Ich ließ ausrichten: "Hm, na ja, von mir aus..." und stand deswegen in den folgenden drei Wochen auf dem Pausenhof neben ihr.

Sonst war da nichts. Kein Knutschen, nicht mal Händchenhalten. Eines Tages erschien Elke nicht mehr und ließ mir durch ihre Freundin ausrichten, dass Schluss sei. Einigermaßen konsterniert erzählte ich meinen Freunden davon, die daraufhin sagten: "So ’ne Nutte!" Ich wusste mit 13 noch nicht, was eine Nutte ist, beschloss allerdings Elke zu sagen, sie wäre eine, schließlich hatten meine Freunde offenbar Ahnung von der Materie. Daraufhin nannte sie mich einen Zuhälter. Selbstredend hatte ich wieder keinen Plan, was sie mir da sagen wollte.

Als nächstes versuchte ich bei der feschen Claudia mein Glück. Sie war meine Partnerin in der Tanzschule. Auch das war früher oder später gleichbedeutend mit einem Techtelmechtel, vor allem, nachdem sie mir auch bei der Damenwahl ihre Zuneigung signalisiert hatte. Dann kam der Abschlussball. Ich hatte ihn herbei gesehnt. Nicht nur, weil das Scheiß-Paargetanze (das ich wie die Pest hasste) danach endlich vorbei wäre, sondern auch, weil dieser Ball traditionell aus Tanzpaaren echte Paare werden ließ.

Nicht so bei Claudia. Auf meine Frage: "Willste mit mir gehen" entgegnete die blöde Kuh doch tatsächlich: "Ja, aber nur, wenn wir beim Abschlusscontest gewinnen und du dann noch den Aufbau-, Silber- und Goldkurs mit mir machst!" Ich ließ mich nicht erpressen. Die konnte mich mal, so viel stand fest. Danach kam Ingrid und mit ihr mein erster, na ja, Zungenkuss.

Hinter Ingrid war das halbe Dorf her, dem Vernehmen nach in erster Linie aufgrund der Tatsache, dass sie mit 14 schon einen BH trug und diesen augenscheinlich auch dringend brauchte. Auf der Kirmes fragte ich sie mit klopfendem Herzen, ob sie mit mir Autoscooter fahren wolle. Sie nickte, und auch diese Geste war gleichbedeutend damit, dass wir miteinander gingen.

Dabei war Autoscooter eine kritische Kiste. Im Jahr davor hatte ich mein Glück bei Petra versucht. Auch sie fuhr mit, allerdings ging sie danach nicht mit mir, weil mir während der Fahrt ein kleines Malheur passierte. Ich wollte besonders cool sein und nur mit einem Arm lenken, in diesem Fall dem rechten. Sie saß rechts neben mir. Nach einem Frontalzusammenstoß prallte mein Arm vom Lenkrad zurück, woraufhin ich ihr mit dem Ellbogen zwei Schneidezähne ausschlug. Sie redete jahrelang nicht mehr mit mir.

Mit Ingrid lief alles glatt. Wir verzogen uns danach Richtung Kettenkarussell. Ich lehnte an einer Brüstung, sie stellte sich vor mich hin, umschlang mich, presste ihre Lippen auf meine und steckte mir ihre Zunge in den Mund. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ihre Zunge war klein und fest, sie kreiste damit irre schnell um meine herum. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mit einem Kanarienvogel knutschen.

Jedenfalls war ich in erster Linie damit beschäftigt, ihrer Zunge auszuweichen und meine seitlich hinten in meinem Mund zu verstecken. Offenbar war Ingrid von meinen Küsserqualitäten ähnlich wenig überzeugt wie ich von ihren, jedenfalls erschien sie immer öfter nicht bei Verabredungen, sondern schickte stattdessen ihre beste Freundin Andrea. Die rückte stets mit einem Kinderwagen an, in dem sie das Baby ihrer Tante rumschob. Sie holte mich dann zum Spazierengehen ab, was natürlich im Dorf eine Unmenge blöder Bemerkungen nach sich zog. Schon allein deswegen war ich gezwungen, mit Ingrid Schluss zu machen.

Ich musste irgendwie raus aus dem Kaff und suchte mir deswegen eine Freundin aus dem Nachbarort, nämlich die hübsche und smarte Heike. Mein Kumpel und ich hatten sie mit ihrer besten Freundin im Freibad kennengelernt. Die Freundin war für ihn, Heike für mich.

Erstaunlicherweise konnten wir bei ihnen landen, obwohl wir kein Mofa, oder (noch besser) ein Mokick, oder (am allerbesten) einer 80er besaßen. Denn ein motorisiertes Zweirad war eigentlich Grundvoraussetzung für solche Hauptgewinne.

Eines zu haben wäre in der Tat auch nicht schlecht gewesen, denn die sieben Kilometer Geradel über Wald und Wiesen gingen mir ziemlich schnell auf die Nerven. Busverbindung gab es keine, und bei ihr zu übernachten, um dann von dort aus am nächsten Tag gemeinsam nach Ingolstadt in die Schule zu fahren, fiel auch aus, weil ihre Eltern das untersagten. Trotzdem schaffte ich es mit Heike eines schönen Nachmittags, das erste Mal „Petting zu machen“.

Mit dem ersten Sex sollte es noch eine Weile dauern, denn mein vermeintliches erstes Mal war ein solcher Reinfall, dass man es eigentlich nicht zählen darf. Mache ich aber trotzdem.

Sie hieß Dagmar und war in diesem Sommer 1983 mein Urlaubsflirt. Schon früh fanden wir während der dreiwöchigen Ferien auf einem Campingplatz in der Nähe Jesolos zusammen, wir hatten also genug Zeit, die ganz große Sache zu planen. Es wäre für uns beide eine Premiere gewesen, und so wollten wir nichts dem Zufall überlassen.

Unsere jeweiligen Wohnwagen waren Sperrgebiet, weil wir ständig damit rechnen mussten, dass die Eltern auf der Matte standen. Strand war auch schwierig, weil sich da selbst nachts zu viele Leute rumtrieben. Die Idee war daher, sich in dem Sportpark einsperren zu lassen, der zum Campingplatz gehörte. Der machte nämlich mit Einbruch der Dunkelheit dicht. Also versteckten wir uns so lange, bis alle draußen waren und der Wachmann abgeschlossen hatte. Damit man ermessen kann, was dann geschah, ist an dieser Stelle ein kleiner Einschub nötig.

Um der Mückenplage in diesen Breitengraden Herr zu werden, fuhr jeden Abend ein kleines Wägelchen zwischen den Zelten und Wohnwagen hindurch und sprühte Insektenvernichtungsmittel in die Baumkronen. Das stank zwar fürchterlich und war gewiss auch nicht gesund, wenn es einem in die Spaghetti rieselte, zeigte aber Wirkung. Der Sportpark jedoch war verständlicherweise von dieser Maßnahme ausgenommen.

Nun sind Mücken ja nicht doof, und so hatten wir schnell den Eindruck, dass zusätzlich zu den ohnehin schon zahlreich im Park versammelten Exemplaren noch die Schlaumeier-Kollegen vom Campingplatz herüberflogen. Ich konnte gar nicht mehr zählen, wie oft ich während des Vorspiels zunächst diskret und von Daggi nahezu unbemerkt, später ziemlich wutentbrannt und offensichtlich eine Mücke totschlug.

Spätestens nach einem Stich in meinen Po fiel es mir zusehends schwer, mich im Zustand der Erregung zu halten. Als dann auch noch direkt vor meinen Augen eine dieser Bestien ihren Stachel genau in den rechten Nippel von Dagmar rammte, war der Ofen komplett aus. Traurig hing das Kondom an mir, wir waren beide übersäht von Einstichen, es juckte fürchterlich. Sex konnte man das nicht nennen, es war eher ein Massaker.

Das volle störungsfreie Vergnügen sollte ich ein Jahr später, also mit 17 haben. Mit Sabine zog ich zwischenzeitlich das große Los. Sie war anderthalb Jahre älter als ich und hatte schon ein Auto! Das war natürlich für mich, der immer noch nichts anderes als ein Fahrrad lenken durfte, der Knaller. Allein die neidischen Blicke meiner Klassenkameraden, wenn sie mich in ihrem schicken Renault von der Schule abholte, waren den Spaß wert.

Dummerweise hatte Sabine nicht nur im Straßenverkehr einen gewissen Erfahrungsvorsprung. Natürlich tat ich so, als hätte ich schon mit 57 Frauen geschlafen. Dass das nicht sein konnte, merkte die forsche Sabine aber ganz schnell. Ich hatte wirklich keinen Plan, und dieser Umstand trieb mir bei jeder körperlichen Annäherung – und sie ging wirklich ganz schön ran – die Schweißperlen auf die Stirn. Nach zwei Monaten machte ich Schluss, mir war der Stress einfach zu viel.

Ihr seht schon, während meiner Adoleszenz ließ mein Beziehungsleben einiges zu wünschen übrig. Nicht nur aus diesem Grund war in all diesen Jahren eine Dame unterschwellig stets präsent. Ich schwärmte für sie wegen ihrer dauerwellenlosen Haare, ihres kecken Ponys, ihrer strahlenden Augen und ihres sinnlichen Mundes. Sie trug auch viel coolere Klamotten als die Dorfpomeranzen, besonders ihre Adidas-Jacke hatte es mir angetan. Zudem war sie nur ein halbes Jahr älter als ich und damit genau meine Kragenweite.

Warum konnte es hier keine wie sie geben? Ich hatte Poster von ihr an den Wänden und versuchte, anhand verschiedener Filmszenen heraus zu finden, wie groß sie denn wohl sei. Da ich eher kurz geraten war, verunsicherte es mich, dass sie deutlich größer als ihre beste Freundin und fast so groß wie ihr Freund war. Aber ich war lustig und konnte gut Fußball spielen, das würde neben all den anderen Defiziten gewiss auch den Umstand kompensieren, dass ich kein Französisch konnte. Ich schrieb ihr trotzdem, natürlich auf Deutsch, in der Hoffnung, dass ihr jemand meine feinfühligen Zeilen übersetzen würde. Zurück kam nur ein gedrucktes Autogramm. Egal, denn zwischen 13 und 17 war sie meine Nummer Eins.

Und damit wären wir wieder bei Sophie Marceau. Damals hätte zu ihr und mir prima ein Song gepasst, der sich jetzt, über 25 Jahre später, auf Saturday = Youth befindet. Nämlich We Own The Sky , mit den Textzeilen: "Each shade of blue is kept in our eyes. Keep blowing and lighting, because we own the sky."

Wenn Opa in die Disko geht

Rockstars im Rentenalter führen sich auf wie Achtzehnjährige und ich moderiere mit vierzig immer noch bei MTV. Brauchen wir eine Alterspolizei für Berufsjugendliche?

"Mehr Zeit zu leben – Chancen einer alternden Gesellschaft". So lautet das Motto der aktuellen ARD-Themenwoche. Und weil ich in Berlin bei Radio Eins, einem ARD-Sender, eine Popkultur-Radiokolumne mache, sollte auch ich mich darin zur Sache äußern, und zwar im Hinblick auf nicht altern wollende Rockstars.

Als erste fallen einem da die Rolling Stones ein. Mick Jagger wird zwar dieses Jahr 65 und muss bei Konzerten die Texte und den jeweiligen Auftrittsort vom Teleprompter ablesen, dennoch springt er auf der Bühne nach wie vor herum wie ein Achtzehnjähriger. Auch die Herren von Kiss, Led Zeppelin, The Police oder Genesis beweisen in diesen Tagen, dass sie nur auf dem Papier am Rentneralter kratzen. Ob man das noch braucht, ist eine andere Frage. Meinetwegen dürfen die Rockopas gerne von ihren Zivis rausgeschoben werden und Platz für junge Bands machen.

Andererseits sollte ich, der ich im Glashaus sitze, nicht mit Steinen werfen, denn auch mit 40 noch bei MTV zu moderieren, in Clubs aufzulegen und rumzuhängen, zeugt von einer gewissen Weigerung, endlich erwachsen zu werden.

Aber damit stehe ich nicht alleine da. Am vergangenen Wochenende habe ich mit Westbam, 43, aufgelegt, letzte Woche spielte Sven Väth, ebenfalls 43, in Berlin. Als ich um 9.30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit (na immerhin!) am betreffenden Club vorbei fuhr, war dort immer noch Betrieb.

Irgendwie ist er an mir vorbei gerauscht, dieser bürgerliche Lebensbauplan, der vorsieht, mit Mitte 20 zu heiraten und kurze Zeit später Kinder zu bekommen und ein Haus zu errichten, das Ganze selbstverständlich gestützt von einer festen Anstellung mit vernünftigem Einkommen. Stattdessen habe ich in den letzten 20 Jahren die Unrast und latente Verwirrtheit der Jugend zur Tugend gemacht und finde es vollkommen in Ordnung, kaum Sicherheiten und feste Größen in meinem Leben zu haben und nicht zu wissen, was übermorgen sein wird. Egal, so lange es zumindest morgen so lustig ist wie gestern.

Pappenheimer wie ich sind längst zum Forschungsgegenstand von Sozialwissenschaftlern geworden. In England ist beispielsweise der Terminus "middle youth" etabliert. Er wird Menschen zwischen Ende 20 und Anfang 40 zugeschrieben, die einerseits zu alt sind, um noch als Jugendlicher durchgewunken zu werden, sich andererseits aber auch noch zu jung geben, um als Person mittleren Alters zu gelten. Für mich wäre zusätzlich noch der Ausdruck "kidult" zutreffend, weil ich mir als Mensch im fortgeschrittenen Alter noch typische Jugendvergnügungen und -verhaltensweisen gönne.

Habe ich eigentlich irgendetwas gelernt, seit ich volljährig und damit auf dem Papier erwachsen bin? Die beiden traditionellen Großbaustellen des Lebens - Arbeit und Beziehung - sind immer für eine Überraschung gut. Ich kann nicht sagen, wie genau ich nächstes Jahr meinen Lebensunterhalt verdiene. Vielleicht genau so wie jetzt, vielleicht ganz anders, vielleicht aber auch gar nicht. In den Medien geht doch immer alles so schnell. Heute hü, morgen hott.

Und vielleicht habe ich nächstes Jahr ein Haus und ein Kind, vielleicht aber auch nicht. Da will ich weder meine Freundin noch mich unter Druck setzen. Eilt ja nicht, bin ja noch kidult. Außerdem heiraten deutsche Männer im Schnitt erst mit 37, da bin ich also gar nicht so spät dran.

Aber wann kommt er denn nun, der Punkt, an dem ich so alt aussehe und mich so alt fühle, wie mein Geburtsjahr es nahelegen würde? Laufe ich am Ende Gefahr, meine "middle youth" bis ins Greisenalter auszudehnen? Irgendwann werde ich unweigerlich zu betagt sein, als dass Leute, die 30 Jahre jünger sind als ich, noch mit mir spielen wollen. Womöglich ende ich in einer Jugendlichkeits-Gang, in der man sich mit 55 gegenseitig noch die heißesten Electroscheiben vorspielt, und sitze nebenbei noch in der Jury von DSDS. Mutiere ich irgendwann zum einem chronisch jung gebliebenen, operierten und Viagra fressenden Zombie, quasi einem Bastard aus Thomas Gottschalk, Mickey Rourke und Ozzy Osbourne, einem Dorian Gray 2.0?

Soweit muss es dann doch nicht kommen. Könnte ich mir finanziell eh nicht leisten, den ganzen kostspieligen Verjüngungsscheiß, weil ich selbstredend noch keinen Gedanken an irgendeine Altersvorsorge verschwendet habe.

Irgendwann wird das, was ist, und das, was unweigerlich kommt, sich vermischen. Womöglich wanke ich eines Tages um 8 Uhr morgens aus der Disco direkt zur Prostatauntersuchung. Aber noch scheint letzteres so weit weg, noch schlucke ich eher Aspirin gegen Kater als Granufink gegen Blasenschwäche, noch will ich meine Sneakers nicht gegen Herrenslipper tauschen.

Ich darf das, den 68ern sei Dank. Denn waren nicht sie es, die die tradierten Rollenmuster aufgebrochen und das Erwachsenwerden von bürgerlichen Normen befreit haben? Reife und Selbstfindung sind längst relativ. Finde ich mich heute nicht, finde ich mich gewiss morgen. Wenn nicht, auch nicht so schlimm.

Anfang 20 hatte ich wesentlich konkretere Vorstellungen, wie mein Leben aussehen könnte, als dies heute der Fall ist. Damals war für mich klar, dass dem zügig beendeten Studium rasch ein guter Job, eine Familie und eine feste, am besten eigene Bleibe folgen sollten. Jetzt gibt es ihn nicht mehr, diesen Masterplan. Und darüber bin ich noch nicht mal unglücklich, denn von all dem, was an seine Stelle getreten ist, möchte ich nichts missen. Nur: Wie lange trifft diese Aussage noch zu?

Ein Kumpel, etwa in meinem Alter, wurde kürzlich Vater. Ich kannte ihn als einen sehr aktiven Teilnehmer am Berliner Nachtleben, und als ich ihn fragte, wie er denn seinen neuen Lebensabschnitt mit den alten Gewohnheiten zu vereinen gedenke, antwortete er: „Weißte, Markus, mittlerweile kenne ich wirklich jedes Arschloch in jedem Scheißclub dieser Stadt. Irgendwann reicht´s dann auch mal.“

An meiner Erziehung und meinem familiären Umfeld kann es nicht liegen. Meine Eltern haben mir prima vorgemacht, wie es funktioniert. Klar, andere Generation, könnte man jetzt anführen, aber selbst mein Bruder, drei Jahre jünger als ich, und meine Cousinen, auch allesamt jünger als ich, haben den oben erwähnten Masterplan straff in die Tat umgesetzt. Manchmal überkommt mich ein gewisses Bedauern, dass es bei mir nicht so ist. Allerdings kann ich nicht sagen, ob sich dieses Bedauern eher darauf gründet, das alles nicht zu haben. Oder ob es eher mit ungestillter Neugierde zu tun hat, weil es sich dabei um Dinge handelt, die ich im Gegensatz zu vielen anderen noch nicht ausprobieren konnte. Somit wäre der Wunsch, als Zeichen des Erwachsenseins eine Familie zu haben, nicht so wahnsinnig weit entfernt von dem, was mich immer noch dazu treibt, ständig neue Arschlöcher in neuen Scheißclubs kennenzulernen. Wahrscheinlich besteht aber auch ein signifikanter Unterschied zwischen Großstadt- und Landleben. Meine Freunde von damals, die nicht wie ich weggezogen sind, verstehen mit ihrem Haus, ihren Kindern und ihrem Hund vermutlich gar nicht, was eigentlich mein Problem ist.

Wegziehen, weggehen – ein wichtiger Punkt. Bis zum heutigen Tag konnte ich immer abhauen, wenn es mir irgendwo irgendwie nicht gefiel. Einfach weiter, nächste Stadt, nächste Beziehung, nächster Job, und bis jetzt hatte ich das große Glück, dass dies ohne größere Flurschäden für mich und andere über die Bühne ging. Und so ist mein Leben kein Lernprozess mit einem greifbaren Ergebnis, sondern eine Aneinanderreihung von gemachten Erfahrungen, die ich in mir horte und auf die ich kleinteilig zurückgreife, wenn guter Rat mal wieder teuer ist.

Doch was genau ist es denn, dass ich da so pflege? Wenn man bei Wikipedia auf blöd einfach mal „Jugend“ eingibt, erscheint dort folgendes: „In die Jugendzeit fällt die Pubertät, das Ende der Schulzeit, der Beginn der Berufsausbildung, die Abnabelung vom Elternhaus und die Identitätsfindung. Deswegen wird die Jugendzeit sowohl vom Jugendlichen, der sie durchlebt, als auch von den Eltern als nicht ganz einfach angesehen.“ Fürwahr, es gibt Erstrebenswerteres. Allerdings, die Pubertät habe ich hinter mir, die Schulzeit ebenso, arbeiten tu ich auch schon eine ganze Weile, vom Elternhaus bin ich längst abgenabelt und sogar die Identitätsfindung verlief abgesehen von kleineren Irritationen zufriedenstellend. Wenn also all das abgehakt ist, stellt sich natürlich die Frage, was das denn für eine Jugend ist, die ich da lebe. Oder, um den Gedanken mal weiterzuspinnen: Klaue ich der eigentlichen Jugend ihre Exklusivität, indem ich noch immer Bereiche besetze, die mir aufgrund meines Alters längst nicht mehr zustehen? Wo ist die Alterspolizei, wenn man sie braucht? Vielleicht sollte man auf CDs, DVDs, Bücher und an Clubeingängen (am besten zusätzlich noch bei Klamottenläden und beim Friseur) nicht mehr ´Ab 18´, sondern eher ´Bis 29´ schreiben, dann wäre der Jugend ganz schnell wieder das Gefühl gegeben, eine eigene Generation zu sein, und auch mir wäre damit endlich in die Herrenslipper geholfen.

Sollte ich in 25 Jahren immer noch bei MTV moderieren, dürft ihr meinem Zivi gerne sagen, dass er mich rausschieben soll.

Die Jugend von heute

Den ganzen Tag im Internet, Flatrate-Saufen, Drogen nehmen - Bei den jungen Menschen läuft was schief, sagen viele Erwachsene. Welch ein Unsinn

Mit meinen 40 Jahren wäre ich eigentlich längst alt genug, um über die "Jugend von heute" zu schimpfen. Tu ich aber nicht. Ich finde die Jugend gut. Schließlich bin ich ja von Berufs wegen selbst noch ein Jugendlicher.

Ja, der Kavka ist ein Berufsjugendlicher, das höre und lese ich durchaus häufiger, vor allem in den letzten Tagen. Kein Wunder, zumal ich die Steilvorlage dazu mit meinem Auftritt bei Maybrit Illner selbst geliefert habe. Thema der Show: "Glotzen statt klotzen – was läuft schief bei der Jugend von heute?". Über die Sendung selbst ist an anderer Stelle genug geschrieben worden (sueddeutsche.de, spiegel.de, faz.net und so weiter), von daher lasse ich das Drumherum weg und bleibe einfach beim Thema.

Eines vorweg: Die Jugend darf prinzipiell immer alles, und wenn darunter nicht Dinge wären, die Erwachsene komplett irritieren, würde etwas eklatant falsch laufen.

Dieser Sachverhalt existiert wahrscheinlich schon so lange, wie es die Menschheit gibt. Als Beleg dafür wird mancherorts gerne diese 3000 Jahre alte babylonische Inschrift zitiert, in der ganz übel auf der Jugend rumgehackt wird. Und obwohl diese Worte schon vor so langer Zeit in Stein gemeißelt wurden, bekommt Generation für Generation sie nahezu eins zu eins um die Ohren gehauen.

Meine eigene Jugend (und ich meine jetzt die reale, nicht die berufliche) hielt für meine Eltern auch so manches Rätsel parat. Warum sieht unser Sohn so komisch aus? Warum hört er diese merkwürdige Musik? Warum wählt er eine ganz andere Partei? In allen Fällen hätte ich antworten können: Weil ich euer Kind bin.

Nun waren meine Eltern natürlich nicht ursächlich dafür verantwortlich, dass ich ein grün wählender Gothic war, aber wegdiskutieren kann man nicht, dass es seit Urzeiten die Erwachsenenwelt ist, die "solche" Jugendliche hervorbringt und prägt.

Mir ging es damals um Abgrenzung und Auflehnung, es war beileibe nicht persönlich gemeint, denn ich liebte meine Eltern ohne Wenn und Aber. Doch so ganz sah ich eben nicht ein, warum ich mit 16 schon so aussehen, denken und leben sollte wie sie.

Es war in den achtziger Jahren auch gar nicht so schwer, sich abzugrenzen, man musste nur ein wenig an sich rumstylen, andere Musik als Schlager hören und zwischendurch mal Sachen wie "Null Bock", "Petting statt Pershing" oder "Atomkraft - nein danke" irgendwo hinschmieren.

Für die heute junge Generation ist das nicht mehr ganz so einfach. Wenn die 16-jährige Tochter mit einem irrwitzigen Färbe- und Asymetrieszenario auf dem Kopf vom Friseur kommt, fällt Mutti nicht mehr wie früher in Ohnmacht, sondern besteht darauf, beim nächsten Termin auch mit von der Partie sein zu dürfen. Und nach dem Haare schneiden kann man ja noch direkt gemeinsam bei H&M einkaufen gehen.

Ein ähnliches Bild herrscht bei Vater und Sohn, wenn es mal wieder darum geht, wer jetzt die cooleren Sneakers trägt. Da bleibt dem Jugendlichen als letzter Ausweg dann oft nichts anderes übrig, als Bushido zu hören, damit es wenigstens irgendwas gibt, das die Eltern jetzt nicht ganz so super finden.

Politische Auflehnung findet nur noch am äußersten rechten und linken Rand statt, aber das ist keine Abgrenzung gegenüber der Erwachsenenwelt, sondern eine Ablehnung von Demokratie.

Was also tun wenn du jung bist? Wohin mit dem Druck, wie damit umgehen?

Mein subjektives Empfinden ist, dass die jetzige Generation mit ungleich mehr Druck klarkommen muss, als das in meiner Jugend der Fall war. Zukunfts- und Versagensängste waren zwar auch in der achtzigern ein Thema, jedoch längst nicht in dem Maße, wie es heutzutage der Fall ist. Dazu kommen die soziale Auslese, der Markenwahn, die Wertigkeit nach Größe des Geldbeutels und viele andere Dinge, die es bis dato noch nicht in dieser Intensität gab.

Ihnen begegnen die jungen Menschen kaum mehr mit Renitenz und Rebellion, sondern mit Gehorsam, Anpassung und erhöhter Leistungsbereitschaft. Sie verstärken den Druck auf sich selbst sogar noch zusätzlich, wenn es darum geht, unter ihren Altersgenossen die Nase vorn zu haben.

In so mancher Jugendstudie wird diese Leistungsbereitschaft, sowie im weiteren Zuge das Streben nach Sicherheit und traditionellen Werten, als rundum positiv dargestellt, dabei wird leider oft übersehen, wie dramatisch es sein kann, wenn Jugendliche an dieser Aufgabe scheitern.

Dann wird dichtgemacht, und hinter verschlossener Tür geht es zum Flatratesaufen, Drogen nehmen, Killerspiele zocken und Leute verprügeln – um jetzt mal in einem Atemzug sämtliche negativen Klischees zu bemühen, die man ebenso mit der heutigen Jugend in Verbindung bringt.

Sicher, Alkoholismus unter Jugendlichen ist erwiesenermaßen ein Problem. Aber es ist kein exklusives Problem der Jugend, sondern eines dieser Gesellschaft. Solange Papa sich ein Bier nach dem anderen aufmacht, die Hälfte des Werbeblocks bei Fußballspielen aus Bierspots besteht und Primetimeshows von Alcopopsherstellern gesponsert werden, fällt es jungen Menschen schwer, Alkohol als nicht rechtmäßiges Mittel zum Druckabbau und Spaßgewinn zu akzeptieren. Gibt es überall und jederzeit zu kaufen und kostet auch nicht wirklich mehr als Bionade. Kann also so verkehrt nicht sein. Und Drogen? Pah, Mama hat doch schließlich auch mal gekifft, außerdem kommen Pete Doherty und Amy Winehouse dafür doch auch nicht ins Gefängnis.

Wie reagieren die Erwachsenen darauf? Indem sie natürlich mal wieder alles verbieten wollen, am besten auch noch gleich das komplette Internet und sämtliche Videospiele, wenn man schon mal dabei ist, weil man davon ja einsam, gestört und gewalttätig wird. Verbote wären jedoch nichts anderes als die laue Bekämpfung von Symptomen unter jeglichem Verzicht auf Ursachenforschung.

Ich kenne sie auch nicht, die Ursachen, aber vielleicht sollte man mal bei unserem Bildungssystem anfangen. Oder ist es etwa nicht so, dass jemand, der mit 11 Jahren in die Hauptschule kommt, schon sehr früh einen Verliererstempel auf der Stirn trägt, den er nie wieder los wird? Wie soll man unter diesen Vorzeichen auch nur ein Fünkchen Optimismus entwickeln? Für die Statistik ist man dann irgendwann, wenn es ganz schlecht läuft, einer dieser "jugendlichen Gewalttäter aus bildungsfernen Schichten".

Und apropos: Wie ist er denn, der Umgang mit Gewalt in unserer Gesellschaft, wenn die Nachrichten beim Privatfernsehen zu den grausamsten Dingen gehören, die man auf einem Bildschirm gucken kann?

Nächster Punkt: Die Jugend und das Internet. Im Herbst letzten Jahres wurden die Ergebnisse einer Jugendstudie von MTV und Microsoft (PDF-Datei) veröffentlicht, aus der unter anderem hervorging, dass jeder deutsche Jugendliche 35 Freunde hat, von denen 11 reine Online-Freunde sind, die er persönlich noch nie getroffen hat.

Das Entsetzen in der Erwachsenenwelt war groß. Der Journalist Peter Hahne kippte in seiner Kolumne in der Bild am Sonntag fast vom Stuhl: Ja gehen den die jungen Leuten nicht mehr raus und spielen miteinander?! Man muss jemand doch beim Kommunizieren in die Augen gucken!

Herrje. Auf so einen Scheiß können auch nur die Alten kommen. Erstens: Ohne die 11 Online-Freunde hätte der Jugendliche dann eben nur 24 "echte". Insofern sind die 11 "unechten" als Bonus zu sehen. Zweitens: Was vollkommen außer Acht gelassen wird, ist die Tatsache, dass Jugendliche das Internet eben nicht als Zeitvernichtungsmaschine und Desozialisierungsinstrument nutzen, sondern unter anderem ganz gezielt zur Kommunikation, und zwar als Ergänzung jener verklärten von Angesicht zu Angesicht, nicht als Ersatz für diese. Von den Möglichkeiten, die das Netz in kreativer Hinsicht bietet, wollen wir gar nicht reden.

Was man der Jugend außerdem vorwirft, ist ihre Politikverdrossenheit. Ist auch Quatsch und wurde bestimmt von Parteipolitikern lanciert. Auf die bezogen stimmt das sogar, aber daran sind sie selbst schuld. Was den etablierten Parteien also bleibt, ist der Neid auf Umweltschutzgruppen, Friedensinitiativen und Menschenrechtsgruppen, die sich seitens Jugendlicher regen Zuspruchs erfreuen.

Irgendwann stellte Maybrit Illner in eingangs erwähnter Sendung dann fest, dass bei der „heutigen Jugend offenbar doch gar nicht so viel falsch läuft“. Stimmt, und zwar genau so viel oder wenig wie bei den letzten und allen folgenden Generationen.

Dann kamen die Zombies

Michael Jackson wurde auch einer und tanzte: Seit vierzig Jahren gibt es Musikvideos. Welches ist das beste?

"Was soll denn das jetzt sein, dieses 'Triller'?", fragte mein Vater irritiert in die Runde. "Sriller?! Kenn ich auch nicht.", erwiderte meine Mutter. "Das heißt 'Thriller'!", korrigierten wir beide und spuckten beim Versuch, unser bestes 'tee-aitsch' zu sprechen, kräftig durchs Wohnzimmer.

Seit kurzem gab es da diese Sendung im Fernsehen. Aus einer Schrottplatzkulisse wurden von einem Moderator im Mechanikeranzug Videos angesagt. Musikvideos! So etwas hatten wir vorher kaum gesehen. Jetzt also Formel Eins, und schon recht bald bildete sich in unserem kleinen bayerischen Dorf eine Art Videoverehrungsgesellschaft. Einmal pro Woche gruppierten wir uns um den Saba-Farbfernseher meiner Eltern herum, dem einzigen im Freundeskreis mit einer Fernbedienung. Wobei man die natürlich nicht brauchte, wenn Formel Eins lief.

Schon gar nicht an jenem Abend im Jahr 1983. Eine Sondersendung von Formel Eins flimmerte in die Wohnstube, und zwar nicht wie sonst am frühen Abend, sondern viel später. Wenn ich mich recht erinnere, war es schon nach 22 Uhr! So lange durfte ich mit knapp 16 natürlich schon aufbleiben. Auch war ich exakt alt genug, um nun das zu sehen, was aus Jugendschutzgründen gar nicht früher gezeigt werden durfte, nämlich: Thriller, das neue Video von Michael Jackson. Im Vorfeld hatten wir schon ein bisschen was darüber erfahren. Sehr lang soll es sein, fast so eine Art Minispielfilm, Regie führte ein gewisser John Landis, von dem auch American Werewolf war, ein Film, bei dem sie uns 1981 nicht ins Kino ließen. Was ich persönlich im Gegensatz zu meinen Kumpels nicht so schlimm fand, weil ich mich noch gut daran erinnerte, wie ich kurz zuvor heimlich Der Exorzist geguckt hatte und danach zwei Wochen lang nur bei eingeschaltetem Licht und abgeschlossener Zimmertür schlafen konnte. Ich befürchtete schon fast, dass Thriller etwas Ähnliches auslösen könnte. Aber ich sah tapfer hin, fast 14 Minuten lang.

Wir waren sprachlos, alle zusammen. So etwas hatten wir vorher noch nie gesehen. Als Michael nach zweieinhalb Minuten sich das erste Mal in einen Werwolf verwandelte, gefror uns das Blut in den Adern, die Schockstarre endete erst, als nach vier Minuten der Beat einsetzte und damit der Song los ging. Dann kamen die Zombies, Michael wurde auch einer und tanzte mit ihnen diese Mega-Choreographie, schließlich drehte er sich am Schluss, als man eigentlich schon wieder dachte, er sei doch normal, noch mal in die Kamera um, und seine Augen funkelten dabei gelb. Gruselig!

Fast 25 Jahre ist das jetzt her, und anders als die meisten Musikvideos von damals wirkt Thriller immer noch zeitgemäß, nicht von ungefähr haben bei YouTube neun Millionen Menschen den Clip angesehen.

So viel hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten in der Musikvideokultur gar nicht geändert, zumindest gibt es noch Videos, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Dingen, die aufgrund massiver Veränderungen in der Branche längst von der Bildfläche verschwunden sind. Schallplatten? Kassetten? Sind nahezu ausgestorben, und auch der CD geht es längst an den Kragen. Aber das Musikvideo will einfach nicht gehen. Klar, die Einbrüche in der Musikindustrie sind auch an den Clips nicht spurlos vorüber gegangen. Gerade als junge Band überlegt man sich mittlerweile zweimal, ob es sich noch lohnt, mehrere tausend Euro zu investieren, wenn das Teil vielleicht nirgendwo läuft. Andererseits kann man aufgrund zahlreicher technischer Innovationen heutzutage für ein deutlich kleineres Budget als noch vor zehn bis zwanzig Jahren einen amtlichen Clip produzieren.

Ursprünglich sollte ein Musikvideo nur einen Zweck erfüllen, nämlich Werbung für den Tonträger machen. Erst mit dem Erfolg von MTV in den USA entwickelten sich die vermeintlichen Werbefilmchen zu einer eigenständigen Kunstform. So manche Künstler, allen voran Madonna und Michael Jackson, wurden erst durch die Verbindung Optik/Musik zu Stars.

Ich wurde schnell süchtig danach. Formel Eins und die neuen Videos von Duran Duran oder Frankie Goes To Hollywood waren in der Schule Pausenhofgesprächsthema Nummer eins, ich bekniete meine Eltern geradezu, sich einen Videorekorder anzuschaffen, damit ich die Sendungen mitschneiden und die Clips archivieren konnte. 1993 waren Musikvideos Gegenstand meiner Magisterprüfung im Fach Theaterwissenschaft/Neue Medien, und seit 1998 moderiere ich die Dinger im Fernsehen an.

Ich gebe zu: Videos, die mich richtig wegblasen, gibt es zunehmend weniger. Rockbands setzen vorwiegend auf öde Performance-Videos, HipHopper auf Karren, Knarren und Weiber und Jamba auf Schnuffel. Dennoch gibt es nach wie vor immer wieder mal echte Highlights.

An dieser Stelle bin ich mal so frei und liste meine Top-100-Lieblingsvideos aller Zeiten auf ("for further viewing" sozusagen): klick!

Meine große Liebe

Fan des FC Bayern zu sein, ist nicht leicht. Manche sind es sogar heimlich – wie Campino von den Toten Hosen

Der Ball kam auf etwa anderthalb Metern Höhe herangeflogen. Für einen Kopfstoß stand ich ungünstig, aber wir lagen kurz vor Schluss hinten und ich musste irgendwie an die Kugel rankommen und sie reinhauen. Ich stand mit dem Rücken zum Tor und ließ mich nach hinten wegfallen. Mit dem rechten Fuß holte ich aus und traf den Ball voll. Wie an der Schnur gezogen sauste er in den Winkel. Wahnsinn, ein Fallrückzieher!

Wie Klaus Fischer, dessen Fallrückziehertor gegen die Schweiz 1977 zum Tor des Jahres gewählt wurde. Ich war 11 Jahre alt, als ich auf den Spuren Klaus Fischers wandelte. Das Spielfeld war der etwa 20 Quadratmeter große Garten meines Kumpels Manfred, das Tor war das etwa eine Meter fünfzig hohe und drei Meter breite, mit Maschendraht überzogene Gartentor.

Aber egal, es war ein Tor, und da einen der Platzwart des Fußballvereins, in dem man selbst Mitglied war, sofort verscheuchte, wenn man sich außerhalb der Trainingszeiten Zutritt verschaffte, hatte man in Ermangelung von Bolzplätzen keine andere Möglichkeit, als den Nachbarsgarten umzupflügen. Bei uns im Garten ging´s nicht, weil man das Tor nur an jener Seite platzieren konnte, hinter der, nun ja, das Wohnzimmerfenster des anderen Nachbarn lag. Irgendwann wurde meinen Eltern der Spaß zu teuer.

Man vergisst diese Momente nie, in denen die Liebe zum Fußball entsteht. Ich kann mich an nicht mehr viele Dinge aus meiner Kindheit erinnern, ist ja auch schon eine ganze Weile her, aber ich weiß noch, wie ich mehrmals pro Woche mit meinem kleinen Bruder fünf Kilometer ins nächste Dorf geradelt bin, weil es dort ein richtiges 7,32 Meter breites und 2,44 Meter hohes Tor gab. Allerdings ohne Netz, weswegen wir ein großes Fischernetz klauen mussten, um es dran zu hängen, weil dieses Geräusch, wenn der Ball ins Netz klatscht, eins der schönsten der Welt ist.

Ich weiß auch noch, wie es uns wurmte, dass wir Ende der 70er Jahre unsere Eltern immer noch nicht davon hatten überzeugen können, dass diese 10-Mark-Zwei-Streifen-Noppenstollen-Treter und der Billo-Lederball keine Ausstattung für Hochtalentierte waren. Ich musste 14 werden, bis ich drei Streifen mit Schraubstollen an meinen Füßen tragen durfte, und in den ersten vier Wochen nach ihrer Anschaffung trug ich diese Fußballschuhe vor lauter Glück sogar noch heimlich im Bett.

Wir spielten jeden Tag, bis die Sonne unterging. Nach dem Abendbrot ließ einen der Fußball allerdings keineswegs los, der Kicker wollte auswendig gelernt werden, bevor man jede Zeile und jedes Foto des Lieblingsvereins ausschnitt und in einem Ordner ablegte.

Ich glaube, ich war sechs, als ich merkte, dass der FC Bayern München mein Leben lang mein Verein sein würde. Als jemand, der in der Nähe von Ingolstadt aufwuchs, hatte man, was die geographischen Koordinaten betraf, die Wahl zwischen dem 1. FC Nürnberg, dem TSV 1860 München und dem FC Bayern München. Ich finde nicht, dass man da lange überlegen muss.

Als ich etwa zwölf Jahre alt war, ging es so richtig mit dem Fankult los. Ich trug das Trikot sogar in der Schule, an kälteren Tagen, also unter 20 Grad, wurde auch noch der rot-weiße Schal umgehängt, mein Zimmer war tapeziert mit Postern der Spieler, und wenn ich mit meinem Papa ins Olympiastadion nach München fuhr, hatte ich immer einen Block und einen Stift für Autogramme dabei. Beim ersten Mal dachte ich tatsächlich, dass ich beides einem Ordner überreichen könnte, auf dass dieser mal eben Karl-Heinz Rummenigge unterschreiben lässt. Da wusste ich noch nicht, dass zwischen mir und dem Spielfeld ein hoher Zaun, ein tiefer Graben und eine sehr breite Tartanbahn liegen sollten.

Wenn ich nicht im Stadion war, und das kam sehr oft vor, denn München war weit, verfolgte ich im Bayerischen Rundfunk die Radiosendung Heute im Stadion. Meistens in der Badewanne, denn am Samstagnachmittag war für den dreckigen Lauser traditionell Großreinemachen angesagt. Nicht selten wurde das Wasser kalt, weil ich vor Aufregung außer Stande war, warmes nachzulassen. Auch die Haut wurde schrumplig, weil es natürlich nicht ging, die Wanne vor dem Abpfiff zu verlassen.

Nicht alle Jungs mochten Fußball, und selbst die, die Fußball mochten, waren unerklärlicher Weise oft nicht Fan eines Vereins. Ich litt im zarten Alter von 14 Jahren dagegen schon so sehr mit, dass ich vorm Fernseher heulend zusammen brach, als Bayern 1982 das Finale im Europapokal der Landesmeister mit 0-1 gegen Aston Villa verlor.

Potenziert sollte ich einen derartigen Moment noch einmal erleiden. Nicht vorm Fernseher, sondern live im Stadion Nou Camp in Barcelona, und zwar am 26. Mai 1999. Ein Spiel, das Geschichte geschrieben hat, weil es das in einem Europacupfinale noch niemals vorher gab, dass eine Mannschaft in der Nachspielzeit das Spiel drehte.

Meine Freunde und ich hatten blendende Laune. Bayern führte seit der 6. Minute 1-0, und bis zur 90. Minute dachte man nicht daran, dass sie den Pott noch aus der Hand geben würden. Wir freuten uns schon still und heimlich, denn zeigen konnten wir es nicht so richtig, weil wir über dunkle Kanäle nur noch Karten für den Manchester-United-Block bekommen hatten.

Dann kam die Ecke in der 91. Minute und zwei Minuten später noch mal eine. Der Block rastete komplett aus, über unseren Köpfen sprangen und krochen ManU-Fans, wir begraben unter ihnen, heulend. Eine gefühlte halbe Stunde nach dem Abpfiff saßen wir immer noch schluchzend da, dann gingen wir einfach.

Irgendwo hin. Keiner konnte und wollte mehr denken oder sich daran erinnern, wo unser Hotel war. Bis fünf Uhr morgens irrten wir mit verquollenen Augen durch die Stadt, bis endlich mal einer auf die Idee kam, jemanden nach dem Weg zu fragen. Dann war das auch noch ein Schotte! Der hatte zwar mit Fußball nichts am Hut, aber er war immer noch ein Landsmann von Alex Ferguson, dem Trainer von Manchester United. Wir fingen wieder an zu flennen.

Dieses Trauma wurde ich erst beim Champions-League-Finale 2001 wieder los, obwohl es lange Zeit nicht danach aussah. Bayern war gegen den FC Valencia schon in der 3. Minute durch einen zweifelhaften Handelfmeter in Rückstand geraten, Mehmet Scholl vergab kurz darauf ebenfalls per Elfmeter die große Chance zum Ausgleich, erst in der 50. Minute gelang Stefan Effenberg selbiger. In der Verlängerung tat sich nichts. Im Elfmeterschießen hielt Oliver Kahn wie in Trance drei (!) Strafstöße. Dieses Mal heulte ich vor Glück.

Leute, die sich nicht für Fußball interessieren, haben wahrscheinlich schon längst aufgehört, diese Zeilen zu lesen. Man hat sie, oder man hat sie nicht, diese Leidenschaft. Klar ist: Man kann sie niemandem an die Backe schreiben oder reden.

Die Liebe zu einem Fußballverein ist eine Liebe fürs Leben. Man geht durch dick und dünn. Schluss gemacht wird nicht. Ich weiß, dass ich Fan des meistgehassten Klubs Deutschlands bin. Aber hey, viel Feind, viel Ehr! Es prallt an mir ab, dieses Gelaber über die reichen Schnösel-Bayern, die den anderen die besten Spieler wegkaufen. Oder die Behauptung, dass Bayern-Fans nicht leidensfähig sind, weil sie nie einen Abstieg ihrer Mannschaft erleben mussten, denn wer so etwas sagt, wird nie die Dimension des 26. Mai 1999 begreifen.

Letzten Endes sind all diese Animositäten eh nur durch Neid motiviert. Wer ehrlich ist, wird sagen, dass der FC Bayern nicht als wohlhabender und erfolgreicher Verein auf die Welt gekommen ist. Sie mussten erst in die Bundesliga aufsteigen und haben sich alles, was danach kam, rechtschaffen und intelligent erarbeitet. Seit Jahren ist der FCB nahezu im Alleingang dafür verantwortlich, dass Deutschland in der UEFA-Fünfjahreswertung noch vor Rumänien und Portugal ist. Wahrscheinlich würde es auch den FC St. Pauli nicht mehr geben, wenn nicht ausgerechnet der Klassenfeind ein Benefiz-Spiel bestritten hätte, das 270.000 Euro in die leeren Kassen spülte. Dazu kommen Sofortspenden und längerfristige Hilfsmaßnahmen für die Flutopfer in Südostasien und Sachsen sowie viele andere wohltätige Projekte, die gerne übersehen werden.

Ich gebe zu, dass der FC Bayern zumindest hinsichtlich seiner Außenwirkung mit Leuten wie Uli Hoeneß oder Oli Kahn grenzwertige Charaktere in seinen Reihen hat, aber gerade diese beiden stehen, wenn man es positiv betrachtet, auch dafür, wie sehr man Fußball leben kann.

1979, als Hoeneß Manager wurde, stand der FC Bayern durch Misswirtschaft und andere Unregelmäßigkeiten seiner Vorgänger vor dem Bankrott. Sein erster Spielerkauf war sein Bruder Dieter, für 175.000 Mark. Während der späten 70er und frühen 80er Jahren gaben einige andere Bundesliga-Vereine deutlich mehr Geld für Transfers aus als Bayern München. Und doch wurde der Verein zwischen 1985 und 1990 fünf Mal deutscher Meister.

Niemand konnte sich diese Dominanz erklären, nur Werder Bremens damaliger Manager hatte eine an den Haaren herbei gezogene Erklärung parat: Geld. Dabei waren die Bayern 1984 durch den Verkauf Karl-Heinz Rummenigges an Inter Mailand gerade mal ihre Schulden losgeworden, von Reichtum konnte zu dieser Zeit also noch längst keine Rede sein. Der kam erst viel später, und er kam wegen des Erfolgs und nicht durch einen russischen Energiekonzern oder bemitleidenswerte Kleinaktionäre.

Dennoch sah sich eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands 1999 sogar dazu genötigt, einen Anti-FCB-Song aufzunehmen. In Bayern von den Toten Hosen heißt es: „Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem Scheißverein?!“ Nun, einen Vertrag hat dort zum Beispiel auch Mehmet Scholl unterschrieben, erwiesenermaßen ein Fußballgott, spielerisch wie auch menschlich tiptop.

Was heimlich wohl auch Campino so sah, sonst hätte er sich beim Echo 2005 nicht so lange und herzlich mit Mehmet unterhalten und sich dabei auch noch fotografieren lassen. Bis heute konnte er zwar verhindern, dass dieses Foto an die Öffentlichkeit geriet, jedoch wird durch diese Sache klar: Irgendwie sind sie alle – auch die größten Bayern-Hasser – ein bisschen Campino.

Am gestrigen Donnerstag spielte der FC Bayern in Aberdeen. Ich hab mich mal wieder maßlos über die haarsträubenden Abwehrfehler geärgert, die es den Schotten ermöglicht haben, aus drei halben Chancen zwei Tore zu machen. Bayern wird im Rückspiel weiter kommen, insofern war das alles nicht so dramatisch. Nicht so schlimm wie die entscheidenden Niederlagen, durch welche die Mannschaft in den vergangenen Jahren aus der Champions League ausschied. Da sind dann Momente, die mich so traurig und wütend machen, dass ich mir dabei stets wünsche, ich würde mich nicht die Bohne für Fußball interessieren. Aber das wird niemals passieren, und das ist auch gut so.

Sei still und mach weiter

Über Sex soll man nicht reden.

"Machen kannst´n ganz gut, aber darüber reden kannst du nicht."

Dieser Satz fiel im Jahr 1984. Gesagt hat ihn meine damalige Freundin. Ich war gerade 17 geworden, sie war meine erste richtige Beziehung und auch die erste Frau, mit der ich schlief. Wir hatten gerade Sex, lagen nackt nebeneinander im Bett und sie wollte reden. Ich nicht. Keine Ahnung, warum dieser Satz mir so im Gedächtnis haften geblieben ist.

Ich schwöre an dieser Stelle auch Stein und Bein, dass nicht seine erste Hälfte dafür verantwortlich ist, sondern ganz klar seine zweite. Bis heute hat sich an diesem Sachverhalt auch nichts geändert. Ich spreche nicht gern über Sex. Darüber reden heißt für mich immer gleich zerreden. Was natürlich Quatsch ist, aber da kann ich offenbar nicht raus aus meiner Haut. Bin ich deswegen verklemmt?

Vermutlich ja.

In der diesbezüglichen Ursachenforschung geht man ja traditionell immer sehr weit zurück. So wurde ich beispielsweise nicht von meinen (sehr katholischen) Eltern aufgeklärt, sondern von Freunden, Mitschülern und Biologielehrern. Lange Zeit konnte ich deswegen komische Geräusche aus dem Schlafzimmer von Mama und Papa nicht zuordnen. Auch die vermeintlichen Joghurtflecken im Schrittbereich meiner blauen Jerseyschlafanzughose waren mir ein komplettes Rätsel. Lieber nicht darüber sprechen, das hört alles schon von alleine wieder auf.

Die Jungs in meinem Umfeld übertrafen sich derweil mit den unglaublichsten Geschichten im Hinblick auf ihre sexuelle Reife. Was die schon alles erlebt hatten! Einer berichtete mir von einem Samenerguss bis an die Zimmerdecke, den ihm eine heiße Lady aus der achten Klasse verschaffte, ein anderer hatte mit 14 schon zehn Frauen "gebumst", wie es damals noch verbreitet hieß.

Und ich? Stand beim Manchinger Volksfest am Autoscooter herum, im Arm schüchtern und wortlos einen ganz heißen Feger. Eine, hinter der das halbe Dorf her war, weil sie schon mit 14 ordentlich Brüste hatte. Sie wollte, dass wir uns küssten, und zwar so richtig. Das hatte ich vorher noch nie gemacht, und ich werde das irritierende Gefühl nie vergessen, als sie erst ihre Lippen auf meine presste und dann ihre Zunge durchschob. Mir wurde zunächst heiß und kalt, dann allerdings stellte ich fest, dass ihre Zunge sehr klein und fest war und sie überdies damit irrwitzig schnell um meine herumkreiste. Ich weiß noch, wie ich mir dachte: Das fetzt nicht, da kann ich auch mit unserem Kanarienvogel knutschen.

Meine männlichen Freunde ermunterten mich dazu, die Sache mit dem Küssen nicht so wichtig zu nehmen und mich stattdessen mehr ihrer stattlichen Oberweite zu widmen. Mein erster Versuch, eine Hand beiläufig unter ihr Top gleiten zu lassen, endete mit einer schallenden Ohrfeige. Am nächsten Tag machte sie Schluss.

Das hatte mich dann auf Jahre hin sehr defensiv werden lassen. Gerade in meinen längeren Beziehungen erwarb ich mir nicht gerade den Ruf eines Draufgängers, vielmehr war ich König Blümchensex. Nicht dass es bei all zu forscher Herangehensweise gleich wieder ein paar hinter die Löffel gab. Darüber reden hätte in der Zeit bestimmt geholfen, aber das fiel ja für mich aus. Bis 26 hatte ich zudem nur lange, feste Beziehungen mit einem soliden, aber eben mitunter unschuldigen und rückwirkend betrachtet nahezu niedlichen Sexualleben. One-Night-Stands und Affären waren mir vollkommen fremd.

Das sollte sich in meiner promisken Phase im Anschluss an eine fast siebenjährige Liaison ändern. Weil es mir in vielen Fällen reichlich egal war, ob ich die Frauen noch mal wiedersehe, war es mir auch in den betroffenen Nächten egal, wie das Geschehen aufgefasst werden könnte, und geredet werden musste sowieso nicht viel. Die Devise war, einfach mal alles zu machen, von dem man sonst nur gehört hatte. Rein technisch betrachtet lernte ich eine Menge in dieser Zeit, sehr vieles davon machte auch großen Spaß. Ich hatte allerdings schon recht bald das Gefühl, dass das Ganze eine gewisse emotionale Armut voraussetzte, es gab mir also auf Dauer nichts. Dennoch, ein paar wichtige und durchaus positive Erkenntnisse nahm ich in meine nächsten Beziehungen mit.

Zum Beispiel, dass zusammen Pornos glotzen für’n Arsch ist. Pornos finde ich ganz generell komisch. Bin ich deswegen jetzt schon wieder verklemmt? Ich bin zugegebenermaßen nicht so der Empiriker auf dem Gebiet, weil ich in meinem Leben aufgrund aufrichtigen Desinteresses erst etwa fünf von den Dingern geguckt habe. Die Typen darin waren komplette Vollhonks, die Frauen ganz eindeutig nicht mein Typ. Zu blond oder zu schwarz gefärbt, zu operiert, mit einem unfassbar schlechtem Unterwäschegeschmack, dazu mindestens genau so stulle wie ihre männlichen Kollegen, mit denen sie sich dann in Wohnungen oder Zimmern vergnügten, die mieser eingerichtet waren als ein Ibis-Hotel anno 1989.

Ich konnte meine Augen kaum von diesen fliederfarben-grau-mauve-gemusterten Sofas vor blassgrün-kackbraun-diagonalgestreiften Vorhängen auf fleckig-blauen Teppichböden lösen. Von den Dialogen beziehungsweise einer Handlung brauchen wir erst gar nicht zu reden. Da half auch die ganze Fick-Action nichts. Wenn dabei überhaupt etwas in Erregung geriet, dann mein Mitleid. Am schlimmsten ist die offenbar wichtigste Szene in einem Porno, der sogenannte Cumshot, also die Einstellung, in der der Mann vorzugsweise ins Gesicht, auf die Brüste oder den Po der Frau ejakuliert.

Da zieht der Kollege also vorher sein Ding raus, damit vor allem er voller Stolz erst auf sein erigiertes Glied glotzen kann, um dann sicherzugehen, dass da auch ordentlich was rausflutscht - was augenscheinlich als eindeutiges Zeichen dafür gewertet wird, dass ohne ihn die Menschheit nicht weiterbestehen würde. Und wenn die Frau hinterher noch alles ableckt, wie ein kleines Kätzchen, dann ist der Penis und damit auch der Mann wieder sauber. Super.

Trotzdem: Die Pornoindustrie gehört zu den wenigen Wachstumsbranchen in diesen wirtschaftlich rauen Zeiten. Obwohl, vielleicht ja gerade deswegen. Vermutlich bin ich einfach nicht die Zielgruppe, weil ich die Technisierung und Entmystifizierung von Sex ganz grundsätzlich ablehne. Immerhin sind die Sex-Magazine im Privatfernsehen deutlich weniger geworden, was man aber wohl weniger darauf schieben kann, dass die breite Masse meine Ablehnung teilt, sondern eher darauf, dass man angesichts des reichlichen Angebots im Internet mit Sendungen wie ´Tutti Frutti´, ´Peep´ oder ´Wa(h)re Liebe´ keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken würde.

Sex ist ein Riesenthema, sozusagen der totale Mainstream, vom Spiegel-Titel übers Zeitungsfeuilleton bis rein in sämtliche Lifestyle-, Jugend-, Frauen- und Männermagazine. Langsam fällt es mir schwer zu glauben, dass darüber noch irgendetwas gesagt werden kann, das noch nicht gesagt wurde. Also: Nicht rumquatschen - einfach machen!

Insofern halte ich es weiterhin wie gehabt. Oder, um es mit der von mir sehr geschätzten Band Blumfeld zu sagen: "Lass uns nicht von Sex reden, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll."

Ihr kriegt mich nicht!

Für 2008 hat sich Markus Kavka vorgenommen, nicht mit dem Rauchen aufzuhören. Es wird ihm nicht leicht gemacht. Eine Bilanz nach drei Wochen Rauchverbot

Sie trifft mich schon ganz schön hart, die Rauchverbotsknute. Einer meiner Vorsätze für 2008 war ja: Nicht mit dem Rauchen aufhören - jetzt erst recht! So ganz allmählich weiß ich allerdings nicht mehr, wo und wie ich diesen schönen Vorsatz in die Tat umsetzen soll. Gehen wir mal meine Aufenthaltsorte durch:

Zuhause
Dort greift das Rauchverbot schon länger. Da meine Freundin nicht raucht, wurde bereits letztes Jahr vereinbart, dass auch ich dies in unseren vier Wänden unterlasse. Es gilt also: Ab auf den unüberdachten Balkon, was bei Regen und Kälte so viel Spaß macht, dass es zumeist bei ein bis zwei Zigaretten pro Abend bleibt. Eine Ausnahmegenehmigung zum Rauchen in der Wohnung wird nur für Live-Übertragungen wichtiger Spiele des FC Bayern München erteilt. Die sind in dieser Saison leider rar, weil ich die UEFA-Cup-Gurkenpartien nicht als wichtig genug durchgewunken bekomme. Zu Recht, wenn ich da mal ganz ehrlich bin. Ab Herbst heißt es dann aber wieder Champions League, und wenn ich bei diesen Spielen nicht rauchen darf, könnten wegen meiner Anspannung Teile der Wohnungseinrichtung Schaden nehmen.

Im Büro
Auch dort herrscht schon seit langer Zeit Rauchverbot. Wenigstens ist der Außenbereich überdacht. Da ich es aber kategorisch ablehne, zum Rauchen eine dicke Jacke anzuziehen, mache ich die Zigaretten schon nach ein paar Zügen schlotternd aus oder lasse es gleich ganz bleiben. Im Sommer gebe ich dann aber wieder Gas.

Im Restaurant
Bis auf zwei Ausnahmen haben meine Lieblingsrestaurants komplett davon Abstand genommen, einen abgetrennten Raucherraum einzurichten. Die besagten Ausnahmen sind verglichen mit dem Rest der Räumlichkeiten so schäbig und armselig, dass man dort nicht hin will. Was schade ist, weil ich nach dem Essen früher gerne auf ein Getränk mehr und eine Zigarette verweilte. Stattdessen wird nun in aller Eile der Espresso runtergeschüttet, um sich unmittelbar danach draußen endlich eine anzumachen.

In der Kneipe/Bar
Dort wird zumindest in Berlin die ganze Sache noch etwas legerer gehandhabt. Bis einschließlich Juni zahlt man keine Strafen, daher tun einige Bars sympathischerweise so, als gäbe es das Rauchverbot nicht. Wobei dieses Phänomen in Kreuzberg wesentlich verbreiteter scheint als in anderen Bezirken. In Mitte stehen die Raucher eher vor der Tür, und weil das Publikum dort tendenziell unangenehmer und eigentlich nur zu ertragen ist, wenn man an die Wand gelehnt in der linken Hand einen Gin Tonic und in der rechten eine Kippe hat, sah ich mich neulich genötigt, nach nur einem Getränk die Biege zu machen. Für eine Bar war die Luft auch viel zu gut. Außerdem greift bei mir noch vollends die Formel „Cigarettes & Alcohol“.

In der Disco
Da fällt es mir mit Abstand am schwersten. Vorletztes Wochenende habe ich in München aufgelegt. Natürlich sind dort die gesetzlichen Regelungen mal wieder am härtesten, und so war ich sechs Stunden lang fast komplett auf Entzug. Drei Mal reichte mir der Lichtmann verstohlen eine Zigarette, an der ich dann unter dem Mischpult heimlich ein paar Mal zog. Ich habe zu Schulzeiten noch nicht geraucht, aber so müssen sich die Leute gefühlt haben, die sich deswegen auf der Toilette eingeschlossen haben.

Dabei rauche ich während des Auflegens so extragern! So hat man nämlich eine Beschäftigung, wenn eine Platte mal ein bisschen länger geht und man keine Lust hat, ständig sinnlos am Mischpult rumzufrickeln. Leider gehen Platten aber wiederum nicht so lang (zumindest sollte man sie nicht so lang laufen lassen), dass man mal entspannt auf eine Kippe vor die Tür gehen kann. Was ich auch als Gast nicht mache, weil ich auf Raucherverbrüderungssmalltalk mit fremden Leuten keine Lust habe. Bonmot am Rande: Der Clubbetreiber in München erwägt ganz gegen seine sonstige Überzeugung die Anschaffung einer Nebelmaschine, weil in Ermangelung der gewohnten Dunstschwaden die Lichtanlage nicht mehr so fetzt.

Im Auto
Das ist der einzige Ort, an dem ich noch nach Herzenslust rauchen kann, zumindest wenn ich alleine unterwegs bin. Dementsprechend sieht auch mein Aschenbecher aus. Noch ist es allerdings nicht so weit, dass ich einfach mal zum Rauchen um den Block fahre. Oder gar in eine Karnevalshochburg, weil man es dort tatsächlich geschafft hat, das Rauchverbot erst ab Aschermittwoch greifen zu lassen.

Recht putzig nehmen sich die teilweise auch die Versuche von Gastronomen aus, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen. Sehr beliebt ist die Vereinslösung. Aus den Räumlichkeiten wird quasi ein Vereinsheim gemacht, in dem per Satzung auch geraucht werden darf. Meines Wissens ist die Gesetzeskuh da aber auf sehr dünnem Eis, weil man als eingetragener Verein keinen Gewinn erzielen darf, aber davon lebt der Wirt ja nun mal. Da hilft es auch nichts, die Kneipe in eine Freikirche umzuwandeln. So geschehen in Kappeln in Schleswig-Holstein, wo ein Kneipier die „Christlich-Jüdische Kirche Deutschlands“ gegründet hat, und zwar mit der Begründung, dass "das Verbrennen von Tabak eine religiöse Handlung darstellt". Schließlich gebe es ja auch Weihrauch bei den Christen und Räucherstäbchen bei den Buddhisten. Klingt alles einigermaßen bescheuert und geschmacklos, ist aber offenbar effektiv, wie die Mitgliederzahl von über 400 belegt. Die Sache mit dem eingetragenen Verein hätten die Spinner bis auf weiteres allerdings auch ohne Umwege und derart blödsinnige Blasphemie haben können.

Ebenfalls bizarr, dafür handwerklich wertvoll, ist der Plan eines Berliner Kneipenchefs: Der will einen Nichtrauchertunnel vom Tresenraum durchs Raucherzimmer zur Toilette zimmern. Zehn Meter lang, aus Rigipsplatten, mit drei Fenstern. Nett, dann können Raucher und Nichtraucher sich gegenseitig zuwinken.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die obigen Zeilen sind nur eine subjektive Zustandsbeschreibung. Objektiv betrachtet unterstütze ich das Rauchverbot in vollem Umfang. Rauchen ist ja auch scheiße, Passivrauchen noch viel mehr, weil man da noch nicht mal was dafür kann. Es würde mir gewiss auch nicht schaden, mal langsam aufzuhören, obwohl ich erst seit zehn Jahren im Geschäft bin. Mein Raucherhusten will sich nicht so recht vom Acker machen, und dass ich auch während einer Erkältung in den letzten zwei Wochen nicht auf Zigaretten verzichten wollte, ist sicherlich doof. Wobei ich mir immer denke - Achtung Raucherlogik!, - dass ich offenbar gar nicht krank bin, wenn ich noch rauchen kann.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass man mich noch dieses Jahr kleinkriegt und ich tatsächlich mit dem Rauchen aufhöre. Ich warte dann im nächsten Schritt auf das Verbot von Alkohol. Und fettem Essen. Und

Süßigkeiten. Und Cola. Und Kaffee. Noch aber ist es nicht so weit. Ich steig jetzt erst mal in mein Auto.

Ab zum Turnen

Es lässt sich nicht mehr verleugnen: Markus Kavka muss ins Fitnessstudio.

Im Profil sieht das langsam nicht mehr gut aus. Dabei ist der Spiegel schon schräg gestellt, so dass er größer und schlanker macht. Aber es ist, als würde der Spiegel sagen: „Du hast ´ne Form wie ein Fass. Geh mal turnen!“ Von vorne ist es noch nicht wirklich wahrzunehmen, was aber nur der Tatsache geschuldet ist, dass mir meine Gene eher die Apfel- als die Birnenform beschert haben.

Am Beginn eines Jahres ist dem Abnehm- und Fitnesswahn kaum zu entkommen. Alle sind sie dicker geworden um die Feiertage, und auch bei mir haben all die Enten, Gänse, Klöße und Plätzchen bei gleichzeitig kaum Bewegung ihre Spuren hinterlassen. In den letzten Jahren pflegte mir das am Arsch vorbei zu gehen, diesmal allerdings nehme ich besorgt zur Kenntnis, dass nicht nur fast alle meine Freunde turnen gehen, sondern auch alle Zeitungen und Magazine voll mit diesem Thema sind. Waren sie wahrscheinlich schon immer, aber offenbar bin ich dieses Jahr empfänglicher dafür als sonst. „Ja ja, mit 40 musst du langsam mal was machen! Der Lack ist ab! Von nix kommt nix!“ – so schallt´s im Chor aus meinem Umfeld.

Dabei hasse ich Fitnessstudios wie die Pest. Es ist bestimmt schon 15 Jahre her, seit ich das letzte Mal eines von innen gesehen habe, und selbst damals checkte ich nur auf ärztliches Dekret hin für einen Monat dort ein, weil ich nach einer kleinen Rückenverletzung ein bisschen Reha machen musste. Meine Erinnerung an diese Zeit sind aufgepumpte Vollschwachmaten mit stinkenden Tennissocken und Riesenweiber in ´Uncle Sam´-Bauchfreikollektionen, dazu dudelte im Hintergrund der schlechteste Radiosender der Stadt. Nicht meine Welt. Aber jetzt muss ich da hin – sonst bin ich mit 60 tot oder sehe aus wie Rainer Calmund. Mein größtes Problem ist, dass ich keine Orte außerhalb meiner eigenen vier Wände mag, an denen man sich nackig machen muss. Seit jeher meide ich Sauna, Solarium und Schwimmbad, vermutlich war ich deswegen auch noch nie im Puff.

Und jetzt Fitnessstudio. Argh! Etwa 6.000 gibt es davon in Deutschland, 5 Millionen Leute gehen in ihnen ein und aus. Im Januar sind die Neuanmeldungen Jahr für Jahr weit über dem Durchschnitt. Soll ich also bis zum Frühjahr mit der Anmeldung warten? Vielleicht habe ich bis dahin meinen Vorsatz wieder vergessen. Aber davon kommt die Figur auch nicht ins Reine. Einen Personal Trainer kann ich mir nicht leisten, außerdem muss man sich mit so jemanden ja unterhalten. Mag ich auch nicht.

Oft höre ich, wenn ich draußen unterwegs bin, den Satz: „Ich sehe dich immer im Gym!“ – „Kann nicht sein, da gehe ich nie hin!“, lautet dann stets meine Antwort. „Nee, ich mein im Fernseher über dem Laufband, da läuft MTV ohne Ton.“ Dieses Szenario brauche ich so dringend wie Durchfall: Ich, keuchend auf dem Laufband, über mir meine eigene Fresse und neben mir Leute, die wie ich denken, sie wären im falschen Film.

Es ist also ein harscher Vorsatz, den ich da 2008 umsetzen will. Aber ich habe keine andere Wahl. Den einzigen Sport, den ich liebe, nämlich Fußball, darf ich wegen meiner kaputten Beine nicht mehr machen. Also, ab ins Fitnessstudio! Weil: Wenn ich den Spiegel noch schräger stelle, fällt er um. Und ich mit ihm. Ich melde mich da jetzt mal an. Wenn MTV da läuft, haue ich sofort wieder ab und mache stattdessen daheim jeden Tag 100 Liegestützen.

Nachtrag: Heute ist Freitag, der 11. Januar, 10.52 Uhr. Ich schrieb den obigen Text am Nachmittag des 10. Januar. Am Abend holte ich meine Freundin von der Arbeit ab. In dem Gebäude befindet sich auch ein Fitnessstudio. Seit gestern, 20.37 Uhr, bin ich für 12 Monate Mitglied. Die waren nett da. Auf den ersten und auch den zweiten Blick hingen dort keine Arschlöcher rum. Musik hab ich gar keine gehört. MTV lief auch nicht.

Es ist fast ein bisschen so, als hätte ich mich förmlich durch die gestrigen Zeilen ins Gymnastikstudio hineingeschrieben. Die Kolumne als aktive, angewandte Lebens- und Entscheidungshilfe. Sachen gibt´s…

Holt mich hier raus

Neulich wollte ich bei H&M eine Hose kaufen. Nun existieren zwanzig Bilder von mir in Socken, auf denen Elftklässler den Arm um mich legen.

Mann, war ich froh, dass mein Bekannter so lange mit mir telefoniert hat. Mit angstgeweiteten Augen sah ich die Mädchen auf mich zustürmen. Es müssen an die 50 gewesen sein, alle so zwischen 12 und 18 Jahre alt. Viele von ihnen sahen so ähnlich aus wie Bill Kaulitz. Einige zückten schon im Lauf ihre Handys und machten die Kamera scharf, andere zogen ein Büchlein und einen Stift hervor. Ich Depp hätte es wissen müssen. Es war der Tag, an dem in München die MTV Europe Music Awards stattfanden. Auch Tokio Hotel traten dort auf. So gesehen war es also keine gute Idee, am frühen Nachmittag alleine am Veranstaltungsort vorbei zu schlendern. Aber was sollte ich machen? Ich musste in unser Produktionsbüro, und die Olympiahalle lag nun mal auf dem Weg dorthin. Das zwanzigminütige Telefonat verhinderte das Schlimmste, schließlich war ich ja nicht ansprechbar.

Meistens schaffe ich es, derartigen Situationen aus dem Weg zu gehen. Wenn mir am Hackeschen Markt in Berlin eine Schulklasse auf Wandertag entgegen kommt, wechsle ich die Straßenseite. Einkaufszentren, H&M und andere Orte, an denen Jugendliche sich versammeln, meide ich – es sei denn, meine Freundin ist dabei und schirmt mich ab.

Jetzt mache ich diesen Beruf schon so lange, aber ich werde es wohl nie schaffen, mich daran zu gewöhnen, erkannt, fotografiert und nach Autogrammen gefragt zu werden. Sobald ich meine eigenen vier Wände verlasse, überkommt mich sofort dieses Gefühl der Unfreiheit. An schlechten Tagen bin ich regelrecht paranoid und denke, dass alle mich beobachten. Und wir reden jetzt ja nicht von Thomas Gottschalk, sondern nur von einem kleinen, C- bis D-prominenten MTV-Fuzzi. Was aber nichts an der Sache ändert, zumal gerade die Zielgruppe, die ich anspreche, keinerlei Scheu oder Distanz an den Tag legt. Ich versuche immer wieder aufs Neue, es als Kompliment zu begreifen, wenn jemand auf einem Foto mit mir sein will oder meine Unterschrift möchte. Am Ende empfinde ich es doch stets als Belastung, als etwas, das mich auszehrt.

"Dann haste den falschen Job, Alter!", werden viele jetzt richtiger Weise einwerfen. Zu meiner Entlastung: Ich bin da irgendwie so reingerutscht in dieses Fernsehding. Eigentlich war/bin ich ja Musikredakteur, und dieser Beschäftigung in den Formaten Radio oder Print nachzugehen, machte mir auch großen Spaß. Eines Tages sagte dann jemand: "Versuch das doch mal vor ´ner Kamera!". Das hat mir auch direkt Freude bereitet, und da meine ersten (Sparten-)Sendungen im VIVA-Nachtprogramm bzw. später bei VIVA ZWEI weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit über den Schirm gingen, konnte ich jahrelang unbehelligt umherstreifen. Wenn mich Zuschauer ansprachen, dann ging es meistens um Inhalte, sprich Musik, und da unterhalte ich mich gerne drüber.

Ich dachte mir auch anno 2000 nichts weiter dabei, zu MTV zu wechseln, merkte dann aber recht bald, dass das eine ganz andere Baustelle ist. Seit über sieben Jahren bin ich nun nahezu täglich auf dem Kanal zu sehen, und da meine Hauptsendung, die MTV News, alles andere als ein Spartenmagazin ist, werde ich nun von weitaus mehr Menschen wahrgenommen. Vor etwa vier Jahren hatte ich mal einen großen Durchhänger, in dessen Zuge ich mir überlegte, das Ganze hinzuschmeißen. Der Spaß an meinem Job überwog dann allerdings, ich musste also irgendwie versuchen, mit dem Verlust meiner Privatsphäre klar zu kommen.

Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die das Ganze manchmal so absurd erscheinen lassen. Neulich hatte ich mich beispielsweise mal wieder dazu durchgerungen, bei H&M einzukaufen. Es waren neue Socken, T-Shirts und Unterhosen fällig. Ich entdeckte dann noch eine Jeans, die ich schnell anprobieren wollte. Als ich aus der Umkleide kam, um draußen vor einem größeren Spiegel zu gucken, wie das Beinkleid saß, stand da eine komplette Schulklasse mit Fotohandys im Anschlag. Es existieren nun also zwanzig Bilder von mir in Socken, mit einer zu langen, schlecht sitzenden Hose, auf denen Elftklässler den Arm um mich legen.

Oder letzte Woche, bei Rossmann an der Kasse. Nur dieser eine Satz: "Guck mal, der Kavka kauft Klopapier!" Oder bei Karstadt: "Schau mal, der MTV-Typ kauft Champagner. Typisch!" War nicht für mich, ich bekomme nämlich von dem Gesöff Sodbrennen. Aber das konnte der Kommentator ja nicht wissen. Oder letztes Wochenende in Stuttgart: Ich hab da bei einer MTV-Veranstaltung aufgelegt und am Ende nur noch bunte Punkte gesehen, weil heutzutage jeder seine Digicam mit Megablitz dabei hat. Die Leute, die es gut meinen, zeigen mir dann immer den gerade getätigten Schnappschuss. Früher hab ich manchmal noch darum gebeten, ein weiteres Bild zu machen, vielleicht eins, auf dem ich die Augen nicht nur halboffen habe. Mittlerweile ist es mir egal, wobei ich mir trotzdem nicht ausmalen will, wie viele Fotos von mir existieren, die mich total durchgerockt um 6 Uhr morgens in einem Club zeigen. Andererseits: Ist ja nur menschlich. Dennoch kann ich in so einem Fall nicht wie viele andere sagen: Macht nichts, mich kennt ja keiner. Dabei stimmt das eigentlich. Aber sobald man im Fernsehen ist, denken die Leute, sie würden einen kennen und alles machen dürfen, was man mit einem Bekannten eben so macht, also anfassen, in den Arm nehmen, küssen, zutexten, das volle Programm eben. Da stehe ich aber genau so wenig drauf wie vorm Club in der Schlange von ganz hinten nach vorne gewunken zu werden, oder beim Italiener einen Grappa aufs Haus zu bekommen, während die Gäste am Nebentisch leer ausgehen.

Manche meiner Kollegen brauchen Szenarien wie die gerade beschriebenen regelrecht, das ist so etwas wie ein Lebenselixier für sie. Für mich ist es eher Gift. Gut, dass alles so schnelllebig geworden ist. So wird sich spätestens ein Jahr nach meiner letzten Sendung keine Sau mehr daran erinnern, dass ich jemals im Fernsehen war, keiner wird mich mehr erkennen.

Aber so lange ich so viel Freude an meinem eigentlichen Tun habe, fallen die negativen Begleiterscheinungen zumindest an guten Tagen gar nicht so sehr ins Gewicht.

Klopapier kann man ja mittlerweile auch online bestellen.

STASI 2.0 - die Jugendedition

Wenn wir Eier geklaut haben, hat sich der Bauer mit einem Wachhund gewehrt. Heute werden Halbstarke mit RFID-Chips überwacht. Ist etwa Krieg?

Als ich 17 war, wurden Jugendliche noch analog überwacht. Ohne technische Sperenzchen. Dinge wie Stacheldraht, Elektrozaun, Wachhund, selbsternannte Blockwarte oder mistgabelbewehrte Bauern konnten zwar auch unangenehm werden, allerdings wusste man da ganz genau, wie man dran ist. Das war ehrlich. Der Konflikt Halbstarke versus Erwachsene hatte somit eine sportliche Komponente.

Wenn wir damals den Forellenzuchtweiher leer fischen wollten, dann mussten wir vorher den Stacheldraht beseitigen, um die Einzäunung überwinden zu können. Wenn wir Kühe umschmeißen wollten, mussten wir vorher den Elektrozaun vom Netz nehmen. Wenn wir beim Bauer Eier klauen wollten, mussten wir ein Leckerli für den Wachhund dabei haben (es war zugegebenermaßen ein sehr alter, dummer und harmloser Hund). Wenn wir in der Schulturnhalle Handball spielen wollten, mussten wir durchs geöffnete Kippfenster einsteigen. Wenn wir Mais, Kartoffel oder Zuckerrüben vom Acker klauen wollten, mussten Leute Schmiere stehen. Man konnte alles machen. Kameraüberwachung gab es nirgends, wir hatten auch keinen Chip unter die Haut gepflanzt bekommen, und so etwas wie fiesfrequente Teenager-Vertreibungsmaschinen gab es noch nicht mal bei Orwell.

Am Alfsee in Niedersachsen gibt es jetzt ein derartiges Gerät. Die dortige Wasserskianlage gerietnachts zu einem Treffpunkt für Jugendliche - Saufgelage und Randale inklusive. Der Besitzer hatte genug. Statt teurem Wachpersonal brachte er den "Mosquito Ultrasonic" zum Einsatz - laut Produktbeschreibung ein "System zum Zerstreuen von Ansammlungen Jugendlicher". Das ist ein kleiner grauer Kasten, der ein bisschen wie ein Außenlautsprecher aussieht. Statt launiger Durchsagen oder lustiger Musik dringen aus ihm jedoch sehr laute Piepstöne im Frequenzbereich zwischen 16 und 18 Kilohertz, was dazu führt, dass alle Jugendlichen im Umkreis von 20 Metern das Weite suchen. Warum nur die? Die Fähigkeit, derart hochfrequente Töne zu hören, lässt mit dem Alter nach. Spätestens ab 25 nimmt man sie nicht mehr wahr.

Zukünftig darf man dieses Gerät wahrscheinlich an allen Bahnhöfen, Bushaltestellen, Dorfplätzen, Schulen, Baustellen, Supermarkteingängen, Parkplätzen, Tankstellen, Spielplätzen, Bauernhöfen und Forellenzuchtweihern bewundern - wo sie eben immer so rumlungern, die Scheißjugendlichen. Dass das Ganze durchaus als ein Akt der Gewalt anzusehen ist, stört die Befürworter dieser Praxis wenig. Immerhin haben ein paar pfiffige Schüler den Spieß bereits umgedreht, indem sie sich den Mosquito-Fieper als Klingelton runtergeladen haben. So kann das Handy dann auch während des Unterrichts eingeschaltet bleiben, weil die alten Lehrer-Säcke das Signal nicht hören.

Wenn wir schon bei hohen Frequenzen sind: In England testet man gerade den Nutzen von in die Schuluniform eingepflanzten RFID-Chips, also Transpondern, mittels derer man den Träger nicht nur lokalisieren, sondern im gleichen Zug auch Daten übertragen kann. Man vermag den Schüler also zu identifizieren, auch seine Noten, Verweise, Beurteilungen und so weiter sind vermerkt. Technisch ist es sogar möglich, ihm den Zugang zu bestimmten Bereichen zu verwehren, dem Klo zum Beispiel, wenn man mal ganz gemein sein will. Noch ist die Teilnahme an diesem Projekt freiwillig, aber wenn der Schäuble hierzulande davon Wind bekommt, gibt´s statt Schluckimpfung in der Vorschule vielleicht schon bald die RFID-Implantation.

Wenn es um die Kontrolle unkontrollierbarer Kontrollbedürftiger geht, finde ich folgende Hightech-Angelegenheit wesentlich sinnvoller, nicht nur, weil bei ihr weder Schmerzen entstehen noch der Datenschutz verletzt wird: Das "Piss-Screen". Hierbei handelt es sich eigentlich um ein ganz normales Autorennspiel, das allerdings mit dem männlichen Urinstrahl statt mit einem Joystick (ja ja, schon gut...) gelenkt wird. Der Spaß wird derzeit im Pariser Nachtleben getestet, und zwar mit dem Ziel, die Zahl derjenigen Clubber zu reduzieren, die betrunken Auto fahren. Denn je besoffener man ist, desto mehr versagt man beim Piss-Screen. Durch verminderte Reaktionsfähigkeit ausgelöste Leitplankenhobeleien sowie durch motorische Störungen verursachte derbe Urinstrahlwackler werden durch die Sensoren im Pissbecken registriert, es kommt unweigerlich zum Crash. Statt der Highscoretabelle erscheint die Nummer der Taxizentrale auf dem Bildschirm. Gute Sache, wenngleich ich auch ziemlich gespannt auf ihre Umsetzung in der Damentoilette bin.

Abgesehen von dieser putzig-nützlichen Idee verfolge ich mit Argwohn, wie man zunehmend mit jungen Menschen umgeht. Obwohl ich es damals für einen grausamen Moment hielt, bin ich im Nachhinein richtig froh, dass ich auf der Flucht vorm Bauern strauchelte und in einem Kuhfladen landete.

Musik und ich

In den letzten zwanzig Jahren gab es immer Musik, die mich begeistert hat. Heute aber finde ich irgendwie nichts mehr. Geht es euch auch so?

Ich habe mir zu meinem 40. Geburtstag einen iPod gewünscht. Und weil ich ja schon recht alt bin und in den vielen Jahren meines Daseins einige Platten angehäuft habe, sollte es auch gleich der ganz große mit 80 GB sein, damit möglichst viel drauf passt.

Jetzt, drei Monate später, bin ich bei 1023 Songs und bekomme das Ding ums Verrecken nicht voller. Wenn ich das jetzt mal so grob überreiße, befinden sich auf den von mir gehorteten Tonträgern etwa 50.000 Tracks, aber offensichtlich finde ich davon nur jeden fünfzigsten (noch) gut, und selbst bei denen ist es schon so, dass ich im Shuffle-Modus bei mindestens der Hälfte der Stücke genervt weiter drücke.

Sehr ernüchternd, das, aber ein eindeutiger Beleg dafür, dass ich mich zunehmend schwer damit tue, Musik zu finden, die mich berührt, begeistert, bewegt. Musik, die ich nicht einfach nur höre, weil sie okay ist und weil sie ein bisschen so klingt wie andere Sachen, die ich gut finde, sondern mich inspiriert und glücklich macht.

Musik war immer eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben. Mit zehn kaufte ich mir meine erste Platte, und seitdem war der Gang zum Laden stets aufregend und besonders. Selbst die Tatsache, dass ich seit über zwanzig Jahren Musikjournalist bin, vermochte nicht, mir dieses Vergnügen madig zu machen. Klar wurde man gerade in den 90ern, als es den Plattenfirmen noch so richtig gut ging, mit Promo-CDs zugeschissen, aber trotz des übergroßen Inputs nahm ich nie davon Abstand, mir Musik, die mir etwas gibt, sofern erhältlich, auf Vinyl zuzulegen und lieb zu haben.

Und ich habe immer etwas gefunden, das neu und aufregend und anders war. Mich auf einen Stil festzulegen, war nie mein Ding. Ich habe zudem Musik seit jeher als Kunst im Fluss begriffen, weswegen es grundsätzlich ausfiel, in vermeintlicher Ermangelung spannender neuer Acts auf alten Kram aus den 80ern zurück zu greifen, jener musikalischen Epoche, die mich gewiss am meisten prägte.

Es machte Spaß, alles zu hören, natürlich über die Jahre mit wechselnden Schwerpunkten, aber jetzt, anno 2007, habe ich keine Lust mehr, alles zu hören, weil ich kaum mehr etwas so richtig mag. Sollte ich tatsächlich zu viel Musik aufgesaugt haben? Sind meine Ohren zugesuppt? Kann ja eigentlich nicht sein, dass es keine coolen neuen Sachen mehr gibt. Oder bin ich einfach zu doof, sie zu entdecken? Helft mir doch mal, ihr pfiffigen Leser. Ich sag euch, was ich in den letzten 30 Jahren gut fand, und ihr sagt mir, was ich heute und morgen gut finde.

* 1977
Erste selbstgekaufte Platte, ´Dancing Queen´ von Abba. Es folgt die Zeit, in der ich, na ja, so etwas wie Abba-Fan bin und mir drei Alben von ihnen zulege. Mein Wunsch, Agnetha würde mich zum Mann machen, bleibt unerfüllt.

* 1978-1979
Ein bisschen Charts, ein bisschen Disco, ein bisschen Sex Pistols, weil die Älteren im Dorf die mögen, parallel entsteht meine erste Faszination für elektronische Klangerzeugung. Ich lege mir fast alles von Jean Michel Jarre und Kraftwerk zu.

* 1980-1982
Von da ist es nicht mehr weit zum Synthiepop, der ersten Musikrichtung, die mich richtig begeistert und bei der ich das Gefühl habe, dass sie nur für mich erfunden wurde. Visage, Ultravox, Soft Cell, OMD, Blancmange, Heaven17, Human League, Cabaret Voltaire und natürlich Depeche Mode (übrigens die einzige Band, die ich ohne Unterlass während der letzten 25 Jahre gehört habe) sind meine Helden. ´Blue Monday´ von New Order ist eine musikalische Offenbarung.

* 1983-1986
Es wird zunehmend düsterer. The Cure werden zu meiner Lieblingsband, um sie scharen sich andere Mollmeister wie Joy Division, Bauhaus, Christian Death, Dead Can Dance, Cocteau Twins, Sisters Of Mercy, Siouxsie and The Banshees, Cassandra Complex, Red Lorry Yello Lorry, Alien Sex Fiend, Killing Joke, Fields Of The Nephilim, auch den EBM- und Industrialkram von Bands wie Front 242, Trisomie 21, Skinny Puppy, Psyche, Nitzer Ebb, Einstürzende Neubauten, In The Nursery, Laibach oder SPK höre ich gern, dazu, wenn gelächelt werden soll, britischen Pop von Prefab Sprout, Pet Shop Boys, Talk Talk und Tears For Fears.

* 1987-1988
Meine Begeisterung für elektronische und/oder düstere Musik lässt nach, stattdessen muss es krachen. Sonic Youth, Swans, Killdozer, Big Black und andere amerikanische Lärmspezialisten sind meine neue Leidenschaft. Wenn ich zwischendurch mal Lust auf Melodie habe, sind es in erster Linie New Order, The Smiths, The Jesus And Mary Chain, The Cult, Spacemen 3, My Bloody Valentine und die Pixies.

* 1989-1993
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, regieren jetzt endgültig Gitarren. Ich entdecke Slayer für mich und lande davon ausgehend schnell bei Napalm Death, Carcass, Autopsy und dem ganzen anderen Grindcore-Gemetzel. Für die softeren Stunden gibt´s Grunge von Mudhoney, Soundgarden, Nirvana, Pearl Jam, Screaming Trees und Alice In Chains, auch Hardcore von Prong, No Means No, Fugazi, Black Flag etc. oder Crossover von Bands wie Faith No More, Red Hot Chili Peppers und Biohazard sind ein Thema, dazu ein bisschen HipHop von Public Enemy, De La Soul, N.W.A. und Cypress Hill sowie Brit-Rave von Charlatans, Primal Scream, Happy Mondays und Stone Roses. Aus Gründen der Allgemeinbildung beschäftige ich mich außerdem mit Urvätern wie den Beatles, Led Zeppelin, Black Sabbath, Neil Young und The Doors. Zwischendurch verirre ich mich auf erste Techno-Raves, verstehe das Ganze aber noch nicht.

* 1994-1997
Die Britpop-, TripHop- und Drum´n´Bass-Jahre, oder anders: England! In dieser Zeit erscheinen ein paar meiner Lieblingsalben. Platten, die ich heute noch regelmäßig höre, u.a. ´Urban Hymns´ von The Verve, ´OK Computer´ von Radiohead, ´(What´s The Story) Morning Glory? von Oasis, ´Everything Must Go´ von den Manic Street Preachers, ´Ladies and Gentlemen We´re Floating In Space´ von Spiritualized, ´Dummy´ von Portishead und ´Blue Lines´ von Massive Attack. Aufenthalte in Clubs kommen einem Zirkeltraining gleich, da ich den Ehrgeiz entwickle, bei Drum´n´Bass auf den Beat und nicht auf die Bassline zu tanzen. Am besten finde ich die düsteren Sachen von No-U-Turn und Metalheadz. Musik, die nicht dein Freund sein will und deswegen umso mehr Spaß macht.

* 1998-2006
Die Minimal-Techno-Jahre, garniert mit einigen wenigen handverlesenen Gitarrenstücken. Drum´n´Bass ging so schnell, wie er kam und wird zügig abgelöst von der 4/4-Bassdrum, was sicherlich begünstigt wird durch meinen Umzug von München nach Köln, der damaligen Minimal-Hauptstadt. Ich hänge jeden Freitag bei ´Total Confusion´, dem Partyabend der Kompakt-Blase im Studio 672 rum und lass auch sonst kaum eine Techno-Party aus. Ich merke, wie mir Gitarrenmusik offenbar 20 Jahre lang die Gehörgänge verschlackt hat und sehne mich nach auf das Nötigste reduzierter Musik. Ich mag auch keine Vocals mehr, weil ich es nicht mehr ertrage, ständig was vorgesungen zu bekommen. Stattdessen genieße ich es, die minimalen Musikfragmente selbst mit Bildern, Interpretationen und Geschichten anzureichern. Pro Monat schafft es im Schnitt nur noch eine Gitarrenplatte, mich umzuhauen. Die jeweils ersten Alben von The Strokes, Maximo Park, Kaiser Chiefs, The Killers, Bloc Party, Editors, Feist, Arctic Monkeys, Franz Ferdinand, Interpol usw. finde ich bombe, die Nachfolger schocken alle schon nicht mehr so richtig. Da halte ich es dann doch eher mit Hot Chip, Junior Boys, Erlend Oye, Zoot Woman, Air, The Streets, Chemical Brothers, Underworld, Boards Of Canada und anderem Electronic Listening-Zeugs oder verlässlichen Helden wie Nick Cave, Johnny Cash, Blumfeld, Tocotronic, Mazzy Star und Depeche Mode.

* 2007
Ich möchte nicht soweit gehen und sagen, dass sogar Minimal Techno mich langsam langweilt, aber irgendwann geht´s einfach nicht noch minimaler, weswegen jetzt auch mal wieder gerne Chords, Flächen, Melodien und sogar vereinzelte Vocals in den Tracks auftauchen dürfen. Es gibt in diesem Jahr noch keine einzige Rock-Platte, die mich richtig weggeblasen hätte. Klar finde ich einige sehr gut, aber sie bescheren mir lange nicht mehr solche Glücksmomente, wie Gitarrenmusik das schon mal vermochte. Ich habe auch kein Bedürfnis, die alten Platten wieder rauszuziehen. Musikalischer Historismus war nie meins, aber irgendwas muss jetzt passieren.

Oder bin ich jetzt in dem Alter, in dem man anfängt, Jazz oder Klassik zu hören?

Don't come back

Warum eigentlich beschließen so viele Bands, lange nach Zenit und Auflösung noch mal ein Album rauszubringen? Markus Kavka auf Ursachensuche.

Ich warte immer noch auf die erste Band, die bei ihrem Comeback besser als zu Zeiten ihres ersten Wirkens ist. Die letzte Ernüchterung diesbezüglich lieferten Smashing Pumpkins bei ihrem bedauernswerten Rock am Ring-Auftritt. Diese zusammengecastete Band mit nur zwei Urmitgliedern in ihren doofen weißen Wallawallagewändern wirkte wie eine schlechte Coverband des Originals. Weg war die Magie, die Billy Corgan und sein Anhang noch Anfang bis Mitte der 90er verstrahlten, das Progrock-mäßige Gegniedel verhallte stattdessen in einem großen, seelenlosen Nichts.

Derlei Schicksale scheinen den ebenfalls in die Jahre gekommenen Rest der Musikerkollegenschar nicht abzuschrecken. Im Gegenteil, die Comebackwelle rollt: Im Sommer suchten uns Genesis heim, diese Woche sind es The Police, und sogar Led Zeppelin gehen wieder auf Tour. Warum tun die das?

Es gibt ja so ein paar Lieblingsgründe, die in so einem Fall gerne mal vorgeschoben werden: "Wir haben der Welt noch was mitzuteilen", "Wir sind im Streit auseinander gegangen und verstehen uns jetzt besser als jemals zuvor", oder, schon aufrichtiger: "Uns war langweilig". Am ehrlichsten und deswegen auch am seltensten ausgesprochen wäre allerdings: "Wir machen es wegen der Kohle". Stewart Copeland, neben Andy Summers das zweite, im ewigen Schatten des alles überstrahlenden Sting stehende, ewige Ex-Mitglied von The Police, gab ungewöhnlicherweise sogar zu, dass das "Geld natürlich ein Faktor für die Wiedervereinigung" war - was angesichts der Tatsache, dass die Band allein bei ihrer US-Tour über 100 Millionen Dollar kassiert, allerdings auch nicht wie die total überraschende Offenbarung wirkt. Auch hierzulande füllen The Police Stadien, und das, obwohl ihr Zenit bereits zweieinhalb Jahrzehnte zurück liegt. Aber klar, die Fans von früher sind noch jung genug, um am Leben zu sein, und der Umstand, dass es zahllose Radiosender gibt, die mit "den größten Hits der 70er, 80er, 90er und dem Besten von heute" werben und Songs wie ´Message In A Bottle´, ´Every Little Thing She Does Is Magic´ oder ´Every Breath You Take´ nicht in Vergessenheit geraten lassen, sorgt zusätzlich dafür, dass 50.000 Leute und mehr um die 100 Euro für ein Ticket abdrücken und dorthin rennen.

Auch bei Genesis war das so, und das, obwohl Ur-Mitglied Peter Gabriel gar nicht mit von der Partie war. Der hält sich, nach eigener Aussage, "zu alt für diesen Scheiß". Seine drei Ex-Kollegen Collins, Rutherford und Banks nicht, auch wenn letzterer im Interview auf die Frage, warum auf der Tour denn nicht die epischen 70er-Jahre-Stücke aufgeführt werden, folgendes antwortete; "Das Zeug ist total schwer zu spielen. Rein physisch betrachtet. Das überlassen wir lieber den jungen Typen der Genesis-Coverbands. Epen wie ´Supper´s Ready´ erfordern Kräfte, die man mit Mitte 50 nicht mehr besitzt."

Dafür haben die Besucher der Konzerte sicherlich vollstes Verständnis. Nicht zuletzt sind deswegen bei derlei Veranstaltungen auch die Sitzplätze lange vor den Stehplätzen ausverkauft. Aber man geht ja dort auch nicht hin zum Stagediven oder Slamdancen, sondern um sich ganz gediegen in die gute alte Zeit zurückbeamen zu lassen, sich noch mal jung zu fühlen, nostalgisch zu sein und mit Sicherheit auch nicht enttäuscht zu werden, weil bei solchen Bands weiß man schließlich, was man hat. Da spielt das Sicherheitsdenken der Nachkriegsgeneration eine große Rolle.

Warum aber sind die Comebacks der Rockdinosaurier-Bands um so vieles erfolgreicher als beispielsweise jene von ehemaligen Stars aus den 90ern? Die erneute Heimsuchung von Tic Tac Toe, Spice Girls und No Angels brauchte aus naheliegenden Gründen keine Sau, dass allerdings auch die Wiederbelebungsversuche von ehedem wegweisenden Bands wie den Pixies, Rage Against The Machine oder bereits erwähnter Smashing Pumpkins weitestgehend unspektakulär versandeten, wirft dann aber doch ein paar Fragen auf.

Liegt es am medialen Overkill und der damit stetig reduzierten Halbwertszeit von Bands? Erinnert sich schon niemand mehr daran, wer vor zehn Jahren mal gut und wichtig war? Ist Pop- und Rockmusik mehr denn je eine Momentaufnahme als ein Jahrzehnte überdauerndes Statement? Tatsache ist, dass kaum mehr eine Band genügend Zeit bekommt, um Fuß zu fassen und sich zu entwickeln. Wenn die erste Platte floppt, kommt auch keine zweite. Und überhaupt, Platten, CDs und so ist eh Kram von gestern, heiß ist nur der Scheiß aus dem Netz, und da gibt es jeden Tag hundert neue geile Sachen zu entdecken. Selbst eine Truppe wie The Strokes, die 2001 mit ihrem ersten Album ´Is This It?´ als Retter des Rock´n´Roll ausgerufen wurde, ist mittlerweile eigentlich durch. Der Musikmarkt hat sich so verändert und ist so schnelllebig geworden, dass kaum noch jemand mitkommt. Insofern müssen sich Bands wie Genesis, The Police oder auch die untoten Rolling Stones für so manch einen wie rettende Bremsfallschirme anfühlen.

Hier mal eine kleine Auflistung von weiteren Bremsfallschirmen, die allein in den nächsten Wochen in Berlin spielen: Gorilla Biscuits (87-91, Comeback 2006), Nitzer Ebb (82-95, Comeback 2006), Take That (90-96, Comeback 2005), Crowded House (85-96, Comeback 2007), Radio Birdman (76-78, Comeback 2003), Siouxsie (mit The Banshees 76-96 aktiv, Comeback 2007), Ten Years After (67-74, Comebacks 89 und 2004), Led Zeppelin (68-80, Comeback 2007), darüber hinaus geben sich nach dem Motto "Unkraut vergeht nicht" auch Phillip Boa, Wishbone Ash, Erasure, Joe Cocker, Rod Stewart, Foreigner, Willy de Ville, Psychic TV, Boney M., Chris Norman, Temptations and Four Tops, Motörhead, New Model Army, Ratt, The Fuzztones, Karat, Keimzeit und die Puhdys die Ehre.

Hochzeit mal anders

Niemand tanzt gerne auf öden Hochzeiten. Ich schon gar nicht. Ein Plädoyer für neue Hochzeitsbräuche.

Derzeit heiraten die Leute in meinem Bekanntenkreis wie die Fliegen. Schon seit zwei, drei Jahren wird ja eifrig proklamiert, dass man "das jetzt wieder macht" - gerade in Kreisen, in denen derlei bürgerlicher Quatsch traditionell verpönt war.

Damit bekommt die Unternehmung ´Hochzeitsfeier´ aber plötzlich auch eine ganz andere Note. Bis dato hatte ich den Eindruck, dass die Hochzeiten, denen ich beiwohnte, sich nicht groß von den Festivitäten der eigenen Eltern unterschieden. Es gibt da ein paar Dinge, die eben schon immer so gemacht wurden, die haben sich vor 30 Jahren bewährt und waren, na ja, lustig, und damit niemand durcheinander kommt, wird das eins zu eins übernommen.

Das geht schon mit der unsinnigen Regel los, dass beim Junggesell(inn)enabschied der Mann unbedingt Titten, die Frau unbedingt strippende Typen sehen muss.

Am großen Tag selbst ereilt das Brautpaar dann mit aller Gewalt der Gästelistenterror, denn natürlich mussten auch einige Leute eingeladen werden, auf die man überhaupt keinen Bock hatte. Hysterische Kreischtanten, tumbe Cousins und einen Altnazi-Großonkel hat fast jeder irgendwo in seiner Familie versteckt. Zarte Versuche, diese Weddingcrasher gezielt nicht einzuladen, werden allerdings von den Eltern gerne mal mit Sprüchen wie "Das kannst du nicht machen. Punkt. Ende der Diskussion!" abgebügelt. Es geht also nie darum, wen man denn gerne aus aufrichtiger Wertschätzung und Sympathie beim vermeintlich wichtigsten und schönsten Tag seines Lebens dabei haben möchte, sondern einzig und allein um den Verwandtschaftsgrad. Bis zur dritten Ecke werden einfach alle eingeladen, egal auch, ob man sie in seinem Leben vorher überhaupt schon mal gesehen hat. Die besten Freunde und liebsten Kollegen müssen als persönliche Note reichen, basta.

Ähnlich unflexibel gestaltet sich dann auch der Ablauf der Veranstaltung. Nach der Trauung auf dem Standesamt oder in der Kirche geht es dann erst mal zum Mittagessen, danach zwei Stunden Blabla und Rumgeeiere, gegen 15 Uhr stehen Kaffee und Kuchen auf dem Plan, danach erneut Hängen im Schacht, bis um 19 Uhr das Abendessen serviert wird. Unterbrochen wird das Gelage nur von allerlei aberwitzigen Hochzeitsspielchen, von denen es zwar irrsinnig viele (es sind 70.000 Einträge zu diesem Thema bei Google gelistet), allerdings kaum geistreiche gibt. Noch schlimmer: Reden, Vorträge und Gedichte, die fast ausnahmslos den Anschein erwecken, als hätte man sie irgendwo kopiert oder runtergeladen und lediglich die Namen der Protagonisten ausgetauscht. Wenn Tante Trudi dann mit einem abgegriffenen Klarsichtordner aufkreuzt, in dem sich noch auf einer Schreibmaschine getippte, bunte Blätter befinden, dann weiß man, dass man die Scherzchen, die sie gleich macht, schon mal irgendwo gehört hat.

Richtig finster wird es endgültig, wenn die Musi zum Tanz aufspielt. Um ein konsensfähiges Programm zu garantieren, bleibt als letzter Ausweg oft nur eine professionelle Hochzeitskapelle, so richtig mit schlecht sitzenden Klamotten, vollautomatischem Midi-Keyboard, Drumcomputer, einem saulustigen Frontmann und den garantiert beschissensten und durchgenudeltsten Songs der letzten fünfzig Jahre im Repertoire.
Dies alles führt dazu, dass die Hochzeit weniger der glücklichste als vielmehr der anstrengendste und nicht selten auch kostspieligste Tag im Leben des Brautpaares ist.

Doch das muss nicht so sein, wie ich spätestens seit Samstag weiß.

Man kann z.B. anstatt in einem muffigen Gasthaus auch in einem stillgelegten Jahrhundertwendebahnhof feiern, in dem die Gäste auch gleich übernachten können. Ein paar von den Eingeladenen mitgebrachte Torten und Salate reichen zusammen mit dem Spanferkel und Getränken als Festtagsmenü auch vollkommen aus.

Zudem war das Animations- und Showprogramm das charmanteste, warmherzigste und rührendste, das ich jemals bei einer Hochzeit erlebt habe. Ein Diavortrag der Väter (Kinderfotos der Heiratenden sind immer ein Bringer), augenzwinkernde Adaptionen von Quizshows wie ´Familienduell´, ´Wer wird Millionär´ oder ´Herzblatt´ mit kecken Fragen und Antworten, ein selbstgedrehter Film des Brautpaares sowie etliche spontane Reden und Aktionen der Gäste sorgten zusammen mit regelmäßigen Schnapsrunden und einem extrem geschmackssicheren DJ für eine wunderbare Feier. Es fühlte sich die ganze Zeit so an, als wäre man nicht in erster Linie bei einer Hochzeit, sondern vielmehr auf einer spitzenmäßigen Party. Dazu braucht es dann natürlich schon entspannte Eltern, Tanten und Onkel, die sich entsprechend zurück nehmen und verinnerlicht haben, dass das Brautpaar glücklich sein soll und so eine Veranstaltung eben nicht dazu da ist, die Verwandtschaft zu bauchpinseln.

Nur eine Sache fand ich nicht so gut: Während bei den eher traditionellen Hochzeiten die unverheirateten Damen engagiert nach dem geworfenen Brautstrauß hechten, hatte man hier das Gefühl, als käme eine tote Ratte auf die Ladies zugeflogen, so sehr wichen sie zurück, weil fangen gleich uncool. Deswegen landete das Ding beim ersten Versuch auf dem Boden und beim zweiten in den Armen von einer, die sowieso in ein paar Wochen heiratet und nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte.

Trotzdem: Genau so will ich auch mal heiraten.

Denk an deine Rente

Ich hatte in diesen Tagen einen Termin, den ich zwanzig Jahre lang hinausgezögert habe. Einen Termin bei meiner Bank. Ich spare jetzt.

Seitdem ich Geld verdiene, wanderte dieses stets ohne Umschweife auf ein zinsloses Girokonto. Da lag es dann so rum, bis ich mal wieder Lust hatte, mir etwas Sinnloses zu kaufen. Zusammen mit dem Dispo, den ich skrupellos zu meinem Guthaben dazurechnete, hielt ich mich beispielsweise für liquide genug, um zeitweise gleich zwei Autos zu besitzen. Wenn diese Autos, die zwar hübsch und günstig in der Anschaffung sind, dann ständig kaputt sind und einem im Unterhalt die Haare vom Kopf fressen, wenn man darüber hinaus noch "vergisst", Steuern zu zahlen und dann auch noch die Bank unnachgiebig den Ausgleich des Dispos fordert, werden erst mal EC- und Kreditkarte vom Automaten nicht mehr rausgerückt, anschließend folgt eine Flut unangenehmer Schreiben, am Ende steht man dann mit einem Bein im Knast.

Diese Erfahrung aus den Jahren 1994 bis 2001 hätte mich lehren sollen, mit Geld etwas behutsamer umzugehen. Allerdings verhält es sich so, dass Zaster für mich nur einen Wert hat, wenn ich mir etwas davon kaufe, und zwar sehr zeitnah. Zum Wert und Sinn, den ein Vermögen in zehn oder zwanzig Jahren haben könnte, hab ich kein Verhältnis. Das ist mir zu abstrakt.

Nun bin ich aber vor ein paar Wochen 40 geworden, und zu diesem Anlass fragten mich meine Eltern (und nicht nur sie) einmal mehr, wie ich denn mein Leben im Alter, das ja nicht mehr in so weiter Ferne liegt, zu finanzieren gedenke. Meine Antwort, und es ist seit 20 Jahren die gleiche: "Na ja, wird schon noch was übrig sein…" Doch diesmal wurde nachgehakt: "Wie viel denn?" "Keine Ahnung." "Dann geh doch mal zu deiner Bank und frag."

Gut, fragen kostet ja nichts, und so vereinbarte ich einen Termin mit dem Mann, der auf meinen Kontoauszügen unter ´Ihr persönlicher Betreuer´ vermerkt ist - einen Mann, den ich in den über zehn Jahren, die ich bei dieser Bank bin, noch nie zu Gesicht bekommen habe, der zwar vor gut einem Jahr mal sporadisch versucht hatte, mich zu einem Gespräch einzuladen, dann aber aufgab, weil ich in dieser Angelegenheit chronisch nicht zurückrief.

Schon die Bank zu betreten, fühlte sich merkwürdig an.

Normalerweise wickle ich sämtliche Finanzangelegenheiten am EC-Automaten oder per Online-Banking ab, selbst die Herrschaften am Schalter bekomme ich daher also kaum zu Gesicht. Dann aber noch unten im Foyer in Empfang genommen zu werden und in den zweiten Stock des Gebäudes zu meinem Berater gebracht zu werden - Kaffee und Kekse im Vorzimmer inklusive - war mir dann eindeutig ein bisschen zu viel Bank auf einmal. Klemmiger als beim Urologen, saß ich mit schweißnassen Händen auf der vordersten Kante des Stuhls, in banger Erwartung der niederschmetternden Nachricht, wie arm ich mit 65 sein würde.

Dabei hatte ich sogar wacker versucht, mich im Vorfeld schlau zu machen. Ich las die Wikipedia-Einträge zu ´Rente´ und ´Riester Rente´, kapitulierte aber nach wenigen Zeilen, weil ich stattdessen genauso gut den Forschungsbericht einer chinesischen Atomwissenschaftlervereinigung studieren könnte, ich kaufte mir das Stiftung Warentest Sonderheft ´Altersvorsorge´, aber auch jenes verschwand nach ein paar verwirrt durchgeblätterten Seiten im Altpapier. Ob der Bankmann weiß, was er für eine Riesenverantwortung hat? Es wird diesen Termin aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein einziges Mal geben. Ich werde zu allen Dingen, die mein Berater vorschlägt, ´Ja!´ sagen, daran nie mehr etwas ändern und gleichzeitig davon ausgehen, ein wohlhabender Rentner zu sein. Wenn nicht, ist mein Berater schuld.

"Schön, dass es mal klappt mit uns, Herr Kavka. Jetzt gucken wir erst mal, wie hoch ihre zu erwartende Rente ist. Haben sie bei einer anderen Bank ein Sparkonto oder ein Depot?" Nein. "Haben sie eine Immobilie?" Prust! Nein! "Gut. Bei ihrem derzeitigen Gehalt kommen sie dann, wenn man den Wertverlust des Geldes berücksichtigt, auf eine ungefähre Rente von 1.300 Euro."

Zack, das hat gesessen! Eintausenddreihundert Euro. So wird das nichts mit meinem großen Traum von einem Haus am Meer, in dem ich es mir nach getaner Arbeit zum Lebensausklang gut gehen lasse. Stattdessen heißt es unter diesen Vorzeichen wohl eher: Ab ins Heim!

Und selbst die Tafel Schokolade, die ich meinen Kindern und Enkeln, sollte ich jemals welche haben, aus Dankbarkeit über ihren Besuch mitgeben will, muss ich mir vom Mund absparen. Ich sollte ein paar Tapes (DVDs, MPEGs) meiner Sendungen aufbewahren, sonst glauben die nie, dass der Opa mal im Fernsehen war, von dem es doch heißt, dass es einem die Rente sichert. Das mag für Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Florian Silbereisen sicherlich zutreffen, für Markus Kavka allerdings nicht.

Am Tag nach dem Banktermin hatte ich im Zuge meines Fernsehdaseins ein Fotoshooting. Für ein Magazin, das eine Geschichte zum Bundesligastart macht, wurde ich in einer typischen Kreuzberger Fußballeckkneipe im Trikot meines Lieblingsvereins abgelichtet. Es war 12 Uhr mittags, in den dunklen, muffigen Räumlichkeiten saßen etwa zehn Gäste. Am Tisch neben mir hatte es sich ein älteres Paar gemütlich gemacht. Vor dem Mann lag mit ´Bild´, ´B.Z.´ und ´Berliner Kurier´ die geballte Berliner Boulevardladung ausgebreitet, seine Frau arbeitete sich derweil durch einen Stapel Kreuzworträtselhefte. Sie machten einen sehr glücklichen Eindruck, scherzten unablässig und fragten mich schließlich, ob sie ein Autogramm haben könnten, weil ich offenbar ja "irgendwie berühmt" wäre.

Aus den Lautsprecherboxen dudelte in diesem Moment ´Am Tag, als Conny Kramer starb´ von Juliane Werding. Das Paar sang mit. Und als ich den Text dieses zweifelsfrei großartigen Songs hörte, diese tieftraurige Ballade über den Drogentod des besten Freundes, fiel mir mit einem Mal der unterschwellige Grund für meine ablehnende Haltung gegenüber Altersvorsorge ein: Als großer Fan von The Who hatte ich einst eine Textzeile aus ´My Generation´ etwas zu sehr verinnerlicht. "I Hope I die before I get old" lautet sie, und sie war seit über 20 Jahren dafür verantwortlich, dass "Alter" als Zustand nicht Teil meines Lebensentwurfs war. In ihm zählte nur heute, morgen und vielleicht noch nächste Woche.

Jetzt ist das mit einem Mal anders, mit meinem frischen "Ansparplan" und meinen vielversprechenden "Rentenfonds". Schließlich will ich in 20 Jahren auch mal bei Juliane Werding mitsingen.

Das Aspririn-Gespräch

Für manche Interviews braucht man gute Nerven. Markus Kavka hatte sie: Er sprach mit Quentin Tarantino über die drei wichtigsten Dinge der Welt.

Wer ist denn der knuffige Klops im schwarzen Jogginganzug und dem Wu-Tang-Shirt? Lustig, wie der Oberkörper beim Gehen hin- und herwackelt. Interessantes Profil auch, das halbe Gesicht besteht aus Kinn, selbst ein Jay Leno wäre neidisch.

Jetzt dreht er sich zu mir. "Hi, I´m Quentin!" Er sieht, nun ja, anders aus als in seinen Filmrollen, aber man kommt gar nicht dazu, sich diesbezüglich all zu viele Gedanken zu machen, denn sofort fixieren eine diese mit kindlicher Begeisterung erfüllten Augen, trifft einen dieser maschinengewehrartige Wortschwall, nimmt einen diese Lache ein.

Quentin Tarantino ist im Haus. Er ist ungewöhnlich früh aufgestanden, um 7 Uhr, um ab 10 Uhr bei MTV drei Interviews zu geben. "Death Proof", sein neuer Film ist angelaufen, und Mr. Tarantino hat eine Menge darüber zu erzählen. Als erster bin ich dran, mit einem für 35 Minuten angesetzten Gespräch für MTV Rockzone. Quentin begrüßt jeden einzelnen aus der in Ehrfurcht erstarrenden Studiocrew per Handschlag. Er veranlasst noch kurz, dass der Kontrollmonitor von ihm weggedreht wird, weil er sich sonst "die ganze Zeit eitel anglotzen" würde.

Die 35 Minuten sind schnell um, zu schnell. Ich habe in dieser Zeit gerade mal sieben Fragen gestellt, und wir sind erst knapp mit der Hälfte der Sendung durch. Unfassbar, was der Mann für einen Output hat. Noch nie bin ich mit einer derartig hohen Silbenzahl pro Minute bombardiert worden. Tarantino redet sich in einen Rausch, er umklammert sein Mikro mit beiden Händen, brüllt rein, kichert unablässig, klingt dabei original wie Beavis aus "Beavis & Butthead" und stellt unvermittelt Gegenfragen. Er verlängert die Interviewzeit selbstständig um 30 Minuten, die Begleitdamen vom Filmverleih stöhnen.

So scheint das fast immer zu sein. Nach mir ist der Kollege von MTV Masters dran, aus seinen 20 Minuten werden 45. Kein Wunder, denn Quentin hatte sich vorbereitet. Das Thema ist ´Magic Movie Moments´, er wollte deswegen die Fragen am Tag vorher haben - nicht, weil er einzelne davon doof finden könnte, sondern um sich "ein paar Notizen" zu machen. Er zog 20 vollgeschriebene Blätter aus der Tasche, es konnte losgehen.

Seine Entourage wird langsam unruhig, die nächsten Termine rufen. "Mir egal, ich hab´ hier grad Spaß!", plärrt er ihnen nach einem zarten "Wir-müssen-langsam" entgegen. Auch der nachfolgende Newsredakteur bekommt statt 10 nun 25 Minuten und schafft es, in dieser Zeit drei Fragen zu stellen. Ich fühlte mich nach dem Interview wie von einem Panzer überfahren, mein Zustand schwankte zwischen Überforderung und Euphorie, ich brauchte erst mal zwei Aspirin. Kurz darauf stand der Masters-Redakteur bei mir am Tisch. "Haste mal zwei Aspirin?" Ein paar Minuten später kommt der News-Mann. "Markus, hast du Kopfschmerztabletten?"

Quentin war fertig mit uns, fröhlich pfeifend schickte er sich an, es ein paar weiteren Journalisten zu besorgen. Am Abend turnte er dann kein Stück weniger energetisch bei einer Vorführung von "Death Proof" in einem Kino vor und nach dem Film auf der Bühne herum und redete alles in Grund und Boden, ebenso auf der Aftershowparty. Die letzte Sichtung Quentin Tarantinos hatte man schließlich um fünf Uhr morgens, als er fröhlich johlend mit einem Motorboot auf der Spree rumheizte.

Hier nun das komplette Interview. Es ist lediglich um die Passagen gekürzt, in denen wir über die Musikvideos sprachen, die in der Sendung liefen.

Ich habe fünf Stunden gebraucht, um es abzutippen. Hat jetzt mal jemand acht Aspirin für mich?

Ausgehend von deinem neuen Film müssen wir unter anderem über drei der wichtigsten Dinge im Leben sprechen - Frauen, Autos und Musik.

Da würde ich dir zustimmen. Das sind die interessantesten Dinge im Leben. Wobei…

Gut, Sex fehlt noch.

Richtig. Aber das ist unmittelbar in "Frauen" enthalten.

Eigentlich auch in "Autos".

Da hast du Recht, definitiv auch in "Autos".

Zunächst mal zu "Death Proof". Würdest du sagen, dass dieser Film dein persönlichster, dein autobiographischter ist?

Er ist sehr persönlich, allerdings nicht so persönlich wie "Kill Bil". Abgesehen davon ist jeder meiner Filme persönlich. Sie kommen alle aus meinem Inneren. Obwohl ich diesen Umstand gerne unter einem bestimmten Genre vergrabe, bekommt man doch einen guten Eindruck, wer ich bin und was mir in meinem Leben so passiert ist. Was mich an "Death Proof" am meisten faszinierte, war die Tatsache, dass ich über acht verschiedene weibliche Charaktere schreiben konnte, die eben nichts mit mir zu tun haben, sondern sie selbst sind. Ich bin ein Autor, der in die Charaktere eintaucht, also wurde ich zu diesen Mädchen. Das ist es, wozu ein Autor fähig sein sollte, nämlich nicht immer über sich zu schreiben, sondern sich in die Persönlichkeit anderer zu versetzen. Ich versuche dann, ein anderer Mensch zu werden. Weg von mir selbst, hin zu den handelnden Personen.

Zu den Frauen kommen wir später noch, vielleicht sollten wir zuerst über die ursprünglich geplante Struktur des Films sprechen. "Death Proof" und "Planet Terror" von Robert Rodriguez kommen hier getrennt voneinander ins Kino, in Amerika liefen beide Filme unter dem Label "Grindhouse" als Doublefeature. Das Publikum wusste diese Form der Präsentation nicht wirklich zu schätzen.

Na ja, die wenigen Leute, die zu den Vorstellungen kamen, wussten es schon zu schätzen. Aber stimmt schon, die meisten haben diese Double-Feature-Idee nicht verstanden. Allerdings war es auch nicht geplant, das Grindhouse-Ding weltweit durchzuziehen. Es gibt eigentlich nur drei Länder auf der Erde, die einen Bezug zu Grindhouse haben, nämlich Amerika, England und Japan. In Deutschland zum Beispiel wäre es sinnlos, beide Filme am Stück zu zeigen. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass die Einzelversion von "Death Proof" 25 Minuten länger als jene im Double-Feature und damit wesentlich näher an dem ist, was ich mit dem Film eigentlich aussagen wollte. Diese Version kommt direkt aus meinem Herzen.

Du hast dich in deiner Jugend viel in solchen Grindhouses rumgetrieben. Das waren ja sehr spezielle, manchmal nicht ganz ungefährliche Orte.

Einige von ihnen waren tatsächlich nicht ungefährlich, was gleichzeitig aber ihren besonderen Reiz ausmachte. Wenn man dort hin ging, wollte man die Gefahr zusammen mit der Eintrittskarte bekommen. Man vermied es, aufs Klo zu gehen und achtete darauf, sein Zeug immer nah bei sich zu haben. Man sah davon ab, all zu kumpelhaft mit den anderen Leuten im Publikum umzugehen. Ich persönlich trieb mich meistens in den Grindhouses der schwarzen oder mexikanischen Viertel von Los Angeles herum und geriet dort nie in eine wirklich gefährliche Situation. Tatsächlich war es in den Vorstadtkinos weißer Viertel wesentlich ungemütlicher für mich, weil ich es hasse, wenn Leute im Kino quatschen. Ich sagte früher - heute nicht mehr, denn dafür bin ich mittlerweile zu alt - erst mal freundlich "Halt die Fresse!", und wenn das nicht fruchtete, gab´s ganz schnell ein paar Schläge auf die selbige. Ich weiß gar nicht, wie oft ich draußen auf dem Parkplatz deswegen in Schlägereien geriet. In den Grindhouse-Kinos war es dagegen so, dass man ausdrücklich erwartete, dass während des Films gelabert wird. Man suchte sich die Filme danach aus, dass es nichts ausmacht, beziehungsweise der Streifen dadurch vielleicht sogar noch an Qualität gewinnt.

An welchem Punkt kam eigentlich Kurt Russell als "Stuntman Mike" ins Spiel?

Robert Rodriguez hat "Planet Terror" vor meinem Film gedreht. Er war schon fertig, als ich noch in einer sehr frühen Produktionsphase war. Ich hatte die Rollen der Mädchen schon besetzt, aber ich hatte noch keinen "Stuntman Mike". Ich schrieb endlos lange Namenslisten, allerdings drängte sich niemand so richtig auf. Der Wendepunkt kam, als Robert meinte, er wolle für seinen Film so eine Art John-Carpenter-Stimmung kreieren. Am Set liefen deswegen die ganze Zeit die Soundtracks von "Die Klapperschlange" und "Das Ding aus einer anderen Welt". "Planet Terror" sollte der Film werden, den Carpenter zwischen den genannten Werken hätte machen können. Irgendwann sagte ich mal: "Wart mal! Was ist eigentlich mit Kurt Russell?!" Er war sofort dabei. Ich finde, er hat einen fantastischen Job gemacht, er ist total mit seiner Rolle verwachsen.

Offenbar auch mit seinen beiden Karren. Autos spielen in "Death Proof" überhaupt eine große Rolle. Ich denke, dass die Muscle-Car-Modelle aus den späten 60ern und frühen 70ern bewusst gewählt sind.

Das sind sie. Mike fährt zuerst einen 69er Chevy Nova, später dann einen 70er Dodge Charger. Die Mädchen in der zweiten Hälfte haben einer 70er Dodge Challenger. Am Ende gibt es diese Schlacht zwischen den beiden besten Dodge-Modellen der Muscle-Car-Ära. Der weiße Dodge Challenger der Mädchen ist auch einer der Stars aus einem der besten Autoverfolgungsfilme aus eben dieser Zeit, nämlich "Vanishing Point", und genau aus diesem Grund wollen in zwei der Mädchen auch unbedingt haben. Ein Typ in ihrem Nest verkauft einen, und sie arrangieren eine Probefahrt, um einmal Kowalskis Auto zu steuern.

Es fühlt sich also fast so an, als würde damit Kowalkis Karre in meinem Film eine Gastrolle spielen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass wenn man Barry Newman als Kowalski in "Vanishing Point" so sieht, man nie an was anderes als an diesen harten Typen und seine derbe Karre denkt. Männlicher geht´s nicht. Im Schneideraum stellte ich bei der Verfolgungsjagd allerdings fest, dass dieses Auto mit einem Mädchen am Steuer zunehmend feminine Züge bekam.

Die Szene, die du ansprichst, in der Mike mit seinem Dodge den der Mädchen von hinten rammt, wirkt so, als hätten zwei Autos miteinander Sex.

Hm, ich würde es eher als eine Art Boxkampf bezeichnen.

Na ja, ich finde schon, dass es da ein wenig anal zugeht.

Oho! Hm, jetzt wo du´s sagst... Ja, du hast zu 100 Prozent recht. In der Verfolgungsjagd am Ende gibt es definitiv Elemente einer Knastvergewaltigung. Alle Karren sind am Schluss komplette Wracks.

Gut, dass diesmal keine von ihnen aus deinem Privatbesitz war, im Gegensatz zu dem roten 64er Chevy Malibu in "Pulp Fiction".

Korrekt, der gehörte mir. Eigentlich ist es gar nicht mein Ding, solche Autoklassiker wie die in meinen Filmen auch zu besitzen. Aus irgendeinem Grund habe ich damals aber dennoch diesen zugegebenermaßen sehr schönen Chevy gekauft, obwohl ich ihn gar nicht wollte. Um ehrlich zu sein: Mir ging der Schlitten sehr schnell total auf den Sack. Also hab ich mir gedacht, dass ich ihn für "Pulp Fiction" verwende und ihn dabei schrotte, um ihn endlich loszuwerden. Aber irgendwie überlebte er den Dreh. Ich versuchte schließlich, ihn an jemanden aus der Crew zu verkaufen, aber niemand wollte das Ding, weil keiner sich vorstellen konnte, dass ich so ein schönes Auto nicht selbst behalten wollte, so nach dem Motto "Da ist doch bestimmt ´ne Macke dran!". Vor ein paar Jahren konnte ich diesen Pickel am Arsch endlich abstoßen.

Was fährst du jetzt?

Bis vor anderthalb Jahren fuhr ich ein und denselben Volvo. Er war runtergerockt, er war verbeult, aber ich fuhr dieses Stück Scheiße gerne. Er war unverwüstlich, du fühltest dich sicher damit, dir war alles egal. Es ist generell prima, ein Auto zu fahren, das einem total am Arsch vorbei geht. Ich schramme im Parkhaus an ´ner Säule entlang, na und?! Ich ramme beim Zurücksetzen einen Poller? Darauf geschissen! Wenn die Karre jemand klaut? Mir doch egal, herzlichen Glückwunsch auch, jedes andere Auto auf der Straße wäre eine bessere Wahl gewesen, du Deppdieb! Jeder andere Fahrzeugbesitzer hat mehr zu verlieren als ich. 2006 hab ich ihn verschrottet, seitdem macht es mir auch wieder Spaß, besondere Autos zu haben. Mir gehört jetzt zum Beispiel der "Pussy Wagon" aus Kill Bill.

Echt? Dezent.

Na klar, Mann, ich lasse doch nicht extra so ein Ding anfertigen, um es dann abzugeben. Ich stehe vielleicht nicht so auf Autos, aber ich stehe unheimlich darauf, die Memorabilia aus meinen eigenen Filmen zu horten. Ich sammle den Scheiß für mein eigenes kleines Museum, das ich irgendwann mal eröffnen werde, vermutlich direkt neben dem Roy Rogers Museum in Branson, Missouri. Gut, jedenfalls habe ich jetzt den "Pussy Wagon", auch wenn ich ihn nicht dazu benutze, den Sunset Strip auf- und abzufahren und dabei bekloppt rauszuwinken. Aber es macht schon Spaß, wenn man mit ein paar Freunden, darunter auch gerne ein paar Mädchen, Samstagnacht ausgeht, es so langsam Sonntagmorgen wird und die ganze Truppe dann im "Pussy Wagon" vorfährt, um frühstücken zu gehen.

Zurück zum Film. Es gibt bei den Autoverfolgungsjagden keine einzige computergenerierte Szene, richtig?

Keine einzige. Ich bin ohnehin kein Fan davon, auch wenn ich einsehe, dass es bei manchen Produktionen etwas bringt. Aber von allem übermäßigen Gebrauch, den man in den letzten Jahren von Computeranimation machte, finde ich jenen bei Autoverfolgungsjagden und Autounfällen am wenigsten tolerierbar. Ich bin in den 70ern mit Autoverfolgungsjagd- und Crashfilmen aufgewachsen. Computeranimation macht bei diesem Genre überhaupt keinen Sinn, vor allem, weil man über 20 Jahre lang Leute hatte, die das eisenhart in echt durchgezogen haben.

Das splitternde Glas und verbeulte Blech waren Tatsachen. In diesen Autos saßen Menschen, die ihr Leben riskierten, und genau der Umstand machte doch den Thrill dieser Szenen aus. Wenn so etwas jetzt am Computer gebastelt wird, verstehe ich das nicht, es lässt mich total kalt. In den letzten zehn Jahren hat mich keine einzige Autoverfolgungsjagd beeindruckt.

Für meine stellte ich selbst gewisse Regeln auf. Erstens: Dadurch, dass ich Zoe Bell, die ja eigentlich Stuntfrau ist, als Darstellerin hatte, war gleichzeitig gewährleistet, dass sie alle ihre Stunts selbst macht, ohne Computer, ohne Double. Zweitens: Computeranimation kam überhaupt nicht in Frage. Wenn eine Szene real nicht machbar war, wurde sie eben gestrichen. Drittens: Es sollte auch keine Tricks hinsichtlich der Filmgeschwindigkeit geben, so von wegen langsam fahren und das Ganze im Schnitt schneller machen. Wir fuhren in allen Szenen original zwischen 100 und 160 km/h.

Sind dir die Stuntleute in Hollywood dankbar, dass du ihren Berufsstand rettest?

Ich sag mal so: Die wissen das alles sehr zu schätzen. Zum einen, weil sie merken, dass ich ein großer Verehrer ihres Talents, ihrer Kunst und ihres Mutes bin, zum anderen, weil sie mich als Typen kennen, der keine Lust auf Computerkram hat. Ich hatte beispielsweise für "Kill Bill" eine Verfolgungsszene vorgesehen, von der ich zwar wusste, wie sie am Ende aussehen soll, jedoch nicht, wie das Ganze umgesetzt werden kann. Die Stuntleute wussten es auch nicht. Es gab also nur die Möglichkeit, es einfach zu versuchen, um sich so langsam zum gewünschten Ergebnis vorzuarbeiten. Und glaub mir, es erfordert einigen Mut, Stunts auf Verdacht zu machen, ohne genau zu wissen, ob und wie es funktioniert.

Du hast Zoe Bell bereits erwähnt. Sie gehört zu einer der beiden Mädchencliquen. Mädchen, die sich viel und gerne unterhalten. Dabei klingen sie sehr authentisch. Woher weißt du so genau, wie Mädchen untereinander reden?

Das ist mein Job. Ich bin doch schließlich auch der weiße Typ, der die Erinnerungen einer Geisha niedergeschrieben habe. Es gehört zu meinen wichtigsten Aufgaben, Menschen zu erforschen. Oder, um´s kurz zu machen: Ich bin ein guter Autor. In diesem Fall kommt noch dazu, dass ich viele weibliche Freunde habe. Ich hänge regelmäßig mit verschiedenen Mädchencliquen ab, höre ihnen so beim Reden zu und bringe das dann zu Papier. Als Autor brauchst du vor allem ein gutes Gedächtnis. Das habe ich. Manchmal liegen Sachen jahrelang unbenutzt in meinem Gehirn herum. Irgendwann kommt dann der Tag, an dem ich sie gebrauchen kann und wieder raushole.

War es immer schon so, dass du mehr mit Frauen als mit Typen befreundet warst?

Eigentlich nicht. Das trifft nur für die letzten drei Jahre zu. Wobei es sich so verhält, dass wenn ich mit Frauen abhänge, ich immer gleich mit einer Gruppe von Frauen unterwegs bin, während meine Männerfreundschaften eher so ein 1:1-Ding sind, also ich und der andere Typ und keine komplette Bowling- oder Sauftruppe.

Du selbst spielst im Film einen Barmann, der für die Frauen ein eher ein Kumpeltyp ist und von ihnen nicht als sexuell attraktiv empfunden wird.

Moment, sprichst du jetzt von dir oder mir!? Nein, Quatsch... Tatsächlich ist mein Charakter verheiratet mit der Kellnerin des Ladens, ich kann also die Mädchen nicht angraben. Außerdem: Wer sagt denn, dass sie mich nicht sexuell attraktiv finden? Es gibt zwar keine Szene im Film, in der sie auf mich masturbieren, was aber nicht bedeutet, dass sie es nicht doch tun. Und weißt du was: Sie masturbieren auf mich! Ich bin der verdammte Autor und ich sage dir, sie masturbieren auf mich! Ich habe mich lediglich dazu entschlossen, das nicht zu zeigen.

Die Typen im Film scheinen den Frauen nicht gewachsen. Außer Mike, zumindest auf seine Art.

Richtig. Eigentlich kommentiert der Film auch nicht unwesentlich das Rollenverhalten von Typen heutzutage. Die Frauen sind um so viel stärker als sie. Ich wollte damit die zunehmende Feminisierung junger Männer aufzeigen, zumindest derer in Amerika.

Ist die Tatsache, dass du Frauen in diesem Film so viel Stärke einräumst, auch ein wenig als Entschuldigung für deine eigenen dreckigen Männerfantasien zu verstehen?

Wenn man einen Grindhouse- oder einen Exploitation-Film macht, bringt es nichts, wenn der Regisseur ein Gentleman ist. Du brauchst jemand, der geil ist. Du willst einen Typen, der Frauen sexy findet und du willst wissen, was er an ihnen sexy findet. Es ist Standard in Exploitation-Filmen, dass die Weiber sich ausziehen und willig sind. Das ist Teil des Produktes, das du verkaufst.

In meinem speziellen Fall präsentiere ich ihre Ärsche, ihre Beine und stecke sie in enge T-Shirts, die ich übrigens selbst ausgesucht habe. Die Mädchen sind echte Granaten, sie sind selbstbewusst und spielen mit den Weichei-Jungs. Doch dann kommt Stuntman Mike ins Spiel, und der ist ganz anders. So einen Typen haben sie noch nie getroffen. Da sitzen also diese großmäuligen und allmächtigen Schlampen aus der ersten Mädchenclique so selbstgefällig da, und plötzlich stampft dieser Dinosaurier herein. Damit kommen sie nicht klar. Das ist das Interessante hinsichtlich des sexuellen Kontextes in der ersten Hälfte des Films. Die Mädchen in der zweiten Hälfte sind dann natürlich aus anderem Holz geschnitzt.

Du hast eben Ärsche und Beine erwähnt. Hast du die Füße absichtlich weggelassen? Die erste Einstellung im Film sind nackte Mädchenfüße. Dazu weiß seit "Pulp Fiction" und "Kill Bill" alle Welt, wie Uma Thurmans blanke Füße aussehen, ganz zu schweigen von denen Bridget Fondas in "Jackie Brown".

Ich mag Mädchenfüße. Sehr sogar. Ich würde mich allerdings nicht als Fußfetischisten bezeichnen. Männer stehen normalerweise auf Titten, ich bin nicht so der Titten-Typ. Aber guck dir zum Beispiel Filme von Sofia Coppola an, da hast du auch ständig Füße. Zwei nackte Füße, dahinter eine Steadycam direkt über dem Boden, das ist aus Regisseurssicht einfach immer eine prima Einstellung. Mache ich gerne, weswegen die Leute langsam sagen, ich hätte da gewiss eine Obsession.

Noch kurz was zu der von dir erwähnten Szene in "Jackie Brown". Die stand ursprünglich gar nicht im Drehbuch, es ist also nicht so, als hätte ich es darauf angelegt, dass mir beim Abfilmen von Bridget Fondas Füßen einer abgeht - obwohl sie natürlich sehr hübsch sind. Robert de Niro sitzt also da im Sessel, das Whiskeyglas auf der Lehne abgestellt, und Bridget fängt plötzlich von sich aus an, mit ihrem großen Zeh am Glasrand rumzumachen und de Niro zu necken. Auf einmal lag so eine sexuelle Spannung in der Luft und ich meinte zu Bridget: "Weißt du was: Wenn schon, dann machen wir´s richtig geil. Ich hole das scheiß Makro-Objektiv und halte es an den Glasrand. Du stellst dir vor, dass dein Zeh King Kong und das Glas das Empire State Building ist. Los, besteig´ es, du Schlampe!".

Sie hat es offenbar verstanden.

Oh ja, sie hat´s sofort geschnallt! "Ja, Quentin, ich weiß genau, was du willst" - das waren ihre Worte.

Zur Musik. Wie sieht deine Plattensammlung aus?

Ich habe ein Haus gekauft, in dem vorher eine Familie wohnte. Da gibt es ein großes Schlafzimmer mit angrenzendem Babyraum. Da ich kein Baby habe, funktionierte ich ihn zum Plattenraum um. Ich habe ihn wie meinen eigenen Second-Hand-Plattenladen dekoriert. Dafür habe ich auch Plattenständer bauen lassen, in denen man bequem blättern kann, mit Trennern aus Plastik. Ganz vorne stehen die Künstler, die mir am wichtigsten sind, jene, die über allen anderen Kategorien stehen.

Welche sind das?

Es muss erstmal alles Vinyl sein, deshalb ist nichts Neues dabei. Kate Bush steht da, Bob Dylan, Elvis, Johnny Cash, Richard Prior, George Carlon, die Band, über die ich in ´Death Proof´ spreche - Dave, Dee, Dozy, Bicky, Mick and Titch, außerdem die Partridge Family, David Cassidy und die Folksängerin Melanie, von der ich großer Fan bin. Dahinter habe ich alles sortiert. Fächer für 50er, 60er, 70er und 80er und ein kleines für 90er. Und danach ist alles in Genres unterteilt. British Invasion, Psychedelic, Soul, Rap, Country, Rockabilly, Novelty, Comedy, Kinderplatten. Das ist eine große Sektion. Dann habe ich eine andere riesige Abteilung mit Soundtracks. Die ist noch mal in Unterkategorien geteilt, wie Blaxploitation, Biker-Filme und Agentenfilme. Und natürlich Spaghetti-Western.

Wie viele Platten hast du insgesamt?

Puh, keine Ahnung, ich hab sie nie gezählt. Wenn man mal damit anfängt, sie zu zählen, merkt man wahrscheinlich um so mehr, wie durchgeknallt das alles ist. Jedenfalls habe ich mittlerweile so viele Platten, dass ich sie gar nicht mehr alle einsortieren kann, ich schiebe also ständig irgendwelche Stapel von links nach rechts und wieder zurück.

Hast du gar keine CDs?

Doch doch, ich hab schon ein paar, allerdings gibt es keinen richtigen Ort, an dem ich sie aufbewahre. Hier und da steht mal ein kleiner Stapel herum, aber es sind insgesamt höchstens 20 CDs, die ich regelmäßig höre. Ich verliere auch ständig welche. CDs sind für mich ohnehin ein Wegwerfprodukt. Ein paar von ihnen habe ich in zwei Jukeboxes gesteckt. In der einen sind meine privaten Lieblings-CDs, die ich höre, wenn ich allein bin, die andere ist mit HipHop, Soul und Partymusik gefüllt und wird angeschmissen, wenn ich Besuch habe.

Eine andere meiner Jukeboxes, sie heißt Amy, ist auch in "Death Proof" zu sehen. Das ist dieses coole, alte Ding in der Bar, das noch mit Singles arbeitet. In der kompletten ersten Hälfte des Films ist Amy so etwas wie der DJ. Die Songs, die aus ihr kommen, sind allesamt aus meiner privaten 7"-Sammlung und finden sich auch auf dem Soundtrack. Worauf ich in diesem Zusammenhang noch stolz bin, ist, dass alle Singles, die ich habe, keine Nachpressungen, sondern Originale sind. Zwar nicht alles US-Originale, da schummle ich ein bisschen, aber immerhin europäische Original-Pressungen, weil diese einfacher zu finden sind, außerdem gibt es in Europa bessere Plattenläden, vor allem in Stockholm, Amsterdam, London und Berlin.

Wie viel Zeit investierst du in die Zusammenstellung des Soundtracks für deine Filme?

Im Prinzip beschäftige ich mich schon mit dem Soundtrack, während ich das Drehbuch schreibe. Ich versuche erst mal, den Rhythmus des Films zu finden. Das ist der Beat, zu dem der Film tanzen wird. Bei "Pulp Fiction" zum Beispiel war der Beat Surf Musik, die klang, als wäre sie Rock'n'Roll-Spaghetti-Western-Musik. Bei "Jackie Brown" ist es Old-School-Soul. Wenn ich einmal die richtige Nummer für die Eröffnungssequenz gefunden habe, läuft alles von alleine. Musik ist so wichtig für mich. Wenn ich manchmal etwas müde beim Drehbuchschreiben werde, gehe ich in meinem Plattenraum und höre mir Zeug an, bei dem ich schon entschieden habe, es zu verwenden. Dann stelle ich mir das Publikum vor, wie es die fertig geschnittenen Szenen mit der Musik sieht, wie aufgeregt es ist. Das verschafft mir die richtige Stimmung, um weiterzuarbeiten.

Was das gerade von dir erwähnte müde und genervt sein während des Arbeitens betrifft, hört man da von deinen Darstellern und Mitarbeitern durchaus erfreuliche Dinge. Sie behaupten, dass du nie ein Arschloch bist oder ausrastest, angeblich bist du immer mit Frohsinn bei der Sache.

Sagen sie das nur, weil sie auch in deinem nächsten Film dabei sein wollen? Ich bezweifele, dass ich wirklich so cool bin. Filmen kann sehr stressig sein. Aber trotzdem bin ich dort, um Spaß zu haben. Ich will natürlich meine Arbeit schaffen und meine Visionen umsetzen, aber dabei will ich auch, dass jeder am Set Spaß hat. Ich merke, dass Leute am besten arbeiten, wenn sie eine gute Zeit haben. Aber es kommt durchaus vor, dass mir der ein oder andere Schauspieler mal auf den Sack geht. Da halte ich mich dann zum Wohle eines reibungslosen Drehs zurück und warte, bis das Ganze im Kasten ist. Hin und wieder knöpfe ich mir die Leute dann nachher noch mal vor.

Letzte Frage: Machst du mal irgendwann Pause?

Die hatte ich eigentlich schon, und zwar in der Zeit zwischen "Jackie Brown" und "Kill Bill", da gönnte ich mir mal ein paar Monate Auszeit. Tatsache ist: Ich schreibe ständig. Derzeit habe ich zwar noch nichts Konkretes, was ich hier jetzt ausbreiten könnte, grundsätzlich ist es aber so, dass meine Arbeit nie ruht. Ich bin bei meinen Filmen sowohl der Drehbuchautor als auch der Regisseur, das gehört für mich auch zusammen. Ich würde niemals das Drehbuch von jemand anderen verfilmen. Jedes meiner Projekte beginnt mit einem leeren Blatt Papier. Von Seite 1 an ist alles mein Ding. Ihr werdet es früh genug merken, wie das nächste aussieht.

Wir sind gespannt. Vielen Dank fürs Gespräch.

Deutscher HipHop - Quo vadis?

Schwulenfeindliche Gangsta-Rapper verdrängen immer mehr die intelligenten deutschen Reimkünstler. Ich sehe es mit Schrecken.

Am vergangenen Donnerstag hatten wir in den MTV News einen Beitrag über den HipHop-Track Keine Toleranz von G-Hot und Kralle. In dem Stück wird offen zur Gewalt gegen Homosexuelle aufgerufen, und mit Textzeilen wie "Ich geh mit zehn MGs zum CSD und kämpfe für die Heten, die auf Mädchen stehn", "Was ist bloß passiert, sie werden akzeptiert, es gab Zeiten, da wurden sie mit der Axt halbiert", "Nach einem Coming Out würde mich mein Vater mit einer Eisenstange schlagen", "Nie wieder freilaufende Gays" und "Meiner Meinung nach hat sowas kein Leben verdient" erfahren die homophoben Tendenzen im deutschen HipHop, speziell aus Berlin, einen neuen, unrühmlichen Höhepunkt.

Der Track ist mittlerweile weitestgehend aus dem Netz verschwunden, bei YouTube schaffen es trotzdem immer noch ein paar Unverbesserliche, ihn unter wechselnden Nicks stets aufs Neue zu posten. Erschreckend ist dabei, wie viel Zustimmung ´Keine Toleranz´ in den Kommentaren und diversen Foren zuteil wird. Das mussten auch wir gestern erfahren, nachdem wir in der Sendung klar gegen G-Hot Stellung bezogen und auch deutlich machten, dass nie wieder ein Video von ihm bei MTV oder VIVA laufen wird.

Neben vereinzelten positiven Zuschriften waren es leider vor allem Sachen wie "Ist doch ein geiler Track, dem ich nur zustimmen kann. Schwule sind nicht normal und widernatürlich!", "Ihr seid doch auch schwul, euch sollte man am nächsten Baum aufhängen!" oder "Scheiß Drecksschwuchteln, fickt euch! Gewalt gegen Homos! Kralle und G-Hot haben recht! Schneidet ihnen die Schwänze ab!", die in unserer Mailbox landeten. Ich muss gestehen, dass mir dazu nicht mehr viel einfällt, wobei schon klar ist, dass ein resigniertes Achselzucken gewiss keine adäquate Reaktion darstellt.

Eine Berliner Rapperin, die aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben will, hat gegen G-Hot Anzeige erstattet. Das Landeskriminalamt bestätigte ihr, dass ihre Klage durchaus Aussicht auf Erfolg hätte. Auch Aggro Berlin, G-Hots ehemaliges Label, hat sich inzwischen klar von seinem Ex-Künstler distanziert. Der Vertrag war schon im September 2006 aufgelöst worden, in Anbetracht der aktuellen Ereignisse sah sich das Label nun auch dazu bemüßigt, jede weitere Zusammenarbeit mit G-Hot zukünftig auszuschließen. Wobei Aggro Berlin sich schon fragen lassen muss, wie ein Typ wie G-Hot eigentlich jemals bei dem Label landen konnte, denn eine derartige Gesinnung wird Gökhan Sensan, wie der Sohn einer Deutschen und eines Türken bürgerlich heißt, ja nicht erst in den letzten Monaten entwickelt haben.

Redet man bei Aggro vorher nicht mit den Jungs, die man nachher rappen lässt? Zudem gilt Fler, der immer noch bei Aggro Berlin unter Vertrag ist, als G-Hots Entdecker und Förderer. Da bleibt, obwohl auch Fler mittlerweile auf Distanz zu seinem alten Kumpel gegangen ist, also ein zweifelhafter Beigeschmack. Oder anders gefragt: Reagiert man im HipHop erst, wenn es um die Kohle geht, wenn man sich Künstler im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr "leisten" kann, weil die Grenze des schlechten Geschmacks überschritten ist? Seit Jahren lässt sich mit politischen Unkorrektheiten viel Geld verdienen, der US-Rap hat es vorgemacht, auch in Deutschland scheint diesbezüglich das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht zu sein. Was denkt ein Typ wie G-Hot sich, wenn er so einen Track auf seine MySpace-Seite stellt? Auch wenn man feststellt, dass Herr Sensan gewiss ein sehr dummer Mensch ist, so ging er offenbar doch in jedem Fall davon aus, dass seine Reime auf Zustimmung stoßen würden, auf dass damit seine stockende Rap-Karriere wieder ins Rollen käme.

Man kann sich schon kaum mehr vorstellen, dass es vor gar nicht all zu langer Zeit im deutschen HipHop politisch korrekte Künstler mit Wortwitz und ebenso musikalischer Gewitztheit gab. Ein paar von ihnen (Fettes Brot, Die Fantastischen Vier, Freundeskreis) haben sich als Elder Statesmen etabliert, doch die meisten Acts aus den traditionellen Kreativhochburgen Stuttgart und Hamburg leiden unter dramatisch schwindenden Plattenverkäufen oder sind, weil als uncool geltend, schon längst komplett weg vom Fenster. Anspruchsvoller Rap hat keine Konjunktur mehr - was zieht, ist der Gangsta-Kram, vorzugsweise aus Berlin.

Man sollte auch nicht den Fehler begehen, das Ganze als Modeerscheinung in bestimmten Schichten abzutun, oft genug gibt es Fälle, in denen homophobe, sexistische, gewaltverherrlichende und rassistische Aussagen im HipHop von vermeintlich intelligenten Menschen als Gepose, Übertreibung, Provokation oder gar Satire verniedlicht werden. Das Wort "schwul" als Bezeichnung für alles mögliche Negative, ist nicht nur in HipHop-Kreisen schon lange etabliert, da regt sich - so schlimm das ist - schon kaum mehr jemand so richtig auf. G-Hots Track hat sicherlich eine neue Qualität, und wenn es darauf hin nun tatsächlich zu Übergriffen auf Homosexuelle kommt, muss nicht nur G-Hot sich den Schuh anziehen, als Stichwortgeber Legitimation für Gewalt zu sein.

Ich möchte an dieser Stelle nicht erneut die Zensurdebatte anschieben, weil ich aber bezweifle, dass reaktionäre Höhepunkte wie jener von G-Hot grundlegende Konsequenzen nach sich ziehen, rege ich an, dass einige Player im HipHop-Business langsam mal eigenverantwortlich hinterfragen sollten, wie weit man bei der finanziellen Ausschlachtung grenzwertiger Inhalte noch gehen möchte. Mit ist bewusst, dass mein Arbeitgeber MTV diesbezüglich auch alles andere als eine weiße Weste hat. Wir arbeiten daran. Hoffe ich.

Top Fourty

Ich wurde gerade 40. Trotzdem spiele ich noch in der Sandkiste. Ist das schlimm?

1967 kam die Kinderschokolade auf den Markt. 1967 kam auch ich auf den Markt. Seit dem 27.6.2007 bin ich vierzig. Ein Alter, das für mich vor gar nicht all zu langer Zeit - lassen wir es zwanzig Jahre sein - kein Alter, sondern eine Utopie war. Vierzig, das waren die Eltern, die Onkel, Tanten und alle anderen, mit denen man nicht spielte, weil man doch andere Interessen hatte.

Jetzt bin ich selbst so utopisch alt und habe es immer noch nicht so richtig von diesem großen Spielplatz runter geschafft. In diesen Tagen schrieben einige Magazine über mich, sie gratulierten - oder soll ich sagen? - kondolierten mit Überschriften wie "Der Hobbyjugendliche" oder "Beruf: Jugendlicher" und spielten dergestalt auf die vermeintliche Diskrepanz zwischen meinem Alter und meinem Haupterwerb an. Kann ich nachvollziehen. Ich dachte auch nicht, dass ich mit 40 noch Fernsehen für Leute mache, die halb so alt sind wie ich bzw. meine Kinder sein könnten. Ich frage mich in diesem Zusammenhang allerdings oft, was da die Henne und was das Ei ist. Bin ich immer noch bei MTV, weil ich eben so bin, wie ich bin, also offenbar nicht wie der handelsübliche 40jährige, oder bin ich einfach hängen geblieben, weil MTV mein Erwachsenwerden behindert hat?

Der Übergang von "etabliert" zu "tragisch" ist ein fließender, und gerade für den Betroffenen ein schwer zu greifender. Ich weiß, dass ich die Leute, die diesen Sender gucken, ernst nehme, egal wie alt oder jung sie sind. Ich weiß, dass ich meinen Job ernst nehme. Ich weiß, dass mich immer noch diese Neugierde hinsichtlich Musik und Menschen treibt, dass ich mindestens noch genau so weit von einem - nennen wir es mal - ruhigen, bürgerlichen Leben entfernt bin wie mit 20, und doch weiß ich auch, dass es genügend mahnende Beispiele für das klassische ´Hat-den-Schuss-nicht-gehört´ gibt, und das verunsichert mich. Ich frage mich, ob ich in meinem Leben jemals an einen Punkt kommen werde, da ich sage: "Das war früher, da war ich noch ganz schön durcheinander, aber jetzt bin ich ja alt und weise und vernünftig."

Neulich bin ich auf einer Geburtstagsparty gelandet, bei der ganz viele Leute in meinem Alter waren. Die haben sich dann - und manchmal treffen Klischees auf schmerzvolle Art und Weise zu - so lange über ihre Kinder, Aktienfonds, Golfhandicaps, Autos und Boote unterhalten, bis mir schlecht wurde. Ist nicht meine Welt. Nun muss natürlich nicht jeder mit 40 wahlweise ein Wichser oder Langweiler sein, dennoch stelle ich fest, dass ich genau drei Freunde in diesem meinem Alter habe, die meisten sind um die 30, einige auch deutlich darunter. Vielleicht bilde ich mir das auch ein, aber ich habe den Eindruck, dass, anders als früher, sich Menschen weniger wegen des (gleichen) Alters finden als vielmehr wegen gleicher Interessen. Auf einer Animé-Messe scherzen angemalte 14jährige mit einem 40jährigen im Häschenkostüm, beim Tomte-Konzert geht es altersmäßig bei 15 los und hört mit Ende 40 erst auf, auf beiden Seiten spart man sich Sprüche wie "Was will denn der Opa hier?!" bzw. "Darf das Gemüse überhaupt schon so lange aufbleiben?!" Alterslosigkeit als Chance, alles kann, nichts muss. Wäre ja noch schöner, wenn ich nur noch bei After-Work- oder 80er-Partys reingelassen werden würde und bei Raves und Indie-Konzerten draußen bleiben müsste.

Ich bin auch noch ganz gut zu Fuß und tanze bisweilen sogar. Oder anders: Der Körper macht noch mit. Treppensteigen hoch in den fünften Stock bringt mich zwar etwas aus der Puste, aber das ist bei jemandem, der raucht, trinkt und überhaupt keinen Sport macht, auch nichts Außergewöhnliches. Ich habe aber noch keine dritten Zähne und auch noch alle Haare auf dem Kopf, und obwohl sich die Bandscheibenvorfälle in meinem Umfeld häufen, denke ich auch hier, dass da so bald nichts ansteht, weil´s eben noch nirgends knirscht und zwickt. Aus einer Laune heraus habe ich mir allerdings einen Tag nach meinem Geburtstag meine erste Anti-Falten-Creme gekauft. Das Design des Produkts hat mich angesprochen, und 12 Euro sind nix. Ob ich die Pampe jetzt regelmäßig benutze, steht allerdings wieder auf einem ganz anderen Blatt.

Ich habe meinen vierzigsten Geburtstag auch nicht wirklich gefeiert. Stattdessen verdrückte ich mich mit meiner Freundin für zwei Tage nach Mallorca. Zwar auch, um Diskriminierungsversuchen und Spontanfestivitäten zu entgehen, in erster Linie aber um am Meer zu sein, weil das für mich das größte Geschenk ist, außerdem habe ich das Gefühl, seit Dreißig nicht mehr signifikant älter geworden zu sein, also war der 27. Juni 2007 für mich ein Tag wie jeder andere. Es kam auch niemand auf die Idee, mir einen Fonds, ein Boot, ein Haus, einen Kinderwagen, eine Angel, einen Golfschläger oder ein "Ich bin 40, bitte helfen sie mir über die Straße"-Shirt zu schenken. Meine Eltern meinten lediglich, dass ihnen die Tatsache, dass ich jetzt vierzig bin, nachdrücklich vor Augen geführt hätte, dass sie selbst nicht mehr ganz so jung seien. Aber hey, 61 bzw. 64 ist doch kein Alter, das werden meine Eltern auch so sehen, wenn wir 2047 zusammen meinen 80. Geburtstag feiern. Ein Lebenserwartungsrechner im Internet spuckte nämlich aus, dass ich 86 werde, und ich hab bei der Eingabe meiner Daten null geschummelt!

Ich bin blind, ich bin blind

In einem Dunkelrestaurant kann man absolut nichts sehen. Irgendwie ist das auch praktisch.

So sehr ich auch mit meiner Hand direkt vor meinem Gesicht herumfuchtele, es hilft nichts. Ich kann nicht mal schemenhaft irgendetwas erkennen, alles ist schwarz. Selbst als ich zu meinen Gothic-Zeiten die Wände meines Zimmers mit schwarzer Plastikplane auskleidete und die Rollläden komplett herunter ließ oder in finsterster Nacht im Wald spazieren ging, waren immer noch mühelos irgendwelche Umrisse wahrzunehmen, sobald die Augen sich erst an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber hier und jetzt könnte ich die Augen auch schließen, es würde keinen Unterschied machen.

Ich befinde mich im ´Nocti Vagus´ (dt. nachtschwärmend), einem sogenannten Dunkelrestaurant in Berlin. Dort wird an diesem Abend das 5jährige Bestehen mit einer kleinen Benefizgala gefeiert, zu der ich eine Lesung beisteuere. Als die Anfrage dafür kam, war mein erster Gedanke natürlich: Wie soll das gehen, lesen in totaler Finsternis? Muss ich die Texte vorher auswendig lernen? Oder sitze ich in einem anderen Raum? Beides war nicht der Fall, stattdessen las ich auf einer kleinen Bühne, die sich zwar im Restaurant befand, die aber von den Gästen wegen gleich dreier dicker, schwarzer Vorhänge davor nicht zu sehen war, trotz des Leselämpchens, das die Seiten des Buches dezent erhellte.

Ich war etwas verunsichert in den ersten Minuten. Da ich auch die ein oder andere Lesung im Radio hatte, war mir die Situation, dass ich die Leute, denen ich was vorlese, nicht sehen kann, zwar vertraut, jedoch stellte ich schnell fest, dass es doch noch mal was ganz anderes ist, wenn man die Leute nicht sieht, aber dennoch hört. Da ich über den Hintereingang auf die Bühne gelangte, wusste ich auch nicht, mit was für einem Publikum ich es hier zu tun habe. Wie alt sind die Leute wohl? Interessiert die überhaupt, was hier gerade passiert? Offenbar schon, oder sie sind zumindest höflich, denn schon nach meinen ersten Worten verstummten zügig die Gesprächs- und Essensgeräusche.

Ich las fünf Texte, erzählte zwischendurch noch ein bisschen Quatsch und stellte mich anschließend den Fragen aus dem Publikum. Die kamen auch sehr prompt und zahlreich. Bei meinen Lesungen im Hellen dauerte es immer ewig, bis mal die erste Wortmeldung kam. Ähnlich wie damals in der Schule will sich ja keiner als erster zum Löffel machen. Hier war es egal, sieht ja keiner. Eine Dame, die sich als 60jährige Rollstuhlfahrerin vorstellte, regte an, dass ich mal probeweise einen Tag lang im Rollstuhl in Berlin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren sollte, um zu erfahren, wie behindertenfeindlich diese Stadt ist und wie verbreitet es ist, dass man Menschen mit körperlichen Behinderungen auch gerne mal gleich noch eine geistige unterjubeln will. Davon berichteten mir auch die im Restaurant arbeitenden, ausschließlich blinden oder stark sehbehinderten Servicekräfte.

Weil Blinde sich für unser Empfinden bisweilen etwas unorthodox bewegen, kommt es auch nicht selten zu Sprüchen à la "Aus dem Weg, Spasti!" Vor diesem Hintergrund ist das Konzept des ´Nocti Vagus´ um so wertvoller einzuschätzen, weil es eben nicht nur beinhaltet, im Rahmen eines Integrationsprojekts blinde Menschen als Restaurantkräfte auszubilden, sondern auch Blinde und Sehende zusammen führt, und zwar nicht in der Welt der Sehenden, sondern jener blinder Menschen, also in totaler Dunkelheit.

Nach meiner Lesung begab ich mich zusammen mit meiner Freundin und einer weiteren Freundin ins Restaurant. Dazu wurden wir von einer sehenden Angestellten in eine Schleuse geführt, in der dann das Licht ausgemacht wurde, damit die Tür zum Restaurant geöffnet werden konnte. Per Sprechfunk wurde die Kellnerin herbei gebeten. Sie stellte sich vor, nahm anschließend meine Hand, legte sie auf ihre Schulter, meine Freundin legte ihre auf meine, die dritte Person entsprechend ihre auf die meiner Freundin, dergestalt machte sich dann eine Polonaise auf den Weg zu unserem Platz. Unter meinen Füßen fühlte ich Kontaktstreifen, die die Strecken zwischen den Tischen markierten.

Nachdem ich mich zaghaft auf meinem Stuhl nieder gelassen hatte, ertastete ich erst mal Besteck und Gläser, um bei der nächsten Bewegung mit der Hand direkt in dem Schüsselchen mit dem Kräuterquark zu landen. Wo war denn die Serviette gleich wieder? Ich ertappte mich auch dabei, die ganze Zeit zu flüstern, weil man es eben irgendwie drin hat, an dunklen Orten die Stimme zu senken. Aber hier schläft keiner, den man wecken könnte, es ist auch nichts Geheimes, Konspiratives an dieser Situation, weswegen ich es dann nach ein paar Minuten auch schaffte, in normaler Lautstärke zu sprechen. Ich starrte angestrengt in die Schwärze und bildete mir ein, an der Decke einen schwachen rötlichen Lichtschein auszumachen. Doch ich täuschte mich, man konnte tatsächlich rein gar nichts erkennen.

Ständig hörte man aus allen Richtungen runter fallendes Glas und Besteck, umpurzelnde Flaschen oder ein zischendes "Mist, jetzt hab ich mich vollgesaut!", die Sache fing nach anfänglicher Beklemmung an, richtig Spaß zu machen. Meine Begleitung hatte während meiner Lesung schon das Vergnügen, die Vor- und Hauptspeise genießen zu dürfen. Das ging natürlich nicht ohne gute Sachen vom Teller klauen bzw. die ungeliebten Kartoffeln unbemerkt unterjubeln ab. Um etwas zu bestellen, musste man den Namen der Kellnerin rufen. Sie servierte schließlich Wasser und Wein. Um rauszufinden, wie voll mein Glas ist, steckte ich den Zeigefinger als Markierungsstab rein.

Dann kam die Nachspeise, wie alles war auch diese eine Überraschung. Ich ertastete ein zylinderförmiges Eisparfait in der Tellermitte, um das herum verschiedene Früchte drapiert waren. Der Versuch, das Ganze mit Besteck zu essen, scheiterte kläglich. Irritierender Weise fand ich mit dem Löffel noch nicht mal meinen Mund. Ich nahm also die Finger zu Hilfe. Das Parfait schmeckte nach Pfefferminz, die Früchte waren zweifelsfrei Erdbeeren, Kirschen und ein Stück Wassermelone, bei dem ich erst mal kräftig in die Schale biss.

Nach einer Weile stellte ich fest, wie meine Konzentration sich mehr und mehr aufs Fühlen, Riechen und Hören verlagerte. Meine Freundin, die mir eigentlich schräg gegenüber saß, kam um den Tisch herum, um ein bisschen zu küssen. Wofür sie sogleich von der Kellnerin ausgeschimpft wurde. Als diese etwas abräumen wollte, merkte sie sofort, dass der vorher besetzte Platz leer war, und da man sich im Restaurant sinnigerweise nur unter Führung einer Servicekraft bewegen darf, gab´s einen - allerdings sehr lieb vorgetragenen - Rüffel. Meine Freundin lief bestimmt vor Scham rot an, aber auch das war in diesem Fall ja nicht schlimm. Wie man generell sagen muss, dass im ´Nocti Vagus´ sehr schnell aller Betroffenheitsballast über Bord geht, weil der gegenseitige Umgang miteinander so selbstverständlich und normal ist.

Ich kannte bis dato keinen einzigen blinden Menschen persönlich, jetzt weiß ich endlich wenigstens ein bisschen was über diese Art der Behinderung. Als ich dann wieder draußen war, blickte ich voller Stolz, mich nicht bekleckert zu haben, an mir herunter und übersah dabei vollends die am Boden aufgestellten Teelichter. Ich trat gleich mehrere von ihnen schwungvoll über den Haufen und saute meine Schuhe und Hosenbeine komplett mit Wachs voll. Als die blinde Kellnerin davon erfuhr, musste sie ganz arg lachen.

Protest

Letzte Woche wurde unsere Tiefgarage ausgeräuchert. Drei vermummte Gestalten - gestochen scharf von der Überwachungskamera abgefilmt - stapelten am Einfahrtstor ein paar Autoreifen, legten Holzbalken drauf, übergossen das Ganze mit Brandbeschleuniger, zündeten es an, schrieben noch schnell ´Masse statt Klasse´ an die Wand und verschwanden wieder.

War 'ne von dreieinhalb Minuten. Die wortlose Kommunikation sowie die straffe Abfolge der Arbeitsschritte legen den Verdacht nahe, dass die Typen so etwas nicht das erste Mal gemacht haben. Dennoch hätte die Aktion gewaltig ins Auge gehen können. Wenn das Feuer nicht so früh entdeckt worden wäre, wäre in der Garage ein Auto nach dem anderen explodiert, und da die Lüftungsschächte von unten durchs komplette Gebäude führen, hätte der Kamineffekt dazu geführt, dass rasch auch die Wohnungen gebrannt hätten.

Das hatten die Kollegen anscheinend nicht auf dem Schirm, oder aber es war ihnen egal, sie hatten am Ende sowieso erreicht, was sie wollten. Denn das in den Beton geschmolzene Metalltor, der in Mitleidenschaft gezogene Querträger über der Einfahrt sowie die Tatsache, dass eine gute Stunde lang verbrannter Gummi in die Tiefgarage reinrußte, führten dazu, dass der Autounterschlupf aufwändig saniert werden muss und für die nächsten sieben Wochen nicht mehr befahrbar ist. Was bedeutet, dass die etwa einhundert, teilweise nicht ganz billigen Karren nun auf Kreuzbergs Straßen stehen und entspannt abgefackelt werden können. Es hat nur dreiTage gedauert, bis der Audi Q7 meines Nachbarn brannte. Sah nicht schön aus, genau so wie der Motorroller, der dummerweise daneben stand und der zwanzig Jahre alte VW Golf, der davor parkte und von dessen Heckscheibe sich die verkokelten Reste von Antifa- und Anarchieaufklebern lösten. Kollateralschaden, Pech gehabt.

Wenn ich mich nicht verzählt habe, brannten seit Ende März in den Bezirken Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte gut dreißig - Achtung! - "Bonzenkarren". Gähn. Autos abfackeln fand ich schon immer infantil. Stinkt, ist umweltschädlich, hat nichts Nachhaltiges, außerdem wird für jede verbrannte Karre sowieso eine neue nachgebaut.

Nicht überraschend: Bei allen Brandanschlägen in den letzten Wochen ermittelt der Staatsschutz, weil man davon ausgeht, dass sie im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel stehen.

Um eines klar zu sagen: Bei dem, was in Berlin in den letzten Wochen abgeht, kann ich sehr gut nachvollziehen, dass die Linke sich (endlich mal wieder) regt, lange Zeit lag die Szene ja in so einer Art Dornröschenschlaf, die Mittel finde ich allerdings eher so mittel.

Keine Frage, die Großrazzien in Kreuzbergs linken Szenetreffs vorletzte Woche waren komplett überzogen. Man muss sich also nicht wundern, wenn das Ganze als Provokation gewertet wird und ein ´Jetzt-erst-recht´ nach sich zieht. Auch die Geruchsproben-Angelegenheit trägt keinesfalls zur Deeskalation bei, schon gar nicht, wenn man in diesem Zusammenhang das Gefühl nicht los wird, angeflunkert und verarscht zu werden. Oder liege ich falsch mit meiner Annahme, dass Geruchsproben nur zum Zwecke der Aufklärung einer bereits begangenen Straftat und eben NICHT einfach mal so vorsichtshalber genommen werden dürfen, weil einer der Stinker möglicherweise Stress in Heiligendamm machen könnte?

Insofern rege ich an, dass Wolfgang Schäuble und die Gewerkschaft der Polizei sich erst mal die Strafprozessordnung GENAU durchlesen, bevor sie in Kreuzberg Unterhosen sammeln gehen. Notfalls stelle ich den betroffenen Linken in Anbetracht der Vorkommnisse präventiv auch gerne meine Waschmaschine oder meine weiße Weste zur Verfügung.

Ich finde es weiterhin auch ein bisschen kacke, wenn vor einem Neubau mitten im Problemkiez eine riesige Tafel errichtet wird, auf der Lofts zu Preisen zwischen 500.000 und 1,3 Millionen Euro angeboten werden. Auch die Eröffnung einer McDonald´s-Filiale ist (nicht nur) in diesen Tagen in Kreuzberg das falsche Signal.

Trotzdem: Die Leute, die in meinem Haus bzw. generell in Kreuzberg wohnen, sind nicht der Feind. Ich kann natürlich nur für jene sprechen, die ich persönlich kenne, aber zumindest die sind schon ganz bewusst nach SO 36 gezogen. Nicht, weil da die Mieten so günstig sind und schon gar nicht, weil sie sich unter den weniger gut verdienenden Menschen potenter vorkommen, sondern weil sie sich im politisch links geprägten Umfeld und inmitten des zwar nicht immer problemfreien, dennoch aber aufregenden und inspirierenden Miteinanders von Ausländern, Punks und Arbeitern wohl fühlen.

Die echten Arschlöcher haben doch keinen Bock auf den ganzen Kram und hauen gepflegt nach Grunewald, Dahlem oder Zehlendorf ab. Ende der 80er, Anfang der 90er gab es schon mal eine Welle unter dem Motto ´Bonzen raus aus Kreuzberg´. Einem etwas gehobeneren Restaurant kippte man wochenlang Gülle in die Räumlichkeiten, bei einem vermeintlichen Nobelitaliener flog nachts sogar mal eine Handgranate durchs Fenster.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass jetzt alles erneut ein bisschen aus dem Ruder gelaufen ist. Irgendwelche infantilen Pseudorevoluzzerkrawallos nehmen das überzogene Vorgehen der Staatsmacht als Legitimation zum Zündeln und schaden damit der Linken ganz erheblich. Wesentlich pfiffiger finde ich da zum Beispiel Aktionen wie die Sitzblockadenübung neulich im Görlitzer Park, ganz getreu dem Motto ´Wie demonstriere ich effektiv, aber gewaltfrei?´.

Und außerdem: Wie zum Henker soll ich denn nach Heiligendamm kommen, wenn meine Karre mir unterm Arsch abgefackelt wird? Mir wird doch immer schlecht beim Zugfahren …

09. Mai 2007 - Ich bin der Echo-Typ

Ich habe mich in eine Veranstaltung geschlichen, auf der ich eigentlich nichts verloren habe: den Deutschen Filmpreis.

Meine einzige zarte Berührung mit diesem Metier hatte ich zu Zeiten meines Theaterwissenschaftsstudiums in den Jahren 1988 bis 1993. Da wählte ich in der Magisterprüfung Brecht sowie das Kindertheater ´Rote Grütze´ als Themen, wirkte in einem Kurzfilm mit, wirkte aber auch recht verloren unter all den ambitionierten, angehenden Schauspielern, oder, wie sich besonders die Jüngeren unter ihnen selbst nennen, Gauklern. In früheren Jahrhunderten bezeichnete man so fahrende Unterhaltungskünstler, ihr Sozialprestige war niedrig, ihr Einkommen auch.

Heutzutage gehören Gaukler augenscheinlich zur Hochkultur und werfen mit Geld, das ihnen der Hochkulturstaatsminister schenkt, nur so um sich. Ein hochrangiger Plattenfirmenfunktionär zeigte sich mir gegenüber jedenfalls sehr zerknirscht darüber, dass es "einfach mal so weitere 40 Millionen Euro zum Filmchenmachen" gibt, während die Musikindustrie finanziell darbt. "Man könnte doch auch mal 40 Millionen in die Förderung junger deutscher Bands stecken, Musik mögen die Leute doch mindestens genauso gerne wie Filme." Womit der Mann natürlich nicht Unrecht hat - was der Filmbranche naturgemäß aber ziemlich am Arsch vorbei geht. Eine Musikdarbietung während der Verleihungszeremonie? Nein danke, das würde jede Festlichkeit zerstören. Der ein oder andere Musikant als Zaungast bei der Aftershowparty? Sorry, die Tickets gehen alle an Filmschaffende raus.

Folgerichtig fragte mich auch fast jeder dieser Filmschaffenden, was ich denn bei dieser Veranstaltung verloren hätte, ich wäre doch eher so der "Echo-Typ". Gott bewahre. Den Echo habe ich in den vergangenen Jahren geschwänzt, weil er und die Gespräche und Protagonisten dort zunehmend ärmlicher und anstrengender wurden. Das muss man dem Deutschen Filmpreis wirklich lassen, vordergründig betrachtet hängen dort wenige Blödis rum. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass es, um im Gauklergewerbe Fuß zu fassen, eines gewissen Maßes an Intelligenz und Esprit bedarf.

Jedenfalls waren die Gespräche an diesem Abend trotz freien Saufens auf deutlich höherem Niveau als bei vergleichbaren Musikveranstaltungen. Die Liste erfolgreich musizierender Vollspacken ist endlos, und wer viele Platten verkauft, darf leider auch viel reden, und dann denkt man sich immer „Auweia, halt du mal lieber die Fresse, sonst wird das nie was mit Förderung und Hochkultur“. Und während sie einem beim Echo stolz von Drogen- oder Alkoholabstürzen erzählen, erfährt man beim Filmpreis beispielsweise Lustiges und Interessantes übers Elterndasein. Da berichtet einem ein Schauspielerpärchen, mit dem man vorher noch nie ein Wort wechselte, heiter vom gerade erlebten gemeinsamen Klobesuch, der eben nicht erfolgte, um schnell mal was zu ziehen, sondern um abzustillen. Die Frau gab Kommandos wie „Du musst fester drücken und saugen!“, ihr Typ lachte und nuckelte, die Klofrau guckte erst böse, als die beiden rauskamen, weil sie irgendwelche Schweinereien vermutete, musste dann aber ob so viel Elternglücks auch herzlich lachen.

Nur einer scheint im Moment alle zu nerven, und das ist Florian Henckel von Donnersmarck, der seine „Ich bin Oscar!“–Tour 2006/2007 vollkommen unbeirrt auch beim Filmpreis fortsetzte. Jedenfalls offenbarten mir fast alle Gesprächspartner ohne Not, dass ihnen das fleischgewordene Dauerlachen gehörig auf den Sack geht. Klar, die Filmleute haben auch so ihre Problemchen, zum Beispiel waren einige etwas irritiert ob der Tatsache, dass Tom Tykwer für Das Parfum nur mit Trostpreisen und eben nicht der Lola für den besten Film und die beste Regie geadelt wurde, oder dass Devid Striesow, geehrt als bester Nebendarsteller für Die Fälscher, wegen einer Autopanne nicht erschien, und dass Josef Bierbichler, der beste Hauptdarsteller (Winterreise) sich gar nicht erst auf den Weg machte, weil er lieber irgendwo Theater spielte.

Irgendwann am späteren Abend holte mich meine Branche dann doch wieder ein, und dies auch noch mit einer kruden Kreuzung aus Musik und, na ja, Film. Ein etwas schmierig aussehender Typ hatte folgendes Zuckerl für mich: "Ey, du bist doch der Kavka von MTV! Ich hab schon Sachen für Marienhof gemacht und arbeite gerade an einem Kinofilm. Ist so ´ne Art Komödie. Kannste dir vorstellen, da im Prinzip dich selbst, also ´nen VJ zu spielen?" Nein, kann ich nicht, aber frag´ mich beim Echo doch noch mal.

Loud is the new quiet

Gestern war ja der Tag gegen Lärm. Gestern hatte in meinem Haus aber auch jemand Geburtstag, weswegen ich mit einem Schlag zu den acht Prozent aller Deutschen gehörte, die sich durch den Lärm der Nachbarn massiv gestört fühlen.

Kann mir jemand verraten, warum ALLE Nachbarn IMMER beschissene Musik hören? Warum kommt es NIE vor, dass man sich denkt: "Oha, der hört aber fantastische Musik! Gleich mal rüber gehen und fragen, was das ist!"?

Auch gestern hatte ich wieder das dringende Bedürfnis, meinen Hausgenossen ein paar okaye Platten vorbeizubringen. Laute Musik stört mich grundsätzlich nicht, zumindest weitaus weniger als Straßen- oder Baulärm. Laute Kackmusik bringt mich allerdings an den Rande des Wahnsinns. Die Leute auf der Party gestern müssen so zwischen dreißig und vierzig Jahre alt gewesen sein, und wie meistens geht es bei Festivitäten in dieser Altersklasse gegen 20 Uhr erst mal mit gepflegten After-Work-Sounds aus der schmierigen R&B- und Kommerzabteilung los. Also Beyoncé, Pussycat Dolls, Justin Timberlake, Nelly Furtado, Shakira und so weiter.

Nachdem die Häppchen gereicht und die ersten Prosecci intus sind, wird es dann mit etlichen Klopfern aus den Achtzigern langsam launig. Zu Wham, Nena, Duran Duran, Eurythmics, Falco, Kim Wilde und Europe wird schief mitgesungen, und wenn sich nach 23 Uhr die Party langsam mit Funk- und Disco-Klassikern von Diana Ross und Donna Summer ihrem Höhepunkt nähert, die Frauen ekstatisch kreischen, die Männer brunftig grunzen und erste zu Boden fallende Gläser klirren, ist klar, was einem um Punkt Mitternacht erwartet: Happy Birthday von Stevie Wonder. Einer meiner Hass-Songs für alle Zeiten.

Das unoriginellste, was man einem Geburtstagskind bieten kann. Konsensscheiße vor dem Herrn. Warum macht man sich nicht vorher schlau und legt um Mitternacht ein Lied auf, dass der Gastgeber gerne mag, eines, das ihm viel bedeutet, etwas Persönliches halt? Aber neee, immer schön stumpf den Blödi-Gassenhauer Nummer 1, damit auch alle merken, dass es Zeit ist zu gratulieren. Um halb zwei war dann Schluss, das ist der Vorteil von Partys, bei denen derlei Musik läuft. Da halten die Leute nicht so lange durch.

Ganz im Gegensatz zu meinem (unlängst gottlob ausgezogenen) Nachbarn über mir. Einmal drehte er komplett frei. Schon am frühen Abend feierte er mit seinem Freund ausgelassen Ringelpietz. Doch richtig lustig wurde es erst, als der Lover von dannen gezogen war und Jacques, er ist übrigens Franzose, gegen zwei Uhr morgens seine Terrasse als Partyareal entdeckte. Dort hüpfte er dann, offensichtlich voll wie eine Haubitze, laut kreischend herum. Die Boxershorts hingen in den Kniekehlen, es war kein schöner Anblick. Dazu gab es die szeneimmanenten Weisen von Madonna, Whitney Houston, Marianne Rosenberg und Hildegard Knef in Endlosschleife, und zwar in Konzertlautstärke. Mein Rufen nach oben verhallte einige Male ungehört, doch schließlich passte ich eine kurze Pause zwischen Kylie Minogue und den Village People ab, um besorgt-genervt zu plärren: "Ey Alter! Alles in Ordnung bei dir?! Mach ma´ leiser!" Mein Nachbar lallte: "Oh, Pardon! Ischbringesruntör!" Ich darauf ganz entsetzt: "Nein! Du sollst nicht runterspringen! Nur die Musik leiser machen!"

Er verschwand in seiner Wohnung, die Musik wurde ausgemacht, und mir fiel ein, dass er wohl "Ich bring es runter" gesagt hat, was anscheinend die wörtliche Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche für "leiser machen" war.

Außer bei dieser einen Gelegenheit, habe ich mich noch nie bei irgendeinem meiner Nachbarn über Lärm beschwert. Kann ich einfach nicht, finde ich auch scheiße, wenn meine Nachbarn das bei mir machen. Altbauten sind in der Regel sehr hellhörig, da muss man einfach durch. Solange das Ganze im Rahmen bleibt und nicht jede Nacht zu einem Rave ausartet, finde ich es zum Beispiel auch nicht angemessen, Punkt eine Minute nach 22 Uhr zu klingeln und auf die Einhaltung der Nachtruhe zu pochen. Der Kollege, der in Friedrichshain unter mir wohnte, hetzte mir bei gerade mal Zimmerlautstärke einmal pro Woche die Polizei auf den Hals. Ist immer unangenehm, auch wenn man eine blütenweiße Weste hat.

Nur einmal war ich auch kurz davor, die Ordnungshüter zu rufen. Neben mir wohnte ein Paar, das rund um die Uhr vögelte und dabei sehr laut war. Das machte mir lange Zeit nichts aus, guter Sex ist ja grundsätzlich prima. Als die Alte dann aber anfing, die ganze Zeit "Jippie! Jippie!" zu krakeelen, hörte der Spaß auf. Nicht, weil es zu laut war, sondern weil ich mich so fremdgeschämt habe.

Wenn ich richtig gezählt habe, lebe ich in Berlin-Kreuzberg gerade in meiner dreizehnten Mietwohnung. In keiner einzigen von ihnen hatte ich jemals das Gefühl vollkommener Ruhe. Dabei brauche ich die als Kind vom Land doch so sehr.

Zum Tag gegen Lärm wurde gestern auch eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass nachbarschaftliches Getöse das Herzinfarktrisiko, teilweise auch das von Atemwegserkrankungen erhöht. Wenn das nächste Mal um Mitternacht irgendwo nebenan laut Happy Birthday läuft, lege ich mich röchelnd vor die Tür und klingele. Sollen sie ruhig sehen, was sie mir damit antun.

Dummheit ist heilbar - Teil 2

Erinnert ihr euch noch: Wir wollten was gegen Nazis machen. Jetzt kann es langsam losgehen.

Vielleicht könnt ihr euch noch an meine Kolumne vom 28. September 2006 mit dem Titel "Dummheit ist heilbar" erinnern. Wenn nicht, dann bitte hier nachlesen. Seitdem ist einiges passiert. Ich will euch an dieser Stelle mal auf den neuesten Stand bringen.

Zunächst muss ich zugeben, dass ich die Idee zwar mit sehr viel Enthusiasmus, aber auch ziemlich naiv anging. Ich dachte tatsächlich, dass Ole Tillmann und ich mal eben an Schulen fahren, die ein Problem mit Rechten haben, ein bisschen Ladida und Diskussion anzetteln und danach gibt es dort keine Nazis mehr. Das ist jetzt ein bisschen überspitzt ausgedrückt, tatsächlich habe ich die Komplexität des Themas aber schon ein wenig unterschätzt.

Fakt ist, dass wir seit einem halben Jahr kontinuierlich an der Umsetzung der Idee arbeiten und dank der Hilfe tapferer Mitstreiter bald endlich loslegen können. Eine Schule aus Brandenburg hat bereits angefragt, ob wir dort einen Aktionstag veranstalten könnten.

Können wir selbstverständlich, allerdings wollen wir dann auch entsprechend gewappnet sein. Diese Woche besuchten einige der am Projekt Beteiligten einen Workshop im Anne Frank Zentrum Berlin, in dem richtig gepaukt wurde. Zunächst ging es darum, uns das Basiswissen in punkto Rechtsextremismus zu vermitteln. Dazu gehörten eine Interpretation des Parteiprogramms der NPD, ein Überblick über die Methoden und Vorgehensweisen dieser und anderer rechter Gruppierungen, sowie ein Abriss über rechte Musik und Ausdrucksformen, mit speziellem Augenmerk auf der Verbindung zwischen Jugendkulturen und Neonazis.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Veranstaltung: Wie argumentiere ich gegen rechte Äußerungen? Das bereitet mit am meisten Kopfzerbrechen. Ich gestehe, dass mich renitentes, rechtes Dummgelaber aggressiv macht. Ich verzweifle in solchen Momenten gerne mal an der kompletten Menschheit, weil ich nicht verstehe, wie man selbst die einfachsten Regeln des sozialen Miteinanders partout nicht auf dem Schirm haben kann. Wenn Begriffe wie Menschenrechte und Toleranz so gar nicht zum Weltbild des Gegenübers gehören, bin ich schnell geneigt, den Schauplatz frustriert und deprimiert zu verlassen.

Damit ist aber niemandem geholfen. Deswegen werde ich üben, solche Situationen stoisch auszusitzen und im Idealfall dabei auch noch ganz schlaue Sachen zu sagen. Für Interessierte empfehle ich an dieser Stelle das Buch Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg! - Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt von Jonas Lanig und Marion Schweizer.

Die Erfahrungen, die das Anne Frank Zentrum mit Aktionen an Schulen gemacht hat, zeigen, dass die Rechtsradikalen bereits in jungen Jahren rhetorisch überdurchschnittlich gut ausgebildet sind. Den stumpfen Skinhead-Prolls fällt in der Szene eher der Straßenterror zu, vergleichbar mit der SA im Dritten Reich. Eigentlich wanzt die NPD sich aber vor allem an die gebildeten Eliten ran - und dies mit perfiden Methoden. In einigen Gemeinden Sachsens bietet die NPD beispielsweise kostenlose Nachhilfe in Deutsch, Mathematik und Englisch an. In den Schulen werden bereits 10-jährige und deren Eltern angesprochen. Und wenn man nicht aufpasst und sich genau über den Hintergrund des netten Nachhilfeonkels informiert, hat man die Nazis ganz flugs und ohne es zu wissen im eigenen Haus sitzen. Darüber hinaus organisiert die NPD am Wochenende Ausflüge und ist auch sonst sehr präsent, wenn es um soziale Belange geht. Wenn man es sich genauer besieht, werden mehr und mehr Inhalte besetzt, die früher Domänen der Kirche waren, und das ist alarmierend.

Zurück zum Status Quo unserer Aktion. Neben Ole und meiner Wenigkeit haben sich inzwischen einige weitere Mitstreiter gefunden. Im Boot ist natürlich der Zuender selbst, dazu gibt es Kooperationen mit anderen großen jugendrelevanten Online-Angeboten. Demnächst wird auch ein Weblog gestartet, in dem Experten Beiträge verfassen werden, die sich schon seit langem mit der rechten Problematik auseinandersetzen. Auch euer Input ist dort gefragt. Sinn und Zweck des Blogs ist unter anderem, einen gemeinsamen Pool zu schaffen, in dem Meldungen über rechte Aktivitäten aus ganz Deutschland gebündelt werden, um entsprechend darauf reagieren zu können.

Damit das Ganze wahrgenommen wird, kümmert sich die Agentur We Do um die Öffentlichkeitsarbeit. Zudem sind wir angedockt an die Initiative Gesicht zeigen, die uns in Sachen Kontakte, Know-how und Logistik unterstützt.

Viele von euch scharren schon mit den Hufen und wollen dabei sein. Die Resonanz auf die Kolumne war enorm, einen weiteren Schub gab es unlängst, als der Text in meinem Buch erschien. Leider habe ich nicht genug Zeit, um auf jede eurer Mails zu antworten, aber spätestens im Blog treffen wir uns dann alle, tauschen uns aus und konzentrieren die Kräfte. Ich jedenfalls bin motivierter und enthusiastischer denn je, und obwohl ich einsehe, dass gut Ding Weile haben will, hoffe ich, dass wir bald loslegen können.

Willst du meine Frau werden?

Früher war ich ein regelrechter Diplomverlober. Das hat sich mittlerweile geändert.

Ich bin ja schon ein bisschen älter. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in meinem Bekanntenkreis die Leute heiraten wie die Fliegen. Ich war da auch mal ziemlich fixiert darauf, das hat sich mittlerweile aus verschiedenen Gründen allerdings gelegt. Früher war ich sehr angetan von der romantischen Komponente einer Heirat, weswegen ich auch ein richtiger Diplomverlober war. Zweieinhalb Eheversprechen stehen auf dem Konto, doch sie sind weit weg, fast scheint es, als wären sie aus einem anderen Leben. Einzig die Erkenntnis, dass Verlobungen offenbar auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, hat sich in die Jetztzeit rübergerettet.

Aufgrund meiner Erziehung war ich der Ansicht, dass man, wenn man mal eine gewisse Zeit miteinander verbracht hat, auch da bleibt. Ich machte also meiner ersten richtigen Freundin nach zwei Jahren glücklichen Zusammenseins so eine Art Antrag. Silvester 1989 fragte sich sie: "Sollen wir heiraten?" Sie sagte: "Au ja!" Ich steckte ihr einen Ring aus dem Kaugummikasten an, wir küssten uns und gingen wieder zurück auf die Party. Wir waren beide Anfang 20 und fanden die Aktion gleichermaßen romantisch und unserem Alter entsprechend crazy genug, um nicht allzu sehr ins spießbürgerliche Fahrwasser zu geraten. Dass wir jetzt so ein bisschen verlobt waren, haben wir schnell vergessen, und obwohl wir noch weitere viereinhalb Jahre zusammen sein sollten, wurde von einer tatsächlichen Hochzeit nie gesprochen.

Ähnlich war es bei Verlobung Nummer zwei. Ein paar Jahre älter und ein paar Mark reicher, schaffte ich es diesmal sogar, einen amtlichen Ring aufzutreiben. Aus Silber, innen rein waren in rot die Worte ´For the Lovers´ graviert, zum Einsatz kam das Ding nach einem Jahr Beziehung. Das Mädchen ahnte wohl, was ihr blühte, denn ich buchte spontan einen Wochenendtrip nach Rom, schickes Hotel, romantisches Abendessen, danach auf die Stufen einer Kirche gesetzt und zu ihr gesagt: "Ich fände es super, wenn wir für immer zusammen bleiben würden." Ich holte den Ring raus, das Mädchen fing an zu weinen und meinte: "Ich auch." Nicht mal ein halbes Jahr später blieb auch in diesem Fall leider festzustellen: Außer Spesen nichts gewesen.

Na ja, vielleicht war der Ring ja auch immer noch zu billig, beim nächsten Mal musste also ein richtiger Klunker her. Wieder mal war ich sehr verliebt, und ich war an jenem wunderschönen Frühlingstag geschäftlich in New York. Aus dem Central Park spazierte ich mit Sonne im Herzen direkt in die 5th Avenue, in der ich dann wie gebannt vor dem Schaufenster von Tiffany stehen blieb. ´Frühstück bei Tiffany´ war immer schon einer meiner Lieblingsfilme gewesen, und so war es für mich gleich in mehrerlei Hinsicht aufregend, plötzlich vor dem weltberühmten ´Diamond Case´ zu stehen, schier geblendet von der Strahlkraft einiger hundert Karat. Ein Solitaire-Diamant-Verlobungsring von Tiffany, amtlicher geht´s nicht! Hier! Der da! Ein wunderschöner Stein in Goldfassung! Was kostet der? 75.000 Dollar. Autsch. Na ja, ein kleinerer Stein tut´s auch. Der da? Ui, immer noch 10.000? Was kostet der, sagen wir mal, zweitkleinste Stein? 1.500 Dollar. Alles klar, kauf ich. Und so bestieg ich mit immer noch qualmender Kreditkarte, aber auch glücklich und voller Vorfreude den Flieger nach Hause. Sie holte mich am Flughafen ab. Während meiner Abwesenheit hatte sie was mit einem anderen Typen, noch im Auto wurde Schluss gemacht.

Den Ring schenkte ich meiner Mutter zu ihrem 60. Geburtstag. Sie weiß um seinen ursprünglichen Zweck, findet das aber nicht weiter tragisch und trägt ihn deswegen stolz bei besonderen Anlässen. Ist ja auch wirklich ein sehr schöner und wertvoller Ring, den ich, und das ist auch klar, nicht für das nächste Zielobjekt meiner Verlobungsobsession bunkern konnte. Das es seitdem auch nicht gab. Denn wenn ich eins gelernt habe, dann das, dass Verlobungen das Papier nicht wert sind, auf dem sie nicht gedruckt sind. Gegenseitiges Eheversprechen… pah!

Wobei es schon wieder kurz zuckte, als mein Freund mir gestern erzählte, wie er seiner Liebsten einen Antrag machte und sie auf die Frage "Willst du mich heiraten?" dreimal verzückt "Ja! Jaaa! Jaaaaa!" ausrief. Dabei hatte er sich vorher so ins Hemd gemacht, ob der Angst, dass sie nein sagen könnte. Er machte auch etwas, das ich nie tat, weil ich es nicht auf dem Schirm hatte: Er hielt beim Vater seiner Freundin um deren Hand an. Hätte ich vielleicht auch mal machen sollen, die Väter hätten ihren Töchtern was erzählt!

Ich muss nicht mehr heiraten. Für immer zusammen bleiben mit ganz großen Gefühlen ja, aber verloben und ehelichen? Bringt eh nichts. Lindert nicht meine Verlustängste, liefert keine Garantien und kostet nur Geld. Meinen Freunden und Bekannten wünsche ich viel Glück, und natürlich bin ich auch ein bisschen neidisch, aber ich bin raus aus der Nummer.
Glaube ich.

Flitzpiepenalarm

P. Diddy und Snoop Dogg waren zu Besuch bei MTV in Berlin. Also der eine von ihnen – der andere schlief nämlich im Hotel ein.

Gestern war in den heiligen MTV-Hallen mal wieder Superstar-Vollalarm. Zu einem spontanen Nachmittagsbesuch hatten sich angesagt: Herr P.Diddy und Herr Snoop Dogg. Zwei der größten Player im HipHop-Showgeschäft also, allerdings auch zwei der größten, ähem, Deppen.

Ein siebter Sinn unserer Musikredaktion verhinderte im Vorfeld, für diesen Tag den ganz großen Aufschlag zu planen. Wenn sich sonst Leute dieses Kalibers in der Stadt befinden, ist in den meisten Fällen klar, dass sie bei TRL zu Gast sind und dort auch performen. So etwas wird dann wochenlang vorher beworben, das Studio wird mit Fans gefüllt und vor den Fernsehern gucken im Idealfall ganz viele Menschen zu.

Aufgrund des bekannten Phlegmas des Herrn Diddy und der gesetzeswidrigen Dämlichkeiten des Herrn Dogg, sollte der gestrige Einsatz bis zuletzt seinen Überraschungscharakter behalten. Notgedrungen, wie bereits angedeutet. Snoop Dogg war vergangenes Wochenende nach dem Konzert in Stockholm gerade erst wieder eingebuchtet worden, weil sich die Polizei des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass der Gute auf der Bühne breit für drei war.

Erst vor wenigen Monaten war er an einem Flughafen in Kalifornien verhaftet worden. Er wollte eigentlich nur jemanden abholen, stellte allerdings seine Karre keck im absoluten Halteverbot ab, weswegen die Polizei einen genaueren Blick wagte und im Auto Drogen und Waffen fand. Kurz vor dieser Episode gab es weiteren Flughafenstress, weil der feine Herr einmal mit einem Schlagstock im Handgepäck ausreisen wollte, ein anderes Mal zerlegte er mit seiner Crew einen Duty-Free-Laden in London-Heathrow, weil man ihn zuvor nicht besoffen an Bord lassen wollte.

P.Diddy hat diesbezüglich eine einigermaßen weiße Weste, allerdings gibt er einem ständig das Gefühl, überhaupt NICHTS mehr nötig zu haben, weswegen man irre dankbar sein sollte, wenn er irgendeine der getroffenen Vereinbarungen einhält. Und so stand der ganze gestrige Tag groß im Zeichen von vielleicht. Mittags hieß es: Snoop kommt um 16 Uhr zu TRL. Zwei Stunden vor der Sendung die Meldung: P. Diddy kommt nun auch. In der Realität sah dies gegen 15 Uhr wie folgt aus: Da die Herrschaften in zwei verschiedenen Berliner Hotels untergebracht waren (so viel zum in der Öffentlichkeit zur Schau gestellten Kumpeldasein), hieß es aus beiden Camps: Wir fahren erst los, wenn der andere auch losgefahren ist. Klar, dass somit erst mal gar nichts passierte, bis P.Diddy schließlich ein Einsehen hatte und sich auf den Weg machte. Doch was war mit Snoop?

Ein Anruf bei Diddys Fahrer beförderte zu Tage, dass niemand was wusste, weil man keine Telefonnummer der anderen Partei hatte, um dort mal nachfragen zu können. Das Ende vom Lied: Vor lauter Warten auf Diddy, war Snoop schließlich im Hotel eingepennt und wollte auch nicht mehr gestört werden. Zähneknirschend schlurfte Diddy also alleine zu TRL, um dort sein uninspiriertes Pflichtprogramm abzuspulen. Das Konzert am Abend pries er als unvergessliches, nie dagewesenes Erlebnis an, weil auf der Bühne ganz irre Sachen passieren, sein aktuelles Album Press Play ist natürlich sein bisher bestes, wenn nicht sogar das großartigste HipHop-Album aller Zeiten, und sein Duft Unforgivable sind wie die Klamotten seines Labels Sean John selbstverständlich totale Must-Haves.

Keine Frage, Diddy ist ein cleverer Geschäftsmann, aber dass sein Auftritt so dermaßen dem eines Vitaminpillenverkäufers auf einer Butterfahrt glich und so gar nichts Echtes und Ehrliches hatte, war dann dennoch ernüchternd. Danach war Diddy auch müde und sagte die zugesicherten Interviews ab, genau so wie den Dreh in der Halle, und zwar mit folgender abstruser Begründung: "Wenn die deutschen Fans schon keine Tickets kaufen, dann sollen sich auch kein Live-Material von meinem Konzert bekommen." Ja, genau, damit die folgenden Shows auch so schön leer sind. Mann, Mann, Mann… Dann kannst du dir deine beschissene Press Play-Platte, die ohnehin keine Sau gekauft hat, auch direkt irgendwo hinschieben, und deinen blöden Puff-Duft kannste bestenfalls als WC-Spray verwenden oder ihn direkt in selbiges schütten.

Da hilft es hoffentlich auch nichts, dass Unforgivable während des Konzerts auf Großbildleinwand beworben wurde. Das war nur eins von vielen unangenehmen Dingen in der Berliner Max-Schmeling-Halle. Mit knapp 5000 Zuschauern war sie gerade mal zur Hälfte gefüllt - kein Wunder bei Ticketpreisen von 50 Euro - entsprechend war die Stimmung im Publikum. Auf der Bühne gab´s ein „Ah Yeah“ und „Check it out“ nach dem anderen sowie den fortwährenden Beweis, dass Diddy ein äußerst mittelmäßiger Rapper ist.

Zumindest das kann Snoop Dogg wenigstens, und so waren die wenigen musikalischen Highlights ihm vorbehalten, der nicht zuletzt dank cleverer Produzentenwahl auch den ein oder anderen Hit im Repertoire hat. Doch auch das konnte nicht über den unfassbar blutleeren Charakter der Veranstaltung hinweg täuschen, und als am Ende bei P.Diddys „I´ll Be Missing You“ auf der Leinwand nebst Bildern toter Legenden der schwarzen Musik, wie Notorious B.I.G., Tupac Shakur und James Brown, auch noch das Konterfei von Prinzessin Diana auftauchte, hatte die Sause sogar noch etwas unfreiwillig Komisches.

Und so ging ein vermutlich für alle Seiten unbefriedigender Tag zu Ende. Ich möchte dennoch nicht versäumen, den einzig wahren Helden all dessen lobend zu erwähnen. Ein TRL-Zuschauer hatte beim Handshake mit P.Diddy versucht, dessen Ring abzustreifen und zu klauen. Hat leider nicht geklappt, war aber trotzdem genau die richtige Maßnahme.

Nachtrag zu "Neues vom Überfan"

Es gibt Zufälle - ja. Aber erst von Fans und dann von der eigenen Kolumne verfolgt werden? Das Schicksal kann manchmal echt unheimlich sein.

Ihr erinnert euch vielleicht an meinem Text vom Freitag. Wenn nicht, dann schnell mal hier nachlesen. Ich erzählte von einer Frau, die mir in einem Club mal ein Bier ins Gesicht schüttete.

Ein paar Stunden, nachdem die Kolumne online war, machte ich mich auf den Weg zu einem Dj-Booking in Ravensburg. Kurz bevor ich anfing aufzulegen, kam eine Frau auf mich zu, und es entwickelte sich folgender Dialog:

"Hallo Markus. Es hat mich ganz schön durcheinander gebracht, dich in der ganzen Stadt auf Plakaten zu sehen. Na ja, wie auch immer, ich wollte mich nur bei dir bedanken, denn du bist der Grund, dass ich zwei wunderbare Kinder habe."

Ich zuckte kurz zusammen. Natürlich war ich mir sicher, dass diese Kinder nicht von mir sind, für einen Moment dachte ich allerdings, dass sie sie mir anhängen will. Da sie diesbezüglich aber keine Anstalten machte, war klar, dass sie von einem anderen Mann sind.

Also weiter:
"Aha? Das freut mich zu hören. Wie alt sind sie denn und wie heißen sie?"

"Luis und Julius (Namen natürlich geändert, Anm. d. A.), sie sind zwei
und fünf Jahre alt.
"
"Und wie heißt du?"

Entgeisterter Blick ihrerseits.

"Was?! Sag bloß, du weißt nicht mehr, wer ich bin?!"
"Ehrlich gesagt nicht. Haben wir uns schon mal gesehen?"
"Ja."
"Wann und wie oft?"
"Einmal. Vor acht Jahren."
"Tut mir echt leid, daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr
erinnern. Wo war das?
"
"In Düsseldorf. Ich bin die, die dir monatelang geschrieben und dir in diesem Club ein Bier ins Gesicht geschüttet hat."

Da blieb mir dann die Luft weg. Ich erlebe ja immer wieder mal schräge Sachen, aber das war mir dann ein bisschen zu viel Fügung auf einmal. Ich hatte seit dem Vorfall damals nicht mehr an diese Frau gedacht, erst, als ich die Kolumne zum Thema Stalking schrieb, kramte ich in meiner Erinnerung.

Die Lady hatte den Text ziemlich offensichtlich auch nicht gelesen. Sie war einfach da, weil sie vor ein paar Jahren aus dem Rheinland wieder dorthin zurück zog, wo sie ursprünglich herkommt, nach Ravensburg nämlich. Und jetzt tauchte sie wie aus dem Nichts auf, um mir zu danken, für ihre Kinder und dafür, dass es ihr wieder besser geht.

Ich hab damals nichts anderes gemacht, als Briefe von ihr und ein Bier ins Gesicht geschüttet zu bekommen. Scheint ihr irgendwie bei irgendwas geholfen zu haben. Insofern, gern geschehen. Aber gruslig war er schon ein bisschen, der Freitag.

09. März 2007 - Neues vom Überfan

Neues vom Überfan

Da ist einer, der glaubt, ich würde meine Sendungen nur für ihn machen. Und einer ruft mich immer im Büro an. Ich könnte die beiden anzeigen. Doch soll ich?

Einer meiner beiden Lieblingsstalker hat mir gerade wieder geschrieben, deswegen wollte ich an dieser Stelle mal meiner Freude über das neue Anti-Stalking-Gesetz Ausdruck verleihen. Stalking ist jetzt zum Strafbestand erhoben. Einem Täter, der jemandem nachstellt, drohen nun bis zu drei Jahre Haft, in besonders schweren Fällen, zum Beispiel wenn Leben und Gesundheit des Opfers gefährdet sind oder der Betroffene sogar stirbt, sind bis zu zehn Jahre Knast fällig.

Ich persönlich kann nicht von schweren Bedrohungen sprechen, noch scheint das Ganze vergleichsweise harmlos zu sein, trotzdem nervt´s natürlich wie Sau.

Der eine Kollege schreibt fast jeden Tag eine Mail an meine MTV-Zuschauerpostadresse, in der er jeden Satz, den ich im Fernsehen sage, analysiert und auf sich bezieht. Das Fazit seiner Dechiffrierungen lautet stets: Ich mache die Sendungen nur für ihn, er und ich sind quasi eine Person, zwischendurch redet er immer davon, dass "sie" ihn "nicht mehr lange einsperren können" oder dass er zu mir kommt, "wenn alles geklärt ist". Mehrere Male hat er sein Kommen zu bestimmten Zeiten bereits angekündigt, doch vorsichtige Blicke zum MTV-Empfang oder Erkundigungen bei unserem Security-Dienst lassen bis dato darauf schließen, dass hier noch niemand aufgekreuzt ist, auf den das Profil zutreffen würde. Ich weiß auch gar nicht, ob das eingesperrt sein metaphorisch gemeint oder tatsächlich zutreffend ist, wobei ich mir wiederum auch nicht vorstellen kann, dass man in einer geschlossenen Anstalt oder einem Gefängnis derart uneingeschränkten Online-Zugang hat.

Etwas anstrengender ist Stalker Nr. 2, der offenbar irgendwie meine Handynummer rausgefunden hat. Der Typ ist DJ, ich habe ihn sogar schon mal kennen gelernt, als wir nach einer Party in München für ein paar hundert Meter den gleichen Nachhauseweg hatten. Da machte er zwar einen verpeilten, dennoch aber nicht ganz unsympathischen Eindruck. Das ist jetzt vier Jahre her.

Anfänglich bombardierte er mich mit sinnfreien SMS, danach war eine Zeitlang Ruhe, bis in ihm offenbar die Liebe zu meiner MTV-Kollegin Mirjam Weichselbraun entflammte, denn seit gut einem Jahr stalkt er mich und sie. Die Begebenheit in München wird als Anfang einer Bestimmung angesehen, zumindest stand in einer seiner Mails: „Das ist passiert, weil du mich später mal mit Mirjam zusammen bringen wirst.“ Dieser Spezi war tatsächlich schon ein paar Mal hier, um Mirjam live bei TRL zu erleben. Da aber natürlich nicht jeder dahergelaufene Schwachmat ins Studiopublikum darf (das ohnehin von einer Zuschaueragentur zusammen gestellt wird), musste er sich stets aufs Neue unverrichteter Dinge vom Acker machen, leider aber nicht, ohne vorher terrormäßig bei mir durchzuklingeln. Seine Handynummer ist unterdrückt, da gehe ich grundsätzlich nicht ran, allerdings hat das pfiffige Kerlchen sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit meinem Büroanschluss verbinden lassen und mich zugequatscht. Etwas hilflos drohte ich mit der Polizei, um anschließend entnervt aufzulegen.

Auch anhand dieses Beispiels habe ich gemerkt, dass da argumentativ nichts auszurichten ist, denn sobald ein Kontakt zwischen Stalker und Gestalktem hergestellt ist, fühlt sich ersterer in seinem Tun noch mehr bestätigt, egal wie abweisend und negativ die Antwort auch ist.

Erledigt haben sich Gott sei Dank die Bemühungen zweier Stalker-Ladies, die sind nämlich noch um einiges derber gewesen als die der männlichen Kollegen. Die eine Frau schrieb mir vor ein paar Jahren ständig Emails. Die beiden ersten beantwortete ich noch, als ich dann aber feststellte, dass es recht flott um ganz andere Dinge als Fragen zu Sendung oder Bands ging, schrieb ich nicht mehr zurück. Ihre Mails wurden immer expliziter, aber auch immer wütender. Irgendwann lauerte mir die Dame, deren Äußeres ich ja nicht kannte, bei einem DJ-Booking auf. Sie stürmte im Club aus heiterem Himmel auf mich zu und schüttete mir mit den Worten "Das hast du verdient!" ein volles Bierglas ins Gesicht, beim anschließenden Handgemenge offenbarte sie schließlich ihre Identität. Die Security verfrachtete sie nach draußen, von weiteren Maßnahmen sah ich ab, ich hörte danach auch nie wieder was von ihr.

Bei der zweiten Lady dachte ich kurz darüber nach, die Polizei einzuschalten. Ich wurde in einem Club von ihr angesprochen, und entweder ist sie mir direkt an dem Abend oder irgendwann anders gefolgt, jedenfalls wusste sie offensichtlich, wo ich wohnte. Über Wochen hinweg klingelte es jedenfalls mitten in der Nacht Sturm bei mir. Irgendwann hat sie sich auch Zutritt ins Haus verschafft, trommelte an meine Wohnungstür und schob ein Blatt Papier unter der Tür durch. Es war ein selbstgemaltes Bild, das sie in Gestalt einer Katze mit einem Messer in der Hand zeigte und mich blutüberströmt auf dem Bett liegend. Das war dann weniger lustig, aber auch da saß ich die Sache aus, zumal ich keine Ahnung hatte, was ich der Polizei verwertbares erzählen sollte, ich hatte ja keinen Namen oder keine Telefonnummer dieser Spinnerin. Etwas mulmig war es mir eine Zeitlang aber schon, wenn ich nachts nach Hause kam.

Im Zuge der Diskussion über das neue Gesetz war ich überrascht, wie viele Menschen gestalkt werden. Jeder zehnte Deutsche ist davon betroffen, 80 Prozent der Opfer sind Frauen.

Dennoch, Gesetz hin oder her, irgendwie habe ich noch immer Hemmungen, einen der beiden aktuell umtriebigen Jungs anzuzeigen. Will mich ja auch nicht so wichtig machen. Oder ist das dumm von mir? Ist Vorsicht nicht die Mutter der Porzellankiste? Ach, ich weiß auch nicht, erst mal abwarten...

Wo wollt ihr alle hin

In Berlin sind die Leute so gehetzt. Immer auf der Jagd nach der nächsten Telefonnummer oder dem besseren Job. Dabei suchen sie alle nur eine Heimat.

Meine Schwägerin ist in diesen Tagen in Berlin. Ja, ich habe eine Schwägerin, weil mein um drei Jahre jüngerer Bruder im Gegensatz zu mir verheiratet ist. Er hat auch schon ein Haus gebaut, unweit des Örtchens, in dem er und ich aufgewachsen sind und in dem meine Eltern immer noch leben.

Wenn man sich in Berlin herumtreibt, ist in vielen Gesprächen, die man mit den Getriebenen des Nachtlebens und der Café-Boheme führt, von "Heimat" die Rede. Kaum einer hier hat eine, weil die alte verloren und die neue noch nicht gefunden ist. Alle kommen von irgendwo, ein Irgendwo, in das sie nicht wieder zurück wollen, und alle warten sie darauf, dass diese Stadt sie endlich mal freundlich umarmt und "Herzlich willkommen!" sagt. So etwas machen Großstädte in der Regel aber nicht, schon gar nicht Berlin. Berlin ist viel zu groß, viel zu hart und viel zu kalt, außerdem muss hier ja jeder selbst gucken, wo er bleibt.

Als ich vor fünf Jahren in diese Stadt kam, ließ ich mich erst mal in Friedrichshain, dem Junge-Leute-Zuzieh-Bezirk Nummer eins, nieder. Inmitten von Studenten aus aller Herren Bundesländer, sprießender orientalischer und asiatischer Imbisskulturen und einigen übrig gebliebenen Ostberlinern versuchte ich, mich zuhause zu fühlen. Klappte nicht. Weil es vor der Haustür ein so vielfältiges Animationsprogramm gab und man auch gerne mit anderen Heimatlosen abhing, sah es nach zwei Jahren in meiner Wohnung immer noch so aus, als wäre ich erst vor kurzem eingezogen. Damals ging es dann los, dass mein Heimweh mich dazu trieb, merkwürdigen, sentimentalen Retro-Quatsch zu veranstalten.

Ich fahndete nach Getränkemärkten, die bayerisches Bier (vorzugsweise Augustiner) verkauften, verschwendete unfassbar viel Energie darauf, halbwegs essbare Laugenbrezeln und Leberkäs-Semmeln sowie eine Kneipe zu finden, in der am Samstag nicht das Spiel von Hertha BSC, sondern das von Bayern München geguckt wurde. Das alles half natürlich nichts, weil ich schnell feststellen musste, dass ich mit "Zuhause" etwas ganz anderes als mein Heimatdorf meinte. Und obwohl ich gerne meine Eltern besuche, bayerisch rede und esse, will ich auch nicht mehr dorthin, weil es mir dort zu klein ist, weil es dort keine Discos gibt und weil dort alle so leben, wie ich es nie wollte. Dass man deswegen aber alle Wurzeln rausreißen muss, wollte ich auch nicht.

Man fängt irgendwann an zu rennen, erst durchs Studium und dann durch Jobs in verschiedenen Städten, man rennt durch Beziehungen, wird immer schneller, die Beine wollen einen nicht mehr tragen, aber man kann nicht mehr aufhören zu rennen, weil da vorne ja noch was sein könnte, das man tunlichst auch zügiger als die anderen erreichen sollte. Hup Hup, aus dem Weg! Und wer die lautere Hupe hat, hat Vorfahrt, und wer schneller Schluss macht, hat gewonnen. Es ist ein Wettrennen ohne Sieger, und jede Großstadt, besonders Berlin, ist ein Circus Maximus voller Verlierer.

Ist es ein Problem dieser Generation? Ist aus der Generation der Mobilen die Generation der Heimatlosen geworden? Dafür spricht, dass selbst so mancher, der in Berlin geboren ist, mindestens genau so schnell durch das Leben in dieser Stadt rennt, wie das all die Schwaben, Bayern, Rheinländer et cetera hier tun. So schnell, wie im Handy neue Nummern gespeichert werden, kann man die alten gar nicht mehr löschen, und wenn man einen großen Speicher besitzt, hat man bald zur Hälfte aller Nummern kein Gesicht mehr. Und wer sind eigentlich die Leute, denen man über ein paar Wochen hinweg viele Mails geschrieben hat, können die jetzt mal raus aus „Gesendete Objekte“, oder was?

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man sich jeden Namen, der einem mal etwas bedeutete, tätowieren lassen müsste, dann wäre bei zwei Quadratmetern Haut schnell Schluss mit dem inflationärem Vorne-rein-hinten-raus. Das ist irre, denn eigentlich will ja hier keiner dem anderen etwas Böses. Alle wollen sie geliebt werden, aber weil jeder geliebt werden will, hat auch jeder Angst, dass nicht genug für alle da ist. Man sieht dann nicht mehr den Freund, sondern nur noch den Feind, und auch wenn man mal kurz am See zusammen in die Sonne blinzelt oder in großer Runde kocht, wird das nur als trügerischer Waffenstillstand wahrgenommen, bevor man sich wieder ins Getümmel stürzt.

Genau so würde ich das immer noch machen, wenn nicht vor zwei Jahren der Begriff Heimat wieder seiner ursprünglichen Bedeutung zugeführt worden wäre, nämlich: Home is where the heart is.

Wenn nämlich nicht vor zwei Jahren ein Mensch in mein Leben getreten wäre, der meinen Kühlschrank mit frischen Sachen füllte und meine Wohnung nicht nur wie eine aussehen ließ, in der überhaupt jemand wohnt, sondern auch noch wie eine, in der ein Junge und ein Mädchen glücklich zusammen sind, dann würde ich mir heute immer noch die Hacken nach Brezeln, Bier und Zuneigung abrennen.

Gut, dass ich das alles zugelassen habe. So kommt´s nämlich, dass mein Bruder und ich gleichermaßen ein Zuhause, eine Heimat haben. Denn am Ende sind es immer die Menschen und nicht die Stadt, die einen in den Arm nehmen und „Herzlich willkommen“ sagen.

Und überhaupt war es hier mal höchste Zeit für eine Liebeserklärung.

Fertisch!

Mein erstes Buch ist da. Jetzt steht es mit den Werken von Leuten, die viel besser schreiben können, in einem Regal. Das habe ich nicht gewollt.

Es war schon ein ziemlich bemerkenswerter Moment, als ich letzte Woche das erste gedruckte Exemplar meines Buches in den Händen hielt. Da steht als Autor tatsächlich Markus Kavka drauf. Komisch, verwirrend, irreal, aber irgendwie auch ein bisschen aufregend. Bücher sind für mich nach wie vor Kulturgut Nummer 1, weit vor CDs und allen anderen Dingen, die man der Unterhaltung und Bildung wegen hortet. Von ihnen trenne ich mich irgendwann, von Büchern nicht. Jedes Werk, das ich mir jemals gekauft habe, steht auch heute noch in meinem Bücherregal.

Nun schäme ich mich natürlich ein wenig dafür, in meinem Regal Rücken an Rücken mit Menschen zu stehen, die das wirklich können, denn per gesunder und realistischer Selbsteinschätzung bin ich weit davon entfernt, ein guter Literat zu sein. Ehrlich gesagt, dachte ich auch niemals daran, ein Buch rauszubringen. Als ich vor etwa anderthalb Jahren gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, hier beim Zuender regelmäßig Kolumnen zu veröffentlichen, sah ich das Ganze zunächst als Möglichkeit, um endlich mal über andere Dinge als Musik zu schreiben, denn Texte zu diesem Thema waren bis dato das Einzige, was ich zu Papier brachte.

Schnell stellte ich fest, dass diese Art Reserveblog sich vorzüglich dazu eignete, andere Fässer aufzumachen und ein Diskussionsforum zu etablieren. Gerade das Internet, in dem so viele anonym verfasste Dinge über mich stehen, sollte sich als guter Ort erweisen, um mal etwas von mir preiszugeben. Dinge, die mich beschäftigen, die mir wichtig sind, die mich ärgern, die mich freuen, die ich allesamt aber im Rahmen meiner sonstigen Beschäftigungen nicht öffentlich machen kann. „Maximale Transparenz“ lautete der Ansatz, weswegen viele Texte auch sehr privat und persönlich wurden. Das macht selbstverständlich die Angriffsfläche nicht kleiner, insofern war es keine Überraschung, dass im Zuender-Forum die Debatte auch bis zum heutigen Tag sehr emotional und persönlich geführt wird und der Forum-Thread immer noch das Subject „Kavka“ und nicht „Kavkas Kolumne“ oder „Kavkas Text über …“ hat.

Ich schreibe die Kolumnen auch für mich selbst. Obwohl ich jetzt nicht so weit gehen würde, ihnen therapeutische Qualitäten zu attestieren, stelle ich dennoch fest, dass einige Texte mir dabei halfen, Dinge aus meinem Leben besser bewerten, verarbeiten und einordnen zu können. Andere Texte wiederum dienten dazu, eine Öffentlichkeit für Herzensangelegenheiten zu generieren, schließlich kann man nie genug für Organspende und Suizidprävention oder gegen Nazis machen.

Dennoch war ich sehr überrascht, als bereits nach der dritten Veröffentlichung der erste Verlag mit der Idee vorstellig wurde, die Kolumnen gesammelt als Buch zu drucken. "Ich?! Ein Buch?! Warum?" oder "Versteh´ ich nicht, kann man doch, wenn man das möchte, eh alles im Internet lesen…" waren meine ersten Reaktionen. Dann jedoch dachte ich, dass meine Eltern, die kein Internet haben, sich bestimmt über ein echtes Buch von ihrem Sohn, der ansonsten immer so viel undurchsichtigen Quatsch in den Medien macht, freuen würden. Endlich mal was Handfestes!

Zudem muss man davon ausgehen, dass so ein Verlag in der Regel weiß, worauf er sich einlässt. Sind ja alles Profis, und so ein Lektor will bestimmt nach meiner noch weitere Veröffentlichungen betreuen.

Mir ist natürlich bewusst, dass die Tatsache, dass – jetzt mal ganz wertfrei – mein Name durch das Rumgeturne im Fernsehen einigermaßen etabliert ist, in den Überlegungen des Verlages gewiss die größte Rolle gespielt hat. Unbestritten gibt es da draußen im Bloggeruniversum weitaus talentiertere Schreiber, die vollkommen zu Unrecht weit davon entfernt sind, ein Buch zu veröffentlichen. Um, na ja, mein schlechtes Gewissen diesbezüglich zu erleichtern, nutze ich die Kolumnen – allerdings nicht nur deswegen – auch dazu, um auf Charity-Projekte hinzuweisen, zudem ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich, sollte dieses Buch Erlöse abwerfen, diese zu großen Teilen spende. Das soll jetzt auch um Himmels willen nicht als Gutmenschenalarm missverstanden werden, sondern als Geste des Eingeständnisses, dass ich mit dem Fernsehkram, der es mir ja erst ermöglicht hat, überhaupt Kolumnen zu schreiben, genug Zaster verdiene.

Und ich muss zugeben, dass mir der Literatenkram Spaß macht. Man hat gemeinhin mit sehr schlauen und belesenen Menschen zu tun, führt mit ihnen inspirierende Gespräche, lernt die doch sehr eigene Spezies Buchhändler kennen, begibt sich auf Lesereise und bewegt sich ganz generell in einem Umfeld, das nahezu komplett frei von stumpfen Arschlöchern, Heuchlern und Angebern ist.

Kommenden Freitag erscheint es also, das Buch. Titel, analog zur Kolumne: Elektrische Zahnbürsten. In den vergangenen zwei Wochen durfte ich zur Sache einige Interviews geben. Das fühlte sich zunächst mal etwas schräg an, weil in der Regel ich ja sonst derjenige bin, der die Fragen stellt. Auffällig war in dem Zusammenhang, dass die meisten Journalisten mich als Autor und nicht als den MTV-Fuzzi, der halt jetzt ein Buch herausgebracht hat, interviewten. Interessant auch die Bewertungen des Geschriebenen, die ich auszugsweise hier mal unkommentiert wiedergebe:

„Ist jetzt kein Aspirant für den Literatur-Nobelpreis, liest sich aber ganz gut weg.“

„Ist sehr direkt und ehrlich, versteht auch jeder.“

„Verrät eine Menge überraschender Dinge über dich.“

„Dadurch, dass die einzelnen Texte relativ kurz sind, ist das Buch perfekt für: U Bahn/ Kurzstreckenflüge/Freistunde/Klo (nur Jungs)“

„Hast du das wirklich alles erlebt, zum Beispiel auch diese Geschichte mit deiner Putzfrau?“

Ja, hab ich. In dem Buch ist keine einzige Lüge. Ich habe lediglich, um die Privatsphäre einiger Beteiligter zu schützen, einige wenige Details verschwiegen. Bei anderen Dingen wiederum bin ich etwas zu sehr ins Detail gegangen, weswegen sich vor allem meine Eltern im Nachhinein ob so mancher Geschichte (Autounfall, Berliner Nachtleben, Erzählungen aus der Vergangenheit, etc.) ein bisschen Sorgen um meine Gesundheit und Psyche machten.

Meine Antwort: „Ach, Mama, Papa, ist doch nur ein Buch...“

Geht alle weg!

Privatradio ist die Hölle. Und am schlimmsten sind die Moderatoren dort. Werden die irgendwo geklont?

Ich gebe es zu, ich war auch mal einer von ihnen. Aber damals war das noch nicht so schlimm, ehrlich. Jetzt schon, wie die ganze Nation spätestens seit dem Bundesvision-Songcontest weiß. Denn am schlimmsten waren bei dieser Veranstaltung die: Privatradiomoderatoren!

Ich frage mich, ob die an einem geheimen Ort geklont werden. Zuerst entführt man aus Schulen die Typen, die ihren Klassenkameraden am meisten auf den Sack gehen, anschließend pflanzt man ihnen einen Sprachchip ein, auf dem Uhrzeit, Wetter und ein kleiner Fundus zotiger Witzchen gespeichert ist, zuletzt verpasst man ihnen noch eine Deppenfrisur, damit sie im Zweifelsfall auch auf Stadtfestbühnen, bei Baumarkteröffnungen und im Fernsehen ein schlüssiges Bild abgeben. Denn da wollen sie ja alle hin: ins Fernsehen.

Deswegen moderieren sie, wenn sie´s wie beim Songcontest mal kurz soweit gebracht haben, mit nacktem Oberkörper. Wenn es nur einen Funken Gerechtigkeit gibt, landen solche Flachzangen später mal bei 9Live. Weil es zudem auch NICHT lustig ist, Kim Frank Geld anzubieten, weil er in der Bild-Zeitung zugegeben hat, ein bisschen Pleite zu sein, Stefan Raabs Co-Moderatorin Johanna Klum mit Gülcan anzusprechen, als Moderatorenpaar rumzuknutschen, weil man "sich schon immer mal im Fernsehen küssen wollte" oder, gähn, so auszusehen wie die Band, die man unterstützt. Alle wollten sie saumäßig witzig sein, dabei ist verglichen mit ihnen selbst Fips Asmussen noch eine echte Gag-Kanone.

Im weiteren Verlauf des Wochenendes war ich im Auto quer durch die Republik unterwegs, und weil der CD-Player meines Leihwagens gesperrt war, musste ich Radio hören. Zugegeben, ich hätte den Deutschlandfunk oder einige öffentlich-rechtliche Sender einstellen können, aber angefixt durch die Eindrücke vom Freitag setzte ich mir konsequent die Privatradio-Hasskappe auf. Offenbar haben sie dort auch nur für mich moderiert, ich wurde nämlich dauernd mit ´Du´ angequatscht: "Wenn du heute Abend noch nichts vorhast, freust du dich jetzt bestimmt über unsere Partytipps", "Flitzerblitzer, dein bester Blitzerservice in Sachsen", "Du kannst jetzt anrufen und Tickets gewinnen", "Schön, dass du zuhörst". Ja, schön. Boah, ist das widerlich, diese pseudoverbindliche Schleimscheißerei.

Ich sehe ja ein, dass ein Jugendsender seine Hörer nicht siezt, aber durch das früher verbreitete ´Ihr´, mit dem die Hörerschaft kollektiv angesprochen wurde, fühlte ich mich längst nicht so bedrängt. Dafür aber weitaus besser informiert, denn der Gehalt der Moderationen beschränkt sich im wesentlichen auf gestanzte Senderclaims ("Hit Music Only", "Deine Black Music Station" etc.), die Uhrzeit, das Wetter und "Mein Name ist...". Ich will überhaupt gar nicht wissen, wie du heißt, weil du keine Sachen sagst, die mich interessieren.

Besonders schlimm sind allerdings die sogenannten "Morning Shows" oder "Morning Crews", denn da sitzen dann die lustigsten Leuchten des Senders am Mikro und machen vier Stunden am Stück Provinzcomedy. Exemplarisch hier mein Lieblingsgag des Wochenendes: Moderator zu Moderatorin: "Schatz, wach auf, du hast deine Schlaftabletten noch nicht genommen!" Auch der Wetterbericht wird nicht humoriger, wenn man ihn pseudoberlinert und "det Queckie uff 6 Jrad" steigt. Da kann sich der Co-Moderator noch so vor gekünsteltem Lachen ausschütten, es hilft nicht.

Zudem kommt vor und nach diesen Bonmots auch immer Musik, und spätestens da hört der Spaß dann ganz auf. Erschüttert stelle ich auch fest, dass die Jugendprogramme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich in einigen Gegenden zunehmend den Privatradios angleichen. Musikanteil (vor allem Kommerzkacke) hoch, Wortanteil runter, Pfeifen am Mikro.

Steigt man ein wenig tiefer in die Materie ein und recherchiert nach so einem Radiovollkatastrophenwochenende noch ein bisschen im Internet, dann stellt man fest, dass man eigentlich auch keine Chance hatte, diesen Wahnsinn zu verstehen. Dafür bin ich offenbar viel zu normal. In den Steckbriefen der Moderatoren behaupten unter der Rubrik ´Beschreibe dich selbst´ nämlich alle von sich, dass sie "bekloppt" oder "verrückt" wären, und, argh, "gut drauf". Gut drauf ist das Gegenteil von gut, denn Leute, die gut drauf sind, sind nie lustig, sondern in erster Linie saumäßig anstrengend.

Das darf ich dann auch oft erfahren, wenn ich hin und wieder mal vom Privatradio interviewt werde. Seit Jahren sind die drei vorwiegend gestellten Fragen: "Wie war´s, Kylie Minogue privat zu treffen?" "Wie war´s, Madonna und Mariah Carey zu interviewen?" und "Kannste mal heißen Backstage-Gossip von den MTV Awards erzählen?"

Klar, löbliche Ausnahmen gibt es immer wieder und bei jedem Sender, aber die Tendenz ist eine ungute.

Und obwohl ich beim Privatradio moderiert habe und im Fernsehen gelandet bin, verspreche ich, dass ich nie mit nacktem Oberkörper moderieren werde.

Lieber Uli Hoeneß

Ich leide, wenn ich die Bayern spielen sehe. Aber noch mehr, wenn du nur vom Geld redest. Ein großer Acker allein bringt dem Bauern nichts. Kauf endlich wen!

Manchmal spielt mir mein Unterbewusstsein derbe Streiche. Diese Nacht träumte ich, dass meine Freundin sich von mir trennen will. Sie stand irgendwo mit einem fremden Typen herum, ich kam zufällig vorbei, wurde nicht so wirklich beachtet und schließlich mit den Worten "Das bringt nichts mehr, ich brauche mehr Freiheit, eine Veränderung in meinem Leben!" von dannen geschickt. Ganz klar: Sie = FC Bayern München. Ich = Felix Magath.

Der FC Bayern ist seit über 30 Jahren meine große Liebe, eine Liebe, die nie geht. Weil so ist das ja mit Fußballvereinen, sie machen niemals mit einem Schluss, und auch man selbst bleibt immer da, in guten wie in schlechten Zeiten. In dieser Saison habe ich, wenn auch auf vergleichsweise hohem Niveau, gelitten wie ein Hund. Miserabel haben sie gespielt, meine Helden, wie ein emotionsloser, blutleerer Haufen Fußballsachbearbeiter, ohne

Feuer, ohne erkennbares taktisches Konzept, wie tot.

Felix Magath hat sich das trostlose Gekicke zumeist stoisch von draußen angesehen, nach besonders katastrophalen Spielen, wie zum Beispiel dem 1:4 in Mailand, haderte er weltfremd mit dem Schiedsrichter oder flüchtete sich in Ironie. Als Mensch mochte ich Magath, mit seiner liebenswerten Kauzigkeit und seinem feinen Humor war er in der weitestgehend spaßfreien Zone Bundesliga eine erfrischende Ausnahmeerscheinung. Vielleicht lag genau darin auch das Problem.

Sollte nämlich Magath mit seinen Spielern genauso geredet haben wie mit der Presse, haben sie ihn nicht verstanden. Kaum einer Bevölkerungsgruppe ist Ironie so fern wie Fußballern, beim FC Bayern dürfte allenfalls Mehmet Scholl wissen, was das ist. Vielleicht hat Magath vor lauter Gram überhaupt nicht mehr mit seinen Dumpfbacken sprechen wollen, zumindest deutete dies mal Lukas Podolski in einem Interview an, als er offenbarte, dass sein Trainer noch Wochen nach seinem Wechsel von Köln nach München immer noch nicht länger als fünf Minuten mit ihm geredet habe.

Dazu passt auch, dass Magath gern durchblicken ließ, dass Spieler von dem Kaliber, wie es beim FC Bayern Standard ist, gefälligst selbst wissen müssten, wie sie sich auf dem Rasen taktisch zu verhalten haben. Tun sie aber nicht, weswegen die letzten Spiele diesbezüglich ein Offenbarungseid waren.

Das muss Magath sich ankreiden lassen - wofür er allerdings nichts kann, ist die kopflose Einkaufspolitik von Hoeneß und Rummenigge. Gerade Hoeneß nervt mit seinem Festgeldgeschwafel. Ist ja ganz ehrenwert, dass man im Gegensatz zu den meisten anderen Vereinen reichlich Zaster auf dem Konto hat, weil man vernünftig wirtschaftet, aber einem Bauer bringt auch der größte Acker nichts, wenn er nur einen kleinen Pupsi-Traktor hat, um ihn zu bestellen.

Am erfolgreichsten war der FC Bayern, als Typen wie Matthäus, Effenberg und auch Ballack auf dem Platz gesagt haben, wo es lang geht. Ein Ballack-Nachfolger wurde bewusst nicht geholt, der Markt gab angeblich nichts her. Wobei ich mich - zugegebenermaßen neiderfüllt - schon frage, woher Werder Bremen immer wieder aufs Neue so Typen wie Diego für ´nen Apfel und ´n Ei aus dem Hut zaubert.

Gerade, als ich die diese Zeilen schreibe, kommt die Meldung rein, dass Magath jetzt beim HSV Trainer sein soll und dort Thomas Doll beerbt. Gruselig. So recht kann ich mir allmählich nicht mehr vorstellen, dass sich all dies gestern und heute einfach so spontan fügte. Wieso lehnte Ottmar Hitzfeld vor kurzem noch Angebote von Hamburg und Dortmund ab? Weil er schon viel früher wusste, dass er Anfang 2007 Magath ablösen würde? Warum hat der HSV Doll nicht früher entlassen? Weil man wusste, dass Magath erst im Januar zur Verfügung stehen würde? Geht Doll jetzt nach Mönchengladbach? Und wer trainiert Bayern nächste Saison? Klopp, Klinsmann, Wenger, Mourinho (mit Ballack als Rückkehrer im Gepäck)? Oder will gar keiner mehr nach München außer Granaten wie Lattek, Vogts, Ristic, Rutemöller, Neururer oder Berger?

Der Typ aus oben beschriebenem Traum sah übrigens nicht aus wie Ottmar Hitzfeld. Aber schräg war das schon, weil meine Freundin genau in dem Moment nach Hause kam und mich weckte, als ich mir die "Und nun?"-Frage stellte. Im Halbschlaf faselte ich noch ein paar Mal irgendwas von wegen "Ja, du brauchst deine Freiheit, noch viel mehr, als du eh schon hast", weswegen meine Freundin kurz dachte, ich würde mich allen Ernstes spontan von ihr trennen wollte. Und obwohl das ja bei Männern oft so ist, dass sie erst Schluss machen, wenn schon eine Neue parat steht, sei hier noch mal versichert, dass es keinen Hitzfeld und keinen Magath zum Nachrücken gibt. Ganz im Gegenteil, ich bin sehr glücklich mit dem, was ich habe.

Bin trotzdem gespannt, was ich in der kommenden Nacht träume.

Lieber Papa, liebe Mama, ...

... ihr seid jetzt über 60, auf euren Nachttischen türmen sich die Medikamente. Sollte ich mir Sorgen machen?

Vergangenes Wochenende habe ich meine Eltern besucht. Leider passiert das viel zu selten, vielleicht so vier- bis fünfmal im Jahr, und dann auch nur immer für wenige Stunden. In der Regel habe ich beruflich irgendwas in Bayern zu tun, und bevor ich dann zurück nach Berlin fliege, hetze ich noch mal kurz in die Nähe von Ingolstadt, um Mama und Papa in den Arm zu nehmen und nachzusehen, ob es ihnen auch gut geht.

Sie sind beide Anfang 60, und langsam nehmen die Wehwehchen zu und der Aktionsradius ab. Wenn man mit Ende 10, Anfang 20 von zuhause weg geht, sind auch die Sorgen um die Eltern noch weit weg. Sie gehen arbeiten, verreisen regelmäßig und müssen allenfalls hin und wieder zum Zahnarzt.

Zwanzig Jahre später ist die Situation eine andere. In der Küche und auf den Nachttischen türmen sich kuriose Medikamente, Pillen, die für oder gegen Dinge sind, von denen ich keine Ahnung habe und über die meine Eltern nicht gerne sprechen, schließlich soll ich mir keine unnötigen Sorgen machen. Es sind dies die Übergangsjahre, in denen das Blatt sich wendet - nicht mehr die Eltern sind für die Kinder da, sondern die Kinder für die Eltern.

Na ja, sollten zumindest. Aber jedes Mal plagen mich aufs Neue Sorgen, ein schlechtes Gewissen und eine dumpfe Melancholie, wenn ich meinen Leihwagen aus dem Hof des Hauses manövriere, in dem ich aufgewachsen bin, zum Flughafen und damit an einen Ort brettere, an dem meine Eltern ein einziges Mal in ihrem Leben waren, und kurze Zeit später lande ich dann da, wo ich wohne, im 600 Kilometer entfernten Berlin. Mama und Papa haben mich in den sechs Jahren, die ich da lebe, einmal besucht, zu Mamas Geburtstag. Da kamen sie mit dem Bus, so eine Art Pauschalreise, bei der sie einem Hotel weit draußen in Lichtenberg am Tierpark untergebracht waren und tagsüber, während ich arbeiten musste, eine Stadttour machten, bei der es eine Menge zu entdecken gab, weil meine Eltern zuvor nur einmal in ihrem Leben in Berlin waren, und das lange vor der Wende.

Es tat mir leid, dass ich sie nicht bei mir unterbringen konnte, aber meine Wohnung ist nur ein Raum ohne Zwischenwände, und ich hab nicht mal eine zusätzliche Matratze. Abends waren wir dann im ´Il Casolare´, Berlins Punkrockpizzeria. Das fanden sie ganz lässig, draußen an Biertischen diese leckeren, wagenradgroßen Pizzas zu essen, wie früher, als die Familie inklusive meines drei Jahre jüngeren Bruders Jahr für Jahr in den Sommerferien mit dem Wohnwagen zum Union Lido Campingplatz in Cavallino bei Jesolo abdampfte. Das fehlt mir - wie so vieles, das man nicht mehr zurück holen kann, zum Beispiel auch diese bezaubernde Sorglosigkeit, mit der meine Eltern anschließend in die U-Bahn in Neukölln (!) stiegen, um zum Hotel zurückzufahren, damit ich, der am nächsten Tag früh aufstehen musste, auch ja rechtzeitig ins Bett kam.

Ich bin mir nicht sicher, ob meine Eltern wirklich so ganz genau wissen, was ich die ganze Zeit so tue. Sie sehen mich jeden Tag im Fernsehen, und weil ich auch relativ selten anrufe, ist das für sie notgedrungen eine ganz probate Art, meine Befindlichkeit zu überprüfen. Besonders meine Mutter hat ein untrügliches Gespür dafür, wie es mir geht. Sie sieht, ob meine Augen strahlen oder trübe sind und hört ganz genau auf die Zwischentöne in meinen Moderationen, und wenn etwas nicht in Ordnung scheint, habe ich sie spätestens fünf Minuten nach der Sendung am Telefon, sei es auch nur, um ausgeschimpft zu werden, weil ich schon wieder den schwarzen Pulli mit dem Loch unterm Arm trage, Lügengeschichten erzählt oder geflucht habe.

Meine Eltern kennen mich so gut wie sonst niemand, obwohl sie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr Bestandteil meines Alltags sind. Aber es ist nicht wichtig, was auf meiner Visitenkarte steht, womit genau ich mein Geld verdiene, was ich für Musik höre, wie ich mich anziehe, wie meine Wohnung aussieht, was ich esse und mit wem ich mich rumtreibe. Wichtig ist vielmehr dieses einzigartige Gefühl zwischen ihnen und mir, und das ist da, und es ist warm und geht niemals weg. Und wenn ich sie dann besuche, möchte ich auch gar nichts über Einschaltquoten, Leistungsdruck, Oberflächlichkeit, Enttäuschungen oder Autounfälle erzählen, weil all diese Dinge mir nicht zuletzt wegen der unkonditionierten Liebe, die meine Eltern mir geben, nichts anhaben können. Dann möchte ich viel lieber Geschichten aus unserem Dorf hören, die Mama und Papa beschäftigen, nämlich warum mein Cousin und seine Frau sich getrennt haben, der neue Pfarrer so unbeliebt ist und der Kirchenchorleiter schon nach so kurzer Zeit wieder das Weite sucht. Ich will wissen, wer gestorben ist und wer von meinen ehemaligen

Grundschulklassenkameraden geheiratet, Kinder bekommen oder sich getrennt hat.

Meine Eltern denken dann immer, dass mich das, gemessen an meinem ja sonst so glamourösen Leben, entsetzlich langweilen würde, aber genau das Gegenteil ist der Fall, weil ich mich, je schneller sich bei mir alles dreht, um so mehr nach den so ganz anderen Realitäten und Prioritäten in einem kleinen bayerischen Dorf sehne. Um so kurioser, dass sich beides bei meinem letzten Besuch vermischte, weil da in der Lokalzeitung ´Donau Kurier´ nicht nur ein Interview mit mir war, sondern auch ein Foto meines Papas, der eine Ehrung seines Vereins bekam sowie noch eins vom Kirchenchor, auf dem meine Mama zwar fehlte, was aber nichts daran änderte, dass meine Eltern tags darauf von 5000 Leuten auf die Präsenz der Familie Kavka in den regionalen Medien angesprochen wurden. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis sie sich den Weg durch die Menschenmassen vor der Kirche bahnen konnten, um in den Sonntagsgottesdienst zu gelangen.

Dann kommen noch meine Tante und mein Onkel vorbei, die 500 Meter weiter wohnen, und meine Tante hat Kuchen und ganz viel Marmelade gemacht, die ich nicht mitnehmen kann, weil das im Flieger mit dem Handgepäck jetzt immer so ein Zirkus ist, was sie ja nicht wissen können. Aber egal, diese Nahrungsmittel- und Süßigkeitengrundversorgung kann und will ich ihnen gar nicht austreiben, genau so wenig wie das Spritgeld, das meine Mutter mir zum Abschied immer so halbheimlich in die Hosentasche steckt, weil das eben Dinge sind, die Eltern mit ihren Kindern machen.

Die Sachen, die Kinder mit ihren Eltern machen, können noch lange warten. Ich bin mir nämlich sicher, dass sie noch ganz lange gesund bleiben, und selbst wenn sie es irgendwann nicht mehr sind, dann werde ich nicht zulassen, dass sich jemand anderer als mein Bruder, meinen Tanten und Onkel und ich um sie kümmern werden, genau so, wie sie das auch mit ihren Eltern gemacht haben, da war von einem Alters- oder Pflegeheim nie die Rede.

Vor ein paar Monaten hätte ich ein Versprechen wie dieses noch von ihnen unbemerkt in dieser Kolumne publizieren können. Sie haben zwar immer noch kein Internet, allerdings druckt ihnen neuerdings ein Freund alle Texte von mir und über mich aus. Was sie deswegen auch schon wissen: Ende Februar erscheinen die Zuender-Kolumnen gesammelt auch als Buch.

Ihr ahnt, wem dieses Buch gewidmet ist.

Durch die Nacht

Einer meiner Lieblingsläden hat wiedereröffnet. Und die Anmachen sind immer noch dieselben.

Gestern öffnete in Berlin nach fast zwei Jahren Absenz der legendäre Club Cookies wieder seine Pforten. Was 1994 in einer Kellerbar in Mitte begann, mauserte sich innerhalb von zehn Jahren zu einem der wichtigsten und besten Clubs, die es in Deutschland je gab. Von Anfang an war das Konzept:

Die Location wird regelmäßig gewechselt, rein kommt nicht jeder, und am Wochenende wird sowieso gar nicht erst aufgemacht. So traf sich also Dienstags und Donnerstags die Berliner Party-Boheme, um bis zum Morgengrauen zu DJs wie Sven Väth, Westbam, Miss Kittin, Ricardo Villalobos, Chemical Brothers und allen anderen, die Rang und Namen haben, zu tanzen und im Unisex-Klo Anschluss zu finden. All diese Menschen einte, dass ihnen der nächste Tag scheißegal war. Selbst wenn man arbeiten musste, bekam man das schon irgendwie hin, denn schließlich spielt das Leben nicht dort, wo man das Geld verdient, sondern dort, wo man zuhause ist.

Und das Cookies war (und ist jetzt hoffentlich wieder) die Heimat für all diejenigen, deren Identität durch das Nachtleben bestimmt ist.

Dazu gehöre ich mit Sicherheit auch. Nahezu alles, was in meinem Leben gut und wichtig ist, hat seinen Ursprung in der Nacht - die Inspiration für das, was ich tagsüber tue, kommt genauso daher wie fast alle Beziehungen, die ich führ(t)e. Und so stand ich dann also im Cookies, umgeben von all den Eulen, die wie ich seit weit über 20 Jahren in die Disco gehen und damit nicht aufhören wollen und können.

Vielleicht rede ich mir das auch nur schön, aber irgendwie habe ich das Gefühl, als würde einen das Feiern konservieren. Na ja, zumindest scheint man, ähem, jung im Geiste zu bleiben. "Für den Scheiß bin ich jetzt echt zu alt" ist jedenfalls ein Satz, der mir höchst selten über die Lippen kommt. Gut, wenn Leute Ende zehn, Anfang zwanzig am Sonntag Nachmittag immer noch bei einer Afterhour rumturnen oder sich im Igluzelt drei Tage und Nächte ein Festival geben, muss ich da nicht unbedingt mehr dabei sein, aber für Lass-mal-schön-kochen-zuhause fühle ich mich noch viel zu jung.

Klar bereitet einen die an den Orten der Nacht verbreitete Oberflächlichkeit Qualen, andererseits betrachte ich es manchmal als großen Sport und erstklassige Unterhaltung, inmitten all der polierten Hedonisten nach Authentizität und Tiefe zu suchen - was für mich persönlich leider ein bisschen schwieriger geworden ist, seit man mein Gesicht kennt. Damit sind die Signale, die für gemeinhin gegenseitig ausgesandt werden, einigermaßen torpediert. Das, was hinter den Augen ist, das, was der Körper spricht, das, was der Mund erzählt, ist erst mal egal, weil man nur das Etwas vom Fernsehbildschirm ist. Das war gestern im Cookies nicht anders, weswegen die drei meistgehörten Sätze des Abends folgende waren:

"Na, kennste mich noch?"

Obwohl ich ein sehr gutes Gesichtergedächtnis habe, kann ich mich beim besten Willen nicht an alle Menschen erinnern, mit denen ich einmal in meinem Leben fünf Minuten gesprochen habe. Das tut mir dann immer schrecklich leid, weil ich mir doch alle Namen und Gesichter und Geschichten merken will, es wir mir jedoch nie gelingen. Ich bitte, mir das nachzusehen. Ist nichts Persönliches. Meistens zumindest.

"Im Fernsehen siehst du aber größer aus!"

Der Klassiker. Ich bin 170 cm klein. Ich weiß, das Fernsehen lässt einen größer erscheinen, weil einem komplett die Relation fehlt und die Kamera eher von unten kommt. Ich dachte früher auch, das Hänschen Rosenthal von ´Dalli, Dalli!´ mindestens zwei Meter misst. Den Satz habe ich in den letzten Jahren an die 1000-mal gehört, und obwohl ich mit meiner Körpergröße im Reinen bin, macht er mich mürbe. Aber ich bin nicht böse, weil ich weiß, dass jeder, der ihn zu mir sagt, denkt, er wäre der erste und einzige, der ihn sagen würde.

"Im Fernsehen siehst du aber dicker aus!"

Neu in der Toplist. Da weiß ich noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Mal ein Wörtchen mit Regisseur bzw. Kameramann reden? Oder einfach froh sein, dass ich "in echt" schlanker bin? Liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass diese LCD-Flachbildschirm-Glotzen mittlerweile so verbreitet sind. Wenn man die Bildeinstellung ´Automatisch breit´ wählt, staucht das so. Und da MTV nicht in 16:9 sendet, sollte man lieber 4:3 wählen, da ist der Kavka dann ein wahrer Strich in der Landschaft.

Aber all das war egal, denn irgendwann tauchte dann ein alter Freund von mir auf, einer, mit dem ich auch schon vor zwanzig Jahren in der Disco war. Der ist mittlerweile Parapsychologe, spiritueller Heiler und Schamane. Seine Ahnenforschung hat ergeben, dass die Geschichte seiner Familie erstaunliche Parallelen zu der von Kurt Cobain aufweist. Weitere Themen: Heavy Metal hören als Kriegsersatzhandlung, Ausgehen als Selbstfindungsprozess und Kunst, weil im Cookies immer ein Bild von Igor Paasch hing, auf dem auf einer 2 x 2 Meter großen Leinwand in riesigen Lettern das Wort ´Ficken´ stand.

Ach, das Cookies. Schön, dass du wieder da bist.

Hang the DJ

Nach seiner Clubtour liegt Markus mit heißem Tee auf dem Sofa. In Krefeld gab es Groupies, in Stuttgart wurde er bis eins ignoriert. Und mixen lernen muss er auch noch.

Ich hatte dieses Jahr extrem viel Spaß beim Platten auflegen. Erst am vergangenen Wochenende gab es wieder zwei rauschende Ballnächte in Thüringen, dort, wo die Menschen so herrlich freidrehend feiern.

Mittlerweile hat sich die Auflegerei zu einem schönen Ausgleichssport im Hinblick auf meine sonstigen Tätigkeiten Fernsehen, Radio und Schreiben entwickelt. Es ist also bei weitem nicht so, als würde ich eine Fünf- zu einer Sieben-Tage-Woche ausweiten, vielmehr hole ich mir am Wochenende Inspiration und Frohsinn. Ich spiele meine Lieblingsplatten, die Leute kreischen, die Gage wird gespendet - so hat jeder was davon.

Als ich vor etwa vier Jahren damit angefangen habe, nach meinen Indierockzeiten Anfang der 90er und meinen Drum´n´Bass-Zeiten Mitte der 90er, wieder regelmäßig in Clubs aufzulegen, kam es zunächst zu einigen Irritationen. Die Partyveranstalter wie auch das Partypublikum dachten, dass ich die Musik spiele, die ich im Fernsehen ansage, in erster Linie also Indierock und 80er-Kram. Als ich dann mit meinem Minimal-Gedöns anrückte, gab es lange Gesichter. Menschen, die ihr Haar zu Placebo und Nirvana schütteln wollten, fanden sich plötzlich in einer komplett gitarren- und auch weitestgehend melodiefreien Zone wieder und dampften nach einigen Beschimpfungen wütend wieder ab, und das, obwohl die Veranstalter vorab eindringlich darauf hingewiesen wurden, was gespielt wird, und auch bei der Auswahl der Läden Rockdissen grundsätzlich gemieden wurden.

Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich die Rockklientel rausgespielt hatte und die Veranstalter, die sich vorher dachten "Egal, was der Kavka spielt, Hauptsache der macht die Hütte voll!", sich eingehender mit meiner Playlist beschäftigten. Jetzt ist es endlich soweit, dass fast alle wissen, welche Musik läuft, und wegen der kommen sie dann auch. Der Rest schaut interessehalber vorbei und entdeckt im Zweifelsfall für sich, dass auch elektronische Musik Herz, Kraft und Gefühl haben kann. Denn darum geht es mir in erster Linie: Gefühl. Ich bin technisch gesehen ein äußerst mittelmäßiger DJ. Klar schaffe ich es (meistens), die Platten auf den Beat zu bekommen, aber für weiterführende Sperenzchen reicht mein Können bei weitem nicht aus. Für Mixnazis ist das natürlich ein gefundenes Fressen, wenn der "Spacko von MTV" erwartungsgemäß noch nicht mal im Stande ist, richtig aufzulegen, für alle anderen, die das Ganze nicht so eng sehen, kann es ein okayer Abend werden.

Neulich war ich, als Repräsentant meines Senders und Quasi-Headliner, im Rahmen der Open-Turntables-Tour unterwegs. Konzept der Veranstaltung ist, dass im Prinzip jeder auflegen kann, der möchte. Entweder man bewarb sich vorher online oder aber man kreuzte einfach an Abend mit seinem Plattenkoffer auf. 18 Djs waren pro Veranstaltung eingeplant, jeder durfte in der Regel 15 Minuten spielen. Zunächst mal war das für viele eine schöne Möglichkeit, überhaupt mal in einem Club auflegen zu dürfen, andererseits bestand natürlich auch die Gefahr, sich vor vollem Haus zum Löffel zu machen. Der Tross tingelte durch sechs Städte, und überall gab es kuriosen Kram zu bestaunen.

Los ging es in Leipzig mit zwei Jungs, die gleich mal ein Riesenfass aufmachten, indem sie wegen einer Viertelstunde ihr Final-Scratch-System aufbauten. Dabei werden MP3s aus dem Rechner auf Vinylrohlinge übertragen, was dazu führt, dass man 1:1 wie mit Platten auflegen kann, allerdings ungleich weniger Marschgepäck mit sich schleppen muss. Donnerwetter, dachte ich mir, wenn die Kollegen sich wegen 15 Minuten so ins Zeug legen, dann wird es bestimmt so sein, dass der eine die Tracks vom Notebook in Hochgeschwindigkeit abfeuert, während der andere ein Mixgewitter der Extraklasse hinlegt. Falsch gedacht, die beiden spielten nacheinander, ohne zu mixen, ihre drei Lieblings-Hip-Hop-Stücke ab und bauten anschließend eine halbe Stunde das kompliziert verkabelte Equipment wieder ab.

Der DJ nach ihnen zäumte das Pferd von der anderen Seite auf. Er rückte mit zwei Hunderter-Cases an, ausreichend Musik also für zwanzig Stunden Party, und weil er sich offenbar aufgrund des überreichen Angebots nicht entscheiden konnte, zog er, rotzvoll, wie er zudem war, wahllos Platten raus, die er - ebenfalls ohne zu Mixen - im Minutentakt auf die Turntables klatschte. Dabei legte er eine Riesenshow hin, bei der er beide Systeme lieferte, zwei Mal über seine Cases fiel und sich anschließend, als der Hauptregler schon längst runtergezogen war, selbst noch minutenlang feierte.

Weiter ging es in Krefeld. Da fragte ich mich schon, wieso ein Typ, der noch nie in einer Disco aufgelegt hat, mit seinem Manager (!) anrückte und konsequenterweise diesen auch alles regeln ließ. Der Star sprach mit niemandem. Irritiert war ich auch ob der Tatsache, dass der Clubbesitzer mir eröffnete, dass "einige Frauen hier sind, die mich gerne kennen lernen möchten" und er sie zu diesem Zwecke auch gerne "zu mir ins Hotel" chauffieren könnte. Och nö, Alter, lass mal.

Ähnlich bizarr gestaltete sich das Ambiente in Hannover, der nächsten Station. Die Party stieg in einem Club, der ein bisschen so tat, als wäre er der Niedersachsenmetropole erste Adresse, das Zuhause also für VIPs, Promis und Reiche - was in einer Stadt wie Hannover an sich schon ein Witz ist. Was die Besitzer des Schuppens naturgemäß anders sehen, sie vermieten zum Jahrespreis von 5000 € tatsächlich auch noch Tische in einem notdürftig abgeriegelten VIP-Bereich. Wer soll da sitzen? Gerhard Schröder? Thomas Brdaric?

Dann schon lieber weiter nach Bielefeld, dort wissen sie ihre Stadt richtig einzuschätzen. "Endlich passiert hier mal was!" war folgerichtig auch der meistgesprochene Satz des Abends. Ähnlich verhielt es sich auch in Würzburg - volles Haus, zwei Nachwuchs-Locals, die die Decke runterkommen ließen und deswegen auch fast eine Stunde Alarm machen durften, dazu ein verschwitztes Studentenpublikum, das jeden abfeierte. In Stuttgart, dem letzten Halt auf der Tour, sah es erst nach einer Pleite aus, weil bis ein Uhr keine Sau da war. Um vier war die Hütte dann allerdings voll. Die coolen Stuttgarter mal wieder…

Mir hat diese Sause viel Vergnügen bereitet, und das, obwohl ich mich anfangs sehr zierte, meine anderen Bookings für diesen Zeitraum sausen zu lassen und stattdessen eine Stunde vor einem schwer einschätzbaren Publikum aufzulegen. Jedoch hat diese Open Turntables Tour einmal mehr bewiesen, worauf es beim Auflegen ankommt. Technisch betrachtet waren unter den über hundert DJs viele Anfänger, aber ganz viele von ihnen hatten das Talent, die richtige Platte zur richtigen Zeit zu spielen, sie hatten die Fähigkeit, auf das Publikum einzugehen, ohne ihren Arsch zu verkaufen. Kurz gesagt: Sie hatten Gefühl.

Aber keine Angst, ich geh jetzt trotzdem gleich wieder mixen üben.

100% wahre Kolumne

Er wundert sich oft und trinkt viel Bier: Mit einem amerikanischen Jungautor auf Lesereise zu gehen ist spannend und macht Spaß.

Ich war in den letzten Wochen auf Lesetour unterwegs – nicht mit meinem Buch natürlich, denn ich habe ja keins geschrieben. Chuck Klosterman hat das, sein Poproman Eine zu 85 % wahre Geschichte ist in diesen Tagen hierzulande erschienen. Er beschreibt darin auf sehr unterhaltsame Art und Weise seine Gedanken und Erlebnisse während eines dreiwöchigen Roadtrips quer durch die USA. Der ursprüngliche Grund für diese Reise war ein Artikel über Orte, an denen Rockstars gestorben sind (also der Fleck, an dem das Flugzeug mit Lynyrd Skynyrd an Bord abstürzte, oder der Schuppen, in dem sich Kurt Cobain den Kopf wegschoss), den Chuck für seinen Arbeitgeber, das Indie-Magazin Spin schreiben sollte.

Im Zuge seiner Odyssee weitete sich das Ganze zu einem Buch aus, weil der Autor viel zu viel erlebte und viel zu viel über Musik und die Frauen in seinem Leben nachdachte, um alles in eine 6-Seiten-Story packen zu können. Nun wurde also vorgelesen aus seinem Buch, Chuck tat dies auf Englisch, ich auf Deutsch, dazwischen plauderten wir ein wenig.

Grundsätzlich offerierte ich die Serviceleistung, die Gesprächsparts zu übersetzen, es sollte sich allerdings herausstellen, dass kein Publikum, außer jenem in Dresden, dies in Anspruch nahm. Zu uncool. Aber klar, schon in der Schule hatte man ja wenig Lust, den Finger zu heben und zuzugeben, dass man was nicht verstanden hatte. Auch recht, macht es mir leichter.

Unsere erste Station war München. Chuck war vorher noch nie in Deutschland gewesen, und worüber er sich als erstes wunderte, waren die außergewöhnlich schicken randlosen Brillen, die es hier gibt. War mir noch nie aufgefallen.

Das Lustspielhaus in München, eigentlich eine Bühne für Kabarett, Comedy und Kleinkunst, war sehr gut besucht, sogar meine Eltern waren aus meinem eine Stunde entfernten Heimatort angereist. Auch wenn ihnen als Klassikfreunden die Thematik des Buches nicht so nahe steht, wollten sie es sich nicht entgehen lassen, wenn der Sohn auf einer Bühne sitzt und vorliest. Schöner wär´s natürlich, wenn der Lauser selbst mal ein Buch schreiben würde. Chuck trank während der anderthalbstündigen Darbietung vier Bier, denn das war es, das ihm als zweites auffiel, nämlich dass deutsches Bier tatsächlich so gut schmeckt wie immer alle sagen.

Tags darauf ging es nach Dresden. Chuck fiel auf: Die Leute sprechen hier nicht ganz so gut englisch wie in München, sind aber sonst sehr, sehr freundlich. Die Lesung fand in einer Buchhandlung statt, die Hütte war voll mit äußerst interessierten Studenten. Die feurige Geschäftsführerin, eine temperamentvolle Sächsin um die 60 mit knallrot gefärbten Haaren und High-Heel-Stiefeln, umgarnte uns liebreizend und ließ uns wissen, dass unsere Performance es in punkto Unterhaltungswert durchaus mit den Auftritten ihrer vorherigen Gäste Gerhard Schröder, Ulrich Wickert und Helmut Kohl aufnehmen konnte. Donnerwetter.

Nächste Station: Köln. Chuck fiel auf: Deutsche Mädchen können viel mehr saufen als amerikanische, und das tollste ist, dass sie dabei noch nicht mal besoffen wirken. Irritiert war unser selbst ja auch sehr trinkfester Ami über die absurde Darreichungsform von Bier in Köln ("Sind das Reagenzgläser?!"). Da gingen dann während des Lesens auch sieben rein - so gesehen waren die Halblitereimer in München schon praktischer.

Weiter ging es nach: Berlin. Chuck fiel auf: Da war mal eine Mauer, von der es unweit des Veranstaltungsortes immer noch Reste zu bestaunen gab. Ich war wegen Heimspielalarm an diesem Abend etwas nervös, weil ich ein Viertel des Publikums persönlich kannte, und gerade vor der Freundin, ihrer Schwester, ihrer besten Freundin, ihrer Mutter, meinen besten Freunden sowie einigen Arbeitskollegen will man sich ja ungern zum Löffel machen. Ging alles gut, schließlich muss ich ja auch nicht die Party schmeißen, sondern unser amerikanischer Autor. Der übrigens nach der Lesung von einem hier lebenden New Yorker ins Berliner Nachtleben entführt wurde, weswegen er am nächsten Tag in Hamburg etwas zerknittert aus der Wäsche guckte. Chuck, der diesmal mit dem Auto angereist war, fiel auf: In Deutschland darf man tatsächlich so schnell fahren, wie man möchte, außerdem fand er es bemerkenswert, dass Sex und Drogen so einfach und günstig zu erwerben sind. Wir lasen im Mandarin Casino auf der Reeperbahn.

Ich muss sagen: Mir gefällt dieser Literatenkram. Wenn ich schon keine Kinder habe, denen ich Geschichten vorlesen kann, dann ist es doch prima, wenn smarte junge Menschen einem an den Lippen kleben, lachen und applaudieren. Keiner kommt und blafft "Ey Alter, spiel doch mal härter und schneller!" oder weist mich darauf hin, dass ich "im Fernsehen aber größer" aussehe, insofern ist das wirklich ein schöner Ausgleich zu meinen anderen Tätigkeiten als DJ und VJ. Ja, ich mag Menschen, die Bücher lesen beziehungsweise sich welche vorlesen lassen.

Ich schreib jetzt auch ein Buch. Nein, am besten gleich zwei. Die kommen dann nächstes Jahr im, sagen wir mal, März und August raus. Da kann ich dann wieder schön auf Lesereise gehen.

I Wanna Be Sedated

Wie meine Zahn-OP zu einer Reise ins Dämmerland wurde. Eigentlich dürfte ich diesen Text jetzt und hier gar nicht schreiben. Ich darf außerdem keine Maschinen bedienen, kein Auto fahren und keine Verträge unterzeichnen.

Man hat mich nämlich sediert. Der Grund: eine Zahn-OP. Ein Weisheitszahn, mein letzter - rechts oben - musste raus. Aufgrund seiner komplizierten Lage und der Tatsache, dass er bereits an den Kiefer angedockt war, kam man nicht umhin, den Kollegen in vier handliche Teile zu zersägen. Und wenn ich eh schon mal da bin, wo ich sonst so gut wie nie bin, beim Zahnarzt nämlich, dann kann auch gleich die seit Monaten fällige Wurzelresektion links oben mitgemacht werden.

Zwei Eingriffe, zu denen jeder etwas zu sagen hat, im seltensten Fall etwas Positives. Schmerzen, Schwellung, Komplikationen, Eiter, Blut, Horror - das sind so die Begriffe, mit denen Weisheitszahn- und Wurzeloperationen gerne belegt sind. Wie ich bereits an anderer Stelle andeutete, bin ich in punkto Zahnarztbesuch der totale Schisser. Ich mag die Geräusche dort nicht, ich kann die Gerätschaften nicht sehen, ich kann den Geruch nicht ausstehen. Aber nachdem Zahnschmerzen eine Sache sind, die sich nur sehr schwerlich aussitzen lässt, hieß es also nach langer Zeit des Drückens wieder mal ´Helm auf und durch!´.

Allerdings nicht bei vollem Bewusstsein, soviel stand fest. Obwohl ich darauf mal wieder so richtig Lust gehabt hätte, traute ich mich nach einer Vollnarkose nicht zu fragen - ist bei Eingriffen dieser Art wegen Geringfügigkeit auch nicht üblich, glaube ich. Meine Erfahrungen zeigen allerdings auch, dass die durchaus übliche örtliche Betäubung keinesfalls ausreicht. Tut immer noch viel zu weh, außerdem bekommt man alles mit. Ein Freund berichtete mir allerdings von einer Sache, die ich bis dato noch nicht kannte: die Sedierung. Bei ihm hatte sich diese Methode auf bemerkenswerte Weise bewährt. Aufgrund einer kleinen Unregelmäßigkeit im Gehirn, musste mein Kumpel regelmäßig zur Kernspintomographie, also schön Kopf voraus in die brummende Röhre reingeschoben werden - und das als jemand, der extrem klaustrophobisch ist. Eines Tages schlug der Arzt vor, die Angstgefühle mit einem intravenösen Sedativum zu überwinden. Das Resultat war verblüffend. Weg waren die Panikattacken und Schweißausbrüche, statt dessen herrschte entspanntes Ladida in der Röhre, das sogar darin gipfelte, dass mein Kumpel, ein Technoproducer, sich hinsichtlich des ja nun wirklich höchst unangenehmen Geräuschs dachte: "Boah, geiler Noise, da muss nur ein guter Beat drunter und schon ist der neue Track fertig!" Was er dann auch versucht hat. Er berichtete außerdem davon, dass das Zeug auch ein bisschen wie ein Wahrheitsserum wirkt. Zumindest antwortet man sehr gerne und freimütig auf intimste Fragen.

Keine Frage, eine Sedierung, also eine Art künstlich herbei geführter Dämmerschlaf, schien genau mein Ding, also drückte ich der Sprechstundenhilfe voller Vorfreude die 30 Euro extra in die Hand und machte den Arm frei. Nach etwa fünf Sekunden dachte ich mir: "Scheiße, ich merk´ nix!", nach weiteren drei Sekunden sah ich die OP-Leuchten und dachte: "Oh, schöne Lichter!" Die Spritzen zur örtlichen Betäubung habe ich dann schon gar nicht mehr mitbekommen. Alles, was ich während meines einstündigen Nickerchens registrierte, waren der Arzt, der sehr oft ´Mund auf´ sagte, das Zunähen, allerdings nicht der Schmerzen wegen, sondern weil ich den Faden fühlte, sowie das Reinigen des Wurzelkanals - was sehr weh tat, glaube ich, was mir in dem speziellen Fall aber scheißegal war. Ich kann mich auch nicht mehr daran erinnern, dass mich jemand in den Ruheraum geführt hat. Ich weiß nur, wie ich mir etwa eine Stunde nach der OP einen Termin zum Fäden ziehen besorgt hatte und anschließend ein Taxi nach Hause nahm. Ich kann mich allerdings nicht mehr daran erinnern, wie der Taxifahrer aussah und welche Strecke er fuhr. Daheim legte ich mich direkt ins Bett, und als ich nach ein paar Stunden aufwachte, war alles wieder total normal. Jetzt, 24 Stunden später, künden nur noch meine Hamsterbacken davon, was mir gestern widerfuhr.

Vieles fühlte sich ein wenig wie auf Droge an, ich kann allerdings nicht sagen, auf welcher. Tatsache ist, dass mir eine Zahn-OP noch nie so dermaßen am Arsch vorbei ging wie diesmal.

Und nach all den Jahren verstehe ich jetzt endlich auch diesen Ramones-Song.

Die Straßen von Kreuzberg

Prügelnde Polizisten und randalierende Deutschtürken sind mir nicht egal. Trotzdem fühle ich mich ohnmächtig.

In diesen Tagen wird in Berlin-Kreuzberg ein ekliges Süppchen gekocht. Die Zutaten: Ausländerfeindliche Polizisten, polizistenfeindliche Ausländer, Migranten, Gutmenschen, die 68er, Messer, MP3-Player, Prügel, Handschellen, Reizgas, Recht und Ordnung, Anarchie und Angst. Das Süppchen stinkt und schmeckt kacke. Man rührt und rührt, schmeißt noch ein paar scharfe Sachen rein und doch rümpft man die Nase, weil man nicht weiß, ob das Süppchen jemals lecker wird oder der Topf bald explodiert.

Eine kleine Chronik der Vorgänge in und um Kreuzberg in den letzten Tagen: Gestern: Maskierte Jugendliche dringen während des Unterrichts in eine Schulklasse ein, verprügeln den Lehrer und die Schüler, ziehen einen Jungen raus und stechen dann in einem Nebenraum mit Messern auf ihn ein.

Mittwoch: Etwa 60 Jugendliche fallen vor einer Schule in Berlin-Tempelhof über einen Mitschüler her und verprügeln ihn. Ebenfalls Mittwoch: Eine aufgebrachte Menschenmenge versucht Rettungskräfte daran zu hindern, ein fünfjähriges Unfallopfer ins Krankenhaus abzutransportieren. Offenbar waren die Angehörigen ungehalten darüber, dass der Notarztwagen so spät kam. Auch der Fahrer des Unfallwagens wird bedrängt.

Dienstag: Als zwei Polizisten im Kreuzberger Wrangelkiez zwei des Raubes eines MP3-Players verdächtige Zwölfjährige festnehmen wollen, tauchen wie aus dem Nichts etwa 100 Jugendliche auf, die die Polizisten bedrängen und auf sie einprügeln. Es kommt zu tumultartigen Szenen, die Situation beruhigt sich erst, als die Verdächtigen abgeführt sind.

Vor einigen Wochen hatten Jugendliche die Feuerwehr massiv an der Ausführung eines Einsatzes gehindert, weil diese ihrer Meinung nach einen Wohnungsbrand zu langsam löschte.

In all diese Vorfälle waren Menschen mit - Achtung, Unwort! - Migrationshintergrund involviert, und deswegen brodelt es jetzt in Kreuzberg, ach was, in ganz Berlin, weil natürlich jeder was zu sagen hat. In den Zeitungen wird man Zeuge unangenehmstem gegenseitigen Bashings. Dort die konservative Fraktion, die hartes Durchgreifen, Abschiebung und tüchtig auf die Mütze mit dem Schlagstock fordert, die die Misere weiterhin den 68ern bzw. den Grünen in die Schuhe schiebt, die - Achtung, nächstes Unwort - "Gutmenschen" verachtet und die Einwanderungs- und Bleiberechte verschärfen will. Auf der anderen Seite jene, die nach wie vor an den Erfolg einer vernünftigen Integrationspolitik glauben, mehr Geld für Bildung fordern, zu Toleranz aufrufen und den Polizisten, die im Wrangelkiez im Einsatz waren, vorwerfen, die Eskalation durch ausländerfeindliche Äußerungen provoziert zu haben.

All dies macht deutlich: Die Fronten sind verhärtet, eigentlich ist die Diskussion schon jetzt einer vernünftigen Grundlage beraubt. Und mitten drin sind sie, diese Jugendlichen, über die alle reden. Mit ihnen redet kaum einer, aber alle haben eine Meinung. "Typisch", ist in Bezug auf sie das meistverwendete Wort. "Typisch, die wollen sich ja nicht integrieren!", hier, und "Typisch, weil sie keine Chance haben, sich zu integrieren!", dort. Von außen betrachtet, scheint den jungen Migranten alles egal zu sein, so egal, dass sie wegen eines läppischen MP3-Players in den Knast gehen bzw. abgeschoben werden würden, so egal, dass sie den Tod eines Unfall- bzw. die ausbleibende Rettung eines Brandopfers in Kauf nehmen würden. Andererseits: Wie sehr muss man mit dem Rücken zur Wand stehen, wie wenig muss man an seine Zukunft glauben, um so etwas zu tun?

Ich wohne seit vier Jahren direkt am Rande des in den letzten Tagen oft bemühten Wrangel-Problemkiezes. Persönlich hatte ich noch nie irgendwelche Probleme, und doch bin ich täglich Zeuge dessen, was möglicherweise die Lunte am Zündfass ist. Es gibt in diesem Bezirk, in dem der Ausländeranteil bei 40 Prozent und die Arbeitslosenquote bei über 30 Prozent liegen, kein Miteinander, sondern nur ein Nebeneinander. Bis vor kurzem herrschte tatsächlich so etwas wie ein Nichtangriffspakt, der jetzt, aus welchen Gründen auch immer, gebrochen wurde.

Im Wrangelkiez ist diese oft romantisierte Mischung aus Multikulti, alternativem Leben und Armut so plakativ wie sonst nirgends. Hier geht alles: Punks, die an der Ampel Autoscheiben wischen, Alkoholiker und Junkies, die vor dem Supermarkt rumhängen, türkische Familien, die im Park grillen, Bioläden, Handyläden, Gangs, Clubs, hippe Boutiquen, Anzugtypen auf dem Fahrrad, Obdachlose auf der Parkbank, aber kaum einer scheint mit dem anderen zu reden.

Ich wusste eigentlich immer, wo ich stehe. Jetzt allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass ich verwirrt bin. Ich bin nicht der Feind, aber ich gehöre auch nirgendwo dazu. Ich sehe prügelnde Polizisten und randalierende Deutschtürken, und das ist mir nicht egal. Mich beschleicht ein Gefühl der Ohnmacht, und das finde ich nicht gut.

Kann mir jemand sagen, was zu tun ist?

Luxusprobleme

Seit heute ist mein Auto für drei Monate eingemauert. Das nervt. Aber nein, ich habe sonst keine Sorgen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Kolumne, die ich vor etwa einem Jahr geschrieben habe, in der die Rede davon war, dass direkt neben meiner Behausung ein so genanntes Carloft entstehen soll. Ein Gebäude also, in dem man mittels gläsernem Fahrstuhl sein Fahrzeug direkt vor seiner Wohnungstür abstellen kann. Die Bauarbeiten gehen seit einigen Monaten, und weil die Tiefgarageneinfahrt des von mir bewohnten Hauses im Weg ist, hat man die eben mal platt gemacht, um sie im Februar an anderer Stelle wieder zu eröffnen.

Vor ein paar Wochen hing bei mir im Haus ein reichlich humorloses Schreiben der Carloft-Wohnbaugesellschaft aus, in dem die Mieter von der Tiefgaragensperrung unterrichtet wurden. Mit keinem Wort wurden eventuelle Ausweichmöglichkeiten oder gar eine Mietminderung in Aussicht gestellt, weswegen man das Ganze durchaus als kleinen Affront werten konnte. Das sah offenbar mindestens einer meiner Mitmieter genau so, denn bereits tags darauf hatte jemand den Schrieb mit einem lakonischen „Viel Spaß mit den Anwälten!“ veredelt. Spätestens seit heute ist klar, dass die Anwälte offenbar keine rechtliche Handhabe hatten, um das Ganze zu verhindern - was vielleicht auch daran liegen könnte, dass die meisten Wohnungen vermietet sind. Die jeweiligen Eigentümer residieren woanders, weswegen es ihnen natürlich herzlich egal ist, was mit der Tiefgarage in ihrem Objekt geht, und so hatten sie der Maßnahme der Sperrung in einer Eigentümerversammlung auch emotionslos zugestimmt.

Man muss wissen, dass in der Tiefgarage einige Karren stehen, die man im Winter nur sehr ungern auf der Straße lässt, schon gar nicht in Kreuzberg. Als beispielsweise mein imperialistischer Arbeitgeber vor drei Jahren von München nach Berlin zog und die Dienstwagen noch ein Weilchen die kecken M-TV....-Kennzeichen hatten, wurde in den von MTV-Mitarbeitern gerne bewohnten Bezirken Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Kreuzberg diese Nummernschilder im nettesten Fall geklaut, im fortgeschrittenen Fall wurden Dellen in die Türen getreten und Spiegel abgebrochen, ein Auto ging gar gänzlich in Flammen auf. Passiert schon mal in Berlin.

Ein Mieter bei mir im Haus ist offenbar passionierter Autosammler und nennt unter anderem einen Ferrari, zwei Porsche, einen Mercedes, einen Chrysler und einen Hummer jeweils in der teuersten möglichen Ausführung sein Eigen. Ich frage mich, wie der diese Situation in den nächsten Monaten regelt. Wobei, augenscheinlich hat der Mann genug Mittel, um jedes seiner Vehikel rund um die Uhr bewachen zu lassen oder aber gleich ein ganzes scheiß Parkhaus zu kaufen. Mittel, die ich gewiss nicht habe, und da ich auch die nach mehrmaliger Nachfrage beim Carloft-Chef halbgar offerierte Möglichkeit des temporären Abstellens auf einem Gewerbehof dankend ablehnte, habe ich mich nun dazu entschlossen, meine Karre drei Monate gar nicht zu bewegen.

Mein Auto war vor 27 Jahren, als es gebaut wurde, relativ teuer. Jetzt ist es das natürlich nicht mehr, aber es ist nun mal von einer Marke, die brennen muss, weil mit neuen Modellen dieses Fabrikats gerne mal reiche Arschlöcher rumfahren, die ohnehin in Kreuzberg nichts verloren haben. Das war auch ziemlich offensichtlich, als eine Informationsveranstaltung des Carloft-Erbauers von einigen wütenden, um den alternativen Lebensstil in ihrem Kiez fürchtenden Altkreuzbergern gestört wurde. Vergebens, wie sich zeigen sollte, denn mittlerweile sind fast alle Carlofts zu Schmunzelpreisen von 411.000 € bis 1,3 Mio. € über den Tresen gegangen. In diesem Zuge durfte ich sogar mehrfach lesen, dass ich jetzt im neuen, poshen, hippen In-Bezirk Berlins wohne. Toll.

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Was mach ich denn nun ohne mein Autochen? Steht jetzt ja ganz alleine da unten. Jeden Tag wenigstens einmal anlassen? Vorübergehend stilllegen werde ich´s wohl. Muss man ein Auto aufbocken, wenn es so lange steht, weil das sonst schlecht für die Reifen ist? Steht es sich gar wund?

Trombosestrümpfe für die Schlappen? Kann ich nicht doch klagen? Oder bin ich am Ende nur neidisch?

Drogensüchtiger Arsch

Ich muss nicht überall qualmen. Manchmal vergesse ich es sogar. Doch mich nervt, dass Raucher in letzter Zeit als sozial inkompetent und kriminell dargestellt werden.

Jetzt hat auch noch einer meiner besten Freunde aufgehört zu rauchen. Seit über 20 Jahren war er im Geschäft, stets war er eine verlässliche Größe, die einem dabei half, sich im Restaurant, im Flughafen und auch privat zuhause nicht scheiße oder allein zu fühlen, wenn Nichtraucher einen mit Blicken töteten.

Langsam gehen mir die Argumente aus. Um ehrlich zu sein, hatte ich auch nie welche. Mein Hausarzt, eigentlich ein besonnener Mann, beschimpfte mich wütend, als ich ihm eröffnete, dass der Grund für meine Bronchitis vielleicht sein könnte, dass ich jetzt rauche. Da war ich gerade 31 geworden. "Wieso jetzt?! In dem Alter muss man doch nicht mehr mit dem Rauchen anfangen! So ein Unsinn!" Womit er zweifelsfrei Recht hat. Was er nicht wusste: Ich hatte 30 Jahre lang schlichtweg vergessen zu rauchen. An jenem Abend im Juni 1998 fiel es mir dann schlagartig ein. Da war doch was. Also ging ich zum Zigarettenautomaten und kaufte mir meine erste Schachtel Zigaretten. West Ice. Ich kannte mich ja noch nicht so gut aus. Immerhin hat mich niemand angeschnorrt.

Als in meiner Jugend alle im üblichen Alter zwischen 14 und 16 anfingen und vor der Schule lässig hustend rumhingen, hat mich das nicht interessiert. Ich hab noch nicht mal bewusst registriert, dass ich zwar dabei stand, im Gegensatz zu den anderen aber an nichts zog. Ich fand auch nicht doof, dass die das machten, nicht einmal der Geruch hat mich gestört. Selbst der Umstand, dass ich Sportler war und mindestens fünfmal pro Woche trainierte oder spielte, war kein bewusstes Argument gegen Nikotin. Ich hatte es einfach nicht auf dem Schirm.

Zur Strafe sah ich beim Rauchen meiner ersten etwa zweihundert Kippen so richtig bekloppt aus. Wenn man mit 16 seine Zigarette komisch hält, nur pafft und dauernd husten muss, geht das noch als okay durch, bei einem Typen in meinem Alter allerdings nicht. Irgendwie hatte ich auch ein kleines Problem mit dem räumlichen Sehen, jedenfalls traf die Flamme des Feuerzeugs nie die Spitze, sondern stets die Mitte der Zigarette, weswegen ich zu Anfang nur im Auto rauchen konnte, weil mir dort der Rückspiegel half, das Ganze richtig einzuschätzen. Da ich immer relativ lang brauchte, bis das Ding glimmte und ich vorher vergaß, meine Lippen zu benetzen, klebte der Filter stets fies an meinem Mund fest, ganz so, als hätte ich im Winter einen Laternenpfahl geküsst.

Richtig schmecken tun mir Zigaretten bis heute nicht. Im Gegenteil - oft drücke ich sie schon nach der Hälfte aus. Eigentlich brauche ich sie nicht. Wenn ich abends mal keine mehr habe, ist es egal. Ich habe mir jedenfalls nie die Mühe gemacht, noch mal zum Automaten zu latschen. Auch Langstreckenflüge sind kein Problem, genauso wie Orte, an denen striktes Rauchverbot herrscht. Trotz alledem: Ich rauche gern. Warum, weiß ich nicht so genau.

Langsam macht es mir allerdings zunehmend weniger Spaß, manchmal fühle ich mich sogar richtig mies dabei. Dies aber nie aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus gesellschaftlichen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin für ein generelles Rauchverbot in Restaurants, ich bin für einen freiwilligen, eigenverantwortlichen.

Rauchverzicht, wenn Kinder in der Nähe sind, sowie im Auto und allen anderen geschlossenen Räumen, sobald auch nur ein einziger Nichtraucher sich in ihnen bewegt. Noch aber hab ich keine Lust, mich von Nichtrauchern, die aus irgendwelchen Gründen im Raucherbereich des Restaurants gelandet sind, schwach anlabern oder von einem Ladenbesitzer, der nicht will, dass ich VOR seiner Boutique rauche, verscheuchen zu lassen.

Höre ich da jetzt die Flöhe husten, oder ist es tatsächlich so, dass Raucher in der Öffentlichkeit zunehmend als sozial inkompetente, kriminelle, drogensüchtige, stinkende Arschlöcher wahrgenommen werden? Ausnahme: Helmut Schmidt, wenn er sich bei Beckmann so lange eine Kippe nach der anderen anzündet, bis der Reinhold ganz entgegen seiner sonstigen Art so kumpelmäßig opportunistisch mitpafft.

Zurzeit habe ich wieder schlimmen Husten, wie immer im Herbst. Kommt bestimmt nicht vom Rauchen. Mein guter Freund hat mit 15 angefangen zu rauchen und mit 39 aufgehört, macht 24 Jahre. Heißt also für mich: Ich höre mit 55 auf. Oder aber, wenn ich Papa werde. Meine Eltern haben beide geraucht, und das wütende "Du stinkst!", wenn sie vom Balkon hereinkamen, möchte ich mir und meinen Kindern ersparen.

Alles außer Leber

Man kommt auch ohne Organe in den Himmel. Wieso überlässt man sie nicht anderen? Wie die Initiative "Junge Helden" für mehr Spenderausweise kämpft.

Meine Organe sind allesamt Topware. Na ja, sagen wir zumindest gute B-Ware. Mein Herz ist kein Sportlerherz, schlägt aber ansonsten recht flott und regelmäßig, meine Lungen sind durchs Rauchen ein bisschen geteert, dennoch gab es stets prima Werte bei der Funktionsprüfung, meine Leber könnte vielleicht etwas weniger Alkohol vertragen und meine Nieren freuen sich über wenig Gift und viel Spargel. Insofern kann man mit dem Zeug wirklich was anfangen, deswegen habe ich mir auch vor ein paar Jahren einen Organspendeausweis mit der Einwilligung zur Entnahme aller Ersatzteile zugelegt.

Darüber hinaus engagiere ich mich auch beim Verein "Junge Helden", einer Initiative, die es sich auf die Fahne geschrieben hat, über das Thema Organspende zu informieren und gerade junge Menschen davon zu überzeugen, dass so ein Organspendeausweis nicht das Schlechteste ist. Man kommt nach dem Tod nämlich auch ohne Organe in den Himmel. Außerdem braucht man die da sowieso nicht, wie man hört. Was läge also näher, als einem Dritten die Sachen auf der Erde zu hinterlassen, auf dass damit seine Reise in die ewigen Jagdgründe aufgeschoben würde?

Deutschland ist in Sachen Organspende noch ziemlich hinter dem Mond. In Ländern wie Österreich, Polen, Portugal und Spanien geschieht dies automatisch, wenn man zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen widerspricht. In Deutschland muss man dagegen zu Lebzeiten seine Zustimmung erteilen, sonst passiert da nichts. Das hat zur Folge, dass in Spanien auf eine Million Einwohner 34 Organspender, in Deutschland nur 12 kommen. Die Wartelisten sind hierzulande noch länger als sonst wo, dabei könnten so viele Leben mehr gerettet werden. Eigentlich finden weite Teile der Bevölkerung in Deutschland Organspende eigentlich ganz gut, einen Spenderausweis haben allerdings die wenigsten. Klar, viele haben keine Lust, sich zu Lebzeiten ernsthaft mit dem Thema Tod auseinander zu setzen, oftmals weiß man aber auch einfach zu wenig über das Ganze, schließlich wird ja kaum darüber geredet. Genau da setzt "Junge Helden" an, und das gerne mal auf unkonventionelle Weise und all dem üblichen Betroffenheitsballast.

Gestern war Party in Berlin. Ein Club wurde angemietet, und zusätzlich zum normalen Personal arbeiteten an der Tür, der Kasse, der Bar und den Plattentellern Leute wie Til Schweiger, Jasmin Gerat, Nora Tschirner, Loretta Stern, Jennifer Ulrich, Die Happy, Lexy&K-Paul und die Beatsteaks. Meine Wenigkeit mimte den Benefizbarboy. Sonst stehe ich nur vor der Theke, und seit gestern habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn es dahinter mal ein bisschen länger dauert. Man hat ja permanent was zu tun: Bestellung aufnehmen, eine von Angesicht zu Angesicht, dazu die beiden von links und rechts reingebrüllten, Drinks machen, kassieren (Kopfrechnen!), für Getränke-, Eis-, Gläser- und Kleingeldnachschub sorgen, Finger an kaputten Gläsern aufschneiden und anschließend Zitronen anfassen, sich auf dem glatten Boden fast auf die Fresse legen, eine rauchen und den Gästen ständig erklären, was es gibt und was es nicht gibt und wie viel das kostet, was es gibt.

Erschwert wurde letzteres durch den Umstand, dass die Leute entweder bar oder mit der Karte des Clubs bezahlen konnten. Bar bedeutete: Das Geld ist automatisch eine Spende. Karte bedeutete, dass das Geld der Club bekam. Klingt komisch, ist es auch, war aber nicht anders zu regeln. Die Sache wurde zusätzlich dadurch verkompliziert, dass neben mir ein Barmann des Clubs arbeitete. Irgendwann hab ich die umständliche Erklärung weggelassen und zu jedem Gast (nach seiner Bestellung) gesagt: Bei mir nur Barzahlung. Den Leuten war´s eh egal. Wie in Berlin üblich, wusste ein nicht geringer Teil der Anwesenden sowieso mal wieder nicht, worum es überhaupt geht, ist halt ´ne Party, zu der jeder rennt, und da ist man dann auch schon gegen Mitternacht so hacke, dass man sich mit lästigen bar/unbar Problemchen nicht aufhalten will. Woran ich nicht ganz unschuldig war, weil mich dieses 4cl-Abgemesse bei Longdrinks schnell langweilte. Eigentlich läuft es so, dass man das Glas mit Eis zu drei Vierteln voll macht, dann vier Sekunden lang (also schön 21-22-23-24 zählen) den Alk reinkippt und anschließend mit Limo auffüllt. Bei meiner Auge-mal-Pi-Version ist mir des Öfteren die Wodkaflasche schon mal ausgerutscht.

Damit habe ich allerdings den Spaßvögeln des Abends auch die Steilvorlage für den Witz-de-jour geliefert: "Höhö, nach deinen Mischungen könnt ihr meine Leber nicht mehr gebrauchen...!"

Macht nichts. Hier, bitteschön, ein Blanko-Organspendeausweis. Einfach "Alles außer Leber" ankreuzen. Mehr dazu unter junge-helden.org.

P.S.: Kurzes Update noch hinsichtlich meiner letzten Kolumne: Eure Reaktion war überwältigend. Werde in den nächsten Wochen alles mal sortieren (seht es mir in diesem Zusammenhang nach, wenn ich zunächst nicht auf alle Zuschriften antworten kann) und euch auf dem laufenden halten. Klar ist: Da passiert was. Danke.

Dummheit ist heilbar

Verprügelte Freunde, Nazis in den Parlamenten. Leider braucht es immer erst eine Katastrophe, bis wir aufwachen. Ich bin soweit, ich will etwas tun. Ein Stellenangebot - nicht nur für Fernsehfuzzis.

Meine heutigen Zeilen sind durchaus als Aufforderung, sogar als Stellenangebot zu verstehen. Eigentlich hätte ich das Thema auch schon viel früher auf den Tisch bringen müssen, aber oft sind es erst, wie man so schön sagt, "aktuelle Ereignisse", die einen dazu bringen, endlich mal aus dem Quark zu kommen.

Die Ereignisse sind folgende: Neulich wurden zwei Kumpel von mir in Berlin-Treptow von Glatzen vermöbelt. Einfach so. Sie kamen spät nachts aus einem Club nach Hause, kreuzten zufällig den Weg der Nazis und wurden, ohne dass vorher ein Wort gewechselt worden war, zusammengestiefelt. Dazu passt auch, dass in den Wochen vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 17.9.06 eine Gruppe Neonazis verhaltensauffällig wurde, indem sie konsequent die Wahlinformationsveranstaltungen der demokratischen Parteien störte, teilweise auch mit Gewalt. Das Wahlergebnis der NPD in Mecklenburg-Vorpommern sowie die Berichterstattung im Fernsehen darüber taten dann noch ein Übriges, um jetzt mal aktiv zu werden.

Zwei Sachen schweben mir da konkret vor:
1) Eine gemeinnützige, ehrenamtliche Initiative, und zwar weniger mit dem Anstrich "Gegen rechts!", sondern eher im Sinne von "Nicht rechts ist besser!"

Bei der Ausweitung der Wählerstimmen für die NPD in Meck-Pomm und auch einigen Bezirken Berlins wurde festgestellt, dass zum einen die Zahl der Jungwähler spürbar angezogen hat, zum anderen ist es längst nicht mehr so, dass man die NPD als typische Protestwählerpartei abtun kann, sondern als eine Organisation, mit deren Inhalten sich die Wähler identifizieren. Soll heißen: Die meisten Leute, die für die NPD gestimmt haben, denken wirklich, dass die Parole "Deutschland den Deutschen" die Lösung aller Probleme birgt. Also muss man ihnen sagen, dass die anderen Parteien durchaus bessere Alternativen anbieten.

Fakt ist, dass die demokratischen Parteien mit ihrem Ansinnen, die Jungwähler zu erreichen, nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern und im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick gescheitert sind - weil es eben nicht reicht, Laternenmasten mit Postern von Leuten zu pflastern, die eh keiner kennt. Da ist einem der nette braune Onkel, der in Postlow (die NPD erreichte dort 38 %) Jugendfreizeiten gegen die dröhnende Langeweile initiiert, im Zweifelsfall näher. Das Ziel muss also sein: Ab an die Schulen in der Uckermark und Ostvorpommern und reden. Denn wie kann es sein, dass in Gegenden, in denen der Ausländeranteil nur um die zwei Prozent liegt, so viele Leute eine Partei wählen, die "Ausländer raus!" brüllt?

Unwissenheit ist nicht unheilbar, und deswegen kann es nicht schaden, wenn man regelmäßig, also nicht nur vor Wahlen, dort hingeht, wo Unwissenheit regiert. Die Frage ist: Wird einem zugehört?

Ein Bekannter von mir (auch eine Fernsehfresse) hatte diesbezüglich unlängst ein Schlüsselerlebnis. Auf dem Weg nach Berlin machte er nachts an einer Autobahntankstelle in Brandenburg halt. Auf dem Parkplatz hing eine Gruppe Jugendlicher rum, und ihre Springerstiefel, Bomberjacken, Aufnäher und Frisuren ließen nichts Gutes ahnen. Mein Kumpel wollte schon durchstarten, merkte dann aber, wie ein paar Leute auf ihn zugelaufen kamen, um: sich Autogramme zu holen. Klingt erst mal kurios, bedeutet aber gleichzeitig auch eine Chance.

Der Zugang ist nämlich schon gelegt. Scheißegal, dass es die vermeintliche Prominenz ist, die aus Aggression Interesse oder sogar Sympathie macht. Ich werde also versuchen, noch ein paar andere Fersehfuzzis um mich zu scharen, um an Schulen als Autogrammstunden getarnte politische Informationsveranstaltungen abzuhalten. Da dürfen uns dann gerne auch Politiker und andere Interessierte begleiten. Damit das Ganze auch ein amtlicher Aufschlag wird, sollte sich vielleicht eine Medien-/PR-Agentur darum kümmern, dass der Rest der Welt auch was von diesen Aktionen mitbekommt.

2) Ein politisches Fernsehformat Ich hab mich am Wahlabend unfassbar über die Berichterstattung im Fernsehen geärgert. Da taucht der NPD-Kollege schon im Studio auf, und alle anderen Anwesenden haben wieder mal nichts Besseres zu tun, als den Typen bloßzustellen. Jetzt mal ernsthaft: Der ist in der NPD. Den muss man nicht mehr bloßstellen. Man muss auch nicht draufhauen, um sich selbst zu inszenieren. Man sollte dem Mann vielleicht einfach mal ganz ruhig und sachlich Fragen stellen, die er vermutlich nicht beantworten kann - zum Beispiel nach der Finanzierbarkeit der von der NPD geforderten 7-Prozent-Mehrwertsteuer.

Danach kam dann Christiansen, wo man mal wieder konsequent aneinander vorbei kuschelte, und ich bin genauso uninformiert und frustriert zu Bett gegangen, wie an allen anderen Sonntagen. Täusche ich mich, oder war Live aus dem Schlachthof beim BR tatsächlich die letzte politische Sendung für junge Leute im deutschen Fernsehen? Das war eine Show, in der wahrhaftig diskutiert wurde, in die auch mal Faschos eingeladen wurden und bei der man wirklich das Gefühl hatte, dass im Kopf was passiert. Gibt´s nicht mehr, auch nichts Vergleichbares. Warum eigentlich nicht? Doch nicht, "weil junge Leute politikverdrossen sind" (Würg-Zitat aus 1001 Besserwisserkehlen)? Für nicht wenige mag das (noch) zutreffen, aber wenn ich mir alleine angucke, mit wie viel Feuer hier im Zuender-Forum politische Texte und Sachverhalte diskutiert werden, fällt es mir noch schwerer zu glauben, dass es im Fernsehen kein Format gibt, in dem sich das widerspiegelt.

So, jetzt geht´s mir schon ein bisschen besser. Das, was da oben steht, ist natürlich erst mal nur die Trümmersammlung nach einem kleinen Gehirnsturm.

Klar ist, dass die Initiative zunächst mal einfacher umzusetzen ist als das Fernsehformat. Im weiteren Verlauf könnte man dann aber zum Beispiel auch beides verbinden und die Sendungen in Schulen oder Jugendtreffs produzieren. Auch eine thematische Ausweitung über Politik hinaus auf andere jugendrelevante Inhalte ist denkbar. Wer sich jetzt angesprochen fühlt und denkt, sich da irgendwie einbringen zu können (als Fernsehanstalt, Produktionsfirma, Agentur, Geldgeber, Moderator, Redakteur, Experte für Alles, Security, gute Seele), darf mir gerne schreiben. Ich mache parallel dazu die Hühner in meinem direkten Umfeld scheu.

Popkomm

Die Popkomm - das heißt viele Kubikmeter heiße Luft. Besonders für einen MTV-Moderator.

"Na, alles gut?" Was antwortet man denn nun am besten auf eine derartige Begrüßungsformel? "Jaja..." und weiter gehen? Dann aber rasch, weil man andernfalls noch das hinterher gerufene "Mach´s groß!" hören könnte. Gibt es eigentlich ein anderes Betätigungsfeld, in dem die Umgangsfloskeln ähnlich beschissen sind wie in der Musikbranche?

Seit die Popkomm in Berlin ist, hab ich es Jahr für Jahr aufs Neue geschafft, genau zum richtigen Zeitpunkt im Urlaub zu sein, um damit der Nabelschau unterirdischer Begrüßungen und Verabschiedungen sowie vor allem dem finsteren Dazwischen zu entgehen. Diesmal hab ich es vergeigt, und da ich mich nicht tagelang bei mir daheim verbarrikadieren kann, unterziehe ich meine Sozialkompetenz wohl oder übel einer harten Prüfung.

Ich hasse Smalltalk, merke aber auch, wie mich der stete Versuch, jeder Unterhaltung ein wenig Sinn zu verleihen, mürbe macht. Über Musik rede ich eigentlich ganz gerne. Insofern bin ich auf der Popkomm besser aufgehoben als beispielsweise auf der Games Convention. Aber mit jemanden über Musik zu sprechen, ist natürlich noch mal was ganz anderes, als zugetextet oder, wie es im Fachjargon heißt, anpromotet zu werden. Der Promoter von heute hat natürlich auch nicht wie früher CDs seiner Schützlinge dabei, die man sich irgendwann anhören konnte, sondern einen iPod, um die Sache direkt vor Ort zu klären. "Und, findste gut?!" An dieser Stelle muss man mit sich dann einen der essenziellen Inhalte von Smalltalk verhandeln: Soll ich ehrlich sein? Eher nicht, denn viel zu oft sorgt Ehrlichkeit im Smalltalk beim Gegenüber nur für Irritation. In den USA würde vermutlich das komplette soziale Miteinander zusammenbrechen, wenn die Menschen plötzlich anfangen würden, dieses Konstrukt aus Halbwahrheiten und Heucheleien mit Ernsthaftigkeit zu unterwandern.

Ich weiß, man kann sich nicht immer was zu sagen haben, reden muss man manchmal trotzdem. Aber woran liegt es, dass ich mich nach fünf Minuten Smalltalk physisch und psychisch so unfassbar ausgezehrt fühle? Eigentlich bin ich sehr neugierig, deswegen stelle ich in einem Gespräch eher Fragen, als dass ich von mir erzähle. Viele Leute lassen sich aber keine Fragen stellen, weil sie einen einfach nur zutexten wollen. Am schlimmsten ist es abends bei Konzerten und in Clubs. Da ist es laut, viele sind besoffen, und so passiert es ständig, dass jemand mit den Worten "Äh, ich will dich jetzt nicht blöd von der Seite anlabern, aber..." versucht, ein Gespräch zu beginnen. Meistens denke ich mir in solchen Momenten ´Tust du aber schon´ und will gehen, bin dann aber doch freundlich und lausche den Ausführungen.

Man sagt, dass man in Deutschland auf weitaus ungelenkere Plauderer trifft als anderswo, was damit zusammenhängen könnte, dass die Deutschen sich selbst viel zu ernst nehmen. Da würden also etwas Distanz gegenüber der eigenen Person und ein wenig Selbstironie schon helfen, so wie das beispielsweise die Engländer machen. Aber vielleicht bekommen die auch vom Königshaus vorgelebt, wie man Tabuthemen umschifft, gewisse formelle Regeln einhält und trotzdem ohne Punkt und Komma schwafeln kann. In der Politik klappt das ja auch vorzüglich. Im Privaten sehe ich allerdings echt nicht ein, warum man sich nichts sagt, wenn man redet.

Hier mal ein kleiner Ausriss der letzten Popkomm-Gespräche, von Begrüßung über Hauptgesprächsinhalt zur Verabschiedung:

Na? - super Wetter - Okay, bis später oder so.

Hey, wie geht´s? - das letzte Tomte-Album - Man sieht sich.
Ach, guck an! - ich sehe trotz Popkomm frisch aus - Puh, ich muss mich echt noch mal hinlegen, bevor es abends weiter geht.Tach, der Herr! - das Hot Chip-Konzert - Lass mal phonen!
Schalömchen! - Kennste The Sunshine Underground schon? - Lass mal wieder einen trinken gehen!

Ich telefoniere äußerst ungern, und "einen trinken" gehe ich, wenn überhaupt, nur mit sehr guten Freunden. Aber, wie angedeutet, vielleicht sollte ich das alles, mich selbst eingeschlossen, nicht so ernst nehmen. Oder aber ich halte es wie Klaus Wowereit, der seine Popkomm-Eröffnungsrede mit folgenden Worten begann. "Auch wenn manche das nicht gerne hören. Ich finde es immer noch richtig, Party zu machen!"

Ich, die Frau von morgen

Markus Kavka fragt sich: Wie ist denn das jetzt eigentlich mit dem Mannsein?

Man(n - ächz...) bekommt ja so viel Input in letzter Zeit. Eva Herman hier, ganze Serien bei der ZEIT dort, dazu unzählige Artikel in Lifestyle-, Psychologie- und, na klar, Frauenmagazinen, und alle wollen sie einem sagen, dass die Männer in der Krise sind. Sie repräsentieren das Geschlecht der Vergangenheit, während Frauen das der Zukunft sind.

Auch ich befinde mich seit 39 Jahren auf der Suche, und die aktuelle Debatte bringt mich auch nach eingehender Betrachtung keinen Millimeter weiter. Im Gegenteil, sie verwirrt mich nur noch mehr. Gerade an einem Zeitpunkt, da ich dachte, dass alles, so wie es ist, schon irgendwie in Ordnung geht, kommt es mir vor, als befände ich mich unfreiwillig im Auge eines Genderdiskussion-Hurrikans. Innen drin ist es ruhig, aber wenn ich einen falschen Schritt mache oder das Ding wie schon so oft mal wieder die Richtung ändert, werde ich fortgeweht, einmal mehr zerschmettert an der Klagemauer zerbrochener Beziehungen, weil ich eben doch kein richtiger oder, je nach Zeitgeist, zu sehr Mann bin. Damit will ich jetzt nicht einstimmen in das allgemeine Wehklagen meiner Geschlechtsgenossen, die für sich beschlossen haben, wegen zu anstrengender Diskussionen und Positionierungskrieglein das Opfer zu mimen.

Es gab Zeiten in meinem Leben, da zog ich es als Hardcore-Fußballfan vor, Samstagabend neben meiner Freundin im Bett liegend ´Beverly Hills 90210´ und ´Melrose Place´ zu gucken, während parallel dazu auf einem anderen Kanal eigentlich die ´Sportschau´ bzw. ´ran´ liefen. Einen Besuch im Stadion tauschte ich ein gegen ein gemeinsames Schlendern durch Parfümerien und Mädchen-Anziehsachen-Läden, meine Bayern-München-Bettwäsche wich erst einer weißen und schließlich einer pinkfarbenen mit Schmetterlingen, als Höhepunkt ließ ich mir von meiner Freundin den Nagel des kleinen Zehs rot lackieren, weil sie das süß fand. Das war Mitte der 90er. Da war ich Ende zwanzig und wie so viele in meiner Generation ein Vorreiter dessen, was später mit David Beckham als Vehikel als Metrosexualität Einzug ins gesellschaftliche Leben hielt.

Klar, ich war vorbelastet. Auf der Suche nach Abgrenzung schloss ich mich in meiner Jugend der Wave&Gothic-Bewegung und eben nicht der der Teds/Rockabillys an. Deren Macho-Gehabe fand ich widerlich, da entsprach mir das Haare toupieren, schminken und Behängen mit allerlei Geschmeide schon mehr. Beziehungen gab es in dieser Zeit entsprechend nur mit Wave-Mädchen, die passender Weise ein Faible für scheue, zerbrechliche, gestylte, androgyne Weicheier hatten. Aber irgendwann musste ich mich aus dieser per Optik definierten Schutzzone begeben, ich sah aus wie die meisten anderen Jungs und bekam es mit Mädchen zu tun, die ihr schwaches Haupt auch mal gerne auf eine behaarte Männerbrust betten. Es kam, wie es kommen musste: Serienweise gingen meine Beziehungen in die Brüche, weil ich zu luschig war. Und das ist nicht ausschließlich eine Selbsteinschätzung, sondern auf die Schlussmachgründe meiner Partnerinnen gestützt, die konsequenterweise auch allesamt mit Typen durchbrannten, die, O-Ton, "auch mal ein Arschloch" oder eben "ein richtiger Mann" sein konnten. Nachdem mir zum dritten Mal nacheinander so etwas widerfahren war, war ich fast reif für eine Therapie, weil ich dachte, dass ich aus irgendwelchen Gründen offenbar niemals in der Lage sein würde, eine Beziehung auf Augenhöhe zu führen. Doch statt in psychologische Betreuung, flüchtete ich mich in hedonistische Phasen, in denen ich, natürlich nur zu Forschungszwecken, die konsequente Arschlochnummer fuhr.

Da ich aber a) nicht so gerne Arschloch bin und b) überdies ein Beziehungsmensch, versuch(t)e ich stets aufs Neue, meine neu gewonnen Kenntnisse und Erfahrungen in die jeweils folgende Partnerschaft einfließen zu lassen.

Und jetzt, da ich das erste Mal in meinem Leben das Gefühl habe, das Ganze auch so hinzubekommen, wie ich mir das immer vorgestellt habe und wie es mich hoffentlich vor dem leidlich bekannten Ende schützt, da ich dachte, dass alle, Männer wie Frauen, die heutige Zeit endlich als eine des Übergangs begriffen haben und sich entsprechend tolerant verhalten, wird die Debatte mit markigen Sprüchen wie ´Frauen sind die Männer von morgen´ wieder neu entfacht. Dabei war ich als Mann doch schon mal die Frau von morgen.

Die Mutter einer meiner Ex-Freundinnen sagte nach der Trennung ihrer Tochter von mir etwas Interessantes: "Weißt du, Markus, eigentlich habt ihr keine Chance. Ihr seid hineingeboren worden in eine Generation, die sich aus den vollkommen gegensätzlichen Mann-Frau-Modellen der 50er/60er und dem der 68er was Eigenes basteln darf, und ihr werdet vermutlich euer ganzes Leben dafür brauchen, an die nächsten Generationen etwas Brauchbares weiterzugeben."

Trübe Aussichten. Aber wie auch immer: Sportschau guck ich jetzt wieder. Kann ja so falsch nicht sein.

Freunde fürs Leben

Reden, zuhören, zur Therapie schicken - nichts hat geholfen. Umgebracht hat er sich trotzdem. Wieso man die Aussage "Ich will nicht mehr, ich mach bald Schluss" lieber ernst nehmen sollte.

Vor acht Jahren nahm sich ein guter Freund von mir das Leben. Überdosis mit Ansage. Seine Familie, seine Freunde, ich - wir probierten alles. Reden, zuhören, ihn zum Entzug und zur Therapie schicken und begleiten, nichts half. Er entfernte sich immer mehr, man kam überhaupt nicht mehr ran, und am Ende waren alle unfassbar traurig, verzweifelt, aber auch wütend und ratlos. Alle machten sich Vorwürfe, weil keiner imstande war zu sagen, ob man wirklich alles versucht hatte, und vor allem, ob das, was man versucht hatte, richtig war. Mir persönlich war klar, dass es falsch ist, der Aussage "Ich will nicht mehr, ich mach bald Schluss" keinen Glauben zu schenken. "Leute, die darüber reden, machen´s sowieso nicht" ist eine der größten Fehleinschätzungen im Zusammenhang mit Suizid überhaupt. Genau so wenig dienlich sind Aussagen wie "Hab dich nicht so"/"Wird schon wieder"/"Anderen geht´s noch schlechter"/"Das Leben ist doch so schön". Oder Anwandlungen, sich selbst zu wichtig zu nehmen und von sich zu erzählen anstatt zuzuhören.

Und zuhören ist tatsächlich das einzige, was man zunächst machen kann, einfach zeigen, dass jemand einem wichtig ist und man für ihn da sein will. Wenn man merkt, dass das nicht ausreicht, sollte man anbieten, beim Suchen nach professioneller Hilfe dabei zu sein und dann auch gegebenenfalls die Person zum Arzt oder Therapeuten zu begleiten. Allein lassen ist das Schlimmste. Sehr falsch ist zumeist auch die Annahme, dass das Problem gelöst ist, sobald der Mensch angibt, dass es ihm besser geht. Denn oft geht es Betroffenen auch dann besser, wenn sie eine Entscheidung getroffen haben, und das kann eben auch jene sein, sich das Leben zu nehmen. Tatsache ist, dass Menschen, die sich mit Selbstmordgedanken tragen, gar nicht wirklich ausdrücklich sterben möchten, sondern in erster Linie den Schmerz und die vermeintliche Ausweglosigkeit in einer bestimmten Lebenssituation beenden wollen und im Suizid die einzige Möglichkeit sehen. Da muss man ansetzen, man muss aufzeigen, dass es eben nicht die einzige Möglichkeit ist.

Warum ich das alles schreibe? Am 10. September ist Welt-Suizidpräventionstag, und nicht nur deswegen, sondern vor allem wegen des oben geschilderten Erlebnisses, habe ich mich unlängst einer Organisation namens 'Freunde fürs Leben' angeschlossen. Ziel ist es zunächst mal, über Suizid zu reden. Macht man ja kaum, weil es immer noch so ein Tabuthema ist - und das, obwohl sich in Deutschland jährlich mehr als 11.000 Menschen das Leben nehmen, also mehr, als durch Verkehrsunfälle, Verbrechen und Drogen zusammen sterben. Hinsichtlich der drei letztgenannten Dinge gibt es schon seit langem Präventions- und Beratungsstellen, Informationen, Aktionen und Aufklärungskampagnen. Beim Thema Suizid sind die Berührungsängste immer noch groß. Deswegen ist es das Ziel von ´Freunde fürs Leben´, durch Aktionen einfach mal Aufmerksamkeit zu erzeugen, um dann in einem nächsten Schritt auch Kontakte zu professionellen Einrichtungen zu vermitteln. Handlungsbedarf gab es auch im Internet, weil man trotz der Tragweite dieser Sache im Netz keine einzige Seite fand, auf der man sich einfach mal informieren konnte.

Anlässlich des Welt-Suizidpräventionstags gibt es im dieser Woche eine Reihe von Aktionen, die auch Infoveranstaltungen, Diskussionen und Workshops an Schulen in Berlin beinhalten. Unfassbar ist in diesem Zusammenhang, wie schwer es war, Schulen zu finden, die sich für eine derartige Veranstaltung erwärmen konnten. "Das ist kein Thema an unserer Schule!", "Hm, wir wissen nicht so recht, ob die Schüler das annehmen..." oder ein kaltes "Interessiert uns nicht!" waren nicht selten gehörte Aussagen. Wenn man dann aber vor Ort ist, merkt man nach anfänglicher Zurückhaltung seitens der Schüler sehr schnell, dass es enormen Informations- und Gesprächsbedarf gibt, weil - wie sich rausstellt - fast jeder jemanden kennt, für den Begriffe wie "Depression" und "Selbstmordgedanke/-versuch" kein realitätsfremdes Gequatsche sind.

Gestern abend fand eine zusätzliche Veranstaltung in einem Kino statt. Gezeigt wurde ´The Virgin Suicides´ von Sofia Coppola. Darin geht es um fünf Schwestern im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, die sich alle das Leben nehmen. Die Experten (Psychotherapeuten und professionelle Suizidpräventionsberater), die bei der anschließenden Diskussion zugegen waren, hatten im Vorfeld schwere Bedenken, den Film zu zeigen, weil er in ihren Augen zu klischeehaft und erschütternd ist und deswegen in keiner Weise als Suizidpräventionsfilm taugt. Tatsache aber ist auch, dass ´The Virgin Suicides´ gestern eine sehr gute Diskussionsgrundlage bot, um eben über Klischees, aber auch von der speziellen Situation des Films ausgehend über das Thema Suizid generell zu sprechen. Schnell war klar, dass die etwa 50 Gäste nicht gekommen waren, um einfach nur den Film zu sehen. Alle hatten einen persönlichen Bezug zum Thema, und meine Mitstreiter (außer den Experten auch noch Vanessa Petruo, Nina Gnädig und Ric Graf) und ich fanden es sehr mutig, dass dieser Bezug in der Diskussion und in den anschließenden Einzelgesprächen auch artikuliert wurde. Und als ein etwa 16-jähriges Mädchen dann unter Tränen davon berichtete, dass ihre beste Freundin seit Wochen davon spricht, sich das Leben nehmen zu wollen, kam offensichtlich nicht nur bei mir eine Geschichte der Art zurück, wie ich sie eingangs geschildert habe.

Wenn ihr denkt, dass auch nur ein Fitzelchen meiner heutigen Zeilen irgendwas mit eurem Leben zu tun haben könnte, dann bitte www.frnd.de anklicken.

Kacke am Kamin

Bin ich zu jung für gewisse Themen? Günther Grass und Patriotismus zum Beispiel? Markus Kavka schaut fern und wird wütend.

Selten erzürnt mich mich eine Sendung im Fernsehen so sehr, dass ich tatsächlich aufspringe, das Gerät anbrülle und irgendwas in die Ecke pfeffere. Das ZDF-Nachtstudio hat mich neulich dazu gebracht. Selbst schuld, allein der Programmhinweis und die Gästeliste hätten mich stutzig machen sollen. Unter dem Thema "Der Sommer der Deutschen - Wie locker sind wir wirklich", stand dort geschrieben: "Sind wir also mehr als 60 Jahre nach der Nazi-Diktatur trotz Grass-Beichte als "normales" Volk wieder in der Welt akzeptiert? Dürfen wir anno 2006 stolz darauf sein, Deutsche zu sein? Oder verschleiert das nationale Getöse nur die Realität über ein Land, in dem der Rassismus alltäglich ist und es durchaus noch immer "No-go-areas" für Ausländer oder Menschen dunkler Hautfarbe gibt? Kurz, bevor der Herbst nach Deutschland kommt, diskutiert Volker Panzer am virtuellen Kamin mit seinen Gästen: Matthias Matussek, Kulturchef des Spiegels, Uwe-Karsten Heye, Chefredakteur des sozialdemokratischen "Vorwärts" und ehemaliger Regierungssprecher von Gerhard Schröder, Maxim Biller, Schriftsteller und streitbarer Kolumnist seit seinen Tempojahren, Stephan Grünewald, Psychologe und Begründer des Forschungsinstituts Rheingold in Köln und Juli Zeh, der Schriftstellerin, Juristin und auch mal sozialdemokratischen Aktivistin an der Seite von Günter Grass."

Ächz, die Patriotismus-Debatte revisited, kaum weg und schon wieder da, und auch noch diskutiert in einer derart illustren Runde.

Matthias Matussek. Ist halt Matthias Matussek. Muss man ja nach seiner mehrmonatigen Rallye durch verschiedenste Talkshows schon fast sagen. Eklig und eitel für die einen, unterhaltsam und klug für die anderen. Ein Unikum sozusagen, wobei natürlich klar ist, dass nur der Spiegel sich ein Unikum als Kulturchef leisten darf. Wie auch immer, der Herr Matussek ist fürwahr ein streitbarer Charakter. Gar nicht streitbar allerdings und auch in dieser Sendung wieder deutlich: Sein entlarvend absurder Geschmack in punkto Hosenträger, von denen wir jetzt viele sehen mussten und keine schön fanden. Für seine Verhältnisse machte er im Nachtstudio allerdings einen fast defensiven Eindruck.

Was vielleicht daran lag, dass niemand (mehr) sich so richtig mit ihm anlegen wollten, was umgekehrt auch für ihn galt. Nicht mal der von Matussek wegen seiner No-Go-Areas-Debatte viel gescholtene Uwe-Karsten Heye mochte an diesem Abend den virtuellen Kamin befeuern. Überhaupt scheint das Problemkind aller in der Runde Maxim Biller gewesen zu sein. Meins auch.

Manchmal find ich die Sachen ganz gut, die der so schreibt, aber wie er da gleich bei seiner ersten Wortmeldung (gefragt wurde nach seiner Einschätzung zum Thema der Sendung generell) ohne Not gelangweilt darüber fabulierte, dass ihn eigentlich außer Sex gar nichts mehr interessiere - vor meinem inneren Auge das in Berlin allgegenwärtige Bild eines in hippen Mitte-Bars miesepetrig rumhängenden Großstadtdesperados mit Intellektuellenfreischwimmerabzeichen - das war schon ganz arm und peinlich. Irgendwie ist der Kollege auch ein bisschen in den 80ern hängen geblieben. Da wirkte es bisweilen trügerisch interessant, wenn jemand alles und jeden außer sich selbst Scheiße fand. Das hat sich aber geändert, man muss da jetzt schon ab und an mal argumentieren und was Schlaues sagen können. Müsste dem Biller mal jemand stecken.

So lümmelte er also, die Beine von sich gestreckt, in seinem Stuhl, Panzer war konsterniert und alle anderen rollten nur noch genervt mit den Augen, wenn der Maxim mal wieder seine kontroversen Thesen ausspie. Wie zu erwarten war, ging es sowieso nur ein paar Minuten ums eigentliche Thema, danach wollte jeder dringend was zu Grass loswerden. Am verworrensten gelang dies der eigentlich von mir sehr geschätzten Literatin Juli Zeh. Sie meinte, dass "die Intellektuellen mit ihrer hochgestochenen Grass-Debatte vollkommen an den Menschen vorbei reden" und man das Ganze ja schließlich auch mal "kommunikationsästhetisch" betrachten könnte. Aha. Während ich noch mit dem Versuch beschäftigt war, ein Kommunikationsästhetikpraktikant zu werden, begann Maxim Biller sein nächstes Statement mit

"Ich bin Jude", ohne allerdings in seinen folgenden Ausführungen durchblicken zu lassen, was das mit dem gerade Gesagten oder mit Grass oder mit dem grundsätzlichen Thema der Sendung zu tun haben könnte.

Popstars

Wer die neue Platte von Robbie Williams Probehören will, muss sich in einem Kleinbus einsperren lassen. Das Schlimme daran: Auch die Stars selbst würden sich am liebsten wegschließen lassen.

Es war eine bizarre Situation: Zusammen mit drei anderen MTV-Kollegen saß ich in einem Mercedes Minivan und hörte ´Rudebox´, das neue Album von Robbie Williams. Der Van war in speziellem Rudebox-Design, und damit es in der Box auch richtig rude war, wurde zum einen die Anlage tüchtig aufgedreht, zum anderen die Türen und Fenster geschlossen, und das in der prallen Sonne. Der Motor und damit die Klimaanlage waren natürlich aus.

Die Einladungen der Plattenfirma zu diesem Vergnügen waren handverlesen, und um dann auch wirklich in den Genuss dieses so genannten Prelistenings zu kommen, musste man zunächst eine Erklärung unterschreiben, die einem im Falle der "nicht körperlichen" (gemeint ist: elektronischen) Weiterverbreitung des Gehörten eine Strafe von 5001,56 € in Aussicht stellte. Damit man gar nicht erst auf derlei Dummheiten kam, wurde einem zuvor das Handy abgenommen. Nach anderen, sich möglicherweise am Körper befindlichen Aufnahmegeräten wurde man jedoch nicht abgetastet.

Es wurde rasch heiß und stickig im Rudebox-Van, und das, was da so aus den Boxen dröhnte, vermochte das Ungemach nicht wirklich zu lindern. Robbie Williams hatte offenbar Lust, eine Gesundschrumpfungs-ich-will-Spaß-ich-geb-Gas-Quatschplatte zu machen, die außer ihm niemand so richtig braucht. Ein bisschen Dance-Gedaddel hier, ein bisschen Rappen dort, ein bisschen Pop zwischendurch, dazu einen ganzen Schwung Coverversionen - klingt wie eine B-Seiten-Compilation, die seine, na ja, Fans irritieren, alle anderen eher langweilen wird.

Aber wird ihm gut tun, sich etwas von der ganz großen Bühne zu verabschieden. War ja alles ein bisschen viel für ihn in den letzten Jahren. Alle Nase lang taucht via Bild-Zeitung eine neue Alte aus dem Unterholz auf, die mit ihm angeblich die Nacht verbracht hat. Und während es früher noch Models und Studentinnen waren, sind es mittlerweile Friseusen und mittelmäßige Schlagersängerinnen. Robbie beantwortet neuerdings in Interviews auch keinerlei persönliche Fragen mehr. Die hat er noch vor gar nicht all zu langer Zeit mit viel Wortwitz und lustigem Geflunker pariert. Will er nicht mehr, jetzt darf´s nur noch um die Musik gehen.

Diese Praktik der Interviewzensur hält übrigens wie selbstverständlich immer mehr Einzug im Showgeschäft. Bei erfolgreichen Stars ist es mittlerweile Usus, die Fragen im Vorfeld zur Abnahme vorzulegen. Da kommen dann Faxe zurück, auf denen alles, was sich nicht direkt auf Single/Album/Video bezieht, vom Management durchgestrichen ist.

Man ist kurz geneigt, diese Farce in die Tonne zu treten, beugt sich dann aber doch, weil man hofft, vor Ort aus der Situation heraus, vielleicht doch die ein oder andere spannendere Frage stellen zu können - um schließlich aber festzustellen, dass das Interview beim ersten zarten Versuch sofort abgebrochen wird. Da reicht´s auch schon, Rihanna zu fragen, ob sie einen Freund hat, oder Beyoncé, ob sie mal Kinder möchte.

Ebenfalls weit verbreitet: Erst solche Fragen beantworten, anschließend das Interview unter Androhung von Klagen nicht frei geben. In den Printmedien ist es längst üblich, dass der fertige Text dem Befragten noch einmal zum Gegenlesen vorgelegt wird. Da werden dann Zitate entschärft, ganze Passagen rausgestrichen, oder, schlimmstenfalls: Das komplette Interview darf nicht abgedruckt werden. Unvergessen hierbei das Gespräch, das Henning Sußebach von der ZEIT mit Oliver Kahn führte, und das Kahn komplett zurück zog, weil er darin seine Maske abgelegt hatte und nur er selbst war. Ein Umstand, über den Sußebach schließlich einen Text verfasste, der selbstredend ohne ein einziges Zitat von Oliver Kahn auskommen musste, der möglicherweise aber wohl mehr über diesen sagte, als jedes unzensierte Interview.

Als Leser bzw. Zuschauer/Hörer erfährt man selten bis nie von derlei Begleitumständen. Man fragt sich dann, warum nur so langweilige Fragen mit entsprechend hohlen Antworten gestellt werden. Einerseits ist diese Schutzummantelung seitens Prominenter nachvollziehbar, der Boulevard treibt mit ihnen ja schließlich nicht zu knapp Schindluder, andererseits macht es zunehmend weniger Spaß, ein neugieriger Journalist zu sein.

Jugendbewegung

Wie ist das denn so heutzutage mit den Jugendbewegungen und der Subkultur? 1986 schien das Ganze so relevant und divers zu sein, dass Herr Hörmann, mein Sozialkunde-Leistungskurs-Lehrer, mir gestattete, eine Facharbeit darüber zu schreiben.

Wie ist das denn so heutzutage mit den Jugendbewegungen und der Subkultur? 1986 schien das Ganze so relevant und divers zu sein, dass Herr Hörmann, mein Sozialkunde-Leistungskurs-Lehrer, mir gestattete, eine Facharbeit darüber zu schreiben.

Durch weite Phasen meiner Jugend irrlichterte ich als Wave/Gruftie, und selbstverständlich waren das auch alle Leute in meinem engeren Freundeskreis. Schwarz war die einzig erlaubte Anziehsachenfarbe, Schnallenschuhe die einzig wahren Fußverzierungen und Gard Extra Stark das einzig akzeptierte Haarspray, um das toupierte Etwas auf den Kopf in eine Art Trichterform zu bringen. Dazu behängte man sich mit ordentlich Geschmeide wie Rosenkränzen, Sterbekreuzen und kleinen Silbersärgen, lackierte sich die Fingernägel schwarz und umrandete die Augen tüchtig mit Kajal. Die Musik dazu kam von The Cure, Depeche Mode, Bauhaus, Joy Division, Sisters Of Mercy, Dead Can Dance und Christian Death, politisch war man links bis desinteressiert. Mit all dem grenzte man sich ab gegenüber den anderen Protagonisten meiner Facharbeit, als es da wären: Popper, Rocka-/Psychobillys, Punks, Ökos, Heavy Metals/Rocker, Skinheads und Mods.

Die Rivalitäten zwischen diesen Gruppen waren teilweise so stark, dass ich innerhalb meiner Arbeit sogar eine Art Diagramm angefertigt habe, wer denn nun mit wem wie auskommt. Wir Grufties haben beispielsweise von den Skins bei jeder Gelegenheit was aufs Maul bekommen, um die einschlägigen Wave-Discos herum gab es regelmäßig richtige Hetzjagden. Stellen wollte man sich nicht, weil man körperlich/numerisch ohnehin unterlegen war, vor allem aber, weil bei dem Gerangel schließlich Frisur und Klamotten kaputt gehen konnten. Aber Szenarien wie diese nahm man in Kauf, weil es einem wichtig war, was man tat und wie man aussah. Man wollte sich abgrenzen, und immer fanden sich Gleichaltrige, die den Weg mitgingen. Das ist heute anders. ´Bewegungen´ definieren sich nicht mehr in erster Linie übers Alter, sondern über Interessen. Neulich war ich auf so einer Manga-/Anime-Messe. Da turnten Leute zwischen 14 und 50 herum, die allesamt aussahen wie ihre gezeichneten Helden, und generationenübergreifend verstand man sich offenbar prächtig. Klar werden Gesprächsinhalte, die sich über Alter bzw. Lebenserfahrung oder Bildung definieren ausgespart, macht aber nichts, weil das gemeinsame Interesse mit all den Internet-Rollenspielen und -Foren auch so genug hergibt. All zu privat und persönlich soll es eh nicht werden, sonst würde die Tatsache, dass man seine sozialen Kontakte weitestgehend ins anonyme Internet verlegt hat, auch keinen Sinn mehr machen.

Ein ähnliches Bild, wenngleich auch wesentlich sozialer, bietet sich einem beim Konzert der Indie-Band des Vertrauens. Er 15, vor der Bühne, sie 40, weiter hinten, und beide finden sie Tomte gut. Vergleichbares ist auch zu beobachten bei HipHop-Konzerten und Raves. Von Jugendbewegungen kann man also nicht mehr sprechen, von Subkultur schon gar nicht, weil all diese Szenen längst auch von Kommerz und Mainstream vereinnahmt wurden. Nach diversen Retros, Neos und Crossovers besonders in den 90er Jahren, scheint mittlerweile alles so weit durchgekaut zu sein, dass authentisch Neues extrem rar geworden ist. Klar tauchen bei einem Dir En Grey-Konzert 2000 Visual Kei Leute auf, klar kommen bei einem Wave&Gothik-Treffen ein paar tausend Schwarzkittel aus ihren Kellern, aber eine klar definierte gesellschaftliche Rolle wie in den 80ern spielt das alles nicht mehr.

Offenbar haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so verändert, dass Jugendkulturen zunehmend obsolet werden. Aufgrund der zunehmenden Individualisierung wird es immer schwieriger, klar erkennbare Abgrenzungsfolien zu finden. Oder aber ist es tatsächlich so, dass es eine einzige riesige Jugendbewegung gibt, und die Normalos mittlerweile eine Randerscheinung, der Gegenpart des Mainstreams der Minderheiten sind?


Den Gedanken fände ich tröstlicher, denn irgendwie steht die dauerhafte Existenz von Jugend- und Subkulturen auch für die Stabilität und Integrationskraft einer Gesellschaft.

Auch, wenn ich den korpulenten 40jährigen im rosa Latex-Anzug mit Häschenohren auf der Mangamesse oder die Glatzenprügel nicht unbedingt täglich brauche.

25 Jahre MTV

Keine Angst, ich werde an dieser Stelle nicht meinem eigenen Arbeitgeber zum 25. Geburtstag gratulieren bzw. schreiben, wie toll ich das alles hier finde. Ohnehin legt mir meine Wahrnehmung der letzten Tage eher so etwas wie Demut nahe. Oder Bitte um Verzeihung. Oder Versuche der Rechtfertigung. Ich gehe neuerdings auch gebückt.

Weil eben MTV 25 Jahre alt wird, weil ich hier schon seit sechs Jahren moderiere und weil ich auch selbst schon sehr alt bin, wurde ich zum Geburtstagssachbearbeiter auserkoren. Soll heißen: Ich durfte viele Sendungen zum Thema moderieren und nahezu alle Interviews dazu geben. Heute, an jenem 1. August, sind es gefühlte 50, in deren Zuge sich die Partygäste/Gratulanten der verehrten Journaille in drei Gruppen einteilen lassen:

1) wohl gesonnen/interessiert (ca. 10 %)
2) neutral/emotionslos (ca. 30 %)
3) nicht wohl gesonnen/beleidigt/polemisch/aggressiv (60 %)

Ihr seht, zwei Drittel meiner Gesprächspartner finden meinen Arbeitgeber nicht mehr so dolle. Sie vermittelten den Eindruck, das MTV-Jubiläum eher als Gelegenheit zur Abrechnung zu nutzen, ganz so, als würde man pflichtgemäß noch bei der Geburtstagsfeier eines alten Freundes vorbei schauen, aber nur um ihm zu sagen, dass er früher eigentlich ganz cool war, sich mittlerweile aber echt zu einem totalen Arschloch entwickelt hat. Das tut mir, der ich jetzt eigentlich nicht ´das MTV´ bin, aber auch weh.

Ich weiß, es ist alles nicht mehr so wie früher. Da saß man stundenlang vor der Glotze, um Shows wie ´120 Minutes´, ´Most Wanted´ oder ´Alternative Nation´ und Moderatoren wie Ray Cokes, Paul King und Steve Blame aufzusaugen. Das war Anfang der 90er Jahre, und da war das alles aufregend und neu und englisch. Man war privilegiert, und das nicht nur, weil man Kabelfernsehen hatte, sondern weil man auch besser englisch konnte als die anderen und man mit einem Schlag zu einem offenen, coolen Europa gehörte. Ja, MTV machte Programm für die jungen Leute von heute. Das war damals so, und das ist heute so. Meint: MTV macht 2006 nicht Programm für die Leute, die MTV vor zehn Jahren gut fanden. Wäre ja auch schlimm, muss ja irgendwie weitergehen.

Ich gebe zu, dass mich die immer gleichen Fragen der Journalisten etwas mürbe gemacht haben. "Warum wird keine Musik mehr gespielt?" bzw. "Wo ist das M in MTV hin?", "Wieso kommen nur noch Reality- und Dating-Shows?", "Wieso so viel Klingeltonwerbung?", "Macht das Internet MTV nicht überflüssig?" etc. pp.

All diese Fragen haben grundsätzlich ihre Berechtigung. Daraus aber abzuleiten, dass MTV immer noch so sein müsste wie Anfang der 90er, ist allerdings auch eine etwas sehr nostalgische und realitätsfremde Denke.

Wer guckt MTV? Im Kern sind das junge Menschen zwischen 14 und 19. Die hören gerne Eminem, Sportfreunde Stiller und Aggro Berlin Zeugs, laden sich Klingeltöne, Songs und Videos runter, sind überhaupt sehr viel online und erzählen sich auf dem Pausenhof Szenen aus Pimp My Ride, Jackass und Date My Mom nach.

Wer guckt kein MTV mehr? Offenbar u.a. jene Journalisten zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig, die mit MTV aufgewachsen sind, und jetzt sehr verächtlich auf die jungen Leute von heute und einen ihrer bevorzugten Fernsehsender herabblicken. Genau so, wie jede Generation es tut, genau so, wie man es auch mit mir machte, als MTV mit Anfang 20 mein Universum war und die Älteren sagten, dass das alles doch nichts mit wahrer Musik zu tun hätte, weil die nach Schweiß und Bühne und Vinyl riechen muss und nicht nach polierter Videoclip-Selbstinszenierung, dargeboten von hibbeligen Moderatoren vor wackeligen Kameras.

Klar ist: Musikfernsehen ist per se nicht mehr so neu und aufregend wie vor 15 bis 20 Jahren. Und auch wenn der Blick zurück ein schöner und romantischer und verklärter sein kann, so möchte ich doch diejenigen sehen, die sich in Zeiten von YouTube und MySpace wie damals zum Video gucken stundenlang MTV reinziehen würden, und vor allem möchte ich genug von ihnen sehen, um einen Sender in wirtschaftlicher Hinsicht am Leben zu erhalten. Bei meinem früheren Arbeitgeber Viva Zwei waren es offenbar zu wenige. Da liefen Sachen wie Aphex Twin bzw. Videos von Leuten wie Chris Cunningham, Jonas Akerlund, Michel Gondry und Spike Jonze im Tagesprogramm rauf und runter, und kaum einen hat´s interessiert.

Ich weiß, MTV gehört längst zum Establishment, ist angedockt an einen der weltgrößten Medienkonzerne, fast alles ist anders. Eines aber hat sich nicht geändert: MTV ist immer noch ein Abbild der jeweiligen Generation. Ob und wieweit man sich mir der noch identifizieren will, muss jeder mit sich selbst verhandeln.

Es ist doch wie in einer Beziehung: Man lebt sich auseinander und trennt sich konsequenterweise. Ohne Nachtreten und ohne den sinnlosen Versuch, dass alles wieder so schön wird wie früher. Zeit für neue Lieben.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Ich bin krank, bitte helfen Sie mir

Prokrastination ist ein fieses Wort. Es klingt, als würde es eine Unregelmäßigkeit vornehmlich in der Unterleibsregion bezeichnen. Ein bisschen Prostata, ein bisschen Kastration. Schlimm.

Noch schlimmer: Ich leide an Prokrastination. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute ist: Es ist keine Geschlechtskrankheit.

Das Krankheitsbild ist vielmehr im psychologischen Bereich anzusiedeln. Momentan stellt sich das in meinem unmittelbaren Blickfeld wie folgt dar: Rechts von mir liegt ein Stapel Telefonrechnungen und Reisekostenabrechnungen. Ich sehe ihn an, das schlechte Gewissen plagt mich, aber auch das Eingeständnis von Dummheit. Denn was da unerledigt liegt, ist bares Geld. Alles, was ich tun müsste, ist Telefonnummern mit Textmarker anstreichen, Belege drantackern, ein paar Formulare ausfüllen, abzeichnen lassen und wenige Tage später wären 500 Euro mehr auf meinem Konto. Wäre ´ne Sache von ´ner halben Stunde, aber ich mach´s einfach nicht. Erst wenn das Finance Department mit Fristen droht, setze ich mich widerwillig hin.

Links neben mir, in der obersten Schublade meines Schreibtisches, sammeln sich derweil Belege für meine Steuererklärung. Unsortiert natürlich. Schon dreimal wurde ich vom Finanzamt geschätzt, weil ich einfach keine Muße hatte, mich um den Kram zu kümmern. Das ist nicht lustig, das ist sogar sehr doof, weil man nach etlichen unangenehmen Schreiben letzten Endes feststellen wird, dass man statt der eigentlich in Aussicht stehenden 1000 Euro Rückerstattung nun 1000 Euro nachzahlen muss. Einen Tag lang ärgere ich mich über den Verlust von 2000 Euro, danach bin ich nur noch froh, dass ich den Scheiß endlich von der Backe habe. Ist ja nun wirklich nicht so, dass ich´s so dicke hätte, aber mit finanziellen Einbußen war mir noch nie zu drohen, egal wie arm/vermögend ich war. Geld ist bei Prokrastination kein überzeugendes Druckmittel, so viel steht fest.

Überhaupt, man hat ja stets so viele andere sinnvolle Dinge zu tun. Gemütlich eine rauchen zum Beispiel, oder den Geschirrspüler ausräumen, den Müll runterbringen, neue Platten hören, Fernsehen gucken, oder einfach nur Dinge stundenlang von A nach B umsortieren.

Müsste ich diese Dinge tun, würde ich sie vermutlich auch aufschieben, aber freiwillig sinnfreien Quatsch zu erledigen, ist immer noch 1000-mal besser, als sich in die Daumenschrauben zu fügen. Denn was du heute kannst besorgen, das verschiebe gern auf morgen.

Ein Freund von mir ist Psychologe. Er hat mir neulich das Stadium meiner Prokrastination erklärt. Noch bin ich ein Stück weit davon entfernt, überhaupt nichts mehr auf die Kette zu bekommen, weil es in meinem Leben viele Regularien bzw. viele feste Termine und Deadlines gibt. Ich habe von Montag bis Freitag Live-Sendungen im Fernsehen, verbunden mit festen Zeiten für Redaktionskonferenzen, Meetings und Maske. Da ist also nix mit Aufschieben. Einmal in der Woche hab ich einen Produktionstermin beim Radio - beim öffentlich-rechtlichen genauer gesagt. Auch dort ist man - gut für mich - nicht so flexibel. Am Wochenende leg ich meistens Platten auf, und feste Bookings sind nun mal nicht verschiebbar. Einmal pro Woche ist eigentlich auch die Zuender-Kolumne fällig, aber auch hier wird der geneigte Leser bemerkt haben, dass ich den nicht vorhandenen Drucklegungsschluss eines Online-Mediums durchaus hin und wieder ganz im Geiste der Prokrastination auslege.

Es ist nicht so, dass ich faul wäre oder keine Lust auf Dinge habe. Wenn ich mich erst mal daran gemacht habe, entwickle ich bei den diversen Tätigkeiten sogar viel Freude, am meisten natürlich darüber, endlich mal angefangen zu haben. Doch selbst diese in Aussicht stehende Freude genügt in den meisten Fällen nicht.

Selbst die durchaus vorhandene Angst vor Konsequenzen lässt mich weitestgehend kalt, und das war schon immer so. Matheschulaufgabe: Einen Tag vorher lernen muss reichen. Magisterprüfung: Mehr als eine Woche Vorbereitung geht nicht. Internet funktioniert nicht: Ich ruf morgen bei T-Com an. Zahnarzt. Och, die Schmerzen gehen schon von selbst wieder weg. Beziehungsprobleme: Lösen sich hoffentlich irgendwie von alleine.

Tatsache ist: Ich könnte wesentlich reicher, gesünder und stressfreier leben, wenn ich mich mal zusammenreißen würde. Manchmal frage ich mich echt, ob ich bescheuert bin, weil ich´s einfach nicht tue. Aber selbst wenn Leute, die sich Sorgen um mein Verpeiltsein machen, zu mir sagen ´Tu´s einfach! Sonst liegt irgendwann dein Leben in Trümmern vor dir!´, dann geht das bei mir zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus.

Ich schwöre seit jeher Stein und Bein, dass ich nur unter Druck kreativ und produktiv sein kann. Das war in der Schule so, das war als Printjournalist so, als kein einziger meiner Texte vor, sondern in der Regel nach Deadline eintraf, das ist jetzt in nahezu allen Lebensbereichen so. Das einzige, was mich in manchen Situationen davon abhält, Dinge aufzuschieben, ist, wenn Dritte dadurch allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn sie wegen mir Ärger bekommen oder warten müssen. Voraussetzung: Ich kenne und mag diese Dritten. Dazu passt auch, dass ich bei Verabredungen einer der pünktlichsten Menschen der Welt bin. Aber der Zahnarzt oder die Steuersachbearbeiterin? Denen ist es doch eh egal, was ich in meinem Leben veranstalte, also sind sie auch für mich nicht real existent.

Ich weiß nicht, wie ich das alles ändern soll. Jetzt, da ich auch noch weiß, dass ich eine Störung habe. Cool, eine Sache mehr, deren Behebung ich hinausschieben kann. Und überhaupt: Wer hat denn ganz generell schon Lust, unangenehme Dinge zu tun?

Aber diese Kolumne, die ist ja eigentlich sehr angenehm. Die macht Spaß. Und wenn nächste Woche um diese Zeit, öhm, wider Erwarten doch noch keine neue hier steht, dann bitte einen Psychologen rufen, dazu am besten noch einen Zahnarzt und einen Steuerberater. Irgendwann muss das ja mal jemand für mich erledigen.

Totalschaden

Markus Kavka fährt Auto und denkt nach. Da passiert es: Ein Augenblick, ein Wimpernschlag, ein Glück

Zweifelsohne gehören die letzten vier Wochen zu den glücklichsten in meinem Leben. Ich hab die WM in vollen Zügen genossen, hab alle Spiele gesehen, davon sogar auch ein paar im Stadion, war Teil der großen Party. Vor ein paar Tagen wurde mir allerdings schlagartig klar, wie schnell alles vorbei sein kann.

Ich war letzten Freitag zu Gast bei der NDR-Talkshow „Herman&Tietjen“. Die Sendung wird live aus einem Studio in Hannover ausgestrahlt, und so machte ich mich am frühen Abend auf den Weg dorthin. Da meine private Karre nicht langstreckentauglich ist, gab´s einen schnittigen Mietwagen. Vor Ort war´s angenehm, ich freute mich auf die anderen Gäste wie Bully Herbig, Cleo Kretschmer und vor allem Sepp Maier, von dem ich mir nachher noch ein Autogramm holte.

So gegen ein Uhr ging´s dann zurück nach Berlin. Ich fühlte mich fit, die zweieinhalb Stunden Fahrt sollten kein Problem sein, zumal ich nachts eh am liebsten fahre. Die Autobahn war allerdings ziemlich voll, Ferienbeginn, LKWs, an allzu zügiges Vorankommen war also nicht zu denken. Ich war etwa eine Stunde unterwegs, als vor mir ein Lastwagen von der rechten auf die mittlere Spur wechselte. Ich überholte auf der linken Spur und fuhr mit ca. 130 km/h etwa 100 Meter hinter einem anderen PKW.

Plötzlich ein lauter Schlag. Meine Karre brach nach rechts aus, die Motorhaube stand senkrecht nach oben, aus dem Motorraum kam Rauch. Nanu? Ich bekam das schlingernde Gefährt wieder in den Griff, konnte allerdings nichts erkennen, weil die Motorhaube immer noch wie ein Brett vorm Kopf die Sicht versperrte, nur am unteren Rand der Windschutzscheibe war ein zweifingerschmaler Spalt zum Durchlugen geblieben. Ich war nun wieder auf der mittleren Spur, der Tacho zeigte 100 km/h an, an stärkeres Bremsen war wegen des dichten Verkehrs nicht zu denken, ich musste also irgendwie auf die Standspur rüberkommen.

Rechts zogen die LKWs nahezu lückenlos an mir vorbei, es schien auch keine Sau ein rauchendes Auto mit hochstehender Motorhaube und Warnblinkleuchten zu bemerken. Aber half alles nichts, der Blindflug nach vorne konnte nicht mehr lange gut gehen, ich musste irgendwie zwischen den Lastern durch, und die sah ich ja immerhin im Rückspiegel. Nach gefühlten zehn Kilometern und tatsächlichen 500 Metern kam ich schließlich unverletzt auf der Standspur zum Halt.

Natürlich war ich jetzt gespannt wie ein Flitzebogen, welcher Anblick sich mir hinter der Motorhaube bieten sollte. Wow.

Die rechte Frontpartie sah aus, als hätte sich jemand einen Spaß mit einem Granatwerfer erlaubt. Der vordere Teil der Motorhaube samt Kühlergrill war komplett weggefetzt, ein paar Blechstreifen und Metallteile ragten komisch verdreht in alle Richtungen, ganz so, als hätte Hulk damit Fingerübungen gemacht. Der Wasserkühler, aus dem offenbar der Rauch kam, war etwa 30 Zentimeter in den Motorraum hineingedrückt worden, Teile des Rotors und anderer Kram steckten im Motorblock.

Was zum Henker war es, das da auf mich zugeflogen kam? Ich hab nichts gesehen. Es muss was Schweres gewesen sein, jedenfalls kein abgefallenes Deutschlandfähnchen. Vielleicht ein größerer Stein, ein Auspufftopf, eine Metallplatte, irgendwas, das vor mir hochgewirbelt wurde und in Kniehöhe einschlug. Oder warf jemand was von einer Brücke? Konnte mich aber nicht erinnern, in dem Moment unter einer durchgefahren zu sein. Auch auf der Fahrbahn war kein Gegenstand zu entdecken. Allerdings stand 100 Meter vor mir ein weiteres Auto auf der Standspur, mit, wie sich rausstellen sollte, zwei platten Reifen auf der rechten Seite. Der Fahrer hörte es nur zweimal knallen und schlingerte anschließend ebenfalls nach rechts. Komisch.

Ich rief die Polizei. Dem Beamten entfuhr zwar ein "Ach du Scheiße, das sieht ja verheerend aus!", allerdings machten er und sein Kollege keine Anstalten, weiter nach dem Grund für die Verwüstung zu forschen bzw. die Fahrbahn abzusuchen. Schaden aufgenommen, Abschleppdienst gerufen, tschüs.

"Is´n Totalschaden, is´klar, ne?!", meinte der Fahrer des Abschleppwagens. "Isn´ Leihwagen, Vollkasko", entgegnete ich. Mit beiden Autos Huckepack ging es dann zu einem Autohaus, das mir glücklicherweise einen Ersatzwagen zur Verfügung stellen konnte. Inzwischen war es fast vier Uhr morgens, ich war immer noch fit, Adrenalin sei Dank.

Nach eher vorsichtiger Fahrt war ich schließlich um 6 Uhr zurück in Berlin, immer noch bester Dinge. Dann setzte ich mich aufs Sofa, trank einen Grappa und fing an zu zittern. Da war er nochmal, der kleine Colt-Seavers-Film, den ich bei der ersten Ausstrahlung gar nicht so wirklich mitbekam.

Schwitz. Der erste Autounfall in meinem Leben. Aber ging ja noch mal gut. Das Objekt hätte auch auf der Fahrerseite die Windschutzscheibe durchschlagen können, ich hätte im Blindflug ein anderes Auto rammen können oder meinerseits von einem LKW auf die Hörner genommen werden können. Meine Mama würde sagen, ich hatte einen Schutzengel. Wohl war, aber ich hatte auch ein Ticket fürs Endspiel zwei Tage später. Ich sag doch: die glücklichsten vier Wochen in meinem Leben.

Heute kam der Unfallfragebogen der Mietwagenfirma. Unter „Unfallursache“ war ich fast versucht, „Aliens“ reinzuschreiben.

Zivilcourage statt Biologie

In Berlin diskutierten Thomas Roth und Uwe-Karsten Heye über No-Go-Areas in Deutschland. Markus Kavka hat zugehört und ist ratlos geblieben: Die Welt zu Gast bei unzuverlässigen Bekannten?

Irgendwie hatte diese Veranstaltung etwas unfreiwillig anachronistisches. Während nach dem Deutschland-Spiel draußen auf der Fanmeile 500.000 Leute den Slogan Die Welt zu Gast bei Freunden mal wieder vorbildlich lebten, debattierten im Studio der Berliner Akademie der Künste ein prominent besetztes Podium und ein paar hundert Zuschauer über das Thema "No-Go-Areas - Rechte Gewalt in Deutschland".

Moderator Thomas Roth von der ARD freut sich: "Super, dass so viele da sind, trotz des spannenden Vorrundenspiels England gegen Schweden". Das liegt vermutlich daran, dass die Aussage von Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye zum Thema immer noch polarisiert und eine emotionale Diskussion nach sich zieht. Heye hatte nämlich festgestellt, dass dunkelhäutige WM-Besucher bestimmte Gegenden in Ost-Deutschland lieber meiden sollten, wenn sie die WM überleben wollten. Mittlerweile ist die Debatte auch an einem Punkt angelangt, an dem die Existenz dieser No-Go-Areas grundsätzlich nicht mehr in Frage gestellt wird. Ab jetzt geht es darum, Lösungen anzubieten, wie man dieser Tatsache Herr werden kann.

Heye, natürlich auf dem Podium vertreten, geht es vor allem darum, die Ursachen für Rechtsextremismus zu bekämpfen. "Ich habe noch kein Baby gesehen, dass aus dem Kinderwagen "Heil Hitler!" schreit, meint er, "denn immer steht eine Erwachsenenwelt hinter den Jugendlichen". Neuen Zündstoff lieferte Heye, als er das deutsche Schulsystem mit den Worten "Die Situation an deutschen Schulen macht aggressiv und krank!" kritisierte.

Auf dem Podium saß auch die Schauspielerin Katja Riemann, die in Heyes Ausführungen mit Fragen wie "Wie kriegt man Bock aufs Leben?" reingrätschte; ansonsten bei besonders schlimmen Rassismus-Geschichten theatralisch die Hände vors Gesicht schlug, ausführlich von ihren Schauspielerfahrungen im Ausland erzählte und nach etwa einer Stunde, also vor allen anderen, bühnenreif abtrat - nicht ohne der verdutzten Zuschauerschaft noch Ratschläge wie "Man sollte an den Schulen Zivilcourage statt Biologie unterrichten!" zu hinterlassen.

Simplice Freeman, der einzige Dunkelhäutige auf dem Podium und jemand, der selbst schon öfter rassistisch motivierte Gewalt erfahren musste, brachte noch einen anderen Aspekt in die Runde ein: "Viele Schwarze in Deutschland wissen nicht, wo sie ihre Füße hinsetzen sollen. Sie sind ohne Chance, gefangen zwischen Rechtsextremen und Polizei. Ich kenne keinen Schwarzen in Deutschland, der noch nicht von der Polizei schikaniert wurde."

Das wollte ein anderer Diskussionsteilnehmer natürlich so nicht unterschreiben, nämlich der brandenburgische Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg. Er räumte zwar ein, dass es unmittelbar nach der Wende Probleme bei der Strafverfolgung im Osten gegeben habe, es mittlerweile aber "gewisse positive Entwicklungen" gebe, die unter anderem auch dazu führten, dass "Neonazis nicht mehr in voller Montur durch Brandenburg laufen können".

Die Zeit reicht nicht mehr, um auf die jüngsten Übergriffe einzugehen, dem Publikum bleibt sowieso nur noch eine Viertelstunde für eigene Fragen. Und obwohl die Fragesteller Schlange stehen, bremst Moderator Roth sie aus - schließlich beginnt ja in wenigen Minuten das England-Schweden-Spiel.

Das will ich natürlich auch sehen, klar. Aber das kann keine Entschuldigung dafür sein, dass offenbar so viele im Publikum, mich eingeschlossen, die Diskussion so unbefriedigt verließen. So stand ich dann kurz vor 21 Uhr mitten in der Berliner Fußballparty, sah die vielen dunkelhäutigen Fans aus aller Herren Länder, sah daneben die Polizisten und dachte an das, was Freeman gesagt hatte. Die Welt zu Gast bei unzuverlässigen Bekannten statt bei Freunden? Doch keine anachronistische Veranstaltung, das?

Ich bleibe dran an der Sache und bin gespannt auf eure Erfahrungen/Meinung/Kritik.

WM-Eröffnungsspiel

Markus Kavka putzt sich die Zähne und erinnert sich an die WM-Eröffnung. Schön war’'s– und irgendwie anders.

Wenn Fußball zum Event wird. Ohne Scheiß: Drei Tage nach der WM-Eröffnung fällt es mir immer noch schwer, das Spiel losgelöst vom Drumherum zu betrachten. Wie es sich gehört, war ich nämlich pünktlich zur Eröffnungsfeier im Stadion - eigentlich sogar überpünktlich, weil ich hinsichtlich der Anfahrt und der Einlasskontrollen mit wesentlich mehr Tamtam gerechnet hatte. Tatsächlich aber war ich von der Münchner Innenstadt aus in zwanzig Minuten am und nach weiteren 15 Minuten im Stadion. Am längsten hielt mich am Eingang nicht die Security auf, die nicht mal meinen Ausweis sehen wollte und auch sonst nur recht lasch an mir rumtatschte, sondern die Highheels-Lady, die ein Riesenfass aufmachte, weil man ihr aus Sicherheitsgründen das Gucci-Parfüm-Flakon wegnahm. Braucht man im Stadion auch nicht unbedingt, finde ich. Wie auch die komplette Lady, wenn ich da mal ganz ehrlich sein darf. Überhaupt hatte man im Stadion den Eindruck, dass nicht wenige Leute in den Besitz von Karten gekommen waren, die vorher offenbar noch nie einem Fußballspiel beiwohnten und die Veranstaltung eher als ein Spektakel und nicht als eine sportliche Auseinandersetzung verstanden. Insofern lassen sich so die schlanke Auswahl an Fangesängen (ganze drei) sowie auch Fragen der Nebensitzer wie „Ist das im Tor der Olli Kahn?“ oder „4:2, haben wir jetzt auch 4 Punkte?“ erklären. Mei, das WM-Eröffnungsspiel, jetzt haben wir Karten, dann geh’ma halt in Gottes Namen auch mal hin...

Aber zurück zur Eröffnungsfeier, die diese planlosen Nixchecker vielleicht ganz schön fanden, weil’s da ja schließlich keine komplizierten Regeln gibt und darüber hinaus auch noch eine Menge Prominenz und Zinnober gereicht wird. Aber jetzt mal ernsthaft: Habe nur ich mich gefragt, ob die WM tatsächlich in Deutschland und nicht ausschließlich in Bayern stattfindet? Ich mein, ich fand die Goaßlschnalzer, Schuhplattler und Dirndlmaderl als gebürtiger Oberbayer ja toll, war wie früher auf’m Trachtenfest, aber so ein bisschen ausgestreckter Mittelfinger Richtung Berlin war das schon, oder? Und in welcher Sprache hat eigentlich Grönemeyer gesungen? Das war doch auch bayerisch. Oder aber ganz was anderes, deutsch klang das jedenfalls nicht. Nach einer knappen Stunde war der Heckmeck überstanden und zog die Erkenntnis nach sich, dass live im Stadion erlebte WM-Eröffnungsfeiern mindestens genauso gaga wie im Fernsehen verfolgte sind.

Zum Spiel an sich ist alles gesagt. Das Wahnsinnstor von Lahm (Bayer!); Spaßbremse Wanchope, der auf mich, der ich hinterm Tor saß, für meinen Geschmack viel zu oft alleine zulief und damit nicht nur mir, sondern auch allen anderen, vor allem wohl Arne Friedrich, total auf den Sack ging; der doppelte Geburtstags-Klose; Klinsis vogelwilde Auswechslungen und schließlich das Gerät von Frings.

Darüber hinaus konnte ich für mich überprüfen, wie es denn um meinen Patriotismus bestellt ist. Christoph Metzelder hatte heute erst angemerkt, dass er sich bei den deutschen Fans mehr davon wünschen würde, „bei aller Beachtung dessen, was in der Vergangenheit passiert ist“. Klar will ich, dass wir Weltmeister werden, und ich bin auch der Letzte, der bei phantasievollen Fangesängen nicht auch mit einstimmen würde, aber so tumb „Deutschland! Deutschland“ zu grölen, fällt mir dann doch schwer. Und bei „Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!“ stehe ich auch nur deswegen (schweigend) auf, weil alle vor mir aufstehen und mir so die Sicht versperren. Was ich im Stadion zudem vermisste, waren die altbekannten Rituale im Zusammenspiel Stadionsprecher und Fans. Kein Brüllen der Spielernachnamen beim Verlesen der Aufstellung, kein „Deutschland: VIER! - Costa Rica: Nuuuuullllllllll!“ und kein „Danke! BITTE!“ nach dem Tor. Hat die Fifa wohl verboten, zwecks Internationalität und so. Dafür gab’s im Stadion wider Erwarten deutsches Bier und das geliebte Stadionwurschti und nicht, wie befürchet, Amiplörre und -fastfood.

Ob ich jetzt von all dem noch meinen Enkeln erzählen werde? Ja, schon. Ich war beim Eröffnungsspiel der WM in Deutschland, hatte kein Flakon dabei und wusste, dass Lehmann im Tor war und wir nach dem Sieg drei Punkte hatten. Meine Enkel werden stolz auf mich sein.

Mini-Playback-Horror-Freakshow

In den USA singen 13-jährige Zwillinge Nazi-Lieder im Dirndl. Jetzt kommen sie zu einer NPD-Veranstaltung nach Deutschland. Markus Kavka will etwas unternehmen. Ihr erinnert euch noch an die Mini-Playback-Horror-Freakshow Prussian Blue? Nicht? Dann erst mal hier nachlesen.

So, nun seid ihr soweit informiert und habt auch den letzten Satz, "Ich halte euch auf dem Laufenden", gelesen. Insgeheim hatte ich gehofft, euch nie mehr etwas über die Gaede-Zwillinge Lynx und Lamb erzählen zu müssen, dass sie einfach von der Bildfläche verschwinden. Stattdessen ist das Worst-Case-Scenario eingetreten: Prussian Blue kommen nach Deutschland. Die NPD feiert am 17. Juni nahe der Gemeinde Cham in der Oberpfalz ihr "Sommerfest", und da hat man sich gedacht, dass die blonden, blauäugigen Braunen aus Bakersfield im sonnigen Kalifornien genau das Richtige wären, um Jung und Alt zu unterhalten.

Eingerahmt wird das Programm von Rednern wie dem NPD-Chef Udo Voigt oder dem NPD-Parteivorstand Sascha Roßmüller, dazu gibt’s dann außer Prussian Blue auch Musik von den Bands Hauptkampflinie und Burning Hate sowie dem Liedermacher Edei aus der Band Kraftschlag. Des weiteren erwarten den geneigten Neonazi ein Bierzelt, Infostände und - besonders bezaubernd - "eine Hüpfburg für die Kleinen". Darauf können dann auch Lynx und Lamb mit ihren gerade mal 13 Jahren noch rumtollen, nachdem sie ihren Auftritt - der vermutlich im Dirndl sein wird, weil das tragen sie so gerne - vielumjubelt hinter sich gebracht haben. Etwa 1000 Leute werden erwartet, darunter auch Rechtsextremisten aus Spanien, Griechenland und Schweden, und bestimmt wird auch Mama Gaede mit ihrer White-Supremacists-Blase anreisen, um traditionell Kekse in Hakenkreuz-Form zu verteilen. Sie wird sich wundern, dass dieses - ausgerechnet im Vaterland - bei Strafe verboten ist, präsentiert dann aber die neuen hübschen Fotos ihrer Zwillinge von ihrem "trip to the snow". Da bauen die zwei Mädchen herzallerliebst einen Schneemann - der am Ende natürlich aussieht wie der Führer, also mit dunkelbraunem Seitenscheitel und Bärtchen.

Prussian Blue haben dieses Jahr auch eine neue CD veröffentlicht. Titel: The Path We Chose. Noch müsste es eigentlich "The Path Our Parents Chose" lauten, aber so langsam sollte man den Girls auch einen Funken eigenen Verstand zutrauen dürfen, mit dem sie ihr Tun allmählich auch ein bisschen hinterfragen. Dazu taugen die wenigen textlich harmlosen Boy-meets-Girl-Songs auf der CD noch lange nicht, zumal sie selbstverständlich von einigen Coverversionen von, wie es heißt, "nationalistischen Klassikern" wie Ocean Of Warriors und Green Fields Of France eingerahmt sind.

Prussian Blue sind natürlich ganz aus dem Häuschen, weil sie endlich mal im Land ihrer Idole Adolf Hitler und Rudolf Heß auftreten dürfen. Und DASS sie das dürfen, ist eine Schande. In Australien war man alarmiert genug, um ihnen nach Protesten von Aborigines und jüdischen Verbänden die Einreise zu verweigern. Bleibt also alles mal wieder an der Antifa hängen. Auf antifa.de ist zwar noch nichts zu lesen, aber angeblich laufen die Vorbereitungen von Gruppen aus ganz Bayern sowie der Linkspartei für eine Gegenaktion unter dem Motto "Nazis Unplugged" auf Hochtouren. Wenn sie es einrichten: bitte mitmachen. Es wäre eine Katastrophe, wenn Prussian Blue und ihr Anhang nach ihrem Besuch auch noch denken, dass sie hier willkommen waren.

Pete Doherty

Markus Kavka putzt sich und denkt nach: Über Rockstars, Drogen, und wie man über diese ungute Mischung berichten sollte, irgendwo zwischen Katastrophentourismus und Mitgefühl.

Blutspritzer aufs Kameraobjektiv, dann ich, dann wieder die Blutspritzer. So sah das aus, als ich mich gerade im Fernsehen gesehen habe. Bei RTL Punkt 12, einer Sendung, in der ich nun gar nicht gerne auftauche. Irgendwie schienen sie dort unserer MTV Newsmag Show vom Montag habhaft geworden zu sein, aus der sie Ausschnitte aus meiner Moderation und dem Beitrag über Pete Doherty zeigten. Spätestens jetzt ist er also auch im deutschen Boulevard angekommen, der Mann, der in England schon lange nicht mehr aus der Yellow Press wegzudenken ist, und das nicht erst, seit seine (Ex?)Freundin Kate Moss beim Koksen fotografiert wurde.

Die Bilder, die erst wir und dann RTL zeigten, bereiten mir heute noch Bauschmerzen. Die Geschichte dazu ist diese: Am Donnerstag spielte Pete Doherty mit seiner Band Babyshambles ein Konzert in Berlin. Danach war ein Interview angesetzt, für das Pete eingeplant war, zunächst aber - Überraschung - nicht erschien. Fünf Minuten nach Interviewbeginn kam er plötzlich doch noch und setzte sich neben seine beiden Bandkollegen. Für uns alle nicht sichtbar, zog er irgendwas unter seiner Jacke hervor, und bevor wir reagieren konnten, sprühte Pete aus einer Spritze einen Strahl roter Flüssigkeit auf Kameraobjektiv, Kameramann und Redakteur. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich bei der Flüssigkeit um ein Blut-Heroin-Gemisch, zumindest wollen Zeugen Backstage beobachtet haben, wie Pete sich mit der betreffenden Spritze einen Schuss setzte, bevor er den Interviewraum betrat. Mit den Worten "Superschuss, nicht wahr?" kommentierte Pete das, was er für einen lustigen Streich hielt.

Darf man Blutrotz auf der Kamera zeigen, wenn er von einem Junkie namens Pete Doherty abgesondert wurde? Das ist die Frage, die wir mit unseren Zuschauern seit Tagen diskutieren. Die einen sagen: Euch geht´s nur um die Quote, ihr liefert einen Menschen, der sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, ans Messer. Die anderen sagen: Richtig so, nur auf diese Art und Weise kann man Pete wieder clean machen und zur Vernunft bringen, weil das, was er gemacht hat, asozial ist und ihm womöglich einmal mehr Ärger mit der Polizei einbringen wird, und außerdem hätten Kameramann und Redakteur ihm noch vor Ort eine aufs Maul hauen sollen.

Mitleid/Sorge vs. Wut/Abscheu - der übliche Konflikt, wenn´s um Junkies geht. Kann man bei der Bewältigung dieses Konflikts irgendwas richtig machen? Ein Freund von mir fing vor ein paar Jahren mit der Scheiße an. Ich kannte ihn als schlaues, sensibles, besonderes Kerlchen. Er lernte neue falsche Leute kennen, rauchte erst und spritzte später Heroin, er log, beklaute mich, ich kam nicht mehr an ihn ran, seine Familie versuchte alles, es ging ihm schlecht, er brauchte Geld, er fing an zu dealen, wurde schließlich dabei erwischt und verschwand für zwei Jahre im Knast - unsanfter, humorloser, kalter Entzug inklusive. Seit er wieder draußen ist, rührt er das Zeug nicht mehr an. Klar, die letzten Jahre waren nicht lustig, im Gefängnis schon gar nicht, er ist vorbestraft, aber: Er lebt.

Schon lange nicht mehr war im gefährlichen Rock´n´Roll Zirkus jemand so öffentlich Junkie wie Pete Doherty. Da mal ein Foto, auf dem er mit einer Spritze am Arm eines am Boden liegenden, bewusstlosen Mädchens hantiert, dort mal eins, das der - ausgerechnet! - BILD-Reporter bei der gemeinsamen Autofahrt durch Köln von Pete beim Crack rauchen macht, dazu unzählige Geschichten von Verhaftungen, Anklagen, Verhandlungen und abgebrochenen Entzugstherapien. Pete Doherty ist - absichtlich oder nicht - zum Deluxe-Totalschaden geworden.

Seine Ex-Band, die Libertines, und auch jetzt die Babyshambles sind die beste Musik, die England seit mehr als zehn Jahren passiert ist. Pete Doherty ist ein genialer Musiker, ein helles, lustiges Bürschchen, aber eben auch eine richtig arme Sau - wobei ich selbst nicht weiß, wie ich das ´arm´ jetzt genau meine: ´Arm´ in Sinne von bemitleidenswert oder aber ´arm´ in Sinne von asoziales Arschloch. Thees Uhlmann von Tomte brachte das Ganze gut auf den Punkt, indem er sagte: "Wir gucken ja gerade Pete Doherty beim Sterben zu. Das muss man einfach so sagen, also ich wünsche dem alles Gute, ich find das auch toll, was der macht, aber ich glaube, dass die Chancen, dass er die nächsten vier Jahre erlebt, so im 50 Prozent-Bereich sind." So bin ich also privat wie als Medienfuzzi hin- und hergerissen zwischen Katastrophentourimus und Mitgefühl, zwischen Rock´n´Roll und dem guten Leben, zwischen Sperrt-ihn-ein und Lasst-ihn-in-Ruhe, und damit bin ich genau so unsicher wie vorher, ob´s richtig war, die Blutbilder zu zeigen.

Panini

Markus Kavka putzt sich und klebt Bilder ein

Gerade kam eine Kollegin freudestrahlend zu mir an den Schreibtisch und meinte: "Du sammelst doch WM-Bildchen, oder? Schau, ich hab den Ballack und den Schweini für dich!" Hmpf, die sind doch ausm Hanuta, die kann ich doch nicht ins Panini-Album kleben...

Aber um ehrlich zu sein: Es gab schon mal Zeiten, da habe ich zumindest darüber nachgedacht, dies zu tun. Einfach so reinkleben geht natürlich gar nicht, aber selbst wenn man den Originalrand der Panini-Bilder abschneidet und das nicht offizielle Foto einfügt, sieht das immer noch kacke aus. Macht alles kaputt.

Dieses Mal kommt´s mir schwieriger vor als sonst. Alleine das Auftun eines Kiosks, der die Bilder vertickt, gestaltete sich in Berlin-Kreuzberg mehr als schwierig. O-Ton meines Stammspätverkaufinhabers: "Weißt du, Kollege, Türkei spielt nisch mit, brauch ich auch keine blöde Bilder von andere Mannschaften!" Also rüber nach Friedrichshain oder Prenzlauer Berg, da sind die Chancen besser. 80 Päckchen habe ich mittlerweile geholt, und immer noch ist das Ritual genau so schön wie früher. Erst die Päckchen mit zittrigen Händen aussuchen, dabei natürlich nicht von vorne wegnehmen, sondern über den Karton verteilt einzelne ziehen. Dann heim und eins nach dem anderen aufreißen und die fünf Bilder einkleben oder in aufsteigender Stickernummer auf den Doppelten-Stapel legen.

Meine Bilanz bis jetzt: Gut 70 Doppelte, immer noch weit und breit kein Ronaldinho in Sicht, dafür ist Holland aber fast komplett. Ich wittere eine Verschwörung. Angeblich ist es nämlich auch so, dass in den jeweiligen Ländern immer verhältnismäßig wenige Bilder des eigenen Teams vertrieben werden. Haben also jetzt unsere niederländischen Nachbarn schon ganz viele Deutsche? Und wo ist überhaupt Jens Lehmann? Nicht, dass ich so scharf auf den wäre, aber merkwürdig ist es schon, dass er im deutschen Team gar nicht auftaucht, auch nicht, wie bei vielen anderen Teams der zweite Torwart, als letztes Bild rechts unten. Statt Lehmann gibt´s dann aber so formschwache Pfeifen wie Ernst oder Kuranyi oder aber den garantiert nicht teilnehmenden, verletzten Sebastian Deisler.

Ein Blick auf www.stickermanager.com soll Aufschluss darüber geben, wie ich dastehe und ob meine Eindrücke zahlenmäßig belegbar sind. Aus dem stündlich aktualisierten Ranking der seltensten Bilder geht hervor: Die Panini-Jubiläumsbriefmarke (rechts unten im Albumcover) ist der mit Abstand am wenigsten verbreitete Sticker, gefolgt von Lionel Messi und - ha! - Patrick Owomoyela. Ebenfalls in den Top 10: Beckham, Makelele und Masskottchen Goleo. Mist, von den zwanzig rarsten Nummern hab ich nur fünf, und dabei macht mein Album doch schon einen so vollen Eindruck. Ich sehe meine Felle schon wieder schwimmen, obwohl ich jetzt natürlich ein ganz anderes Budget zur Verfügung habe als vor dreißig Jahren, als inklusive Oma-Support und Extra-Tütchen von den Eltern für ´ne Eins in der Schule nicht mehr als fünf Tütchen pro Woche hergingen - trotz des damaligen Preises von zehn Pfennig. Allerdings gilt damals wie heute: Nachbestellen ist was für Luschen. Panini bietet die Möglichkeit, bis zu fünfzig Bilder gezielt zu ordern. Geht gaaaaar nicht.

Ich will mein Album vollbekommen, ich will ich will ich will! Hab´ ich noch nie geschafft! Aah, Arbeitskollege kommt grad ´rum zum Tauschen. Was seh´ ich denn da?! Ronaldinho?! Nehm´ ich. Und da?! Die Panini-Jubiläums-Briefmarke!!! Unfassbar. Ich kenne niemanden, der die überhaupt schon mal gesehen hat, und er hat sie DOPPELT?! Ich frag´ ihn ungläubig, ob er mich verarschen will und sie mir gleich wieder wegnimmt. "Nö nö, ich nehm´ von dir Ronaldo, das passt schon!" Was für ein toller Mensch, mein Kollege. Der Tag, ach was, mindestens die Woche ist gerettet.

Noch bin ich also lange nicht soweit, als dass ich ausgerechnet Patrick-"Ich-spiel-bei-Bremen-ein-bisschen-gut- in-der-Nationalmannschaft-aber-nicht"-Owomoyela als Hanuta-Bildchen ins Heft pfusche.

Popetown

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Popetown, den Medienhype und wie es war, Sabine Christiansen zu spielen. Was lernen wir? "Wer sich ins Feuilleton begibt, kommt darin um."

"Sobald wir wissen, was wir tun, sagen wir’s euch." Das war mein abschließender Satz bei der vorgestrigen MTV-Spezialsendung zum Thema Popetown. Zuvor hatte ich mich in der Diskussionsrunde als ehemaliges KJG-Mitglied (Katholische Junge Gemeinde) geoutet, mit diesem den Umständen entsprechend abgewandelten Zitat aus Kapitel 23 des Lukasevangeliums tat ich mich wahrscheinlich endgültig als Kuschel-Christ hervor.

Eigentlich ist zum Thema Popetown jetzt alles geschrieben worden (vergl. stellvertretend auch den Artikel bei Zeit.de). Aber da diese Kolumne ja auch so ein bisschen Reserveblog mit der entsprechend persönlichen Note ist, will ich mal ein wenig davon erzählen, wie es für mich und meinen Arbeitgeber so war, Sabine Christiansen zu spielen. Für die, die’s nicht gesehen haben: MTV hat am Mittwoch die erste und bis dato einzig geplante Folge von Popetown ausgestrahlt, eingerahmt von einer Diskussion, an der teilnahmen:

- Dirk Tänzler, der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend
- Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen
- Johannes Vogel, Vorsitzender der Jungen Liberalen
- Smudo von den Fantastischen Vier
- Henry Gründel von den RTL Freitag Nacht News
- Michael Hanfeld von der FAZ und
- Christian Zabel vom Fernsehfestival Cologne Conference

Und nein, niemand von der Diözese München/Freising und auch niemand von der CSU, also den schärfsten Kritikern von Popetown. Die waren zwar eingeladen, wollten/konnten aber nicht kommen. "Eine Diskussion zu den Bedingungen und unter der Regie von MTV ist nicht akzeptabel", hieß es beispielsweise in der offiziellen Absage des erzbischöflichen Ordinariats in München. Schade, zumal im Vorfeld von einigen Maschinengewehren Gottes nicht zu knapp Salven abgefeuert wurden, die von Unterlassungserklärungen über angestrebte einstweilige Verfügungen bis hin zum Entzug der Sendelizenz reichten - Dinge also, die für eine hübsche Diskussion gesorgt hätten. Und so wurd’s dann halt recht muckelig.

So richtig dagegen war eigentlich keiner der Diskussionsteilnehmer, einzig Dirk Tänzler würde die Serie nicht ausstrahlen, bei allen anderen war der Tenor: Viel (Weih-)Rauch um nichts. Natürlich wurde die Popetown-Debatte schon im Vorfeld auf eine Ebene gehievt, die weit übers Ziel hinaus schoss. Spätestens bei der Erwähnung der Mohammed-Karikaturen wurde ein Fass aufgemacht, das gerne den Deckel hätte behalten dürfen. Richtig ist, dass MTV mit der grenzwertigen "Lachen statt rumhängen" -Anzeigenkampagne heftig provozierte. Dass wir allerdings dann die Steilvorlagen aus München dankend annahmen, kann uns aus Marketing-Sicht keiner so richtig vorwerfen. Blöd wäre MTV gewesen, hätte man sie nicht verwertet. Und wie sagte Smudo in der Diskussion ganz treffend: "Die Kirche und die CSU erleiden in dieser Sache einen Imageschaden, MTV gewinnt dagegen."

Aus München kommen nach wie vor Schimpf und Schande über Popetown, das Feuilleton hat sich mittlerweile auf Humorkritik eingeschworen. "Zu dumm und plump, um zu provozieren", liest man in dem Zusammenhang immer wieder. Herrje, oder: Wer sich ins Feuilleton begibt, kommt darin um. Ich verrate aber kein Geheimnis, wenn ich sage, dass sowohl Popetown als auch die Live-Diskussion drum herum nicht dafür gemacht wurden, sondern für unsere Zuschauer, die im Kern zwischen 14 und 19 Jahre alt sind und in ihrer Freizeit auch über so Sachen wie Jackass, South Park und die Simpsons lachen. Vor diesem Hintergrund halte ich dann die Humorbevormundung von oben für etwas unangebracht. Ich persönlich reiß mir bei Popetown vor Lachen auch nicht gerade ein Bein aus - aber deswegen verbieten?

Klar war die Sendung am Mittwoch nicht ein Feuerwerk der Emotionen, man muss sich aber schon immer wieder mal vor Augen führen, worüber wir hier eigentlich reden: Einen Comedy-Cartoon. Anfang nächster Woche wird bei MTV entschieden, ob die restlichen neun Folgen davon ausgestrahlt werden. Im Zusammenhang damit wäre es unangebracht gewesen, die Sendung mit dem Original-Bibel-Zitat "Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." zu beenden. Wissen wir nämlich schon.

28. April 2006 - Handwerker

Handwerker

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Handwerker. Kriegt er jetzt Schnittchen oder nicht?

Erst kommt das Schleifen, und es fühlt sich so an, als würde jemand meine Zähne abfeilen. Dann kommt das Klopfen, und es fühlt sich so an, als würde jemand auf meiner Schädeldecke rumhämmern. Danach unterhalten sie sich, die beiden Fassadenrestaurateure vor meinem Fenster. Ihre Stimmen werden verstärkt durch den Resonanzraum Innenhof, und es fühlt sich so an, als würden sie plappernd direkt neben meinem Bett stehen.

Es ist 7.47 Uhr morgens, und einmal mehr beschleicht einen das Gefühl, dass Handwerker unbedingt noch vor 9 Uhr alle Werkzeuge ausprobieren, die Getöse verursachen, danach gibt´s Brotzeit. Eigentlich müsste ich erst in einer Dreiviertelstunde aufstehen, doch meine Freundin und ich liegen schon längst hellwach im Bett. Drei Meter trennen uns von den lärmenden Männern, die nicht viel Phantasie brauchen, um sich ausmalen zu können, dass sie stören. Sie sind ganz klar zu sehen, weil die Vorhänge hell und nicht besonders dick sind. Ob sie uns auch sehen können? Vorsichtshalber wickelt meine Freundin sich in eine Decke und huscht ins Bad. Ich verstecke mich derweil unter dem Kissen. Als ich schließlich auch angezogen aus dem Bad trete, geh ich entschlossen zum Fenster und ziehe den Vorhang zur Seite. Der Mann auf seinem Gerüst steht genau vor mir. Ich sage "Guten Morgen!", er auch. Wir fahren zur Arbeit und er kann jetzt die ganze Zeit ungestört in meine Wohnung gucken.

Aber Handwerker VOR der Wohnung sind natürlich noch um einiges angenehmer als Handwerker IN der Wohnung, denn dadurch entfällt der ganze Sozialterror.

Es beginnt schon mit dem Klingeln. Handwerker geben gerne ein üppiges Zeitfenster für ihren Besuch an, "so zwischen acht und zwölf" etwa. Entweder klingelt es dann viertel vor acht, wenn man noch unter der Dusche steht, oder aber um viertel nach zwölf, wenn man als komplettes Nervenbündel - mürbe gemacht durch stundenlange Warterei - den halben Tag, den man sich dafür freigenommen hatte, zu beenden gedenkt.

Und was macht man, nachdem man den Öffner gedrückt hat? Stellt man sich höflich ins Treppenhaus und wartet? Könnte zu aufdringlich wirken, so von wegen "Da sind Sie ja endlich!". Oder lehnt man die Tür an und lässt eintreten? Könnte zu desinteressiert und arrogant erscheinen. Bei mir ist es so, dass ich die Handwerker am Aufzug einsammeln MUSS, weil das Gängesystem in meinem Haus sich von dort aus so verzweigt, dass sie mich sonst nicht finden würden. Denke ich, denken aber offenbar nicht die Handwerker, die dann immer etwas irritiert ob des Abholkommandos gucken.

Schließlich steht der Mann in der Wohnung, und sogleich stellt sich die nächste Frage: "Kaffee? Schnittchen?" Bis heute habe ich nicht in Erfahrung bringen können, ob dies erwartet wird. Hängt wohl auch davon ab, wie lange der Handwerker in der Wohnung ist. Aber das weiß man ja im seltensten Fall vorher. Und wie sieht´s aus mit Smalltalk? Meine Wohnung ist ein Raum ohne Zwischenwände, nur das Bad ist abgetrennt. Mich dorthin zu verziehen, ist auch albern, also tu ich beschäftigt und sortiere meistens irgendwelchen Bürokram von A nach B um. Ganz abhauen fällt aus, weil man ja für eventuelle Zwischenfragen zur Verfügung stehen muss.

Zudem ist das Verhältnis Handwerker/Kunde ohnehin ein sehr verworrenes. Ich für meinen Teil hege eine heimliche Bewunderung für diesen Menschen, der da mit geübten Griffen Dinge in Ordnung bringt, die für mich Bücher mit sieben Siegeln sind - leckende Waschmaschinen und Geschirrspüler, Risse in der Wand, tote Steckdosen - er für seinen Teil lässt einen nicht selten eine gewisse Verachtung spüren, weil man zu doof ist, eine Schlauchschelle nachzuziehen oder ein Kabel anzulöten. Da wiederum werde ich dann zickig, weil ich so etwas als Akademiker nicht können muss und er ja schließlich auch gutes Geld für meine Blödheit bekommt. Apropos: Gibt man Handwerkern eigentlich Trinkgeld? Die Herrschaften von den Umzugsunternehmen sind da mal außen vor, die bekommen auf jeden Fall was, plus natürlich auch noch Kaffee und Schnittchen (dennoch: selbst was tragen is´ nich´). Aber Klempner, Elektriker, Maurer - bekommen die was? Man ist ja auch endlos glücklich, wenn danach wieder alles funktioniert, das muss doch honoriert werden. Undsoweiterundsofort.

Aber: Schön ist sie geworden, die neue Fassade. Also ich könnte das nicht...

Sich-selbst-googeln

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Übers Sich-selbst-googeln und was mehrere hundert Ergebnisseiten so psychisch bewirken

Neulich las ich ein Interview mit Marissa Mayer - ihres Zeichens Anfang 30, Produktmanagerin und Vizepräsidentin bei Google. In dem Gespräch bemerkte sie im Hinblick darauf, dass das Verb ´(er-)googeln´ mittlerweile längst im normalen Sprachgebrauch Einzug gehalten hat, darüber hinaus ganz richtig, dass es keine Seltenheit mehr ist, "dass Leute nach anderen Menschen aus ihrem Bekanntenkreis googeln; etwa, bevor sie mit jemanden ein Date haben".

Ein Kumpel von mir betrieb kürzlich - zuerst geschäftlich - mit einer jungen Dame Mailkorrespondenz, die sich allerdings in kürzester Zeit zu einem aufregenden handfesten Flirt mit anschließender Verabredungsabsicht entwickelte. Kurz vor Bestätigung des Dates googelte er den Namen der Lady. Seine kurze Notiz an mich: "Markus, die ist voll hässlich! Was mach ich denn jetzt?! Date platzen lassen und erst mal nicht mehr zurück mailen? Ja, das mach ich." Beim Googeln durchgefallen - eine ganz neue Facette der Annäherung.

Aber eigentlich braucht man gar keinen anderen Namen dazu. Der eigene reicht auch. Google-Guys, die narzisstisch ihre Treffer abfeiern, kennen wir alle. Ich selbst war auch mal einer. Als Google vor ein paar Jahren zur Startseite der meisten Rechner wurde und seinen großen Siegeszug antrat, konnte auch ich nicht anders und gab mehrmals pro Woche meinen Namen ein. Argumente, warum ich das tun MUSSTE, hatte ich ausreichend parat. Stimmen die biographischen Informationen, die über mich im Netz stehen? Bin ich in Interviews korrekt zitiert worden? Wie ist das Feedback auf meine Arbeit da draußen?

Schließlich kann man ja nicht vollkommen ignorant aus seinem Elfenbeintürmchen über die Köpfe der Leute hinweg senden. Letzten Endes ging es aber wohl auch bei mir hauptsächlich um das, worum es bei allen Den-eigenen-Namen-Googlern geht, nämlich: Eitelkeit. Man sieht die Trefferanzahl stetig wachsen und fühlt sich auf trügerische Art und Weise in seinem Tun und Sein bestätigt. Bis man anfängt, die Sachen zu lesen, denn genau damit begann mein Problem. Aufgrund meiner Persönlichkeit bin ich so gestrickt, dass ich mit Lob und Komplimenten nicht umgehen kann. Perlt an mir ab. Kritik allerdings, besonders, wenn sie den konstruktiven Bereich verlässt und unter die Gürtellinie geht, macht mich fertig. Nun darf natürlich im Internet jeder seine Meinung kundtun, und besonders zum anonymen Abkotzen ist es ein wunderbarer Ort. Ich wurde süchtig danach, böse Sachen über mich zu lesen. Und die gibt es zuhauf, sobald man seine Fresse erst mal ins Fernsehen hält und dabei nur ein klein wenig neben der "Nett"-Spur agiert und ein bisschen polarisiert. Niemand, auch nicht die vermeintlichen Säulenheiligen im Showgeschäft, kann davon ausgehen, nur Positives über sich geschrieben zu sehen. Was ich ja - wie bereits angedeutet - sowieso ignorieren würde. Nach einer Weile merkte ich, wie sich das auf meine Arbeit auswirkte.

Ich begann nachzudenken. Früher war mir alles egal, ich habe mich einfach vor eine Kamera gestellt und irgendwas erzählt. Daran, dass mein Moderationsstil, mein Aussehen und mein Humor nicht jedermanns Sache sein könnten, verschwendete ich keinen Gedanken. Nicht etwa, weil ich so unglaublich von mir selbst überzeugt gewesen wäre, sondern einfach, weil ich eben so bin, wie ich bin und mich vor einer Kamera nicht verstellen konnte und wollte. Nun ist es aber so, dass jeder Mensch von einer gewissen Anzahl seiner Mitmenschen geschätzt, von einer gewissen Anzahl aber auch für einen Langweiler oder gar ein komplettes Arschloch gehalten wird.

Diese Zahl bewegt sich, sofern man nicht in der Öffentlichkeit steht, hüben wir drüben maximal im kleineren zweistelligen Bereich. Verlässt man allerdings diesen privaten Bereich, potenziert das eine wie das andere sich ins schier Unendliche. Statt 20 Leuten finden einen dann plötzlich 20.000 scheiße, und das, ohne einen wirklich zu kennen. Das nagt an einem, auch wenn man sich noch so oft einredet, dass viele der Kommentare durch eine der schlechtesten Charaktereigenschaften überhaupt motiviert sind: Neid. Ich habe lange gebraucht, bis ich das alles ausblenden konnte, die sprunghafte Entwicklung in Sachen Blogs und Foren tat da ihr übriges. (By the way - die Einträge im Zuender-Forum zum Thema "Kavka" sind ein ganz repräsentatives Destillat dessen, was Leute im Netz über mich und meine Arbeit zu sagen haben.)

Seit zwei Jahren habe ich meinen Namen nicht mehr gegoogelt. Überhaupt: Ist es nicht das Erstrebenswerteste der Welt, wenn nach der Eingabe des eigenen Namens bei Google erscheint: "Es wurden keine mit ihrer Suchanfrage übereinstimmenden Dokumente gefunden"? Die Chance darauf habe ich wohl auf Lebzeiten verwirkt. Ich möchte die Halbwertszeit meiner C-Prominenz nicht überbewerten, aber wundern würde es mich nicht, wenn ich fünfzig Jahren irgendwo lesen darf: "Was macht´n eigentlich der Kavka? Schon tot, oder?"

Und, ach ja, wer weiß: Vielleicht wären mein Kumpel und sein Emailflirt auch ein tolles Paar geworden...

Kinder

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Kinder. Warum eigentlich nicht?

Ich war ja letzte Woche mal kurz Urlaub machen auf Teneriffa. Am einem Tag waren meine Freundin und ich schon recht früh am Strand. Morgens um zehn hat man den noch ziemlich für sich alleine. Zwei Stunden später versteht man allerdings kaum mehr sein eigenes Wort. Da sind dann nämlich zwanzig Familien mit gefühlten einhundert Kindern um einen herum. Mit einem Nickerchen ist´s dann nichts mehr, es sei denn, man lässt sich nicht stören durch gellendes Geschrei oder eine fehlgeleitete Schaufel Sand, die einem in der Fresse landet. Tut man aber, weswegen man notgedrungen anfängt, die kleinen Racker zu beobachten. Süß zum Beispiel das Baby, das ALLES, was sich in Reichweite befindet, in den Mund nimmt. Das Baby sitzt im Sand. Eher anstrengend das etwa 8jährige Prinzeschen, das kreischend vor den Wellen Ausreiß nimmt und ständig ihr langes Haar schüttelt. Weiter vorne zwei Kids aus England. Auf die bin ich richtig neidisch, weil sie so verschärfte Umkleideumhänge haben. Sind wie so ein längerer Poncho geschnitten, also an der Seite offen, und mit irren Kapuzen. Des Mädchens Kopf ist eine Rose, der des Jungens ein Haifischmaul, noch dazu mit eine Flosse aufm Kopf.

Und wenn man sie dann so beäugt, die süßen Kleinen, dann fällt einem schnell wieder ein, dass man jetzt allmählich auch mal für Nachwuchs sorgen sollte, weil andernfalls wird das nichts mit der Rente. Via BILD-Zeitung, die offenbar besorgt um den Fortbestand ihrer Leserschaft ist, durften neulich Politiker und Wirtschaftswissenschaftler wissen lassen, dass Kinderlose nie ins Rentensystem aufgenommen hätten werden dürfen, weil es nur funktioniert, wenn es von nachfolgenden Generationen finanziert wird. Also: Renten für Kinderlose kürzen oder deren Beiträge erhöhen. Tatsache ist, dass Deutschland, nur noch unterboten vom, ähem, Vatikan, mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate zu kämpfen hat. Statistisch gesehen bringt eine Frau nur 1,36 Kinder zur Welt. Für eine stabile Bevölkerungszahl und damit auch ein funktionierendes Rentensystem wären 2,1 notwendig.

Warum bin ich eigentlich noch nicht Papa? Weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. Grundsätzlich vor hab ich das nämlich schon, hat sich aber irgendwie nur noch nicht ergeben. Will jetzt nichts faseln von wegen "auf den richtigen Zeitpunkt warten", weil wann ist ein Zeitpunkt zum Kinderkriegen schon falsch oder richtig, im Zweifelsfall heißt es eh immer: später. Meine Priorität im Leben ist es nach wie vor, in einer Beziehung glücklich zu sein. Offenbar war ich das bis dato noch nicht lange genug, als dass daraus ein Kind hätte entstehen können. War nie ein Thema, weswegen ich mir auch noch keine Gedanken darüber gemacht habe, wie es denn so wäre, ein Kind in - Achtung - "diese Welt" und damit natürlich auch in "meine Welt" zu setzen. Vermutlich wär´s nicht anders als in anderen Welten auch. Vielleicht habe ich auch über all den anderen Dingen einfach vergessen, Vater zu werden. Nach der Schule erst mal studieren, dann arbeiten, Beziehungen führen, Beziehungen beenden lassen, 10 mal umziehen und die Stadt wechseln, Job wechseln, dies und das und schwupps biste 38. Andererseits kann man ja schlecht in seinen Organizer eintragen: "Kind zeugen! Erneut erinnern in 1/2/5/10 Jahren?" Wahrscheinlich kann ich auch noch nicht mal was dafür, denn wenn ich es richtig interpretiere, hält FAZ-Herausgeber und Buchautor Frank Schirrmacher schützend die Hand über mich, wenn er feststellt, dass meine Generation (born in the sixties) "umprogrammiert" wurde. Fehlgeleitete materielle Schlüsselreize hätten in die menschliche Biologie eingegriffen. Wir hätten vergessen, worum es beim Leben und Überleben eigentlich geht, nämlich Familie und Kinder.

Jetzt weiß ich´s wieder. Mal sehen, was sich da machen lässt. Aber: Nein, ich hab die Eltern der englischen Kids nicht gefragt, wo sie die Umhänge gekauft haben. Ein andermal. Später.

Das Sterben des Radios

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über das Sterben des Radios und in welcher Beziehung manche Chefredakteure zu Podcasts stehen.

Ich hab das Bild noch genau vor Augen. Muss so anno 1981 gewesen sein, da war ich 14 und kauerte spät nachts in meinem hellblau-dunkelblauen Jersey-Schlafanzug vor der elterlichen Stereoanlage im Wohnzimmer, auf meinem Mittelscheitel riesige Kopfhörer, die heftig drückten und mich aussehen ließen wie ´ne Maus. Aber durfte ja keiner mitbekommen, dass ich mich aus meinem Zimmer rausgeschlichen hatte, um eine Radiosendung mitzuschneiden, in der es um The Cure gehen sollte. Mann... Radio, mein Tor zu Welt. Ansonsten war ich nämlich weitestgehend abgeschnitten von der Popkultur: Drei Pogramme im Fernsehen, gut 70 km Wegstrecke zu einigermaßen annehmbaren Platten- und Klamottenläden in München, und in der Dorfdisco gab´s Sonntag Nachmittag für die unter 16jährigen nur Charts und Disco-Fox. Also heim aus der Schule, schnell Hausaufgaben gemacht und dann ab an den Empfänger. Wenn das Wetter mitspielte, bekam ich, wenn auch teilweise recht verrauscht, die Programme des Bayerischen, Süddeutschen und Österreichischen Rundfunks rein - genug jedenfalls, um ohne Ende Mixtapes aufzunehmen, die ich dann in brüchigem Englisch beschrifte. Neulich hab ich erst eins wieder entdeckt, auf dem der Song ´I come from Alandalanda´ zu finden war. Sagte mir nichts, also rein damit und festgestellt: Es handelte sich um ´Down Under´ von Men At Work mit der Textzeile "I come from a land down under".

Doch bevor ich sentimental werde, rasch zum eigentlichen Grund dieser Zeilen: Die Jugendradioprogramme, besonders die der öffentlich-rechtlichen Anstalten, haben dramatisch Hörer verloren. Ob Radio Fritz vom RBB, 1Live vom WDR, YOU FM vom HR oder MDR Jump, alle haben sie Federn lassen müssen. Dabei ist es aber noch nicht mal so, dass es Abwanderungen zu den privaten Jugendwellen gab - nein, die Leute hören überhaupt kein Radio mehr, sie sind einfach weg. Womit zumindest einigermaßen die Möglichkeit ausscheidet, dass ihnen das Programm zu anspruchsvoll, die Musik zu unkommerziell und die Wortbeiträge zu lang waren und sie deswegen zu den Privaten gewechselt sind, weil da die Playlist nur vierzig Songs aus den Charts umfasst und der "Moderator" einen mit nicht viel mehr als Wetter und Uhrzeit beansprucht. Dennoch ist es offenbar so, dass das Radio junge Menschen zunehmend weniger erreicht. Warum hört man eigentlich Radio? Zum einen, um schneller als in allen anderen Medien informiert zu werden, zum anderen gewiss auch, um nicht nur in punkto Musik immer wieder überrascht zu werden. Allerdings: Überraschungen sind nicht immer positiv, weswegen man es offenbar mehr und mehr vorzieht, sich den Verschnitt zu ersparen und sich, wenn denn dann, via Podcasts bzw. MP3-Player sein eigenes Programm bastelt. Keine Frage, der öffentlich-rechtliche Rundfunk hinkt der Entwicklung wieder mal hinterher. Dass eine Chefredakteurin anno 2006 fragt "Was is´n eigentlich dieses Podcast-Ding?!" oder dass ein anderer Sender seinen leitenden Mitarbeitern kostenlos Ipods zur Verfügung stellt, damit die sich "mit der Sache mal beschäftigen können", verdeutlicht in etwa, wie weit man bereits von den jungen Hörern weg ist - und sie zurück zu gewinnen erscheint noch wesentlich schwieriger, als sie zu verlieren. Was müsste passieren, damit Menschen zwischen 14 und 29 wieder mehr Radio hören? In den Chefetagen der Rundfunkanstalten ist man ratlos. Die Lösungsansätze gehen von mehr Musikkompetenz über weniger Wortanteil, mehr Wortanteil, insgesamt lustiger sein, einem ausgefuchsten Online-Angebot inkl. Streams, Podcasts und allem Pipapo bis hin zu totaler Fremdbestimmung durch die Hörer und verdeutlichen so nachhaltig das Dilemma.

Ich persönlich höre immer noch aus ähnlichen Gründen wie damals gerne Radio. Neulich war ich im Auto unterwegs und hörte den Anfang einer sehr interessanten Sendung über Entwicklungen in der elektronischen Musik. Schnell fuhr ich nach Hause, um den Rest mitzuschneiden. Dort angekommen stellte ich fest, dass das Cassettendeck meiner Anlage das Band nicht mehr transportierte. War wohl schon zu lange nicht mehr im Einsatz. Aber Cassetten aufnehmen ist dann eh noch mal ein ganz anderes Thema...

Nachholbedarf in Sachen Einwanderung

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über seinen Nachholbedarf in Sachen Einwanderung und Nähkurse, in denen man Deutsch lernt.

"Es geht Ihnen wie das Land, in das Sie wollen: Sie haben noch Nachbesserungsbedarf." So lautete das Fazit, nachdem ich den Einbürgerungstest für Hessen probehalber gemacht habe. Wobei die Lösungen sogar noch als Multiple Choice angeboten wurden. Probleme hatte ich besonders bei Teil 6, Bundesstaat, Rechtsstaat, Sozialstaat. Einwanderungswillige müssen besonders da den Eindruck haben, dass Deutschland eine Ansammlung korinthenkackender Spaßbremsen ist und man hier nur ein Leben überhäuft von Formularen führen kann. Oder aber sie denken, dass sie ins Land der Superleuchten Einlass begehren, weil dieser Test ja auch ein bisschen so tut, als würden die Menschen, die hier bereits leben, die Fragen alle beantworten können. Derweil versucht Wikipedia, Leben zu retten. Ein User stellte ein "Cheat Sheet", also den fast ganz gelösten Fragebogen online, nicht ohne dabei noch nützliche Hinweise zu geben wie z.B. den, bei der Frage nach bekannten deutschen Sportlern auf Ulrike Meyfarth zu verzichten, denn die "könnte vom korrigierenden Beamten mit Ulrike Meinhof verwechselt werden".

Keine Frage, der hessische Test ist eine reine Schikane, sein baden-württembergisches Pendant ist darüber hinaus noch vorurteilsbeladen und linkisch. Irgendwie wird man auch den Eindruck nicht los, dass Ausländerpolitik in Deutschland nicht für Einwanderer, sondern für die hier lebenden Wähler gemacht wird. Wie sonst wäre zu erklären, dass gerade in (Landtags-)Wahlkampfzeiten das Thema noch zusätzlich mit Emotionen beladen wird, dass Unions-Politiker plötzlich Feuer und Flamme für die berühmt-berüchtigte "Nackt-DVD" aus den Niederlanden sind? Zur Erklärung: Diese DVD wird bei unseren Nachbarn Einwanderungswilligen vor Ablegen des obligatorischen Tests als Vorbereitung empfohlen. Für 63 EUR sieht man dann in den ersten von insgesamt 105 Minuten zwei sich küssende Männer und anschließend eine aus dem Meer watende, barbusige Frau. Sicher ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es in den liberalen, europäischen Kulturen Dinge gibt, die beispielsweise Menschen aus islamischen Ländern anstößig finden, wenn sie nicht sogar in ihren Heimatländern bei Strafe verboten sind - sie allerdings so darzustellen ist dumpfe Provokation. Und dass gerade die Pappenheimer aus dem konservativen Spektrum von CDU und CSU, die sonst am lautesten gegen Homosexuelle wettern, nun so eine DVD auch für Deutschland fordern, ist fast schon zynisch. Was soll da noch drauf? Das Italien-Deutschland-Länderspiel in voller Länge? Eine Rede von Roland Koch? Oder doch eher Grup Tekkan?

Klar, das Erlernen der deutschen Sprache ist die Grundvoraussetzung für den Zugang zur neuen Heimat, da sollte man noch weit vor schikanösen Tests und wahnwitzigen DVDs ansetzen. Dazu eine schöne Geschichte aus Berlin: Als hier Deutschkurse für Araberinnen angeboten wurden, ließen die Männer ihre Frauen nicht hingehen, weil Deutschkenntnisse die Frauen unabhängiger gemacht hätten. Also, andere Idee: Nähkurse anbieten.

Da durften sie hin. Aus dem Nähkurs wurde der beste Deutschkurs, den man sich vorstellen kann. Um noch einmal zum Hessen-Test und damit gleichzeitig zur vorletzten Kolumne zurückzukommen: Meine Lieblingsantwort aus dem Wikipedia-Cheat-Sheet ist jene auf Frage 8, ´Nennen Sie drei Gründe, warum Sie deutscher Staatsbürger werden wollen´, bei der als Lösungsvorschlag steht: 1) Weil ich mir die Hände schmutzig machen will. 2) Weil ich mein Land wie einen guten Freund behandeln will. 3) Weil ich mit meinen Flügeln schlagen und Bäume ausreißen will.

Frauen und wie man sie anspricht

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Frauen, wie man sie anspricht und wie aus einem Kerl mit dicker Brille und Halbglatze ein Knallertyp wird, der bei 80 Prozent der Supermiezen landen kann.

Frauen anzusprechen liegt mir fern. Im meinem Leben gab es noch keine einzige dieser klassischen ´Sehen-interessant finden-hingehen-anquatschen´-Situationen - teils aus nahezu panischer Angst vor einer Abfuhr, teils aus dem Grund, weil ich mich nicht einreihen will in die Schar der´Na, öfter hier?-´ oder ´Was willste trinken-´Typen beim gleichzeitigen Eingeständnis, dass mir wohl auch nichts besseres einfallen würde.

Durch vergleichsweise banale Umstände bin ich nun in eine Sache hineingeraten, die mir hinsichtlich des männlichen Paarungsverhaltens vollkommen neue Aspekte aufzeigte. Vor ein paar Wochen fragte ein Buchverlag bei mir an, ob ich nicht Lust hätte, den amerikanischen Autor Neil Strauss bei ein paar Terminen der Lesereise zu seinem neuen Buch ´Die perfekte Masche - Bekenntnisse eines Aufreißers´ zu begleiten. "Toll, das ist ja genau NICHT mein Ding!", dachte ich so bei mir, sagte dann aber zu, weil ich zum einen Neil Strauss als Musikkritiker der New York Times und wegen seiner Biographien über Marilyn Manson und Mötley Crüe als Musikschreiber schätze, zum anderen aber auch sehr neugierig war, was hinter der Geschichte steckte.

Strauss war, zunächst aus journalistischem, später aus persönlichem Interesse, tief in die Gesellschaft der sogenannten Pick-Up-Artists eingetaucht und hat schließlich über seine Erlebnisse ein von vorne bis hinten wahres Buch geschrieben, das in Teilen so wahnwitzig ist, dass man sich das auch nicht ausdenken könnte. Zu Beginn seiner Recherchen war Strauss ein Typ mit dicker Brille und Halbglatze, mit öden Klamotten, kaum 1,70 groß und mit einem Sex-Score, der sich an einem Finger abzählen ließ. Im Laufe von nicht mal zwei Jahren wurde aus ihm der Knallertyp, der bei 80 % der Supermiezen, die er ansprach, landen konnte, Sex im dreistelligen Bereich hatte und seit anderthalb mit Lisa Leveridge, einem 1,85 Meter großen Punkrock-Model-California-Überbabe liiert ist. Sein Buch beschreibt, wie es zu all dem kam. Der Schlüssel zum Erfolg sind skurrile Internet-Zirkel, in denen sich Typen darüber austauschen, wie man am erfolgreichsten die schönsten Frauen klar machen kann, auch wenn man in punkto Aussehen und Sozialprestige nicht gerade mit Jungs wie Brad Pitt auf einer Stufe steht. Dazu gibt es verschiedene Theorien, die sich teils auf bizarren Äußerlichkeiten, teils Dreistigkeit, teils sogar auf Hypnose und Parapsychologie gründen und die weltweit in Seminaren und Workshops inklusive Erprobung am lebenden Objekt gelehrt werden.

Bei den Lesungen erwartete ich nun ein Männer-Frauen-Verhältnis von mindestens 80:20, wobei ich zusätzlich davon ausging, auf Seiten der Männer eher mit nerdigen Versagern, auf Seiten der Frauen mit Feministinnen, die gegen die respektlose Darstellung ihrer Geschlechtsgenossinnen im Buch protestieren wollten, konfrontiert zu sein. Nichts von alledem war der Fall. Außer ein paar Mittvierzigern, die offenbar den gleichen Stylingberater wie Wolfgang Thierse haben, saßen vor Neil und mir attraktive Menschen im besten Alter, und das auch noch im Verhältnis von etwa 60 % Frauen und 40 % Männer. "Können Frauen diese Methoden auch anwenden?", "Können auch Pärchen aus dem Buch Erkenntnisse gewinnen?" und "Sind Sie eigentlich schwul oder bi?", waren folgerichtig auch einige der Fragen aus dem Publikum. Ein bisschen anders war´s in Berlin, wo die Lesung erst mal nicht in einem Kiezcafé, sondern einer Buchhandlung statt fand und das Publikum neben der Laufkundschaft eindeutig männerdominiert war. Unter den anwesenden Herren befanden sich dann auch einige Pick-Up-Artists, die sich zu meinem großen Erstaunen längst in Deutschland organisiert haben und während der anderthalb Stunden höchst verzückt an den Lippen ihres Meisters hingen. Offenbar waren einige von ihnen Anhänger der Pfauentheorie, bei der es darum geht, sich möglichst schrill zu kleiden, um so die Aufmerksamkeit von Frauen zu erregen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Motto: Wer sich so´nen beschissenen Fummel anverleibt, muss zumindest Selbstbewusstsein haben und ist deswegen interessant. Und so blitzten im Auditorium immer wieder mal bescheuerte Hüte, fiese Rüschenhemden und kuriose Accessoires auf.

Verwirrt wurde ich nachhaltig durch die Tatsache, dass ich nach meiner Teilnahme an den Lesungen nun offenbar von der Community vereinnahmt wurde. Noch am gleichen Abend gaben sich in einem Berliner Club gleich mehrere Pick-Up-Artists zu erkennen und suchten den Austausch, gleiches geschah in diversen Läden am Wochenende. Sie sind überall!

Aber ich bin keiner von ihnen und werde weiterhin auch keine Frauen ansprechen. Versprochen.

„Du bist Deutschland“

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute war’s hart. Denn die „Du bist Deutschland“-Kampagne geht weiter. Markus greift in die Tasten und schreibt einen offenen Brief an „Du bist Deutschland“: „Warum hättest Du nicht einfach sagen können: "Ich geb's zu, war 'ne Scheißidee. Ich geh' dann mal..."?

Liebes Du-bist-Deutschland,
warum hättest Du nicht einfach sagen können: "Ich geb´s zu, war ´ne Scheißidee. Ich geh´ dann mal..."? Jetzt geht´s also weiter, und wir dürfen uns darauf freuen, dass Du uns in neuen Spots mitteilst, warum Du das eigentlich gemacht hast, weil Du festgestellt hast, dass "die Prominenten noch viel mehr zu Deutschland zu sagen haben" als nur krude Texte vom Teleprompter abzulesen.

Aber die Zwischenbilanz scheint Dir Recht zu geben. Die Hälfte aller Deutschen fand Dich gut, einem Viertel warst Du egal und nur ein Viertel fand Dich doof. Zehn Millionen fühlten sich durch Dich tatsächlich motiviert, auch so klasse Deutsche zu sein wie die sorgenlosen und gutgelaunten Protagonisten in deinem Spot. Warum kenne ich keinen einzigen dieser zehn Millionen persönlich? Bewege ich mich in den falschen Kreisen? Von allen Leuten, auf deren Email-Verteiler ich bin, bekomme ich nur Sachen wie "Du bist Naddel", "Du bist Roland Koch", "Du bist Bratwurst und Sauerkraut" oder, ganz schlicht, "Du bist scheiße" Und selbst ein Stefan Raab, dessen Sendung nun wirklich nicht zu meinen besten Freunden gehört, lässt wissen: "Du kannst mich am Arsch lecken." Prallt an Dir ab? "Wir sind natürlich nicht glücklich über jede Parodie", entgegnest Du mir. Am wenigsten wahrscheinlich über das Nazi-Foto aus dem Jahr 1935, das ein Archivar aus der Pfalz zweifelsfrei dem Buch ´Ludwigshafen - Ein Jahrhundert in Bildern´ entnahm und auf dem ein riesiges gezeichnetes Portrait von Hitler über dem Slogan "Denn Du bist Deutschland" prangt. Ist nämlich gar keine Parodie. Ist echt. Eine unglückliche Koinzidenz, schon klar, deswegen wusstest Du darauf auch nicht mehr zu sagen als: "Ähm..."

Auch dass Dir schon längst Deine eigenen Deutschen in den Rücken fallen, scheint Dich kalt zu lassen. Harald Schmidt in der ARD: "Mich haben heute schon viele gefragt: 'Wieso bin ich Deutschland? Ich denke, wir sind Papst!'"

Und ich weiß, es ist unfair und plump (aber unfair und plump bist Du ja auch), wenn ich Dich jetzt frage, ob Deine Kampagne einen einzigen neuen Arbeitsplatz geschaffen hat: "Sie war nicht angelegt darauf, Arbeitsplätze zu schaffen", sagst Du dazu.

Aber eins musst Du mir schon noch erklären. Was meint: "Schlag mit deinen Flügeln und reiß Bäume aus. Du bist der Flügel, du bist der Baum."?

Schließen möchte ich - nicht nur deswegen - mit Heinrich Heine: "Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht." Und weiter: " Ich kenne die Weise, ich kenne den Text - ich kenn' auch die Herren Verfasser. Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser."

Und jetzt geh´ bitte weg und komm´ nicht wieder.

Loveparade ...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über die Loveparade. Denn die ist wieder da. Das Motto 2006: Drogen sind uncool

Die letzten zwei Jahre war es im Sommer so schön ruhig in Berlin. Man konnte Mitte Juli durch den Tiergarten flanieren, ohne das Gefühl zu haben, man wate durch einen Pumakäfig. Auch sonst hingen nirgendwo in der Stadt Leute mit komischen Anziehsachen, absurden Frisuren, Trillerpfeifen und geöffneten Opel Corsa-Heckklappen, aus denen 140bpm-Trance ballerte, herum. Doch die Beschaulichkeit findet jetzt ein jähes Ende, denn die Love Parade ist zurück.

Andererseits weiß man, seitdem Dr. Motte deswegen nun wieder auf der Bildfläche erschienen ist, was man vermisst hat. Als Großmeister der Dialektik hat er es mit seinen Abschlussreden an der Siegessäule zu Kultstatus gebracht, und auch auf der Pressekonferenz zur

Paraden-Auferstehung sparte er nicht mit Bonmots. Ein "Hochgefühl getanzter Lebensfreude" sei zu erwarten, alle werden sich "im ewigen Moment tanzend wiederfinden" und "Kontakt mit ihren Vorfahren aufnehmen, die schon im gleichen Rhythmus tanzten". Wunderbar. Und damit derlei von den Ravern auch ungetrübt wahrgenommen wird, begleitet die Parade in diesem Jahr das Motto "Drogen sind uncool". Ja, nee, is´ klar, die Milch macht´s...

Interessant ist auch, woher der Zaster kommt, denn an dem war´s ja 2004 und 2005 gescheitert. Rainer Schaller, ein Fitnessstudio-Mogul aus dem Süddeutschen, der im Jahr mit seinen ´McFit´-Muckibuden angeblich 63 Millionen Euro Umsatz macht, will davon mindestens eine Million abzwacken. Somit fehlen nur noch ca. 1,5 Millionen, um die kalkulierten Kosten zu decken. Wenn sich dafür nicht andere Sponsoren finden, greift Schaller noch mal in die Schatulle. Natürlich nicht nur aus Idealismus und Nächstenliebe. "Wir versprechen uns Synergien davon", meint er und spricht von der geplanten Europa-Ausweitung seines bislang aus 56 Filialen bestehenden Konzerns. Dabei sollen der international bekannte Name Loveparade und die Bilder tanzender, gestählter Halbnackter aus Berlin helfen. Zudem fahren zwei Umzugswagen unter dem ´McFit´-Banner, einer grinsenden Banane.

Ansonsten soll es diesmal etwas basisdemokratischer zugehen. DJs aus aller Welt können sich mit einer Hörprobe bewerben, eine Jury aus Experten sowie die User einen neu geschaffenen Internetplattform entscheiden dann, wer auflegen darf. Schöne Idee, die sich offenbar aber noch nicht bis zu Dr. Motte rumgesprochen hat, aber vielleicht hat er ja nur aus alter Gewohnheit auf der PK wissen lassen, dass er persönlich "wieder tolle DJs" aussucht. Mut macht allerdings in der Tat der Ansatz, alle Spielarten elektronischer Musik dabei haben zu wollen. Genau das war nämlich ein Problem in den letzten Jahren. Kennste einen Wagen, kennste alle. Und alle waren scheiße. Lediglich an der Siegessäule sowie auf den die Parade begleitenden Clubpartys gab´s mal was anderes als übles Großraumdissengewummer.

Auf der Pressekonferenz trug Dr. Motte ein Shirt mit der Aufschrift ´No Risk No Fun´. Spaß hatte er in den letzten zwei Jahren definitiv keinen. Jetzt ist dieser zurück, weil das Risiko nun nicht größer ist als jenes, auf einer Bananenschale auszurutschen.

Die geilsten Säue...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über die geilsten Säue auf der Turiner Olympiapiste.

Die coolsten Säue waren damals immer die, die sich bäuchlings auf den Schlitten legten und dann Kopf voraus die "Todesbahn" runterbretterten. Natürlich ohne Helm, und deswegen gab es dann auch schon mal das ein oder andere "Loch im Kopf", wenn man den Zusammenstoß mit Bäumen und Steinen nicht mehr verhindern konnte, weil man sich nicht rechtzeitig vom Schlitten fallen ließ. Denn dies war die einzige Möglichkeit, die Fahrt zu stoppen. Wenn man erst mal eine gewisse Geschwindigkeit erreicht hatte, half es nämlich nichts mehr, mit den Händen im Schnee zu kratzen. Die Füße brachte man erst gar nicht zum Einsatz, weil man zu weit über dem Boden war und Kniegelenke ja nun mal nicht nach vorne abknickbar sind.

Insofern sind Skeleton-Fahrer bei Olympia Weicheier, weil ihr Schlitten so flach ist, dass sie zum Steuern und Bremsen ihre Beine benutzen können. Allerdings, und das gebe ich gerne zu, sind wir damals unseren Maulwurfhügel nicht mit 130 Sachen runtergerast. 130 km/h! Das fühlt sich wahrscheinlich an, als wäre man auf der Autobahn auf die Motorhaube eines Autos geschnallt. Welche Menschen machen so etwas? Gelangweilte Stuntmen? Suizidkandidaten? Ganz und gar nicht. Dafür aber zum Beispiel Diana Sartor, eine 35-jährige Sächsin, die in ihrer Heimat eine Pension mit neun Zimmern leitet, ihre Schlitten ´Günther´ und ´Eberhard´ nennt und den Eiskanal schwanger in der neunten Woche durchbrauste. Dabei ist doch schon der Start so halsbrecherisch. Aus vollem Sprint lässt sich der Sportler dabei mit dem Bauch aufs Gefährt gleiten. Möchte nicht wissen, wie viele Anfänger sich dabei entweder die Brust stauchen oder gleich mit der Fresse aufs Eis schlagen. Aber sieht top aus, vor allem ist das Outfit um einiges verschärfter als bei den Rodlern. Die Anzüge sind enger und bunter, die Helme sehen wenigstens aus wie Helme und haben, weil ja Kopf voraus, crazy Verzierungen. Und dann rasen sie so dahin, gesteuert wird per Gewichtsverlagerung, gebremst mit den Fußspitzen. Aber: Wer bremst, verliert. Hier noch viel mehr als sonst wo. Diana Sartor schob ihren vierten Platz im Rennen etwa auf die Tatsache, dass sich Reif auf der Eisbahn gebildet hätte, wodurch ein Einsatz der Füße gleich eine ungleich größere Bremswirkung erzielt.

Ich frag mich, ob ich Skeleton nun aus ästhetischen oder katastrophentouristischen Gründen geguckt habe. Anja Huber, eine andere deutsche Starterin, war beim Training so schwer gestürzt, dass sie sich mehrere Prellungen und ein Schleudertrauma zuzog. Stell ich mir auch so mittel vor, wenn einen bei 130 km/h auf blankem Eis der eigene Schlitten überholt.

Heute ist die Entscheidung bei den Männern. Da - sagt man das so? - skeletiert Patrick Antaki, 41 Jahre alt, 127 Kilo schwer, geboren in Kairo, wohnhaft in Dallas und am Start für Libanon. An seine erste Fahrt vor vier Jahren erinnert er sich wie folgt: "Es dauerte nicht lange, da kam der erste Crash, ich verlor den Helm, knallte mit dem Kopf gegen die Bande, prellte mir links und rechts die Schulter und bekam keine Luft mehr. Der Schlitten fuhr ohne mich weiter und überall war Blut in der Bahn."

Wenn ich nicht sicher wüsste, dass der Typ niemals in Manching/Oberbayern war, würde ich schwören.

Klassik hat was

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über neulich im Berliner Weekend Club, die Klofrau und Kavka sind einer Meinung: Klassik hat was

Eigentlich kannte ich so etwas nur von den Karfreitagen in Bayern. Da ist nämlich offiziell Tanzverbot, und um dieses razziaresistent durchzuziehen, wurde am Eingang der Disco jemand postiert, der beim Anrücken der Ordnungshüter den DJ, der bis dahin natürlich Tanzmusik gespielt hatte, zu warnen, auf dass dieser die parat gelegte Klassik-CD einlegte. Neulich allerdings hatte beschriebenes Szenario im Weekend-Club zu Berlin so gar nichts von einem aufoktroyierten Totentanz, sondern war von vorne bis hinten gewollt. „Yellow Lounge“ heißt die Veranstaltung, die vor fast drei Jahren das erste Mal statt fand, bis dato allerdings voll an mir vorbei gerauscht war. Ich hab’s nicht so mit der Klassik. Wie viele Kinder wurde ich mit elf ans Klavier gekettet, wie viele Jugendliche fand ich dann aber mit 16 Discos und Geschlechtspartnerakquise spannender als Mozart und Chopin. Seitdem begegnet mir klassische Musik nur noch, wenn ich meiner Mama an Weihnachten Karten für ein Konzert schenke. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht damit gerechnet, in einem Berliner Club, der sonst als Hotspot für House und Techno gilt, damit wieder in Berührung zu kommen. Weil ein Kumpel an dem Abend Bardienst hatte, bot es sich an, mal kurz vorbei schauen. Klassik tut ja in der Regel auch nicht weh, so viel wusste ich noch.

Im Weekend angekommen, stellte ich auf den ersten Blick nichts Verdächtiges fest. Das Publikum sah fast aus wie immer, nur vereinzelt blitzte einen Herrenpferdeschwanz oder ein weißes Damenblüschen mehr als sonst auf. Einzig der Beat fehlte, denn der DJ legte tatsächlich strictly Klassik auf, so richtig mit Kopfhörer und eincuen und so, allerdings ohne zu mixen. Glaub ich. Um halb elf gab’s dann - wie jedes Mal, wie ich mir sagen lassen habe - einen Live-Act. Der tatsächlich auch so genannt wurde. Kein „Kammerkonzert“, keine „musikalische Darbietung“, nein, ein „Live-Act“. Wie auf ´nem Rave. Es spielte das Fauré Quartett - drei Herren sowie eine Dame um die 30 - Werke von Mozart und Schumann. Was ich aus der Anmoderation des Live-Acts auch gelernt habe: Ein Klavierquartett besteht nicht etwa aus vier Klavieren, sondern aus einem Klavier und drei Streichern. Schumann ist wohl auch sehr schwer zu spielen, weil er dem Cello extrem tiefe Töne abverlangt, weswegen dieses, O-Ton Künstler, „fix runtergestimmt werden muss, während die Bratsche ihr Solo spielt - also nicht erschrecken!“

Während des Live-Acts kam es im Weekend zu bis dato ungekannten Szenarien. Zu Beginn wurde gebeten, nun für eine halbe Stunde aufs Rauchen zu verzichten - woran sich auch fast alle hielten. Und weil das Fauré Quartett natürlich nicht elektrisch verstärkt spielte, erreichte auch der Geräuschpegel im Auditorium per freiwilliger Selbstkontrolle in Sekundenschnelle Nullniveau. Gläser- und Absatzklappern, gar Flüstern, wurde dann entsprechend schnell mit einem genervten „Psssst!!!“ quittiert. Der Barbetrieb wurde komplett eingestellt, die Klofrau schob die Türe zu den Toiletten zu, was aber trotzdem nicht verhinderte, dass man das Betätigen von Spülung und Wasserhahn sowie den Aufschlag der Münzen im Trinkgeldschälchen vernehmen musste. Oder auch Gesprächfetzen wie diesen: Gast: „Ist mal was anderes heute, ne?“ Klofrau: „Ja, eine wahre Erholung! Am Samstag war Richie Hawtin hier. Da war die Lautstärke schon eine andere, außerdem ging’s bis Sonntag mittag!“ Laut Barkumpelauskunft hatte die Leute bei Richie Hawtin bereits um 5 Uhr morgens fast die komplette Bar leer gesoffen. Bei der „Yellow Lounge“ waren lediglich ab 23 Uhr keine Rotweingläser mehr verfügbar. Gewisse Klischees scheinen also doch unverrückbar.

Bleibt noch eine Frage zu klären: Das Weekend befindet sich im 12. Stock eines Hochhauses. Die Aufzüge sind nicht soo geräumig. Wie also haben die Teufelskerle den Flügel nach oben bekommen? Und: Der Live-Act war toll. Ich glaub, ich hab’s ab jetzt so ein bisschen mit der Klassik.

Die neue Platte von Tomte

Die neue Platte von Tomte

Heute: über die neue Platte von Tomte, Freibier und Liebesbeweise und das geleugnete Glück.

MUSIK BERÜHRT

Mir ist aufgefallen, dass ich im Rahmen dieser Kolumne bis dato kaum ein Wort über Musik verloren habe. Dabei ist Musik doch eigentlich mein Leben. Neben der Liebe, versteht sich. In diesen Tagen geht beides Hand in Hand. Tomte haben nämlich eine neue Platte gemacht. „Buchstaben über der Stadt“ heißt sie, und sie ist dazu da, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Diese Woche waren Tomte bei MTV, genauer gesagt bei TRL, also der Show, bei der sich sonst Eminem, 50 Cent, Linkin Park und andere Smasher die Klinke in die Hand geben. Sänger Thees Uhlmann meinte zu mir: „Mensch, Markus - ich bei TRL! Dass ich das noch erleben darf!“ Er meinte das ernst. Seine Band war nicht da, weil sie die von irgend jemand hingeschoben wurde, sondern weil sie das wollte - wie früher die Missionare, die, wenn’s blöd lief, das Ende ihrer Mission im Kannibalen-Kochtopf erlebten. Und dann standen Tomte da so auf der Bühne, vor etwa 100 Leuten, von denen nur die eine Hälfte ausgewiesene Fans, die andere gecastetes Studiopublikum war, und Thees sagte zu ihnen und den Millionen an den Fernsehschirmen, dass er „Ich sang die ganze Zeit von dir“, diesen Song, der gleich kommt, seinem vor zwei Jahren verstorbenem Freund Rocco Clein widmen möchte. Einem der ganz großen aus dem Musikfernsehen, einem, der so voller bedingungslosem Glauben ans Gute war, der so sehr für andere da war, dass er sich selbst viel zu oft vergaß. Im anschließenden Talk war Thees dann ein bisschen aufgeregt, das sagte er auch vor laufender Kamera. Nachher meinte er, dass ihm zeitweise die Luft weggeblieben war, weswegen es, um runterzukommen, bestimmt auch wichtig und richtig und schön war, nach der Sendung Bier an die Fans zu verteilen und draußen bei klirrender Kälte zusammen mit ihnen zu trinken. Aber so sind Tomte. Wenn sie einem dann noch ihre ausgermergelten Indierockerarme um die Schulter legen und sagen „Alles wird gut“, dann kann man nicht anders, als das zu glauben.

Unterstrichen wird mit dem neuen Album. Eine unfassbar glückliche Platte ist das, und wo gibt’s denn so etwas schon noch heutzutage? Früher hat Thees Uhlmann immer über sich gesungen, und seine Texte berührten mich so, dass ich dachte, er singt über mich. Auf „Buchstaben über der Stadt“ singt er jetzt tatsächlich über andere, und er tut das mit so viel Anteilnahme und Mitgefühl, dass jeder, der die Texte hört, unweigerlich denken muss, dass Thees sein bester Freund ist. Am deutlichsten wird Uhlmanns neues Selbstverständnis, wenn er bei „Walter und Gail“ singt: „Bei mir ist heile Haut wo eine Wunde war / es gibt Aufgaben die zu erfüllen wären / den Traurigen die Welt erklären“. Klar, er ist verliebt, das man merkt an ganz vielen Stellen auf der Platte, aber er versichert einem so glaubhaft, dass man das auch sein kann, wenn man nur nicht aufhört, daran zu glauben. Wenigstens ein winziges Türchen zum Herz muss man geöffnet lassen, dann wird es auch immer jemanden geben, der da gerne eintritt. Da kann jetzt gerne jeder „Verklärte Weicheischeiße!“ rufen, aber wegen mir darf es in fünfzig Jahren ruhig Markus Kavka sein, über den folgender Text geschrieben wurde: „Ich wollte dir nicht viel sagen nur dass ich / heute ein altes Paar sah / sie lachten über sich / und hielten ihre Hände / und er küsste ihr Haar / etwas ließ mich erschaudern / etwas machte mich stolz / sie zu sehen da ganz allein / glücklich am Ende eines langen Lebens / und alles ist aus Gold“.

Und genau deswegen müssen Thees, Tomte, ich und alle anderen keine Angst vor dem Kochtopf haben.

Der richtige zeremonielle Rahmen um LSD einzunehmen

Der richtige zeremonielle Rahmen um LSD einzunehmen

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über den richtigen zeremoniellen Rahmen um LSD einzunehmen.

Neulich wurde Albert Hofmann, der Entdecker von LSD, 100 Jahre alt. Daran musste ich spontan denken, als ich erfuhr, was André Heller für die ursprünglich am 7. Juni 2006 im Berliner Olympiastadion geplante WM-Eröffnungsgala im Detail so vorgesehen hatte. Und das hätte nicht nur Mr. Lysergsäurediäthylamid das Wasser in die Augen getrieben.

Das Spielfeld sollte in einen riesigen, mit allen nur erdenklichen Bildern, Farben und Mustern bespielbaren LED-Screen verwandelt werden, der zugleich als Bühne für die 13.000 Akteure gedient hätte. Filmszenen sollten auf das Spielfeld wie auch - von unten - auf das Innendach des Stadions projiziert werden. Eine weitere Bühne war am Marathontor vorgesehen. Sie sollte wie eine Zunge bis aufs Spielfeld hinunterführen. Eröffnet hätte die Gala die Sopranistin Jessye Norman mit "Dich, teure Halle, grüß ich wieder" aus dem "Tannhäuser". In einem speziellen Kostüm auf einer Hebebühne stehend, hätte sie sich dabei in eine Riesin von 16 Metern Höhe verwandelt. Anschließend war eine Parade von Figuren aus der deutschen Geschichte vorgesehen - der Größe des Stadions wegen jeweils in 30-facher Ausführung: Marlene Dietrich, Heino und der Struwwelpeter, der verpackte Reichstag und Ludwig II. mit Richard Wagner an der Hand. Das sollte sich fortsetzen mit Projektionen des zerstörten Berlin und dem Aufmarsch einer Roboterarmee, deren Monitorköpfe Chaplin im "Großen Diktator" gezeigt hätten. Skulpturen und Tinguely-artige Maschinen wären durch das Stadion paradiert. Eingespielt werden sollten unter anderem ein von Therese Giese rezitiertes Brecht-Gedicht und ein Song von Marlene Dietrich.

"Der Rasen, der immer nur getreten wird, schlägt zurück" - so beschreibt Heller das dann folgende surrealistische Fußballspiel zwischen "Grasmenschen" und "auf Maschinen montierten" Fußballspielern mit vier Beinen. Durch den LED-Bildschirm hätten sich außerdem die Linien auf dem Spielfeld wie in einem Traum gebogen. Dem surrealen sollte der historische Fußball folgen. Sämtliche noch lebende Weltmeister sollten einlaufen, während der Bildschirm im Boden Fernsehaufzeichnungen der wichtigsten Spielmomente gezeigt hätte - teilweise elektronisch verfremdet.

Anschließend sollte die "offizielle" Fifa-Zeremonie stattfinden. Heller hatte sämtliche Friedensnobelpreisträgerinnen eingeladen, Wasser aus ihrer Heimat nach Berlin zu bringen. Die Szene sollte im Ausbruch eines Geysirs kulminieren, der eine sieben Meter große Kugel in die Höhe schleudert. Der bemannte, von unsichtbaren Propellern angetriebene Globus sollte auf unerklärliche Weise im Stadion umherfliegen und sich dabei in einen Fußball verwandeln - bis er den WM-Pokal in seinem Inneren offenbart hätte, der so hell geleuchtet hätte, dass "jeder im Stadion seine Augen hätte schließen müssen", so Heller.

Nun sollte eine 30-minütige Weltmusikrevue stattfinden, durch die Peter Gabriel mit einer eigenen Komposition geführt hätte. Zu deren Finale hätten 1500 Percussionisten tausende Tänzer begleitet - bis ein markerschütternder Schrei das Getrommel beendet hätte. Nach minutenlanger Dunkelheit wäre schließlich Bob Dylan mit einer Solonummer aufgetreten, gefolgt von einem Feuerwerk, das der chinesische Starpianist Lang Lang synchron am Klavier begleitet hätte. Mit einer Party und Musik von den Black Eyed Peas sollte der Abend zu Ende gehen.

Uff. Offiziell heißt es ja, dass der Rasen das Spektakel nicht verkraftet hätte. Inoffiziell spricht man nun davon, dass der FIFA der Spaß dann doch zu teuer und zu abgefahren war, und um die 100-750 € teuren Tickets rissen sich die Fans auch nicht gerade. Vielleicht hat man aber auch nur befürchtet, dass die Besucher im Stadion und die Millionen am Fernseher hängen bleiben auf Hellers Trip.

Einer dürfte das besonders bedauern. Für den guten Albert Hofmann ist LSD nämlich ein Geschenk der Natur an die Menschheit, doch fehle - wie er sagt- in der westlichen Welt der zeremonielle Rahmen, in dem die Substanz eingenommen wird. Jetzt hätte es diesen zeremoniellen Rahmen endlich gegeben. Schade drum.

DJ-Führerschein

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über seinen DJ-Führerschein, Lautstärke-Beschränkungen in Clubs und warum er die gut findet.

Um einen Termin drücke ich mich in diesen Tagen ähnlich beharrlich wie um den nächsten Zahnarztbesuch. Es geht um meinen DJ-Führerschein. Was im letzten Jahr von vielen - auch von mir - noch für einen absurden Scherz gehalten wurde, wird bis Ende 2006 einigen Leuten das Lächeln im Gesicht gefrieren lassen. Wenn DJs und Diskothekenbetreiber sich dieses Jahr nicht darauf verständigen, die Lautstärke in den Clubs freiwillig auf 100 db zu beschränken, kommt 2007 die Gesetzeskeule, und dann ist bei 95db Schluss - was zahlenmäßig erst mal nicht so dramatisch erscheint, in der Wahrnehmung aber viel leiser wirkt. Mal als Anhaltspunkte: 120 db entsprechen dem Lärm eines startenden Düsenflugzeugs, 100 db dem eines Presslufthammers aus zehn Metern Entfernung. Die Durchschnittslautstärke in deutschen Clubs pendelt sich bei 500 gleichzeitig laufenden Rasenmähern ein. Derartigem Getöse dürfen Arbeiter nicht länger als 15 Minuten ohne Gehörschutz ausgesetzt sein. Mit dem Führerschein signalisiert der DJ nun, dass er die freiwillige Selbstbeschränkung auf 100 db unterstützt. Dazu könnten Clubs von sich aus dazu übergehen, nur noch Leute mit Führerschein auflegen zu lassen. Am Mischpult befindet sich zudem ein Messgerät, auf das alle Beteiligten ein Auge haben.

Aber ich kenn´s von mir selbst. Der erste DJ steigt bei etwa 95db ein, der Laden füllt sich, die ersten wippen mit, und bis zum Beginn der Primetime ist man locker bei 100 db. Der Geräuschpegel im Club erhöht sich ständig, man dreht nacheinander den Master-Regler, die Gain-Regler, Bass/Mitten/Höhen, die Monitorbox und schließlich - ganz schlimm - die Kopfhörerlautstärke auf Rechtsanschlag, 120 db und mehr sind da keine Seltenheit. Danach fiepen drei Tage die Ohren, weil Ohrstöpsel aus Eitelkeitsgründen ausfallen.

Anders war´s, als ich neulich in Zürich aufgelegt habe, denn in der Schweiz gibt es diese Lautstärkebeschränkung bereits. Sie liegt bei 93 db, manche Clubs haben Ausnahmegenehmigungen für 100 db im Stundenmittel. Da stehen dann auf der Tanzfläche tatsächlich Leute, die nicht wie Fans von minimalem Techno aussehen, mit in die Höhe gereckten Messgeräten und veranlassen bei Überschreitung der Grenzwerte ein sofortiges Drosseln der Lautstärke. In den zweifelhaften Genuss kam ich dann. Ergebnis: Der Floor war mit einem Schlag leer. Fakt ist, dass die Beschränkung bei elektronischer Musik besonders drastisch wirkt, weil die Tracks ohne fühlbaren Bass einfach nicht schocken. Im Gegensatz zu den Mitten und Höhen bei Rock- und Popmusik kommt der Bass allerdings um 8 db leiser im Innenohr an. Eine Ausnahmegenehmigung also für Techno und so? Geht natürlich nicht. Was statt dessen passiert: Die Elektronik-DJs reißen wieder vermehrt die Höhen auf, um wenigstens ein bisschen hörbare Dynamik reinzubekommen. Ist auch nicht so gut für die Ohren. Daher muss man lernen, mit Dynamik umzugehen, also bewusst laute und leise Parts im Set zu haben, um auf die durchschnittlich 100 db zu kommen. Auch das lernt man im Seminar zur Erlangung des Führerscheins.

Tatsache ist, dass die Gesundheitskosten im Bereich Gehörschäden in den letzten zwei Jahren um satte 80 Prozent gestiegen sind. Da Gehörverlust eine schleichende Erkrankung ist, merkt man oft auch erst jenseits der 40, dass man sich früher offenbar zu viel in der Disco rumgetrieben hat. Experten sagen voraus, dass jeder dritte Jugendliche mit 50 ein Hörgerät haben wird.

Ich bin hin- und hergerissen in meiner Einschätzung des DJ-Führerscheins. Rein gefühlsmäßig halte ich das Ganze für aktionistischen Quatsch, andererseits fällt mir auch keine bessere Lösung ein, um DJs wie Clubbetreiber, die beide ein persönliches Interesse an einer gewissen Lautstärke haben, für 100 db zu begeistern. Und freiwillig 100 als andernfalls per Gesetz 95 db, erscheinen einem da doch als die sinnvollere Lösung.

Gestern war ich, in mentaler Vorbereitung und hinsichtlich medizinischer Indikation bezüglich der anstehenden Entscheidung, beim Ohrenarzt. Der fragte mich nach dem Hörtest allen Ernstes, ob ich schon länger im Straßenbau tätig bin. Die bei mir beeinträchtigten Frequenzbereiche entsprächen genau denen eines Bauarbeiters, der seit Jahren mit dem Presslufthammer rumwerkelt.

Hmpf - zähneknirschend Daumen hoch also für den DJ-Führerschein. Und morgen kauf ich Ohrstöpsel.

Die WM, idiotische Spaßkampagnen und die Gefahren...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über die WM, idiotische Spaßkampagnen und die Gefahren des Zimmervermietens an auswärtige Hools

Die Welt also zu Gast bei Freunden, wie es einem der griffige WM-Slogan nahelegt. Das scheint alle Beteiligten allmählich ein bisschen nervös zu machen. Bekannte von mir haben ihre WG beispielsweise ganz keck bei so ´nem Internetportal zur privaten Zimmervermittlung während der heißesten vier Wochen des Jahres angemeldet. Was auf den ersten Blick unfassbar gastfreundlich wirkt, nährt sich beim näheren Hingucken natürlich auch ein wenig aus der Hoffnung, genau die drei brasilianischen Megababes, die ARD/ZDF aus gutem Grund nimmermüde bei Übertragungen als Zwischenschnitt einsetzen, als Wohngemeinschafts-Gespielinnen zu bekommen.

Was vermutlich genau so wenig aufgeht wie der Plan eines Kumpels aus Köln, der seinerzeit beim Weltjugendtag in Köln "´ne bildhübsche peruanische Christengranate" zu beherbergen gedachte, dann allerdings Tisch und Bad mit drei argentinischen Priesteramtsanwärtern teilen durfte. Was gewiss sehr inspirierend war, ihn allerdings diesmal davon abhielt, das Risiko einzugehen, einen aus Rotterdam angereisten orangefarbenen Wehrmachtshelm oder aus Manchester eingeflogenen Fish&Chips-Odor plus direkt ein paar aufs Maul als Untermieter zu haben.

Dann lieber wieder zurück zum Spaß, denn es hat nicht lange gedauert mit der Antwort auf die Wehrmachtshelme der Holländer. Und da beweist der Deutsche mal wieder Sinn für Humor. Die Aktion heißt ´Wehrmachtshelme sind Käse´ und besteht darin, sich statt eines Helms Käse auf dem Kopf zu setzen. Donnerwetter, das hätte ein Fips Asmussen auch nicht witziger hinbekommen.

Nein, nein - wir sollten lieber zeigen, was für herzliche und vorurteilsfreie Gastgeber wir sind. Die Jungs aus der WG haben auf jeden Fall schon mal eingekauft: 2 Sets Michael-Ballack-Bettwäsche (gibt´s bei Quelle jetzt 22 % reduziert), jeweils ein Set David-Beckham- und Ronaldinho-Bettwäsche, jeweils 6 Stück original DFB-Pilstulpen, Kölsch- und Weizenbiergläser, Kerzen, Badeschaumkugeln und eine Goleo-Kuschelpuppe. Für die sie selbst noch ein Höschen nähen wollen.

Ein kleines Sorgenpüppchen

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über ein kleines Sorgenpüppchen aus Guatemala und wie es dazu kam, dass Markus Putzfrau kündigte. Über Türken und Afrikaner, die sich beschimpfen, über Türsteher, über Kaiseres-Treueherzen, und über einen Weihnachtsmann, der verprügelt wird.

Diese Woche hat meine Putzfrau Frau K. gekündigt. Der Grund: Ich hatte gewagt, ihr als Weihnachtspräsent unter anderem ein Sorgenpüppchen dazulassen. Die stammen aus Guatemala, und wenn man sie nachts unters Kissen legt, kann man im Schlaf eine Sorge auf sie abwälzen. Aberglaube Marke 'voll süß' also, und wenn man ein Püppchen kauft, spendet man damit automatisch an Straßenkinder in Lateinamerika. Was ich nicht wusste: Frau K. ist Mitglied in so 'ner Christensekte und empfand meine lieb gemeinte Geste als Affront. Ihre Zeilen zum Abschied: "Ich bin Christin! Für heidnischen Aberglauben dieser Art hatte ich nie etwas übrig. Es gibt nur ein Wesen, auf das man seine Sorgen wirft: Gott! Diese Lieblosigkeit von ihnen kann ich nicht hinnehmen. Ich werde nicht wiederkommen!" Ich Holzkopf hätte es ahnen können, nachdem sie mir letztes Jahr zu Weihnachten ein Heftchen da ließ, in dem vordergründig die Weihnachtsgeschichte erzählt, hintergründig aber auch gesagt wurde, dass Kondome, Abtreibung und Sex vor der Ehe Todsünden seien. Ich hatte das Pamphlet dann etwas ungeliebt im Regal verramscht und auch da schon beleidigte Zeilen von ihr erhalten.

Das ursprünglich gedachte Weihnachtsgeschenk für meine Freundin fällt auch aus. Sie hatte vor ein paar Wochen schöne Schuhe gesehen. Ich hab sie gleich gekauft und war erleichtert, schon so früh mein wichtigstes und schwierigstes Geschenk zu haben. Bis wir neulich am betreffenden Laden vorbei geschlendert sind und ich mit den Worten "Ich find´ die gar nicht mehr schön..." zurück auf Los geschleudert wurde. Glück im Unglück, wie sich heraus stellen sollte, weil ich danach von einigen Leuten darauf hingewiesen wurde, dass man seiner Freundin - und da kommt erneut Aberglaube ins Spiel - keine Schuhe schenkt, weil man damit provoziert, dass das Mädchen in den neuen Schuhen wegläuft, weg von mir zu einem anderen Mann. Schwitz, ging ja gerade noch mal gut.

Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit: Ein türkischer Mitbürger im 3er BMW schneidet einen Schwarzafrikaner im Golf I. Mitten auf der Kreuzung kommt es durch die geöffneten Seitenfenster zum Wortgefecht. Gefühlte fünf Minuten werden Beleidigungen ausgetauscht. Nach einem ´Scheiß-Neger´ hier und einem ´Drecks-Kanake´ dort, geht es schließlich weiter.

Schnell ein Einschub der Wärme: Wochenende, Panorama-Bar Berlin. Eine Bekannte steuert auf den Türsteher zu, einen Typen, den man in jede Talkshow zum Angst machen setzen könnte - 1,90 groß, überall, auch im Gesicht tätowiert, Piercings all over the place, lange Haare, Lederklamotten, ultragrimmiges Geschau. Sie stolpert, verliert ihre Handtasche, der Inhalt verteilt sich vor ihm auf dem Boden. Er: "Was?! Du sammelst Kaisers-Treueherzen?! Gib mir fünf, und du kommst umsonst rein!"

In der U-Bahn hat ein Weihnachtsmann zwei Typen angesprochen: "Na Jungs, was wünscht ihr euch denn vom Nikolaus?" Sie haben ihm direkt ein paar aufs Maul gehauen.

Und ich: Habe das erste Mal seit meinem Auszug aus dem Elternhaus einen eigenen Christbaum. Plätzchen gebacken wurden auch. Ich mag Weihnachten.

Für alles andere hab ich jetzt ja noch ein Sorgenpüppchen übrig.

Stanley Williams ist tot

Markus Kavka über die über die abstruse Begründung Schwarzeneggers und die Reichweite seiner Entscheidung.

Das Szenario hätte zynischer kaum sein können. Das Schicksal eines Mannes in den Händen eines anderen, dessen Berühmtheit, Wohlstand und politische Karriere sich darauf gründen, dass er als ‚Terminator’ reihenweise Menschen erschoss. Aber das war ja nur ein Film, und so konnte Arnold Schwarzenegger in seiner Eigenschaft als Gouverneur Kaliforniens und damit als oberster Hüter der Moral und Rechtssprechung heute Nacht guten Gewissens das Gnadengesuch von Stanley ‚Tookie’ Williams ablehnen und die Exekution durchführen lassen. Hasta la vista, Tookie!

Schwarzenegger musste sich dem öffentlichen Druck beugen. Noch immer befürworten in Kalifornien über zwei Drittel der Bevölkerung die Todesstrafe, die letzte Begnadigung eines Todeskandidaten dort ist 38 Jahre her. Schwarzenegger ist politisch angeschlagen, und wenn er 2006 die Wahl gewinnen will, muss er Mehrheiten bringende Entscheidungen treffen, auch wenn es wie in diesem Fall gegen den Willen seiner Familie und gegen den seiner Schauspielerfreunde ist, die sich bis zuletzt für Tookie eingesetzt hatten. Das ist wohl auch das Perverse an Schwarzeneggers Entscheidung - das es mal wieder nur um Macht geht.

Hanebüchen ist in diesem Zusammenhang auch die Begründung des Terminators für die Ablehnung der Begnadigung: Solange Williams sich nicht für die Morde entschuldige, könne es keine Gnade geben. Williams bestritt bis zuletzt, für die vier ihm zur Last gelegten Morde verantwortlich zu sein. Darüber hinaus gibt es Anzeichen, dass seine Verurteilung sich auf die Falschaussage eines Mithäftlings gründete, dem dadurch Haftverminderung in Aussicht gestellt worden war. Und ist es darüber hinaus nicht höchster Ausdruck von Reue, wenn ein Mensch sich im Gefängnis für alle sichtbar vom skrupellosen Gangmitglied zu einem Menschen wandelt, der der Gesellschaft nützt?

In den USA ist jetzt erneut eine heftige Debatte um die Todesstrafe entbrannt, und es wäre fatal, wenn diese Debatte genau so schnell wieder verflachen würde wie das mediale Interesse am Fall Tookie Williams. Denn nicht jeder Todeskandidat hat so viele prominente Fürsprecher. Als am 2. Dezember die tausendste Hinrichtung seit Wiedereinführung der Todesstrafe vollstreckt wurde, meldete sich der örtliche Bischof zu Wort, vor dem Gefängnis demonstrierten die üblichen hundert Leute. Sonst geschah - wie bei fast allen anderen Hinrichtungen - nichts. Warum ist das so? Weil es in den USA akzeptiert wird, dass man schon mal Opfer eines Justizirrtums werden kann oder dass man keine Chance bekommt, seine Taten ernsthaft zu bereuen?

Als im Januar 2003 George Ryan seine Amtszeit als Gouverneur von Illinois damit beendete, dass er in einer spektakulären Aktion das Todesurteil aller 167 zur Hinrichtung bestimmten Kandidaten in eine lebenslange Haftstrafe umwandelte, flackerte sogar in den USA kurz der Gedanke auf, dass die bisherige Praxis der Höchststrafe tatsächlich unvereinbar mit den Prinzipien eines Rechtsstaats ist.

Schwarzenegger hat mit seiner Entscheidung diesen Gedanken wieder zurück in die Steinzeit katapultiert. Den Schuh muss er sich anziehen.

Stanley "Tookie" Williams...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Stanley "Tookie" Williams und den pädagogischen Nutzen der Todesstrafe.

Britney Spears hat in ihrem noch jungen Leben schon viele sehr dumme Dinge gesagt. Unerreicht in Sachen geistiger Tiefflug ist allerdings nach wie vor ihr Statement zum Thema Todesstrafe: "Ich bin absolut dafür. Dann lernen die Täter wenigstens fürs nächste Mal was." Und nein, Britney Spears ist keine überzeugte Buddhistin.

So ganz nach dem Gusto der Spears dürften in diesen Tagen die Vorgänge um den Todeskandidaten Stanley "Tookie" Williams sein. Den Mitbegründer der berüchtigten kalifornischen Straßengang ´Crips´ und vierfachen Mörder erwartet am 13. Dezember die Giftspritze. Mehrere Gnadengesuche wurden abgelehnt. Jetzt gibt´s gemäß amerikanischer Rechtssprechung nur noch eine Möglichkeit: Eine Begnadigung des zuständigen Gouverneurs - und das ist in Kalifornien Arnold Schwarzenegger. Um ihn zu erweichen, haben sich nun auch prominente Fürsprecher Tookies zu Wort gemeldet, allen voran Snoop Dogg. Der war früher selbst Mitglied der Crips und preist den zum Tode verurteilten als den Menschen, der ihn auf den richtigen Weg gebracht hat: "Er hat mich dazu inspiriert, etwas Gutes in meinem Leben zu tun. Das habe ich nicht von der Straße gelernt. Nicht von meinem Vater oder einem Onkel, sondern von Stanley Tookie Williams, einem Bruder aus der Todeszelle." Der Hintergrund: Im Gefängnis wandelte sich Williams zu einem bekannten Kinderbuchautor und Prediger, der die Jugendlichen vom Weg in die Gewalt und Kriminalität abbringen will. In den vergangenen Jahren wurde er mehrfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Tatsache ist, dass eine Hinrichtung die Hoffnungen vieler Jugendlicher zerstören würde.

Wenig überraschend ist, dass die Causa Williams in politischer Hinsicht eklige Züge im "land of the free" annimmt. Schwarzenegger schielt als Republikaner natürlich auf Stimmen aus der afroamerikanischen Bevölkerung, da käme ihm also eine derart in den Medien ausgebreitete Geschichte sehr zupass. Andererseits befürchtet er, von den konservativen weißen Wählern abgestraft zu werden. Auch die Vereinigung der kalifornischen Staatsanwalte drängt ihn dazu, dem Gesuch nicht nachzugeben. In seiner Amtszeit hielt der Terminator bei Gnadengesuchen bereits zweimal den Daumen nach unten. Dazu kommt, dass in Kalifornien seit 1967 generell kein einziger Todeskandidat begnadigt wurde. Bei Tookies Antrag geht es einzig und allein darum, die Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umzuwandeln. Um Leben zu retten.

So wie´s aussieht, wird sich die größte Industrienation der Erde auch in diesem Fall mal wieder ihr kleines Stückchen Dritte Welt gönnen. Auge um Auge, Zahn und Zahn. Und so lange es dort Menschen wie Britney Spears gibt, steht ja auch der pädagogische Nutzen der Todesstrafe außer Frage.

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Religion und was sie mit Fußball zu tun hat

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Religion und was sie mit Fußball zu tun hat

Bruder Paulus, der so genannte "Medienmönch", hat in diesen Tagen mal wieder ein Buch veröffentlicht. Titel: "Play & Pray". Das Werk versteht sich als Gebetbuch zur WM 2006, und so haben außer einigen katholischen wie evangelischen Glaubensbrüdern sowie etlichen Amateurkickern z.B. auch Kevin Kuranyi und Bastian Schweinsteiger - beide sind bekanntermaßen gläubige Katholiken - ein Gebetchen beigesteuert. Im internationalen Fußball ist es ja auch längst ein allseits bekanntes Bild, wenn vor allem Spieler südamerikanischer Herkunft sich beim Torjubel das Trikot über den Kopf ziehen und darunter ein "Jesus Loves You"-T-Shirt freilegen.

Das alles erinnert mich ein bisschen an meine Jugend, in der ich mit Leib und Seele Ministrant und gleichzeitig Fußballer war - was auf dem Land in Bayern ja auch gut Hand in Hand gehen kann. Immer, bevor unsere Ministrantenmannschaft ein Spiel hatte, kam Kaplan Rainer mit einem Kübel Weihwasser an den Spielfeldrand, und dann gab es für die Christenkicker erst mal eine Ladung Heiligkeit in die Fresse. Kann ja nie schaden. Und so war ich zwischen Kirchenschiff und Umkleidekabine mit mir im Reinen, wählte schließlich noch Religion als mündliches Abifach und wenn’s nach meiner Mutter gegangen wäre, hätte ich auch noch Theologie studiert und wäre Priester oder Religionslehrer geworden. Aber kaum war ich aus dem behüteten Dorf raus, suchten mich großstädtische Ablenkungen aller Art heim. Irgendwann in dieser Zeit muss auch Gott für mich verloren gegangen sein. Zuerst waren es nur Vorbehalte gegenüber der Katholischen Kirche als Institution, später fand ich dann einige Sachen richtig doof, die der Papst so von sich gab, schließlich kam mir auch der Glaube an sich abhanden, und zwar so gänzlich. Daran hat sich bis heute nichts geändert, außer dass ich mich zunehmend für andere Religionen, vor allem Buddhismus interessiere, ohne aber jetzt behaupten zu können, da auch nur annähernd eine neue spirituelle Heimat gefunden zu haben. Der "Wir sind Papst"-Hype, die Weltjugendtagsparty in Köln, das Benedikt-XVI-Poster in der "Bravo" - das alles ging mir ziemlich am Arsch vorbei.

Schade. Irgendwie hatte die Präsenz von Gott bzw. Spiritualität in meinem Leben stets etwas tröstliches. Etwas, das mir die Angst vor Verlust und Tod weitestgehend nahm und mich jeden Tag wie ein Geschenk betrachten ließ. Jetzt fühlt sich alles so an, als würde ich mir die Tage kaufen, wofür ich natürlich auch einen Gegenwert erwarte, aber auch akzeptiere, dass es vorbei ist, wenn ich mir das Ganze nicht mehr leisten kann. Fußball ist immer noch sehr gegenwärtig in meinem Leben, erst gestern wurde wieder Champions-League geglotzt. Da hat auch Benfica Lissabon gespielt, und mir ist wieder eingefallen, dass ich, als ich vor drei Wochen bei den MTV Awards in Lissabon war, in einer Kirche ein Kerzlein für meine Eltern anzündete. So wie ich das immer mache, wenn ich auf Reisen bin.

Kann mir das jetzt jemand mal erklären?

Das Berliner Liebesbiotop MTV...

Ich bin ja auch Angestellter eines amerikanischen Großkonzerns. Als solcher bin ich sehr dankbar, dass hier bei MTV so viel Liebe in der Luft sein darf. Bei Wal-Mart gibt es diesbezüglich nun ebenfalls keine Probleme mehr.

Das Düsseldorfer Landesarbeitsgericht hatte nach einer Klage des Wal-Mart-Betriebsrats diese Woche entschieden, dass die Anfang des Jahres erlassene Ethikrichtlinie gegen das Grundgesetz verstößt. In dem Papier hieß es unter anderem, Mitarbeiter dürften "nicht mit jemanden ausgehen oder in eine Liebesbeziehung mit jemanden treten, wenn sie Arbeitsbedingungen dieser Person beeinflussen können". In den Richtlinien waren auch "lüsterne Blicke, zweideutige Witze und sexuell deutbare Kommunikation jeder Art" untersagt. Außerdem sollte es eine Hotline des "Ethik-Büros" geben, über die Mitarbeiter Kollegen nennen sollten, die gegen Vorschriften verstoßen - auch anonym.

Ich guck jetzt grad mal so rum in unserem Großraumbüro und stelle fest, dass wir vermutlich den Sendebetrieb einstellen müssten, wenn es hier so ein Papierchen gäbe.
Nicht, dass man mich falsch versteht, MTV ist sicherlich kein Synonym für Sodom und Gomorrha, aber es ist nun mal so, dass hier gut 300 Leute zwischen 20 und 40 Jahren arbeiten, darunter nicht wenige Singles. Und so hat sich in diesen Räumlichkeiten ein gut funktionierendes Zwischenmenschlichkeitsbiotop entwickelt, das in den seltensten Fällen zu Problemen, in den meisten Fällen aber zu viel Spaß führt. Viele meiner Kollegen sind aus fremden Städten des Jobs wegen nach Berlin gezogen. Zwischen 9 und 10 Uhr morgens schlurfen sie aus Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Mitte hier her, sind dann zehn Stunden kreativ und gehen zwischen 7 und 8 abends wieder nach hause. Und weil die alten Freunde immer noch in Münster, München, Frankfurt, Magdeburg oder Köln wohnen, ist der Tag nach zwei, drei alkoholischen Getränken und ´ner Bestellpizza vor der Glotze meistens gelaufen.

Wenn da nicht all die lüsternen Blicke, zweideutigen Witze und sexuell deutbaren Kommunikationen (gerne per Mail) tagsüber gewesen wären, die nach einer Phase des Sondierens dann doch einmal dazu führen, dass man abends oder am Wochenende "mal einen trinken geht": Wo, wie und wann sollte man dann außerhalb dieses Mikrokosmos sonst jemanden kennen lernen, zumal, wenn man neu in der Stadt ist?

Stellenweise nimmt das Ganze aber auch groteske Züge an. Man "hat hier was miteinander", wenn Junge und Mädchen morgens zusammen zur Tür herein kommen (kann ja wohl kein Zufall sein...). Noch schlimmer: Zusammen in einem Auto kommen (kann ja wohl keine Fahrgemeinschaft sein...) oder in der Stadt gesehen werden (das war sooo klar...). Klar ist aber: Offizielle Paare kann man hier im Hause an einer Hand abzählen, die Dunkelziffer - wenn man Affären, Knutschen und anderen Kram mitrechnet - dürfte erheblich höher liegen.

Nächstes Jahr soll das MTV-Gebäude wegen zunehmenden Platzmangels ausgebaut werden. Wie man hört, wird´s dann auch eine integrierte Kita geben.

Weil: Ist so in modernen Betrieben.

Kreuzberg, seine Einwohner und Toleranz gegenüber Yuppies

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Kreuzberg, seine Einwohner und Toleranz gegenüber Yuppies

Ich wohne in Berlin-Kreuzberg. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, sehe ich nun seit einigen Wochen emsige Bauarbeiter, die mit schwerem Gerät irgendwas Großes am äußeren Ende des Gebäudekomplexes zusammen klopfen. Das muss es sein - das berüchtigte "Carloft-Projekt".
Vor etwa einem halben Jahr pappten bei mir im Flur sowie an nahezu jedem Laternenmast in der Nachbarschaft hysterische Flugblätter. Ungefährer Tenor: "Kreuzberg darf nicht verschandelt werden! Wir wollen keine Yuppies hier!" Das machte mich neugierig (ich sag jetzt nicht wieso), und so kam ich meiner Bürgerpflicht nach und besuchte eine Informationsveranstaltung zum Thema.

Dort stellte sich folgendes heraus: Die Wohnbaugesellschaft, der auch das Haus gehört, in dem ich wohne und deren Chef übrigens mit Nachnamen so ähnlich heißt wie ich, nämlich Kauka, plant Teile einer stillgelegten Fabrik in sogenannte Carlofts umzubauen. Die Idee dahinter: Mittels eines Lifts werden die Autos der jeweiligen Besitzer genau vor der Wohnungstür geparkt.
Und weil die Wohneinheiten auch noch einen eigenen Garten haben und zwischen 150 und 530 qm groß sind, soll das Ganze sich dann anfühlen, als hätte man ein Einfamilienhaus mitten in bzw. über den Dächern von Kreuzberg 36. Der Spaß kostet dann zwischen 450.000 und 1.3 Mio. Euro, selbstverständlich mit "gehobener, individueller Ausstattung".

Auf den ersten Blick befand sich auf der Bürgerversammlung kein ernsthafter Interessent. Und so nahmen die etwa 50 Anwesenden murrend und kopfschüttelnd die Präsentation der Investoren zur Kenntnis, bis dann plötzlich ein Mittvierziger mit Pferdeschwanz und Vollbart aufstand und das Wort ergriff: "Hören sie, wir wollen hier keine Yuppie-Spitzenverdiener, die sich ihre Porsche und Mercedes mit dem Aufzug in den vierten Stock karren lassen! So etwas gehört nicht nach Kreuzberg! Die Dinger werden sie hier nie los!" Beifall und Jawoll-Genau-Rufe im Auditorium.


Mitten hinein in die allgemeine Dem-haben-wir-es-aber-gegeben-Euphorie platzte dann aber folgende Wortmeldung, abgegeben von einem großen, blonden Mann in Jeans und T-Shirt und mit holländischem Akzent: "Mich enttäuscht sehr, was ich hier höre. Ich bin kein Yuppie, ich fahre auch keinen Porsche, sondern einen alten Peugeot, aber ich interessiere mich trotzdem für die Wohnungen, weil ich gerne nach Kreuzberg ziehen möchte. Und zwar deswegen, weil ich dachte, dass dieser Stadtteil wie kein anderer in Berlin für Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber allen Menschen steht, egal woher sie kommen, wie sie aussehen und was sie machen. Statt dessen spüre ich hier eine kleinbürgerliche und intolerante Stimmung, wie ich sie selten zuvor erlebt habe!"


Oha. Atemlose Stille im Saal, mindestens 30 Sekunden, aber gefühlte zehn Minuten. Dann plötzlich ein einsames, schüchternes Klatschen, das sich dann überraschend schnell zum Beifallsorkan ausweitete. Die Kreuzberger - gepackt bei ihrer Ehre. Das konnten sie so nicht auf sich sitzen lassen. Beim Rausgehen murmelte der Pferdeschwanz-Typ dann noch: "Hm, eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man am 1. Mai seine Karre nicht mehr ins Parkhaus am Alex fahren muss."

Die Carlofts sind übrigens inzwischen alle schon verkauft. Ich bin gespannt auf meine neuen Nachbarn.

Madonnas Harmoniebedürfnis, Shaggys Libido und die Relevanz all dessen

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Madonnas Harmoniebedürfnis, Shaggys Libido und die Relevanz all dessen.

Freitag, 13 Uhr, 14 Stunden nach dem Ende der MTV Europe Music Awards. Ich sitze gerade in einem Internetcafé in Lissabons Altstadt. Neben mir hacken portugiesische Studenten und amerikanische Touristen Zeugs in die Computer. In der Stadt ist es merklich ruhiger als gestern und vorgestern. Da konnte man in dieser Ecke noch alle hundert Meter Kollegen, Medienpartner und Fans aus Deutschland abklatschen. Jetzt sind sie alle weg, auch unser Produktionsbüro ist in Kisten verpackt auf dem Heimflug, mit ihm von der Aftershow-Party zerstörte MTV-Mitarbeiter, dazu ebenfalls in der Maschine nach Berlin diverse Bands. Tokio Hotel zum Beispiel, die in etwa zeitgleich mit mir gestern Nacht gegen halb eins im Hotel aufschlugen, also nix Aftershowparty und entgegen ihrer Ankündigungen auch ohne Mädchen im Schlepptau. Tokio Hotel kennt in Portugal keiner, deswegen hängen hier nicht 1000 kreischende Girlies an ihren Fersen, sondern, wenn überhaupt, Drogendealer. Das waren nämlich die einzigen, von denen sie hier angesprochen wurden.

Ganz im Gegensatz zu Madonna, die deswegen auch 60 Bodyguards mit dabei hatte und sich, zwecks kuscheliger Atmosphäre, auch gleich fast ein komplettes Hotel mit 160 Zimmern gemietet hatte. Gut, dass sie nicht in dem von Green Day, Coldplay und den Foo Fighters war. Die Herren Rocker haben nämlich am Abend vor den Awards noch bis 5 Uhr morgens Party gemacht. Als Tre Cool von Green Day dann in einem Papstkostüm auftauchte und Chris Martin Dave Grohl küsste, sah sich Robbie Williams´ Manager mittels Beschwerde an der Rezeption gezwungen, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Nur Shaggy (kennt den noch jemand?) will nicht gehen, irgendwie muss er "heute nacht noch ein Rohr verlegen" (Überraschung!). Bei den von Borat, dem Host des Abends, liebevoll als "weltbekannte singende Nutten" betitelten Pussycat Dolls war er vorher abgeblitzt. In seiner Verzweiflung war er am Nachmittag in ihre Backstage-Garderobe eingedrungen, hatte notgeil rumgehoolt und verschwand dann mit einer Strumpfhose der Ladies. Fies.

Das, was ich hier schreibe, sind übrigens die Geschichten, die ich ab heute Morgen 7 Uhr im Viertelstundentakt diversen deutschen Radiosendern erzählte. Die wollen ja dann immer in ihren lustigen Morning-Shows Backstage-Gossip und Skandale aus erster Hand. Wie jedes Jahr ist aber auch in diesem so gut wie nichts passiert (s.o.). Gerade hat mich auch der Typ links neben mir angesprochen. "Aren´t you the German MTV guy?!" Joah... "So tell me some interesting gossip from yesterday!" Zurückspulen. Start. "Oh, that´s all?!" Ja, das ist alles. Danke fürs Lesen.

Die Mini-Playback-Horror- Freakshow...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über die Mini-Playback-Horror-Freakshow der Prussian Blue-Zwillinge in den USA und deren Mutter, die Kekse in Hakenkreuz-Form in Schulen verteilt.

Hierzulande hat sich unter Nazis längst auf besorgniserregende Weise die Denke durchgesetzt, dass mit glatzköpfigen, Bomberjacken und Springerstiefel tragenden, tätowierten, aggressiven Vollidioten kein Staat mehr zu machen ist. Da steht das "stumpf" schon viel zu groß auf der Stirn. Daher versucht man zunehmend, anders an potenzielle Opfer ranzukommen - mit auf Schulhöfen verteilten CDs, auf denen sich vermeintlich gefällige HipHop-, Pop- und Rockmusik befindet und die erst beim zweiten Hinhören braunes Gedankengut zu Tage fördern.

In den USA, dem ´land of the free´, geht man das Ganze strategisch ähnlich, wenngleich auch um einiges weniger subtil an. Heute erreichte mich eine Mail aus dem Nazi-Frühwarn-Netz, in der davon die Rede war, dass an der Junior High School in Bakersfield, Kalifornien, ein Konzert der Band ´Prussian Blue´ aus Sicherheitsgründen gecancelt werden musste. Prussian Blue, das sind die 13jährigen Zwillingsmädchen Lamb und Lynx Gaede, die seit einiger Zeit ihren MitschülerInnen das Liedlein von der weißen Herrenrasse säuseln. Offenbar auf ganz putzige Art und Weise und auch nicht gerade zum Missfallen der Lehrer, wie Lynx´ Nominierung zur ´7th Grade Princess´ und Lambs Gewinn des Schul-´History´-Awards im letzten Jahr verdeutlichen. Da stehen sie dann also, optisch eine Mutanten-Ausgabe der Olsen-Zwillinge, mit langen blonden Haaren, Zahnspangen und Hitler-Smiley-T-Shirts und singen schief und nahezu unbehelligt davon, was für nette Männer der Führer und Rudolf Hess doch waren. Dieses Mal fanden sich gottlob ein paar Protestler, die dieses Indoktrinieren der Mitschüler verhindern konnten. Doch viel zu oft scheint sich niemand darum zu scheren.

Man weiß, woher´s kommt: Die Mama, April Gaede, ist ein ehemaliges NA-Mitglied (National Alliance, größte White-Supremacists-Organisation), der Papa, der die Familie nach der Scheidung 1996 verließ, trug Hakenkreuz-Gürtelschnallen und brandmarkte, wie schon der Opa, seine Rinder mit eben diesem Symbol. Niederträchtig und feige schickt nun also April Gaede ihre rüschenberockten Kinderchen vor, um "die Sache" anzukurbeln. Momentan werkeln die braunen Britneys an ihrem zweiten Album sowie einem Musikvideo und treten bei Veranstaltungen von Holocaust-Leugnern auf, Mama verteilt unterdessen im ´Stop Immigration´-T-Shirt an Schulen Flugblätter, CDs und Kekse in Hakenkreuz-Form und sammelt Geld für die Opfer des Hurrikans ´Katrina´, das allerdings nur an Betroffene weißer Hautfarbe ausgezahlt wurde.

Allein die Fakten dieser Geschichte lassen einen das Ganze eigentlich für einen ultraschlechten Scherz halten. Leider ist es keiner. Immerhin hat man inzwischen offenbar erwirkt, dass die Gaede-Zwillinge die Highschool verlassen haben müssen, um fortan daheim unterrichtet zu werden. Allerdings von Mama. Hoffentlich findet diese Mini-Playback-Horror-Freakshow bald ein Ende - nur wie? Ich halte euch auf dem laufenden.

Gemeinsamkeiten mit Angela Merkel...

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über seine Gemeinsamkeiten mit Angela Merkel, ihre Wahlkampfhymne und die Traurigkeit in ihren Augen.

Die CDU wollte ja ursprünglich ´Angie´ von den Rolling Stones als Wahlkampfhymne nutzen. Wenn ich mal kurz aus dem Text zitieren darf: "Angie, Angie, when will those clouds all disappear? Angie, Angie, where will it lead us from here? With no loving in our souls and no money in our coats, you can't say we're satisfied." Verblüffend - wie auf den Leib geschrieben, auch wenn die CDU-Strategen den Song offenbar nie richtig gehört haben.

Ich hab sie ja nicht gewählt. Zugegeben, dieses Land hat Probleme. Aber muss deswegen die Kanzlerschaft auch eins sein? Schon jetzt spricht man davon, dass Angie durch ihr Kabinett "eingemauert" ist. Um sie herum nur verschlagene Schergen, die mit gewetztem Dolch im Gewande nach ihrem Amt und Leben trachten. Was ich nachvollziehen kann, wenn jemand so wenig Autorität und Optimismus versprüht. Im Prinzip hab ich noch gar nicht mal was gegen die große Koalition. Nützt ja auch nix. Und wie sagte Angie bei ihrer ersten Pressekonferenz als designierte Kanzlerin: "Diese große Koalition muss gewollt werden." Okay - klar ist aber auch: Sie will keiner. Ganz nach dem Motto: Buy two, get one free. Weil: Ist eh wertlos. Ich kann sie noch nicht mal reden hören. In jedem dritten Satz taucht ihre Lieblingsfloskel "Ich muss es ganz ehrlich sagen" auf. Yeah, danke fürs nicht Lügen. Dazu ihr Tonfall und ihre Stimmlage. Das leiert so entsetzlich. Als hätte man einem Knetgummifigürchen sprechen beigebracht. Dazu zieht sie ständig ne Fresse, und wenn sie doch mal lächelt, sieht das aus, als hätte man ihr die Mundwinkel mal eben noch oben getackert. Aber so richtig halten tut das auch nicht. Was, ja bitte, WAS qualifiziert Angela Merkel für das Amt der Bundeskanzlerin? Münte, qualifiziert als Vizekanzler, bringt´s auf den Punkt: "Sie ist Vorsitzende der CDU." Punkt.

Ich war ja auch schwer geschockt, als ich erfahren musste, dass Angie und ich zwei Vorlieben teilen. Zum einen jene fürs ´Chez Maurice´, so eine kleine, rustikale Brasserie in Prenzlauer Berg (hab sie allerdings noch nie da gesehen) - zum anderen jene, zum Ausklang des Sonntags erst ´Tatort´ und dann ´Christiansen´ zu gucken. Habt ihr auch was mit ihr gemein? Schuhgröße 38, Konfektionsgröße 42-44+, Lieblingsdesigner Escada, ´ne Niete im Sport sein, gerne Kirchenlieder singen? Uff, unsere Kanzlerin, eine echte Granate. Aber ich merke schon, auf Angel Merkel draufzuhauen ist ungefähr so spannend wie Michael-Jackson-Bashing. Aber vielleicht ist das die wirkliche Tragödie: Mitleid gepaart mit keinem Respekt. Und wie heißt´s da noch im Text von ´Angie´: "I hate that sadness in your eyes".

Deutschland, die Einheit und warum die Angela den Gerhard heiraten sollte

Markus Kavka putzt sich und denkt nach. Heute: Über Deutschland, die Einheit und warum die Angela den Gerhard heiraten sollte

Nachdem mir ja nun schon seit einer kleinen Weile gesagt wird, dass ich Deutschland bin, hab ich mich am vergangenen Wochenende nicht lumpen lassen und war mal so richtig und gesamt Deutschland - was mir aber erst heute aufgefallen ist. Los ging´s am Freitag in Leipzig. Zum Platten auflegen. Übernachtet hab ich danach mit meiner Freundin, die in Ostberlin aufgewachsen ist, bei ihrem Papa, der aus Thüringen stammt. Samstag abend sind wir drei ins Leipziger Kabarett ´Die Akademixer´. Ich war das erste Mal in meinem Leben im Kabarett, das Programm hieß "Kaffee Sachsen". Darin wurden recht launig und selbstironisch die Eigenarten dieses Menschenschlags aufs Korn genommen. Zurück in Berlin war am Sonntag abend, während am Brandenburger Tor die Einheits-Party tobte, Bowling angesagt. Mit dabei die in Dresden aufgewachsene Mutter meiner Freundin. Danach ab ins Kino, "NVA" gucken. Der übrigens eher so mittel ist. Ein paar ausgeleierte Armee-Gags, eine lau erzählte Liebesgeschichte, die Quoten-Querulanten-Gehirnwäsche und die Erkenntnis, dass Leander Haußmann im Leben nicht auf die Idee gekommen wäre, einen Film mit dem Titel "Bundeswehr" zu machen, obwohl´s das Gleiche in grün gewesen wäre. Nur halt mit Mischwald- anstatt Nadelwaldtarnklamotten, wie ich gelernt habe. Zum Einschlummern wurde dann daheim, in Kreuzberg, noch fern gesehen, erst die Nachwahlen in Dresden, danach die Langzeitchronik "Eigentlich wollte ich Förster werden" auf Phoenix. Darin wurde das Leben einer Familie aus Schwedt in Brandenburg von 1961 bis 2001 portraitiert.


Das voll normale Wochenende eigentlich. Und doch war ich danach merkwürdig gerührt und hatte sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich´s vor 15 Jahren komisch fand, wenn Menschen meinen Vornamen ´Mörrgüss´ aussprachen, unhippere Klamotten als ich trugen und stinkende Zweitakt-Karton-Autos fuhren. Heute macht mir das alles nichts mehr aus - ganz im Gegenteil. Ist wie in einer Beziehung. Erst findet man Sachen ein bisschen merkwürdig, aber schon bald sind es gerade die kleinen Marotten, die den anderen liebenswert machen.

Ich frage mich auch gerade, ob es Zufall ist, dass das Ringen ums Kanzleramt nicht nur eines von CDU gegen SPD oder Frau gegen Mann, sondern unterschwellig auch eins von Ost gegen West ist. Fände ich echt übertrieben, wenn´s so wär. Hab da eine Idee: Angela Merkel und Gerhard sollten heiraten. Ich glaub sowieso, dass die Angie den Gerd ziemlich scharf findet. Das merkt man ganz deutlich, wenn die beiden in einem Raum sind. Weil: Was sich liebt, das neckt sich. Und wenn die beiden dann als Kanzlerehepaar regieren, sollten sie ein Gesetz verabschieden, wonach nur noch Ost-West-Ehen geschlossen werden dürfen. Würde ich unterstützen. Aus Überzeugung. Spätestens seit dem vergangenen Wochenende.

Info

Alle Zuender-Kolumnen zwischen 2005 und 2008 zum Nachlesen. Die Kolumnen wurden für das Online-Portal Zuender geschrieben, Ausgewählte Kolumnen wurden auch in Buchfom veröffentlicht. Infos zu den Büchern weiter unten.

Bücher

Markus Kavka - Elektrische Zahnbürsten

Im Februar 2007 erschien die Sammlung der Kolumnen im Berliner Taschenbuch Verlag.

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Markus Kavka - Hamma wieder was Gelernt

Im August 2008 erschien die zweite Sammlung der Kolumnen im Rowohlt Taschenbuch Verlag.

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